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Selma

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kritiken.de Redaktion 19.02.2015
Selma© StudioCanal Deutschland
A ca. 1422 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Selma: Bildpolitiken und moralische Verantwortung im filmischen Porträt einer Bürgerrechtsbewegung und Erinnerungskultur

Einleitung

Selma tritt an als filmische Auseinandersetzung mit einem Schlüsselereignis der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und verlangt zugleich nach einer Reflexion über die Bedingungen historischer Repräsentation. Der Film rückt nicht bloß eine ikonische Figur ins Zentrum, sondern thematisiert die Mechanismen, durch die Öffentlichkeit entsteht - Medien, politische Verhandlungen und die choreografierten Rituale des Protests. In dieser Doppelperspektive liegt seine Relevanz für Gegenwartskulturen: nicht nur als Rückschau, sondern als Kommentar zur Frage, wie Gesellschaften sich an moralische Forderungen erinnern und sie politisch verhandeln.

Regie führte Ava DuVernay, deren Karriere als dokumentarisch geschulte Erzählerin und später als preisgekrönte Spielfilmregisseurin den Anspruch trägt, Geschichte aus der Perspektive derjenigen zu erzählen, die sonst am Rand der offiziellen Narrative stehen. Selma lässt sich als folgerichtige Erweiterung dieser Handschrift lesen: ein ehrgeiziges Projekt, das biografische Monumentalität mit einem sensiblen Blick für intime Bildlichkeit verbindet. Damit positioniert sich der Film innerhalb eines zeitgenössischen Kino-Interesses an Erinnerungspolitiken und an der Frage, wie filmische Mittel kollektive Traumbilder formen.

Die Veröffentlichung von Selma fand in einem gesellschaftlichen Klima statt, in dem die Fragen nach Rassengerechtigkeit, Staatsgewalt und Wahlrecht keineswegs beantwortet erscheinen. Vor diesem Hintergrund fungiert der Film als kulturelles Artefakt einer Epoche, die historische Anknüpfungspunkte nutzt, um gegenwärtige Spannungen zu befragen. Er dient damit weniger der reinen Rückschau als einer aktivierenden Kontemplation über Kontinuitäten und Brüche in politischem Protest.

Tonalität und Form des Films verhandeln diese Ambivalenz: Selma ist gleichzeitig Erinnerungsarbeit und Inszenierung - ein Versuch, die Rhetorik des Augenblicks mit dem filmischen Instrumentarium zu koppeln, ohne dabei die Differenzen zwischen dokumentarischer Evidenz und dramatischer Verdichtung zu verwischen. Diese Gratwanderung bestimmt die Rezeptionsdebatten, die den Film begleiteten.

Kurzüberblick zur Produktion

Ava DuVernay übernahm mit Selma eine Aufgabe, die sowohl künstlerische als auch logistische Herausforderungen barg. Der Film markiert für sie den bisher sichtbarsten Schritt in die große Studiosphäre und die Auseinandersetzung mit einem historisch gewichtigen Stoff. Kameraführung und Bildgestaltung stehen im Zentrum ihrer Regiearbeit - eine stilistische Präferenz, die sich in der Hinwendung zu nahen Porträts, rhythmischer Montage und einer dichten Klanggestaltung niederschlägt.

Die Produktion wurde von einem Konsortium aus etablierten Produzenten und Studios getragen und zeichnete sich durch die Zusammenarbeit eines groß besetzten Ensembles sowie erfahrener Creative-Teams aus. Technisch und ästhetisch ist Selma durch eine zurückhaltende, aber präzise Ausstattung gekennzeichnet, die historische Authentizität mit einer modernen filmischen Sinnlichkeit verbindet. Der Film ist in DuVernays Oeuvre als der Versuch zu lesen, Politisches und Persönliches, öffentliche Rede und private Intimität formal zusammenzuführen.

