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The Counselor

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kritiken.de Redaktion 28.11.2013
The Counselor© Twentieth Century Fox of Germany GmbH
A ca. 1616 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

The Counselor - Kaltes Moraltheater im Kleid des Neo-Noir, Übermut und unausweichliche Rechnung

Einleitung

The Counselor ist ein Film, der in seiner Ambivalenz mehr über den Zustand des zeitgenössischen Thrillers aussagt als über die bloße Abfolge von Ereignissen. Regie führte Ridley Scott, doch es ist vor allem das ungewöhnliche Zusammentreffen seiner souveränen, visuell präzisen Handschrift mit einem Drehbuch von Cormac McCarthy, das den Film zu einem Diskussionsgegenstand macht. McCarthys spröde, moralisch aufgeladene Sprache trifft auf Scotts cineastische Kälte und erzeugt eine Spannung, die sich nicht in konventionelle Genreformen pressen lässt.

Die Relevanz des Films liegt weniger in seiner Handlung als in seiner thematischen Verweigerung, einfache moralische Kategorien zu bedienen. In einem Kino, das oft schnelle Erklärungen und klare Schuldzuweisungen liefert, besteht The Counselor darin, Konsequenzen als unvermeidlich und Moral als Handelbarkeit zu zeigen. Dadurch wird der Film zu einem Spiegel für Debatten über Wirtschaft, Verantwortung und die Globalisierung von Gewalt.

Für Ridley Scott markiert dieses Werk eine späte, experimentelle Annäherung an den Krimi; es ist kein Rückfall in altbekannte Blockbusterformen, sondern eine Versuchsanordnung, in der der Regisseur seine formale Sorgfalt einem Text unterordnet, der von langen, aforistischen Dialogen und metaphysischen Anspielungen geprägt ist. The Counselor steht damit in einer Linie seiner Arbeit, die Genres ästhetisch dekontaminiert, ohne sich den melodramatischen Konventionen völlig zu entziehen.

Kurzüberblick zur Produktion

The Counselor entstand als Ko-Produktion zwischen US-amerikanischen und britischen Partnern, getragen von Ridley Scotts Scott Free Productions und einem klassischen Studioverleih. Auffällig ist die Beteiligung von Cormac McCarthy als Autor des Originaldrehbuchs - ein seltener Schritt des Schriftstellers, der eher für seine Romane und die Adaption No Country for Old Men bekannt ist. Diese Autor-Regisseur-Kombination machte die Produktion zu einem Projekt mit literarischem Anspruch, das dennoch in einem konventionellen Industrieumfeld realisiert wurde.

Die ästhetische Entscheidung, das Drehbuch in eine stark komponierte, fast klinische Bildwelt zu übersetzen, entspricht Scotts typischem Anspruch an Produktionsdesign und Bildführung. Zugleich ist The Counselor ein vergleichsweise kompaktes, auf Präzision statt auf Effektfeuerwerk angelegtes Projekt, was sich in nüchternen, aber luxuriös inszenierten Sets und einer klaren Kameraarbeit zeigt. In Ridley Scotts Gesamtwerk nimmt der Film die Position eines mutigen, weil schwer kategorisierbaren Zwischenstücks ein - weder reiner Genrefilm noch gänzlich arthausig, sondern ein formbewusstes Experiment mit der Sprache des Verbrechensfilms.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Michael Fassbender als die Titelrolle bringt eine kontrollierte Intensität in die Figur des Anwalts, dessen Ambitionen und ethische Fragilität das narrative Zentrum bilden. Fassbender, bekannt geworden durch Rollen in Filmen wie Hunger und Shame sowie durch internationale Blockbuster, liefert hier eine zurückgenommene, präzise Performance, die weniger auf Gestik als auf innere Zerrissenheit setzt.

Penélope Cruz verkörpert die weibliche Seite eines Lebensentwurfs, der Sicherheit gegen Verlockung abwägt. Ihre Darstellung variiert zwischen Vertrautheit und aufbegehrender Distanz; Cruz, die in Filmen wie Volver und Vicky Cristina Barcelona gezeigt hat, dass sie mit komplexen Frauenfiguren umgehen kann, bringt hier eine nüchtern-erdige Note ein.

