kritiken.de› Filme›
Filme

Nix wie weg - vom Planeten Erde

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 29.05.2014
Nix wie weg - vom Planeten Erde© Splendid Film / Sony Pictures Releasing
A ca. 1745 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Nix wie weg - vom Planeten Erde: Animationskino zwischen Pop-Heldenmythos und familiärer Bodenhaftung

Einleitung

Mit Nix wie weg - vom Planeten Erde tritt ein Mainstream-Animationsfilm an, der das Spannungsfeld zwischen heroischer Großklappe und häuslicher Alltagsverantwortung auslotet. Der Film verhandelt populäre Bilder von Weltraumabenteuern und Prominenz mit einer zugänglichen, visuell aufgeladenen Erzählweise - nicht zuletzt, um ein Familienspektakel zu bieten, das Kinder anspricht und Erwachsene mit subtextuellen Schnitten bei der Stange hält. In der Verknüpfung von Science-Fiction-Ikonographie und familiärem Narrativ liegt seine kulturelle Relevanz: Er reflektiert die anhaltende Neigung des Animationskinos, große Themen in kleinen, affektiven Geschichten zu spiegeln.

Für das Publikum der 2010er Jahre ist der Film auch ein Dokument der Konvergenz von Hollywood-Starcasting und CGI-Animation. Die Besetzung mit bekannten Stimmen wie Brendan Fraser, Rob Corddry und Ricky Gervais markiert eine Strategie, die Prominenz als Vertrauenssignal für Familienproduktionen nutzt - ein Trend, der die Produktausrichtung und das Marketing gleichermaßen prägt. Insofern steht der Film stellvertretend für eine Periode, in der Animationsfilme verstärkt als globale Markenprodukte gedacht werden.

In ästhetischer und thematischer Hinsicht lässt sich der Film in eine Tradition einordnen, die Abenteuerlust und familiäre Werte nicht als Widerspruch, sondern als sich ergänzende Pole präsentiert. Diese Doppelgestalt macht den Film für kulturkritische Betrachtungen interessant: Er vermittelt ein modernes Bild von Mut und Verantwortung, ohne dabei auf die Formeln des Animationskinos verzichten zu müssen - schnelle Gags, farbintensive Bildkompositionen und eine stringente, auf Emotionalität ausgerichtete Dramaturgie.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Cal Brunker, dessen Handschrift sich durch eine Vorliebe für temporeiche Inszenierung und eine auf das Publikum ausgerichtete Erzähltechnik auszeichnet. Brunker kommt aus dem Bereich der CGI-Animation und hat zuvor an mehreren Animationsprojekten gearbeitet, wobei sein professioneller Fokus auf der Umsetzung von komödiantischen Actionsequenzen liegt. Nix wie weg - vom Planeten Erde kann als sein Versuch gelesen werden, diese formale Energie in einen abendfüllenden Familienfilm zu überführen.

Die Produktion entstand im Umfeld nordamerikanischer Animationsstudios, die in den 2010er Jahren verstärkt Mittelklasse-Produktionen realisierten, die zwischen Indie-Charme und Blockbusterästhetik verorten sind. Technisch arbeitet der Film mit der vertrauten CGI-Palette jener Zeit - glatte Texturen, starke Farbkontraste und eine klare Figurenästhetik, die auf sofortige Erkennbarkeit ausgelegt ist. Budget und Studiorahmen sind so kalkuliert, dass kinotaugliche Animationen und ein namhaftes Sprecherensemble realisierbar wurden - ein Produktionsweg, der den kommerziellen Anspruch genauso bedient wie die gestalterische Freiheit innerhalb des Genres.

Im Gesamtwerk von Brunker nimmt dieser Film die Stellung eines frühen Langfilms ein, der seine narrativen und visuellen Neigungen auslotet. Er zeigt eine Regie, die sich auf rhythmische Montage, gag-orientierte Szenenkomposition und die synthetische Verbindung von Herz- und Actionmomenten konzentriert - Qualitätsmerkmale, die Brunkers spätere Arbeiten prägen sollten.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Brendan Fraser gibt im Film die Stimme des charismatischen Astronauten Scorch Supernova - ein Typus von Actionheld, der auf Selbstdarstellung und öffentliche Anerkennung angewiesen ist. Fraser, bekannt aus Hollywood-Produktionen, bringt die erwartete Kombination aus Schmeichelei und Pathos in die Rolle, die die Heroenklischees des Genres personifiziert.

Rob Corddry steht ihm als Gary gegenüber, der zurückgezogene, vernünftige Bruder. Corddry, aus der Comedy-Szene kommend, verkörpert hier das Gegenteil des Rampensterns: einen bodenständigen Charaktermenschen, dessen Vorsicht und Alltagsverantwortung den emotionalen Kern der Geschichte liefern. Jonathan Morgan Heit spricht eine jüngere Figur im familiären Umfeld - das heranwachsende Familienmitglied, das die emotionalen Auswirkungen von Risiko und Mut spürbar macht.

