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The Voices

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kritiken.de Redaktion 30.04.2015
The Voices© Ascot Elite Filmverleih
A ca. 1353 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

The Voices: Satrapis bitter-süße Verfolgung der Wirklichkeit und die Mechanik des Wahns

Einleitung

The Voices tritt in eine seit langem begehbare Nische des zeitgenössischen Kinos: dort, wo Komik und Kriminalität, Innenschau und Genreklischee aufeinanderprallen. Der Film, unter der Regie von Marjane Satrapi inszeniert und 2015 einem breiteren Publikum zugänglich gemacht, interessiert sich weniger für die forensische Klärung eines Verbrechens als für die Erfahrung eines zerbrechenden Bewusstseins. In einer Epoche, in der psychische Gesundheit zunehmend Thema öffentlicher Debatten ist, rückt der Film die Frage in den Mittelpunkt, wie filmische Formen Empathie und Abscheu simultan entstehen lassen.

Satrapi, international bekannt geworden durch ihre animierte Adaption Persepolis, verlegt hier ihre grafische Sensibilität in ein englischsprachiges, live-action-Setting. Die Regiebeherrschung, die in ihren früheren Werken zwischen komischer Überzeichnung und ernsthafter Reflexion oszillierte, zeigt sich auch in The Voices: eine Vorliebe für klare Bildkompositionen, lakonische Figurenzeichnung und die pointierte Arbeit mit Ton und Musik, die Gefühle gegen ihre narrative Logik stellen.

Der Film ist insofern ein Produkt seines Zeitgeists, als er auf empathische Weise die Ambivalenz moderner Subjektivität thematisiert. Einsamkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse und die mediale Vermittlung innerer Zustände geben dem Protagonisten ein Scheingewand der Alltäglichkeit, hinter dem sich die Fragen nach Schuld, Verantwortung und narrativer Zuverlässigkeit verbergen. The Voices funktioniert damit als Spiegel jener Gegenwart, die sich zunehmend zwischen öffentlicher Empathie und privatem Rückzug bewegt.

Kurzüberblick zur Produktion

Marjane Satrapi wechselte mit The Voices bewusst in einen Tonbereich, der das Komische nicht nur als Erleichterung, sondern als dissonantes Instrument politischer und psychologischer Arbeit nutzt. Die Produktion, eine US-deutsche Koproduktion, operierte im Rahmen eines unabhängigen Budgets, das satirische wie drastische Tonwechsel erlaubte, ohne sich dem konventionellen Studioformat anpassen zu müssen. Auffällig ist Satrapis Umgang mit Raum und Farbigkeit: Lichtsetzung und Produktionsdesign betonen sowohl die banale Normalität des Alltags als auch eine surreale Innenwelt.

Die Festivalpräsenz des Films trug zur Wahrnehmung als Autorenwerk bei, das Genregrenzen aushorcht, statt sie zu bestätigen. Im Gesamtwerk Satrapis nimmt The Voices eine vermittelnde Position ein: weniger experimentell als ihre Animationsarbeit, aber stärker in der psychologischen Durchdringung als manch konventioneller Genrefilm. Die Verbindung von ironischer Distanz und empathischer Nähe kennzeichnet die Handschrift der Regisseurin auch hier.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Ryan Reynolds trägt die zentrale Rolle des Films als Träger der erzählten Innenperspektive. Bekannt geworden durch ein breites Spektrum von Komödien bis hin zu Action-Blockbustern, tritt Reynolds hier in eine ambivalente Rolle, die seine sonstige Leinwandpersona dekonstruiert: Charmant und zerbrechlich zugleich, entwirft er ein Porträt der Unsicherheit, ohne in einfache Pathosgesten zu verfallen.

Gemma Arterton und Anna Kendrick ergänzen dieses Zentrum als zwei kontrastierende Figuren, die weniger als vollständig ausgearbeitete Nebencharaktere denn als Projektionen und Spiegelungen der Protagonistenwahrnehmung auftreten. Beide Schauspielerinnen bringen ihre je eigene Präsenz mit: Arterton die klassische, kontrollierte Anmut, Kendrick die nervöse Intelligenz - beides Elemente, die im Zusammenspiel mit Reynolds die multiple Lesbarkeit der Figuren fördern. Jacki Weaver übernimmt die Rolle der älteren Autoritätsfigur, deren nüchterne Präsenz das Beziehungsgefüge des Films stabilisiert und zugleich Risse aufzeigt.

Handlung (spoilerfrei!)

The Voices erzählt aus der Perspektive eines scheinbar gewöhnlichen Mannes, dessen Innenleben die Erzählstruktur dominiert. Der dramatische Konflikt entspinnt sich zwischen der äußerlichen Normalität seiner Umgebung - Arbeitsplatz, Nachbarschaft, banale Routinen - und einer inneren Wirklichkeit, die zunehmend eigenmächtig wird. Die zentralen Figuren fungieren als Bezugspunkte dieser Wirklichkeit: sie sind reale Menschen, aber auch Klang- und Affektquellen in der Imagination des Protagonisten.

Die Tonalität des Films oszilliert beständig zwischen Lakonie und Bedrohung. Momente der zarten Komik stehen neben unheimlichen Atmosphären und einer unterschwelligen Gewalt, ohne dass die Handlung in plakative Wendungen abkippt. Satrapi nutzt diese Mischung, um das Publikum nicht durch Enthüllungen zu schockieren, sondern durch das konstante Gefühl der Irritation, das entsteht, wenn Außenwelt und Innenwelt nicht mehr synchron laufen.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von The Voices steht die Frage nach dem Verhältnis von Narration und Wirklichkeit. Der Film stellt die Zuverlässigkeit des Erzählers in Frage und untersucht, wie leicht sich Sympathie in verständnisvolle Beunruhigung verwandelt. Dabei geht es weniger um das kriminelle Ereignis selbst als um die Bedingungen, unter denen subjektive Wahrnehmung zur Tat werden kann.