Cameron Diaz, überraschend in einer Rolle, die gegen ihr früheres Komik-Image arbeitet, gibt eine beunruhigende, kalkulierte Präsenz. Sie ist die Figur, die moralische Kategorien destabilisiert und eine Art kalte Intelligenz verkörpert. Javier Bardem als Unternehmer der kriminellen Szene zeigt die Mischung aus Charme und bedrohlicher Professionalität, die seine besten Arbeiten auszeichnet. Brad Pitt rundet das Ensemble als eleganter, scheinbar lässiger Vermittler ab; seine Rolle ist die eines erfahrenen Grenzgängers zwischen Risiken und Angeboten.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt von einem erfolgreichen Anwalt, der an einem Wendepunkt seines Lebens steht und sich in ein illegales Geschäft begeben will, das schnelle Gewinne verspricht. Die Handlung entfaltet sich als Kette von Entscheidungen, Begegnungen und Andeutungen, die den Protagonisten in immer komplexere Verhältnisse hineinziehen. Im Zentrum stehen nicht Überraschungsmomente, sondern die graduelle Eskalation moralischer und praktischer Konsequenzen.

Der dramatische Konflikt entsteht aus der Kollision zwischen rationalen Kalkülen und unberechenbaren menschlichen Trieben. Zentrale Figuren sind der Anwalt, seine Partnerin, eine Figur, die als manipulative Katalysatorin fungiert, sowie mehrere Vertreter einer Unterwelt, deren Geschäftsregeln lakonisch und hart sind. Tonalität und Atmosphäre sind geprägt von einer eleganten Kühle; der Film vermeidet billige Sensationsmomente zugunsten einer unterschwellig bedrohlichen, oft beklemmenden Stimmung.

Zentrale Themen und Motive

The Counselor stellt Fragen nach Verantwortung, Schuld und der Ökonomie des Risikos in einer globalisierten Welt. Es geht um die Verführung durch Kapital, um die Illusion, Konflikte ließen sich rein ökonomisch lösen, und um die moralischen Kosten, die ein solches Kalkül mit sich bringt. McCarthys Sprache trägt eine philosophische Schwere in die Dialoge; moralische Beobachtungen erscheinen als lakonische Sentenzen, die mehr deuten als erklären.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Differenz zwischen Oberfläche und Abgrund - luxuriöse Bilder, teure Autos, gepflegte Interieurs kontrastieren mit der Gewalt, die das System zusammenhält. Gewalt wird oft nicht als Spektakel inszeniert, sondern als kaltvoller, funktionaler Bestandteil einer Ökonomie. Der Film thematisiert auch Fragen von Männlichkeit und Verantwortung: Entscheidungen, die als Selbstbestimmung erscheinen, entpuppen sich als Teil eines Geflechts, in dem individuelle Kontrolle eine Illusion ist.

Insgesamt bietet The Counselor weniger die Auflösung von Rätseln als die Konfrontation mit unbequemen Wahrheiten über Macht, Begehren und die Bankrotterklärung moralischer Gewissheiten in einer Welt, in der alles zum Handel steht. Ridley Scott und Cormac McCarthy liefern zusammen ein dichtes, sprachlich eigenwilliges Kinoexperiment, das das Genre des Thrillers auf eine intellektuelle Härte probe stellt.

Filmkritik von Lukas Stern

The Counselor: Philosophie des Abgründigen

Mit dem Titel scheint schon einiges gesagt zu sein: „The Counselor“ – der Anwalt – ist die Hauptfigur (Michael Fassbender), und sie ist für das Plot-Geschehen von derart schockierender Irrelevanz, dass es nur folgerichtig erscheint, dass sie gar nicht erst mit einem vollen Namen ausgestattet wird. Ihr Habitus entspricht den gröbsten Abschattungen des Stereotypen: Penthouse-Wohnung in sterilem Design, dickes Auto, Armani-Anzug und ein Grinsen, das im einen Mundwinkel von Unsicherheit und im anderen von Gerissenheit kündet. Die Liebe zur Verlobten Laura (Penelope Cruz) ist mit der ersten Szene – beide tummeln sich unter weißen Laken und das Sexuelle ist fehlerlos – sekundenkleberhaft fixiert. Eine Geschichte von Zerwürfnis und Wiederfindung ist ausgeschlossen. An einer Stelle erklärt dieser Counselor, sein Leben bestünde daraus, mit ihr im Bett zu sein, alles andere sei Warten. Und als bloßer Wartender ist er weder für einen Liebesfilm noch für einen Drogenkrimi brauchbar. Genau das scheinen Regisseur Ridley Scott und Drehbuchautor und Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy erreichen zu wollen: eine leergefegte Figur.

