Pan und die Rekonstruktion des Mythos - Barocker Überfluss im postmodernen Abenteuerkino der Reboots
Einleitung
Die 2015 erschienene Neuinterpretation des Peter-Pan-Mythos unter dem Titel Pan tritt in eine Kontroversezone, die weit über das einzelne Filmprodukt hinausreicht. Sie setzt sich an eine Schnittstelle, an der literarische Ikonographie, Hollywoods Franchiseökonomie und die ästhetischen Ansprüche eines Autorenregisseurs aufeinandertreffen. In dieser Spannung liegt die Relevanz des Films: Er ist weniger bloßes Popcorn-Kino als ein Versuch, bekannte Erzählstoffe zu rekonstruieren und gleichzeitig den imperativen Logiken des zeitgenössischen Blockbusterkinos zu entsprechen.
Für die Untersuchung des Films ist die Frage interessant, wie sich ein Regisseur mit einer deutlich ausgeprägten bildsprachlichen Handschrift dem Mechanismus der Neuauflage berühmter Kindheitsmythen unterwirft und ihn zugleich zu nutzen versucht. Pan positioniert sich damit in einem Moment, in dem Hollywood origin stories und die Reanimation vertrauter Marken als narrative Strategie dominieren. Die Aktualität des Films liegt gerade in diesem Spannungsverhältnis zwischen Nostalgie und Modernisierung.
Der Film lässt sich daher auch als Indikator für einen kulturellen Reflex lesen: Er zeigt, wie Mythen im 21. Jahrhundert adaptiert werden, um andere Sehgewohnheiten, technologische Mittel und politische Felder zu spiegeln. Pan gehört zu jener Welle von Werken, die bekannte Figuren nicht nur wiederbeleben, sondern neu moralisch, politisch und emotional verhandeln wollen - ein Prozess, der auch Rückschlüsse zulässt auf Sammlungen kollektiver Erinnerungen und die Ökonomie ihrer Sichtbarmachung.
Kurzüberblick zur Produktion
Pan entstand als Großproduktion eines major Studios und ist formal deutlich als Produkt einer aufwändigen Kooperation von Regie, Design und visuellen Effekten erkennbar. Der Film nutzt ein beträchtliches Budget, opulente Produktionsdesigns und digitale Bildbearbeitung, um die Grenzen zwischen naturalistischer Kulisse und phantastischer Virtualität zu verwischen. Diese Produktionsbedingungen setzen das Projekt in die Reihe jener Blockbuster, die versuchen, klassische Stoffe durch technische Mittel zu erneuern.
In der Auseinandersetzung mit der Produktionsgeschichte ist besonders die Konstellation interessant, in der ein Regisseur mit literarischen Arthaus-Wurzeln auf das industrielle Format des Franchisekinos trifft. Die Handschrift des Regisseurs bleibt in Kompositionsentscheidungen, Lichtregimen und der Vorliebe für dicht komponierte Tableaus spürbar, auch wenn sie in Dienst eines größeren visuellen Apparats gestellt wird. Der Film nimmt somit eine Sonderstellung in seinem Gesamtwerk ein - als Experiment, die eigene formale Sensibilität mit massentauglichen Erzählstrategien zu verbinden.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum steht eine junge Besetzung, die die titelgebende Figur verkörpert und das Narrativ der Entdeckung und Selbstfindung trägt. Levi Miller als Peter liefert das Bindeglied zwischen urbanem Waisenkind-Archetypus und dem späteren Mythos, wobei seine Darstellung weniger auf gestische Ikonographie als auf eine Mischung aus Naivität und Überlebenswillen setzt.
Hugh Jackman füllt die Rolle eines beeindruckend inszenierten Antagonisten, dessen Präsenz Kinoerfahrung und Theatralik verbindet; er steht für die archetypische Machtfigur, die Mythos und ökonomisches Interesse verkörpert. Garrett Hedlund tritt als komplexer Gegenpart auf, eine Figur, die bereits bekannte Motive des späteren Gegenspielers anklingen lässt und zugleich eine verletzliche, menschliche Dimension aufweist.
Rooney Mara bringt eine ruhige, konzentrierte Kraft in die Rolle einer Inselprinzessin, die traditionelle Zuordnungen von Weiblichkeit und Souveränität herausfordert. Amanda Seyfried agiert als emotionaler Bezugspunkt, mehr verankert im Boden der Herkunft als im schillernden Zentralapparat des Abenteuers. Cara Delevingne übernimmt eine Nebenfigur mit starkem visuellen Profil, deren Fremdheit zur atmosphärischen Verdichtung des Films beiträgt. Gemeinsam ergibt das Ensemble ein Panoptikum moderner Starbesetzung - eine Mischung aus etablierten Namen und Entdeckungen, die den filmischen Kosmos bevölkern.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt die Vorgeschichte einer bekannten Figur und verlagert die Aufmerksamkeit von der mythologischen Legende auf die Umstände ihrer Entstehung. Ausgangspunkt sind urbane Entwurzelung, Flucht und das Finden einer neuen Existenz in einer Anderswelt, die als physische und mentale Projektionsfläche dient. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammenprall persönlicher Sehnsüchte mit institutionellen Machtstrukturen und aus dem Spannungsverhältnis von Freiheit und Herrschaft.