Jessica Alba, Sofía Vergara, Ricky Gervais, Paul Scheer, Jason Simpson und Sarah Jessica Parker komplettieren das Ensemble als Stimmenfiguren, die unterschiedliche Facetten der Welt verkörpern - von glamourösen Auftritten bis zu trockenen, bürokratischen Kommentaren. Ihre Präsenz fungiert weniger als psychologische Tiefenbohrung denn als stimmliche Typisierung: Jede Stimme trägt zur Tonalität des Films bei und akzentuiert die Figuren als archetypische Vertreter von Öffentlichkeit, Wissenschaft, Politik und familiärem Umfeld.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Erzählung zentriert sich auf zwei Brüder, deren verschiedene Lebensentwürfe die treibende Spannung erzeugen. Der eine ist ein gefeierter Raumfahrer, Symbol für nationale und mediale Anerkennung; der andere ein bodenständiger Familienmensch, der sich um Haushalt und Kind kümmert. Als ein Ereignis von außen - ein unerwarteter Kontakt mit einer fremden Macht - beide in eine Krise zwingt, geraten ihre unterschiedlichen Prioritäten in Konflikt. Der dramatische Konflikt entsteht aus der Kollision von öffentlichem Heldentum und privater Verantwortung - ein Grundgerüst, das sowohl komödiantische Situationen als auch emotional aufgeladene Momente ermöglicht.

Die Figuren sind klar konturiert: der überzeichnete Held, der skeptische Bruder, das kindliche Bindeglied und ein Spektrum an Nebenfiguren, die als Spiegelungen und Katalysatoren fungieren. Tonal bewegt sich der Film zwischen heiterer Komik und sentimentaler Wärme - visuell hell, akustisch aufklärerisch, narrativ auf Auflösung und Versöhnung angelegt. Atmosphärisch bleibt er dabei familienfreundlich, vermeidet jedoch die banale Verflachung seiner zentralen Themen.

Zentrale Themen und Motive

Zentrales Thema ist das Spannungsverhältnis von Abenteuerlust und Verpflichtung. Der Film fragt, was es bedeutet, ein Vorbild zu sein und welche Kosten damit für diejenigen verbunden sind, die zurückbleiben. Dabei beleuchtet er auch die Medialisierung von Heldentum - wie öffentliche Bilder private Realitäten überlagern und wie eine Gesellschaft ihre Anerkennung verteilt.

Philosophisch steht das Werk in einer Tradition, die individuelle Selbstverwirklichung gegen Gemeinschaftssinn ausspielt. Psychologisch zeichnet es Figuren, die zwischen Narzissmus und altruistischer Fürsorge schwanken und zeigt, wie Identität in Relation zu Familie und Öffentlichkeit entsteht. Gesellschaftlich reflektiert der Film die Sehnsucht nach klaren, positiven Vorbildern in einer zunehmend komplexen Medienlandschaft und diskutiert - auf populärem Niveau - die Frage nach Verantwortlichkeit in Zeiten technologischer und politischer Unübersichtlichkeit.

Motivisch nutzt der Film das Bild des Weltraums als Projektionsfläche für Sehnsüchte und Ängste - ein Ort, an dem Größe und Isolation zugleich erfahren werden. Im narrativen Gefüge dient die Reise ins Unbekannte nicht nur der äußeren Handlung, sondern auch der inneren Entwicklung der Figuren: Flucht wird zur Metapher für das Streben nach Anerkennung, Rückkehr zur Erkenntnis, dass Bindungen und alltägliche Verantwortlichkeiten nicht einfach hinter sich gelassen werden können.

Filmkritik von Martin Beck

Ein animiertes Riff auf klassische Invasionsklischees? Hört sich nach einer interessanten Idee an – wenn da nicht „Monsters vs. Aliens“ und „Planet 51“ wären, die das ebenfalls schon umgesetzt haben...und „Nix wie weg – vom Planeten Erde“ aus dem Stand einen lauwarmen Blaupausen-Mantel anziehen. Besonders „Planet 51“, bei dem ein Astronaut einen grünlichen Alien-Planeten besucht und dort auf einmal als Außerirdischer gilt, könnte glatt als erster Teil zu diesem Werk hier durchgehen – in dem blaue, dezitiert nette Aliens auf der Erde landen und sogleich in die Fänge sinistrer Menschen geraten.

Egal ob die Außerirdischen nun grün oder blau sind – sie sind diesmal die Guten, die Knuffigen, und die Menschen, die normalerweise nichts weiter wollen, als ihre geliebte Erde zu verteidigen, schlüpfen dafür in die Rolle der Bösen – hier verkörpert vor allem durch General Shanker, der unterhalb der Area 51 etliche Außerirdische gefangen hält und dank ihnen zum Beispiel Handys, das Internet oder CGI-Filme erfinden konnte. Sein neuester Coup nun: Die Entwicklung einer Superwaffe, mit der man ganze Planeten sprengen kann.