Im Kontext ihres Gesamtwerks steht Selma für die klare Ausweitung von DuVernays thematischem Radius - von intimen Figurenstudien zu einem narrativem Feld, das kollektive Bewegungen und institutionelle Machtstrukturen abbildet. Es ist ein Schritt, der ihre ästhetischen Interessen an Kopräsenz - dem gleichzeitigen Sichtbarmachen von Körpern und Politik - weiterführt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum der Dramaturgie steht David Oyelowo, der die Titelrolle verkörpert und in seiner Darstellung das Spannungsfeld zwischen der öffentlichen Persona des Anführers und dem privaten Menschen auszuspielen versucht. Seine Arbeit ist weniger auf Imitation als auf eine konzentrierte Innensicht angelegt - ein filmischer Versuch, Stimme und Körperlichkeit als Träger politischer Überzeugung zu begreifen.

Carmen Ejogo übernimmt die Rolle von Coretta Scott King und stellt damit die emotionale und moralische Korrespondenz zur öffentlichen Figur ihres Mannes her. Tom Wilkinson ist als Präsident Lyndon B. Johnson zu sehen und liefert die Figur eines Politikers, der zwischen moralischem Druck und politischer Kalkulation vermittelt. Tim Roth spielt Governor George Wallace und bringt in dieser Konstellation ein Gegengewicht aus politischer Härte und historischer Symbolik ein.

Das Ensemble wird durch prominente Nebenrollen ergänzt - darunter Namen wie Oprah Winfrey, Common und Andre Holland - die verschiedene Akteurinnen und Akteure der Bewegung sowie die Institutionen ihrer Zeit verkörpern. Diese kollektive Besetzung macht Selma zu einem Ensemblefilm, der Führerschaft als Relation begreift: der ikonische Kern bleibt sichtbar, bleibt jedoch stets eingebettet in Netzwerke von Unterstützung, Dissens und politischer Arbeit.

Handlung (spoilerfrei!)

Selma konzentriert sich auf eine definierte historische Episode und die damit verbundenen politischen Konfrontationen. Im Zentrum steht der Versuch, das Wahlrecht für afroamerikanische Bürgerinnen und Bürger durchzusetzen - eine Forderung, die zu massiven öffentlichen Demonstrationen und zu Auseinandersetzungen mit staatlichen Autoritäten führt. Der filmische Ablauf folgt den Vorbereitungen, den strategischen Debatten innerhalb der Bewegung und den öffentlichen Aktionen, deren Organisation und Konsequenzen dargestellt werden.

Der dramatische Konflikt ist doppelt konturiert: Auf der einen Seite steht die Konfrontation mit institutioneller Gewalt und legislativer Trägheit, auf der anderen Seite die Differenzen innerhalb der Bewegung selbst - taktische Fragen, moralische Dilemmata und die Belastungen, die Führung mit sich bringt. Diese Struktur erzeugt eine permanente Spannung zwischen kollektivem Handeln und individueller Verantwortung, zwischen öffentlicher Rede und den Kosten des Protests für die handelnden Personen.

Ton und Atmosphäre des Films sind geprägt von einer Mischung aus intimer Nähe und öffentlicher Monumentalität. Szenen der Versammlung, der Rede und des alltäglichen Zusammenlebens werden so ins Bild gesetzt, dass sie sowohl dokumentarische Härte als auch dramatische Intensität entfalten, ohne die narrative Logik in eine simple Heldenerzählung zu kippen.

Zentrale Themen und Motive

Selma stellt eine Reihe grundsätzlicher Fragen: Wie formen Bild- und Erzählpolitik öffentliche Moral? Welche Kompromisse entstehen, wenn moralische Forderungen in parlamentarische Prozesse übersetzt werden? Der Film lotet die Spannung zwischen nonviolenter Ethik und politischem Pragmatismus aus und fragt nach der Rolle individueller Charisma im Kontext kollektiver Mobilisierung.

Weitere Motive sind Erinnerung und Verantwortung - sowohl im Sinne historischer Repräsentation als auch im politischen Sinne der Übernahme von Verantwortung durch Institutionen. Selma thematisiert die Produktionsbedingungen von Öffentlichkeit - das Zusammenspiel von Presse, Politik und Protest - und problematisiert damit die Vorstellung einer einfachen, linearen Fortschrittsgeschichte.

