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White House Down

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kritiken.de Redaktion 05.09.2013
White House Down© Sony Pictures Releasing GmbH
A ca. 1625 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

White House Down als postfaktische Katastropheninszenierung - Populismus, Sicherheit und Heldenmythos im Blockbuster

Einleitung

White House Down tritt als Spiegelbild eines frühen Jahrzehnts in Erscheinung, in dem die Angst vor innerstaatlicher Gewalt und die Faszination für spektakuläre Rettungsakte sich wechselseitig befeuerten. Der Film, der im Spätsommer 2013 in die Kinos kam, verhandelt nicht nur die physische Verwundbarkeit eines nationalen Symbols, sondern auch die mediale Konstruktion von Führung und Schutz. In dieser Hinsicht wirkt er weniger wie ein reiner Actionfilm denn wie eine kulturpolitische Momentaufnahme, die gängige Narrative über Sicherheit und Souveränität kondensiert.

Regisseur Roland Emmerich, bekannt für die großflächigen Zerstörungsvisionen von Independence Day und The Day After Tomorrow, nähert sich dem Sujet mit der gebrochenen Logik des Katastrophenkinos: Große Gesten sollen Vertrauen stiften und zugleich dessen Illusion offenlegen. White House Down verknüpft die Mechanik des Spektakels mit einem persönlichen Rettungsmythos, in dessen Zentrum ein unspektakulärer Held steht, der sich gegen die Instrumentalisierung politischer Gewalt behauptet.

Die Veröffentlichung fiel in eine Zeit, in der Hollywood das Innere der amerikanischen Machtarchitektur als Bühne entdeckte - ein Motiv, das parallel in anderen Filmen variiert wurde. Diese Koinzidenz verweist auf einen Zeitgeist, in dem die Grenze zwischen außen- und innenpolitischer Bedrohung zu verschwimmen begann, und macht White House Down relevant als Beispiel jener Filme, die nationale Verwundbarkeit mit markentauglicher Erzählkraft verbinden.

Kurzüberblick zur Produktion

White House Down stammt aus der Werkstatt Roland Emmerichs, dessen Handschrift sich durch die Betonung massiver visueller Setpieces und einer zugänglichen, oft pathetischen Form der Narration auszeichnet. Die Produktion war ein groß angelegtes Studioprojekt mit einem geschätzten Budget von rund 150 Millionen US-Dollar, das die typischen Mechanismen des Blockbusterkinos nutzte: prominente Stars, aufwendige Kulissen und einen Fokus auf sequenzielle Eskalation statt subtiler Dramaturgie.

Bemerkenswert ist die enge zeitliche Nähe zu einem anderen Film mit einem ähnlich spektakulären Plot, was die industrielle Dimension der Erzählung unterstreicht - Hollywood reagierte hier programmatisch auf Nachfrage nach innenpolitischer Explosivität. Emmerichs Ansatz unterscheidet sich insofern von seinen katastrophischen Vorgängern, als dass er die globale Ausdehnung seiner früheren Filme zugunsten eines konzentrierten Schauplatzes aufgibt. Das Weiße Haus fungiert als Mikrocosmos für größere Fragen über Repräsentation und Sicherheitslogik.

Innerhalb von Emmerichs Gesamtwerk markiert White House Down eine Variation seines Themas der fragilen Ordnung: Die Zerstörung ist weniger kosmisch als institutionell, weniger meteorologisch als gesellschaftlich gelenkt. Die Produktion nutzt die Gewissheiten des Mainstreamkinos, um einen lokalisierten, doch symbolisch hoch aufgeladenen Konflikt zu inszenieren.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Channing Tatum steht für den archetypischen Everyman des modernen Actionkinos: physisch präsent, charismatisch in seiner Bodenständigkeit und als Identifikationsfigur für ein Publikum angelegt, das heldische Gesten mit persönlicher Verantwortung verknüpft. In White House Down verkörpert er John Cale, einen ehemaligen Soldaten, der sich in der Zivilgesellschaft als Beschützer wiederfinden muss.

Jamie Foxx nimmt die Rolle des Präsidenten James Sawyer ein und bringt damit die notwendige politische Präsenz und mediale Aura in den Film. Seine Darstellung zielt weniger auf staatsmännische Distanz als auf die menschliche Seite einer Amtsperson, die in einer Extremsituation gefragt ist, über Symbolkraft und persönliche Integrität zu verfügen.

