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Königin der Wüste

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kritiken.de Redaktion 03.09.2015
Königin der Wüste© Prokino Filmverleih
A ca. 1403 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Königin der Wüste - Imperiale Sehnsucht und die Formen biografischer Monumentalität und Identitätspolitik

Einleitung

Königin der Wüste tritt an als ein filmisches Porträt, das nicht nur eine außergewöhnliche Lebensgeschichte rekonstruiert, sondern die großen Fragen des historischen Blicks auf Imperialismus, Geschlecht und Repräsentation aufwirft. Die Relevanz des Films liegt weniger in der Wiedergabe spektakulärer Abenteuersequenzen als in seinem Versuch, einen Gegenstand der Kolonialgeschichte filmisch zu fassen: eine Frau, die als Kartografin, Vermittlerin und Symbolfigur in den politischen Verwerfungen des frühen 20. Jahrhunderts wirkte.

Im gegenwärtigen kulturpolitischen Klima, in dem die Aufarbeitung kolonialer Biografien und die Suche nach vielstimmigen Narrativen über das 19. und frühe 20. Jahrhundert neu akzentuiert werden, verlangt ein solcher Stoff nach sensibler wie reflexiver Behandlung. Der Film steht damit in einem Gespräch über die Grenzen des biografischen Kinos: Was darf ein Biopic erzählen, welche Brüche darf es glätten, und in welcher Weise übersetzt es historische Ambivalenz in filmische Form?

Diese Ausgabe der Geschichte einer außergewöhnlichen Persönlichkeit funktioniert auf mehreren Ebenen zugleich: als Figurenportrait, als Historienepos und als visuelle Meditation über Raum und Macht. Die Tonalität des Films legt nahe, dass es weniger um einfache Identifikation geht als um das Nachzeichnen eines Lebens, das permanent zwischen Privatheit und Repräsentation oszilliert.

Kurzüberblick zur Produktion

Die vorliegenden Produktionsangaben nennen den Regisseur nicht explizit. Unabhängig davon zeigt der Film eine markante Regiehandschrift, die Monumentalität mit Feinsinn für Personalität verbindet. Formale Entscheidungen - etwa der Umgang mit Landschaft, die Komposition von Langaufnahmen und die rhythmische Verdichtung von Zeitsprüngen - signalisieren ein Interesse, Biografie nicht als lineare Abfolge von Ereignissen, sondern als ästhetisches Feld zu begreifen, in dem Innensicht und historische Rahmung wechselwirken.

Gedreht wurde zum Teil in Marokko, was dem Film eine materielle Erdung verleiht: Die Wüste wird nicht nur als Kulisse genutzt, sondern als faktischer und symbolischer Raum, der Handlung und Deutung gleichermaßen prägt. Als internationale Koproduktion mit US-Beteiligung steht der Film zugleich exemplarisch für die heutige Praxis großer historischer Biopics, die Produktionsmittel und Schauplätze global zusammenführen, um historische Figuren in einem weiten, oft kostspieligen Rahmen zu inszenieren.

Innerhalb des filmischen Schaffens, in das dieser Film eingeordnet werden kann, nimmt er eine Position ein, die an Arbeiten erinnert, die historische Thematik mit persönlicher Introspektion verheiraten. Die Produktion scheint bewusst auf eine visuelle Monumentalisierung zu setzen, ohne dabei die intimen Einschnitte des Lebens aus dem Blick zu verlieren.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Nicole Kidman, eine Schauspielerin, deren Karriere zwischen Hollywood-Glamour und anspruchsvollen Charakterrollen oszilliert. Hier übernimmt sie die Rolle der Protagonistin, einer historischen Figur, deren öffentliche Bedeutung und private Brüche das narrative Gerüst bilden. Kidmans Fähigkeit, emotionale Nuancen in großen Gesten zu verkörpern, macht sie zu einer naheliegenden Besetzung für ein Porträt, das sowohl Ehrgeiz als auch Einsamkeit thematisiert.