Planeten wie Baab, auf dem die blauen Helden von „Nix wie weg – vom Planeten Erde“ leben. Eigentlich ist Scorch Supernova, ihr heldenhafter Anführer, nur deshalb auf dem „dunklen Planeten“ (=der Erde) gelandet, um eine Rettungsmission zu absolvieren, doch nach der Gefangennahme durch General Shanker geht es nun natürlich um wesentlich mehr – auch für seinen nerdigen Bruder Gary, der schleunigst eine „from zero to hero“-Wandlung absolvieren muss, um a) den Bruder zu retten, b) Baab zu retten und c) endlich den Respekt seines Sohnes zu gewinnen.

Was sonst noch bei „Nix wie weg – vom Planeten Erde“ passiert, braucht man wohl kaum gesondert erwähnen, denn allzu überraschend ist das Drehbuch (unter anderem verfasst von Regisseur Cal Brunker) wahrlich nicht ausgefallen. Ausgehend von einer zumindest netten Grundidee -egal wie neu sie inzwischen noch ist- entwickelt sich schnell ein übliches Animationsszenario, das seine standardisierte Geschichte natürlich noch mit rasanter (3D-)Action, zahlreichen Popkultur-Referenzen, nach Hause gehämmerten Familienwerten und einer besorgniserregenden Anzahl alberner Körperfunktionsgags anreichert.

„Business as usual“ also, zumindest was Animationsfilme aus der zweiten Reihe angeht. „Nix wie weg – vom Planeten Erde“ kann zwar aufwändige Animationen vorweisen, aber das inhaltliche Fleisch an den Rippen macht schon bald klar, hier nicht mehr als einen Zwischensnack vor dem nächsten Pixar- oder Dreamworks-Ausrufezeichen vor sich zu haben. Der Film positioniert sich als schales Leichtgewicht, das der Aufmerksamkeitsspanne klar minderjähriger Kinder ein hohes Tempo, viele bunte Farben und einen auf TV-Cartoon-Niveau rangierenden Humorpegel kredenzt. Hauptsache schön hektisch, dann bleibt schon etwas kleben. Als besonderes Geschenk ertönt jedes Mal, wenn jemand hinfällt, ein Furzgeräusch.

Ha ha? Ha ha. Zur Ehrenrettung darf gesagt werden, dass Erwachsene auch ein paar Lacher ernten dürfen, wenn zum Beispiel in einem Drive-In-Kino „Gefahr aus dem Weltall“ gezeigt wird und die 3D-Effekte erst dann zünden, als ein Raumschiff durch die Leinwand rast. Über weite Strecken jedoch ist das eine reine Kinderveranstaltung, die maximal nicht langweilt und dazu dann ganz große Liebe für sowohl lahme als auch bereits jetzt schon veraltete Popkultur-Zitate entwickelt – inklusive drastischem „Product Placement“ (die erste Landung auf der Erde passiert vor einem 7-Eleven) und der durchaus irritierenden Vorstellung, dass das Leben auf Baab von einem kaum veränderten Abbild amerikanischer Unterhaltungskultur bestimmt wird.

Als Science Fiction kann das eigentlich nicht mehr bezeichnet werden, und von der Hoffnung, dass ein guter Teil des Films dem „culture clash“ zwischen Blau und Fleischfarben gewidmet ist, muss man sich leider auch verabschieden. Nachdem Scorch und Gary auf der Erde gelandet sind, verlagert sich die Handlung sofort in das unterirdische Area-51-Gefängnis, wo dann zum wiederholten Mal der Verdacht aufkeimt, dass viele der hier auftretenden Figuren schon mal zum Beispiel in „Toy Story“ zu sehen waren. Oder in den „Monster AG“-Filmen. Oder in „Monsters vs. Aliens“. Scorch Supernova = Buzz Lightyear? Diesen Prozess, sofern er denn mal angestrengt wird, dürfte Pixar auf jeden Fall gewinnen.

Apropos: „Nix wie weg – vom Planeten Erde“ war sechs Jahre in Produktion, weil erst diverse Prozesse ausgefochten werden mussten und die Weinstein Company, die den Film finanziert hat, mindestens 17 (jawohl, SIEBZEHN!) Rewrites in Auftrag gab. Das kanadische Effektestudio Rainmaker, das zuvor zum Beispiel bei „I, Robot“ oder „Nachts im Museum“ aktiv war, gab hiermit seinen Ein- und wohl auch gleich wieder Ausstand auf Spielfilmlänge. Zwar ist der Film kein Flop, aber als großer Hit kann er auch nicht bezeichnet werden. Man merkt einfach deutlich, dass hier zu viele Kompromisse nach unten gemacht wurden, so dass selbst die (in der Originalfassung) imposante Sprecherriege namens Brendan Fraser, Jessica Alba, Sarah Jessica Parker und William Shatner keinen entscheidenden Boden mehr gutmachen kann.

„Nix wie weg – vom Planeten Erde“ ist animierte Konfektionsware, trotz ansehlicher Produktion. Die Erwachsenen dürfen sich beim Popcorn-Stand zusammenrotten und die Kinder lachen währenddessen über die Hinfallfürze.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de