Maggie Gyllenhaal fungiert als eine gewichtige Figur im inneren Zirkel des Präsidenten und repräsentiert jene professionellen Instanzen, an die öffentliche Führung delegiert wird. Jason Clarke übernimmt die Rolle der antagonistischen Kraft, die die Handlung inszeniert und die institutionelle Ordnung herausfordert. Richard Jenkins und James Woods treten als Repräsentanten älterer politischer Strukturen auf, während Joey King als die Tochter des Protagonisten den familiären Ton des Films setzt und die persönliche Dimension der Bedrohung verstärkt. Nicolas Wright bleibt in einer Nebenrolle ein Teil des Maschineriegefüges, das die Handlung vorantreibt.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Geschichte lässt einen einzelgängerischen Beschützer in ein zerstörerisches Szenario eintreten: John Cale versucht, beruflich Fuß zu fassen und zugleich sein Vatersein zu inszenieren, als das Weiße Haus von einer gut organisierten militärischen Einheit angegriffen wird. Aus der Zäsur entsteht ein Wettlauf zwischen dem Versuch, die Institution zu bewahren, und dem privaten Auftrag, ein Kind und einen Präsidenten zu retten.

Im Zentrum steht der dramatische Konflikt zwischen individueller Tatkraft und systemischer Gewalt. Die Figuren sind klar positioniert: Der Protagonist als handlungsgetriebener Mensch, die Präsidentenfigur als symbolischer Kern staatlicher Legitimität und die Angreifer als Verkörperung von Verschwörung und Bruch. Ton und Atmosphäre sind auf unmittelbare Spannung ausgelegt - schnelle Schnittfolgen, klaustrophobische Innenräume und punktuelle Großaufnahmen schaffen ein Gefühl permanenter Bedrohung.

Zentrale Themen und Motive

White House Down stellt Fragen nach der Zugänglichkeit und Verwundbarkeit von Macht. Wie wird Vertrauen in Führung konstruiert, und welche Rolle spielen mediale Bilder, wenn Institutionen in Notsituationen geprüft werden? Der Film lotet die Risse zwischen öffentlicher Inszenierung und privatem Mut aus und thematisiert, in welchem Maße persönliche Heroik staatliche Abläufe entschärfen oder verzerren kann.

Daneben verweist der Film auf die Ambivalenz militärischer Effizienz: Ordnung kann Schutz bedeuten, aber auch die Kruste für politische Instrumentalisierung abgeben. Familiäre Beziehungen dienen als moralischer Anker und liefern emotionale Legitimation für das Handeln des Helden, während die Bildsprache des Films - Wechsel von weiten, ikonischen Außenaufnahmen zu engen, hektischen Innenbildern - die Kluft zwischen nationaler Projektion und individueller Erfahrung betont.

Formal arbeitet der Film mit Motiven der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit: Kontrollräume, Medienkonferenzen und private Gespräche sind Orte der Bedeutungsproduktion. Emmerichs Vorliebe für spektakuläre Eskalation fungiert nicht nur als Nervenkitzel, sondern als Metapher für eine Gesellschaft, die ihre Konflikte zunehmend als visuelle Ereignisse konsumiert. White House Down bleibt so ein Lehrstück über die Verflechtung von Politik, Medien und Erzählung im Zeitalter des massenhaften Bildkonsums.

Filmkritik von Michael Kienzl

Ach, wie schön es aussieht, wenn etwas in die Luft fliegt. Eine Zerstörung zu beobachten, kann aus sicherer Perspektive große Freude bereiten. Das fand auch der Komponist Karlheinz Stockhausen, der mit seiner Äußerung, die einstürzenden Türme des World Trade Centers seien das größte Kunstwerk der Menschheit, jedoch eine entscheidende Grenze überschritt. Denn während in New York zahlreiche Menschen ihr Leben ließen, kann man sich in den fiktiven Erzählwelten des Kinos ganz ohne Schuldgefühle seiner Schaulust hingeben.

Das Kino von Roland Emmerich lebt von der kindlichen Faszination für jegliche Form von Krawall, auch wenn er sich in seinem letzten Film „Anonymus“ (2011) kurzzeitig von solchen Zerstörungsorgien abwendete. „White House Down“ ist dagegen wieder ein verschwenderisches Leinwandspektakel, wie man es von ihm gewohnt ist. War die Sprengung des Weißen Hauses in „Independence Day“ (1996) noch eine aufsehenerregende Fußnote, nimmt der in die USA emigrierte Sindelfinger diesmal das amerikanische Zentrum der Macht auf Spielfilmlänge auseinander. Eine Gruppe finster drein blickender Terroristen belagert darin den Amtssitz des Präsidenten und möchte damit nicht nur Amerika, sondern der ganzen Welt schaden. Die letzte Hoffnung liegt auf den breiten Schultern des mäßig zuverlässigen Familienvaters und Sicherheitsmannes Cale (Channing Tatum). Er muss das leisten, was das Militär nicht zu tun vermag: Die alte Ordnung wieder herstellen.