James Franco, Robert Pattinson und Damian Lewis gehören zur prominenten Schicht der Neben- und Zwischenfiguren. Franco bringt seine ambivalente Präsenz ein, die er in früheren Arbeiten schon als Performer mit Hang zu exzentrischen Figuren kultiviert hat. Robert Pattinson, mittlerweile für Rollen jenseits des Blockbuster-Image bekannt, übernimmt hier die Darstellung einer bedeutsamen historischen Persönlichkeit, deren Begegnung mit der Protagonistin zu einem erzählerischen Katalysator wird. Damian Lewis, vertraut mit repräsentativen Figuren aus Politik und Militär, verkörpert die administrative und politische Seite der imperialen Sphäre. Die Nebenbesetzung, darunter erfahrene Charakterdarsteller und lokale Schauspieler, strukturiert das historische Panorama und verleiht dem Ensemble Tiefenschärfe.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt das Leben einer Frau, deren Wirken sich in einem Spannungsfeld zwischen individualem Anspruch und kollektiven Machtverhältnissen abspielt. Ausgangspunkt ist ihre Aufbruchsstimmung: die Entschlossenheit, geographische, kulturelle und politische Grenzen zu überschreiten und sich als Vermittlerin zwischen unterschiedlichen Welten zu etablieren. Die erzählerische Achse verbindet Expeditionen, diplomatische Verhandlungen und intime Momente der Selbstreflexion.

Im Zentrum steht der dramatische Konflikt zwischen persönlicher Autonomie und der Instrumentalisierung durch imperiale Interessen. Während die Protagonistin versucht, Wissen zu produzieren und Netzwerke zu knüpfen, sieht sie sich immer wieder den Interessen von Politikern und Militärs gegenüber, die ihre Arbeit vereinnahmen oder anders deuten. Die zentralen Figuren sind dabei sowohl Akteure geostrategischer Macht als auch unmittelbare Bezugspersonen, deren Beziehungen die inneren Spannungen der Hauptfigur spiegeln.

Tonal schildert der Film eine Mischung aus elegischer Weite und nüchterner Bürokratie. Atmosphärisch setzt er auf die Gegenüberstellung von atemberaubenden Landschaftsaufnahmen und geschlossenen Gesprächssituationen, wodurch eine Dissonanz zwischen dem äußeren Raum und innerer Vereinsamung entsteht.

Zentrale Themen und Motive

Aus filmischer Perspektive stellt der Film Fragen nach dem Verhältnis von Wissen und Macht, nach der Produktion von Geographie und der Übersetzung kultureller Differenz in administratives Handeln. Die Figur als Kartografin und Vermittlerin fungiert zugleich als Metapher für die koloniale Praxis des Sichtbarmachens und Ordnenwollens. Der Film setzt sich mit der Ambivalenz solcher Rolle auseinander: Einerseits als Ausdruck weiblicher Agency, andererseits als Teil imperialer Mechanismen.

Auf philosophischer Ebene thematisiert der Film Identitätsbildung in Grenzräumen - wie eine Person sich zwischen verschiedenen kulturellen Erwartungen positioniert und wie Narrative über Erinnerung und Mythos entstehen. Psychologisch beleuchtet die Erzählung die Isolation, die mit außergewöhnlicher öffentlicher Sichtbarkeit einhergehen kann: Die Protagonistin gewinnt Einfluss, verliert aber fortwährend private Verankerung.

Motive wie Karte, Kompass, Zelt und der weitläufige Horizont wiederkehren als visuelle und narrative Konstanten, die das Zusammenspiel von Einblick und Entfremdung, Aneignung und Fremdheit markieren. Zugleich fordert der Film zur Reflexion über die gegenwärtige Debatte zur Darstellung kolonialer Vergangenheit auf: Er lädt nicht zu einfachen Verurteilungen ein, sondern provoziert eine präzisere Lesart jener historischen Widersprüche, die bis in unsere Gegenwart nachwirken.