Psychologische Dimensionen - insbesondere Formen von Einsamkeit, Projektion und Identitätsauflösung - sind eng verknüpft mit sozialen Aspekten: Arbeit, Routine, ökonomische Prekarität und die soziale Isolation in kleinen Gemeinschaften. Satrapi fragt nach der kulturellen Produktion des Wahns: Welche Bilder, Töne und Beziehungen nähren destruktive Vorstellungen, und wie reagiert eine Gesellschaft, die einerseits psychische Leiden zunehmend enttabuisiert, andererseits weiterhin schnell in moralische Polarisierungen verfällt?

Formal arbeitet der Film mit wiederkehrenden Motiven wie kontrapunktischer Musik, verfremdender Farbgebung und einem Sounddesign, das innere Stimmen als eigenständige Figuren auftreten lässt. Diese Mittel verwandeln The Voices in ein Untersuchungsinstrument, das nicht nur Inhaltliches hinterfragt, sondern auch die Mechanik filmischer Empathie: Wie erzeugt Film Nähe zu einem Menschen, dessen Taten wir ablehnen? Satrapi liefert keine einfachen Antworten, sondern fordert die Fähigkeit zur Ambivalenz ein.

Filmkritik von Peter Osteried

Ryan Reynolds hört Stimmen

Den Trailer sollte man am besten ignorieren. Er gibt nicht im Ansatz wieder, wie düster The Voices eigentlich ist. Eine nette Komödie ist dieser Film nicht, eine bitterböse, rabenschwarze Komödie ist er vielmehr, aber nicht nur das. Er ist auch das traurige Psychogramm eines Mannes, der alles verliert, sogar sich selbst.

Jerry (Ryan Reynolds) arbeitet in einer Badewannenfabrik. Es gefällt ihm, die Kollegen sind nett, die Arbeit ist gut, und dann ist da ja auch noch Fiona (Gemma Arterton) aus der Buchhaltung. In die ist Jerry verschossen, aber natürlich weiß in seinem Umfeld niemand, dass er lange in der Psychiatrie war, regelmäßig seine Medikamente nehmen und mit einer Therapeutin reden muss. Das möchte er vor Fiona auch am liebsten geheim halten, um sie nicht zu verschrecken.

Wenn Jerry seine Medikamente nicht nimmt, dann hört er Stimmen – die seines Katers Mr. Whiskers und seines Hundes Bosco. Und er sieht die Welt als schönen und freundlichen Ort. Darum lässt er die Pillen gerne weg, denn der wahre Zustand seiner Wohnung ist wirklich nichts, dem er sich aussetzen will. Viel lieber möchte der einsame Jerry seiner Fiona näherkommen, doch nach einem gescheiterten Date kommt es zu katastrophalen Komplikationen, nach denen nichts mehr ist, wie es jemals war. Und in Jerrys Kühlschrank findet sich ein Kopf, der nun auch mit ihm spricht.

Michael R. Perrys Drehbuch fand sich vor ein paar Jahren auf der Black List wieder, jener Top-Ten-Liste der besten unproduzierten Drehbücher, die regelmäßig in Hollywood für Aufsehen sorgt. The Voices wurde als deutsch-amerikanische Ko-Produktion, die im Studio Babelsberg in Potsdam gedreht wurde, nun Wirklichkeit, und das sogar unter der Regie der immens talentierten Marjane Satrapi, die damit erstmals einen Stoff umgesetzt hat, den sie nicht selbst entwickelt hat.

Die Hauptrolle ist mit Ryan Reynolds exzellent besetzt. Er spielt gegen sein Image an, ist nach wie vor der nette Kerl, den er häufig spielt, aber einer, der langsam jedweden Bezug zur Realität verliert. Das fängt Satrapi in beeindruckenden Bildern ein. Denn häufig bekommt man als Zuschauer zu sehen, wie Jerry die Welt wahrnimmt. Umso eindrucksvoller sind dann jedoch die Momente, die zeigen, wie es wirklich um ihn herum aussieht. Das Lachen kann einem da durchaus im Halse stecken bleiben, denn so herrlich überbordend der Humor auch sein kann, wird er doch immer wieder mit extremer Düsternis kontrastiert. Das Ergebnis ist ein in seiner Tonalität wechselnder Film, der vor allem vom imposanten Reynolds lebt, der häufig mit sich selbst spielt – einerseits, weil nur seine Tiere um ihn herum sind, andererseits, weil er auch ihnen seine Stimme geliehen hat.

The Voices ist ein unkonventioneller Film, der einerseits lustig, andererseits tragisch ist, der aber auch Sympathie und Mitleid für die Hauptfigur weckt. Denn all der schrecklichen Dinge zum Trotz, die Jerry anstellt, ist er doch nur jemand, der krank ist. Das entschuldigt nicht, was er tut, aber es macht ihn zu einer traurigen Gestalt, die im Leben von jüngster Kindheit an nie eine Chance gehabt hat.

Satrapis Film ist ein beeindruckendes Psychogramm, ein genretechnisch wild zusammengewürfelter Mix verschiedener Stilrichtungen, vor allem aber eine immens schwarze und makabere Komödie, die vielleicht nicht jedem gefallen wird. Wer jedoch Zugang findet, erhält einen der nachhaltigsten Filme des Jahres – und ein Ende, das irgendwie doch ganz happy ist, obwohl man das gar nicht mehr erwartet hätte.

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