Für Emmerichs Verhältnisse wirkt „White House Down“ geradezu bescheiden. Sein Film ist eine Art Actionkammerspiel, das überwiegend auf dem weitläufigen Gelände des Weißen Hauses angesiedelt ist. Es wird jedoch schnell klar, dass sich auch innerhalb solch eng gesteckter räumlicher Grenzen krachendes Materialschlachtenkino inszenieren lässt. Gemeinsam mit dem Präsidenten kämpft, ballert und sprengt sich Cale durch Aufzugschächte, Ost- und Westflügel sowie den Keller, durch den Marilyn Monroe John F. Kennedy einst heimliche Besuche abstattete. Sogar eine überdrehte Autoverfolgungsjagd im überschaubaren Vorgarten des Weißen Hauses zaubert Emmerich noch aus dem Ärmel. Gekonnt wird Attraktion an Attraktion gereiht, damit die Spannung bloß nicht nachlässt und man sich auch nicht allzu viele Gedanken über die etwas hanebüchene Handlung machen muss.

Es ist ein Leichtes, sich über das schwarzweißmalerische Mainstreamkino von Roland Emmerich lustig zu machen. Seine konservativen und infantilen Heldengeschichten, in denen neben einer globalen Krise auch eine familiäre überwunden werden muss, wirken streckenweise wie eine Unterforderung für jeden Zuschauer, der das Teenageralter überschritten hat. Doch wer wie Emmerich eine Mission im Auftrag von protzig aufgedonnertem Entertainment erfüllen muss, hat keine Zeit, um sich mit ambivalenten Figuren und komplexen Erzählsträngen aufzuhalten. Kein Teil des Films erfüllt einen Selbstzweck, jeder dient allein der Dynamik des Ganzen. Wie eine ausgewogene Komposition aus Action, comic relief, wieder Action und ein bisschen Melodram.

„White House Down“ entwirft ein Untergangsszenario, in dem die Familie und ein geradezu pathologischer Patriotismus die letzten Anker sind. Die Hörigkeit, die dem Staatsoberhaupt von seinem Umfeld entgegengebracht wird, ist schon ein wenig gruselig. Jamie Foxx ist als Präsident der USA ein bis zur Karikatur idealisierter, kumpelhafter Führer, der nicht nur das Beste für sein Land im Sinn hat, sondern gleich für die ganze Welt. Als Erlöser mit lausbubenhaftem Lächeln will er nicht weniger als Frieden in die arabische Welt bringen. Und wenn es ans Eingemachte geht, schlüpft er in seine Jordans und bombt sich mit einem Raketenwerfer den Weg frei. Wer dem Charme dieses Mannes nicht erliegt – so scheint uns der Film sagen zu wollen – ist ein schlechter Mensch. Cale, der sich vor allem dadurch auszeichnet, um jeden Preis seinem Land dienen zu wollen, ist ihm ganz ergeben. Während er sich im Alleingang mit Bösewichten anlegt, ist er immer wieder zwischen der Sorge um seine in Geiselhaft befindliche Tochter und die Zukunft der USA hin- und hergerissen. Unnötig zu erwähnen, für was er sich im Zweifelsfall entscheiden würde.

Ganz so reaktionär wie es auf den ersten Blick scheint, ist „White House Down“ aber dann doch nicht. Wenn Emmerich die USA abfeiert, findet sich dahinter eine progressive, wenn auch reichlich naive politische Botschaft. Denn während im Amerika der Gegenwart die Tea Party tobt, betreibt er mit seinem Film offensive Obama-Werbung. Es ist schon bezeichnend, dass die Bösen diesmal keine Russen oder Aliens sind, sondern rechtsradikale Amerikaner, die sich weder mit einem schwarzen Präsidenten, noch mit seiner liberalen Politik abfinden wollen. Emmerich hinterfragt den Glauben in die staatliche Autorität an keiner Stelle. Allerdings geht er auch davon aus, dass ein Auserwählter das Land regieren wird.

Man kann Emmerich und seinem pathostriefenden Film eine Menge vorwerfen. Die hohe Kunst der niederen Unterhaltung beherrscht der deutsche Actionregisseur aber zweifellos.

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