Filmkritik von Peter Osteried

Nicole Kidman ist die Königin der Wüste, Herrscherin über ein Reich der Langeweile

Dem Presseheft vorangestellt ist eine Mitteilung des Regisseurs: „Nicole Kidman ist auf jeden Fall die ideale Besetzung. Eine Million Euro für den, der mir eine bessere Darstellerin findet!“

Wirklich schwierig wäre das nicht gewesen, man hätte vor allem nach einer Schauspielerin suchen müssen, die auch der Rolle entspricht. Aber stattdessen agiert die fast 50-jährige Kidman als junge Frau von Anfang 20 – und das nicht nur ein paar Minuten, sondern knapp die Hälfte des Films über. Und so gut Kidman auch sein mag, gegen ihr eigenes Alter kann sie nicht anspielen. Wenn sie Liebesschwüre mit dem von James Franco gespielten Henry Cadogan austauscht, wirkt das, als spreche eine Mutter zu ihrem Sohn. Wenn sie neben der 22-jährigen Holly Earl steht, die ihre in etwa gleich alte Cousine darstellen soll, tritt der Altersunterschied noch stärker zu Tage. Erst im Verlauf des Films mildert sich das ab, wenn nach knapp einer Stunde die Rolle beginnt, mit Kidmans echtem Alter aufzuschließen – wenn auch eher schlecht als recht.

Kid man ist Gertrude Bell, eine Britin, die als eine der wenigen Frauen seinerzeit auch studiert hat. Sie bittet ihren Vater, sie ins Ausland zu schicken. So kommt sie in die britische Botschaft in Teheran, wo sie Henry Cadogan kennen und lieben lernt. Er macht ihr einen Antrag, doch ihr Vater ist gegen die Ehe. Cadogan kann dies nicht verwinden und begeht Selbstmord. Jahre später kehrt Gertrude nach Arabien zurück, als Schriftstellerin und Beobachterin des Landes.

Die weiteren Etappen ihres Lebens sind sicherlich auch beeindruckend, hat sie doch immerhin auch T.E. Lawrence alias Lawrence von Arabien gekannt, aber Werner Herzog, der nicht nur inszeniert, sondern auch das Skript verfasst hat, spult ihr Leben unglaublich dröge ab. Es sind die typischen Stationen eines Biopics, mit dem oftmals inhärenten holprigen Verlauf, der nur dadurch ein klein wenig begradigt wird, dass Königin der Wüste offensichtlich den Versuch unternimmt, der Figur introspektiv gerecht zu werden.

Schöne Landschaften weiß der Film zu bieten, gediegene Musik von Klaus Badelt unterstützt das alles, aber die Erzählung selbst zieht sich beinahe endlos. Minuten erscheinen wie Stunden, Stunden wie ganze Tage. Mit der Lebendigkeit deutschen Autorenkinos rückt Herzog dieser Lebensgeschichte auf den Leib. Er scheint in seine Hauptfigur und seine Geschichte verliebt zu sein, doch dieses Gefühl überträgt sich nicht.

Königin der Wüste ist gemächliches Erzählkino ohne Highlights, vor allem aber ohne jedwede echte Emotion. Das beginnt bei der mangelnden Chemie zwischen Kidman und Franco (die in dieser Form noch tragischer ist als zwischen Kidman und Jude Law in Unterwegs nach Cold Mountain), setzt sich bei den Dialogen fort, die den Anschein erwecken, die Menschen hätten sich seinerzeit am liebsten in lyrischen Versen unterhalten, und endet schließlich bei einer zweiten Romanze, die so unglücklich endet wie die erste, und nur unwesentlich überzeugender ist.

Was wohl als eine Art weiblicher Lawrence von Arabienvisioniert worden ist, erweist sich im Ergebnis als eine Lektion in Sachen Langsamkeit. Dieser Film ist wie eine Sanduhr. Man kann zusehen, wie die einzelnen Körner langsam verrinnen. Spannend ist das jedoch nicht.

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