Zentrale Figuren sind der junge Protagonist, antagonistische Autoritäten und eine Reihe von Gefährten, die ihn auf seinem Weg begleiten. Die Tonalität des Films oszilliert zwischen aventurierlichem Überschwang und dunkleren Untertönen; Atmosphäre wird durch großformatige Landschaften, lebendig gestaltete Figurenräume und eine dichte, teils barocke Bildsprache hergestellt. Die Erzählung bleibt im Kern ein Entwicklungsroman - ein Heldenbildungsstück, das die Frage nach Herkunft, Loyalität und Selbstbestimmung in den Vordergrund rückt.
Zentrale Themen und Motive
Pan stellt Fragen nach Identität und Ermächtigung in einer Welt, die Mythen institutionell verwertet. Der Film thematisiert die Produktion von Legenden - wie Persönlichkeiten geformt, erinnert und instrumentalisiert werden. Das Motiv des Findens und Verlierens von Heimat wird mit einer Reflexion über Kindheit als kulturelles Kapital verknüpft: Wer darf erzählen, wer profitiert von Erzählungen, und wie transformieren sich Narrative, wenn sie kommerzialisiert werden?
Auf philosophischer Ebene berührt der Film Grundfragen der Autorschaft und des Ursprungs: Ist ein Mythos statisch oder wandelbar, und welche Verantwortungen ergeben sich aus seiner Neuinterpretation? Gesellschaftlich öffnet der Film einen Diskurs über Machtverhältnisse in ihren archa?ischen und modernen Formen, über Kolonialisierungsmetaphern, die in der Beziehung zwischen Fremde und Land, Eroberer und Eingeborener mitschwingen. Psychologisch betrachtet arbeitet die Erzählung mit Traumen von Verlust und Mitteilungslust - die Suche nach Zugehörigkeit wird als Motor des Handelns inszeniert.
Insgesamt lässt sich Pan als Versuch lesen, ein vertrautes Erzählgut in eine neue visuelle und kulturelle Sprache zu überführen. Der Film spricht damit nicht nur das nostalgische Bedürfnis des Publikums an, sondern fordert zugleich eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie Gegenwart Mythen formt und wie diese Formen umgekehrt die Gegenwart kommentieren.
Filmkritik von Peter Osteried
Die bildgewaltige Vorgeschichte von Peter Pan
Man kann altbekannte Geschichten und Klassiker auf die immer selbe Art erzählen – oder ihnen aber neue Facetten abgewinnen. Gerade Hollywood setzt gerne auf ersteres, Joe Wright hatte mit Pan jedoch ein Drehbuch zur Verfügung, mit dem er wirklich glänzen kann. Denn man taucht hier in die Ursprungsgeschichte von Peter Pan ein, womit sich allerhand Freiheiten ergeben, die dergestalt sind, dass man den Primärtext bzw. die Disney-Verfilmung mit anderen Augen sehen kann.
Der 12-jährige Peter (Levi Miller) lebt in einem Waisenhaus, glaubt aber fest daran, dass seine Mutter ihn eines Tages holen wird. Geholt wird er jedoch von den Piraten von Nimmerland, für die die Waisen Nachschub für die Arbeit in den Minen darstellen. Denn Kapitän Blackbeard (Hugh Jackman) lässt nach Feenstaub suchen. Zusammen mit dem Halunken James Hook (Garrett Hedlund) entflieht Peter, um seiner Bestimmung gerecht zu werden. Er soll den Aufstand gegen die Piraten anführen.
Wright präsentiert ein Fest fürs Auge. Die Bilder, die er hier auf die Leinwand zaubert, lassen erschauern und erbeben. Eine solche Pracht, eine solch extreme Liebe zum Detail, eine solche Flut der Augen übergehen lassenden Optik hat man schon lange nicht mehr gesehen. Die fliegenden Schiffe, Luftkämpfe mit Flugzeugen der Royal Air Force, Wasserblasen, die am Himmel schweben und von Fischen bevölkert sind und eine grandiose Version von Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ sind nur wenige Beispiele für die Wucht, mit der dieser Film den Zuschauer von den Füßen fegt.
Wright bringt hier die Sensibilität ein, die er als Macher großer Dramen wie Abbitteschon häufig offenbart hat, aber er hat auch das Verständnis dafür, große Effektspektakel umzusetzen, ohne in der damit einhergehenden Flut an Bombast zu ersticken. Im Gegenteil, er weiß das Spektakuläre zu nutzen, während seine archetypischen Figuren allesamt auf einer persönlichen Reise sind. Auch das macht Pan so reich. Er funktioniert auf mehreren Ebenen und vergisst niemals die emotionale Entwicklung seiner Figuren. Allenfalls Jackmans Figur Blackbeard tritt deutlich zurück – ihr fehlt ein wenig die hintergründige Entwicklung, auch wenn es sogar für ihn eine Geschichte gibt, die sie dreidimensionaler werden lässt. Vor allem aber setzt Wright hier auf die Präsenz von Jackman, dessen erster Auftritt (Stichwort: Reling) zu den ganz großen Kinomomenten des Jahres gehört.
Besondere Erwähnung verdient Garrett Hedlund, der als James Hook, der spätere Erzfeind von Peter Pan, hier als Ganove mit dem Herz auf dem rechten Fleck gezeigt wird. Daraus bezieht der Film eine Tragik, die vor allem deswegen funktioniert, weil man weiß, wie es um die beiden Freunde später bestellt sein wird. Es ist, wie es am Anfang so schön gesagt wird: Aus manchen Freundschaften entstehen die größten Feindschaften.
Pan ist ein technisch wie inhaltlich mitreißender Film, der auch die dritte Dimension gut einzusetzen weiß. Wrights Film ist eines der wenigen Beispiele, wo diese Technik einen Mehrwert bietet.