Formal sucht der Film nach Ausdrucksweisen für diese Fragen: Gesichtsnähe als Zugang zur Intimität politischen Handelns, die Inszenierung von Reden als performativer Akt, und die Gegenüberstellung von privaten Dialogen und öffentlichen Demonstrationen. So wird Selma nicht nur zur Rekonstruktion eines Ereignisses, sondern zur Reflexion über die Mittel, mit denen Geschichte im Kino zugänglich gemacht wird.

Filmkritik von Peter Osteried

Dr. Martin Luther King und seine Leute marschieren in Selma

Selma, das ist ein Ort, der für die amerikanische Historie eine besondere Bedeutung hat. Hier führte Dr. Marthin Luther King Jr. den Marsch von Mitgliedern der Bürgerrechtsbewegung an, die dafür demonstrierte, dass dem verfassungsmäßigen Recht aller Bürger, auch der farbigen, Vorschub geleistet wird und diese von den Wahlen nicht ausgeschlossen werden. Es ist ein wenig kompliziert, wie dieses System funktionierte, das einen großen Teil der Wählerschaft diskriminierte. Selma erklärt es aber auch für die Uneingeweihten recht anschaulich.

Ava DuVernays Film funktioniert als detailreiche, der Historie verpflichtete Geschichtsstunde, die einerseits weiß, wie die Gefühlswelt des Publikums angesprochen wird, andererseits in dieser Richtung auch sehr manipulativ wirkt. Hilfreich sind dabei exzellente Schauspieler. Bemerkenswert ist Tim Roth, der den Gouverneur von Alabama spielt, und das auf eine Art, dass man ihn inbrünstig verabscheut. Es gibt aber auch Darstellungen vom gegenseitigen Spektrum. Dies gilt für Oprah Winfrey, bei der sich nach Die Farbe Lila und Der Butler das Gefühl einstellt, die ewig gleiche Darstellung von ihr zu sehen. Das lenkt sogar ab, hier wäre es sicherlich besser gewesen, auf Winfrey zu verzichten. Zumal andere Schauspieler wie Common erstaunlich überraschend sind. Er liefert eine Leistung ab, die man ihm nicht unbedingt zugetraut hätte.

Denkt man an ein Muster für Selma, dann darf man durchaus an den gerade erwähnten Der Butler denken. Beides sind gute Filme, aber sie sind nicht überragend. Sie schaffen es, historische Perioden gut nachzubilden und haben auch die notwendige Emotionalität, aber das gewisse Etwas, das aus einem guten einen großartigen Film macht, fehlt hier einfach.

Die narrative Struktur ist nicht immer stringent, mitunter hat man das Gefühl, dass dem Film einiges an Material fehlt, dass er deutlich länger sein müsste. Er wirkt so ein wenig holprig, wird aber zusammengehalten von David Oyelowo. Der schafft es als Martin Luther King zwar, dessen Reden mit Verve und gerechtem Furor darzubieten, aber es ist ein großer Mann, den er hier darstellen muss. Dem wird er nicht immer gerecht, manchmal eben schon. Er kommt dem Vorbild damit weit näher als es beispielsweise Idris Elba in Mandela: The Long Walk to Freedomgelungen ist.

Im Grunde hätte es aber auch für Martin Luther King eines deutlich besseren Films bedurft. Oder besser noch: Einer auf größere Laufzeit setzende Miniserie, die dem Wirken und der Bedeutung des 1968 ermordeten Bürgerrechtlers mehr gerecht wird. Aber gut, dies sollte auch nicht der Ansatz von Selma sein, der sich nicht als Biopic versteht, sondern einen sehr definierten Zeitkorridor erfasst und zeigt, wie durch die engagierte Arbeit von Martin Luther King und seinen Mitstreitern ein Wandel in Amerika vollzogen wurde.

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