Dass sich in „The Counselor“ eher Typen als Charaktere über die Leinwand bewegen, ist so offensichtlich, dass es sinnlos wäre, es dem Film vorzuwerfen. Allein der Cast exemplifiziert schon das Hyperbolische dieser Typen. Javier Bardem verkörpert Reiner, einen zwielichtigen Clubbesitzer und Drahtzieher jenes Drogencoups, von dem der Film handelt. Sein exzentrisches Auftreten, die luxuriösen Räume, in denen er sich bewegt, die Wildkatzen, die er als Haustiere im Kofferraum kutschiert, all das zeichnet eher eine Idee vom abgehalfterten Mafioso, als dass es diesem Schema scharfe Konturen geben würde. Natürlich erkennen wir Spuren seiner Rollen als Silva in „Skyfall“ und Anton Chigurh in „No Country For Old Men“ – ebenfalls ein Stoff aus der Feder von McCarthy. Bei Westray, dem Geldwäscher und Mittelsmann, gespielt von Brad Pitt, sind diese Spuren noch deutlicher konturiert: Sein charismatisches Gebaren, durchmischt mit der coolen Professionalität eines Kriminellen mit blonder Mähne, ist ebenfalls und spätestens seit „Killing Them Softly“ zur Genüge durchexerziert worden. Um die Ironie solchen Zitierens geht es aber nicht (höchstens an einer Stelle, an der Dean Norris als Kokainkäufer auftritt, und zwar in genau dem Kostüm, in dem er in „Breaking Bad“ noch den Drogenkommissar mimte), vielmehr geht es darum, durch diese Zitate eine Poetik zu entwickeln und mehr noch als das Stereotype selbst markiert dieser Versuch letztlich den Ort, an dem der Film porös wird.

Die einzige Motivation, die diese Figuren antreibt, ist das Geld. Kein sonderlich glaubwürdiger Antrieb angesichts ihrer Lebensstandards und spätestens mit der Erklärung, mit diesem Geld die Damen stärker an sich binden zu können, als expliziter ironischer Bruch ausgewiesen. Diesen Figuren fehlt nicht nur die charakterliche Dreidimensionalität, sie sind generell keine Akteure einer minutiös-psychologisch motivierten Handlung. Sie sind Argumente einer Philosophie der Kriminalität, mehr noch einer Ontologie des Abgründigen. Die Welt des Verbrechenes und der Gewalt ist nur durch sich selbst bestimmt, sie definiert eigene Gesetze der Logik, eigene Ideen der Ethik und wer einmal in diese Welt eingetaucht ist, hat sein Leben für immer dieser Parallelvernunft ausgeliefert. In einem Telefonat mit einem hohen Kartellmitglied wird der Counselor dieser brutalen Realität gewahr, einer Realität im philosophischen Sinne, einer allgemeinen Setzung, einer Wirklichkeit ohne Jenseits. Diese Vermittlung einer abstrakten Idee durch das Medium des Dialogs ist die Stärke McCarthys. In seinem Roman „Die Straße“ hat er eine solche Kunstphilosophie durch das Gespräch zwischen Vater und Sohn auf einer Reise durch die Postapokalypse zur Vollendung geführt. Aber genau hier wird die Differenz zwischen Roman und Film unüberbrückbar.

Der Dialog ist auch in „The Counselor“ das wesentliche Moment. Strukturell gibt der Film zwar einen stringenten und überaus komplexen Handlungsverlauf vor, mehr noch aber ist er eine Abfolge von Gesprächssituationen, und hierin liegt letztlich auch das poetische Programm: Die Ermittlung einer abstrakten Idee durch den Dialog abstrakter Typen. Man muss kein Filmontologe sein, um behaupten zu dürfen, dass sich die Welt im Kino stets expliziter darstellt als im Roman und dass diese spezielle Poetik dadurch an Entfaltungsraum einbüßen wird. Tragischer aber ist, dass Ridley Scott der Suche nach einem filmischen Äquivalent nicht gewachsen ist. Seine überbordenden Bilder luxuriöser Hotels, schicker Interieurs, sowie staubiger Drogenumschlagplätze konkurrieren geradezu mit der poetischen Linie. All diese Details bestimmen die Filmwelt und durch ihren betonten Ausstellungscharakter referieren sie auf eine ganz banale Wirklichkeit, eine empirische, polarisierende, kapitalistische Realität, die zur Gewalt gerinnt, jedoch nicht auf eine Gegenempirie, die die Gewalt selbst erst etabliert, wie es das Drehbuch vorsieht.

Die poetische Vision, die in „The Counselor“ spürbar anklingt, bleibt am Ende unerfüllt. Zwischen den beiden Sprachen des Films, dem Wort und dem Bild, herrscht ein bedauerliches Kommunikationsproblem.

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