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Maps To The Stars

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kritiken.de Redaktion 11.09.2014
Maps To The Stars© MFA
A ca. 1749 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Maps To The Stars - die kalte Anatomie des Ruhms in Cronenbergs Los Angeles

Einleitung

Maps To The Stars rückt das Phänomen Prominenz in den diagnostischen Fokus eines Regisseurs, der seit Jahrzehnten die Verletzlichkeit von Körpern und Identitäten auslotet. Der Film entfaltet in präziser Schärfe eine Welt, in der Authentizität zur Ware, Trauma zur Inszenierung und Erinnerungsbilder zur Waffe werden. Seine Relevanz liegt weniger in der Rekonstruktion einer Boulevardgeschichte als in der schonungslosen Kartierung jener Mechanismen, die Orte wie Hollywood zu einem sozialen Operationssaal machen.

Im Kontext von David Cronenbergs Werk markiert der Film eine Fortsetzung thematischer Linien: nicht mehr primär die organische Mutation, sondern die Mutation des Selbst unter dem Einfluss medialer Strukturen. Die Perspektive verlagert sich von physischer Entfremdung hin zu psychischer Korrumpierung; das Resultat ist ein Kammerspiel der Selbstauslieferung, das mit klinischer Präzision die Pathologien einer Industrie beschreibt, die sich an seelischen Narben nährt.

Entstanden in einer Zeit, in der soziale Medien und Celebritykultur alltägliche Quellen für Mischung aus Voyeurismus und Selbstvermarktung sind, liest sich Maps To The Stars als zeitdiagnostischer Kommentar. Der Film spiegelt einen gesellschaftlichen Zustand wider, in dem die Grenzen zwischen Therapeut, Agent, Patient und Publikum zunehmend verschwimmen und die private Katastrophe zum öffentlich konsumierbaren Ereignis wird.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte David Cronenberg, dessen Handschrift sich durch eine präzise, oft kühl-elegante Bildführung und ein Interesse an Grenzzuständen auszeichnet. In Maps To The Stars arbeitet er erneut mit einem Ensemble internationaler Schauspieler und verlagert seine thematische Obsession - die Verwundbarkeit des Körpers und des Ichs - auf das Terrain der Medienökonomie. Das Drehbuch stammt aus der Feder eines Autors, der die Welt der Unterhaltung mit beißendem Blick kennt und deren Figuren psychologisch bis an den Rand auslotet.

Die Produktion ist als internationale Koproduktion angelegt, was dem Film eine hybride Finanzierungs- und Realisierungssituation gibt und zu Cronenbergs Praxis passt, mit kanadischen und europäischen Partnern zu arbeiten. Gedreht wurde unter Bedingungen, die den oft familiären Arbeitsstil des Regisseurs reflektieren: ein enges Set, auf das er seine präzise Regiearbeit fokussiert. Premiere und Festivallauf - darunter die Vorstellung bei einem der großen Filmfestivals 2014 - trugen maßgeblich zur öffentlichen Wahrnehmung bei und machten den Film zu einem Diskussionsgegenstand für Kritiker und Cineasten.

Im Gesamtwerk Cronenbergs nimmt Maps To The Stars eine Position ein, die weniger als Umdrehung als vielmehr als konsequente Fortsetzung verstanden werden sollte: dieselben Fragen nach Kontrolle, Simulation und Verletzlichkeit erhalten hier eine neue, sozioökonomisch geladene Form.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Julianne Moore übernimmt eine zentrale Rolle als abgestürzte Schauspielerin, deren Aura von Erfolg und Verfall zugleich geprägt ist. Moore, lange eine Gestalt der amerikanischen Filmwelt mit Rollen von unabhängigen Dramen bis zu großformatigen Psychogrammen, bringt die Erfahrung einer Darstellerin mit, die öffentliche Persona und private Zerbrechlichkeit zu verschränken vermag.

Mia Wasikowska, bekannt geworden durch Rollen, die oft eine latent entrückte, introvertierte Dynamik besitzen, verkörpert hier eine Figur, deren Innensicht und entfremdete Präsenz die narrative Spannung tragen. Robert Pattinson, der in den vergangenen Jahren sein Profil mit anspruchsvolleren, oft sperrigen Rollen geschärft hat, fügt dem Ensemble eine ambivalente Energie hinzu. John Cusack bringt sein historisch gewachsenes Image als charismatischer Charakterdarsteller in eine Rolle, die das familiäre und therapeutische Gefüge spiegelbildlich erweitert.

Weitere Ensemblemitglieder, darunter etablierte und jüngere Schauspielerinnen und Schauspieler, vervollständigen ein Geflecht von Figuren, deren Beziehungen zueinander das soziale Klima des Films ausmachen. Die Besetzung liest sich als bewusst kalibriertes Kollektiv, das zwischen Glamour und seelischer Nacktheit oszilliert.

Handlung (spoilerfrei!)

Maps To The Stars setzt in einem urbanen Kosmos an, der von der Kultur des Scheins dominiert wird. Im Zentrum stehen Figuren aus verschiedenen Rängen der Unterhaltungsindustrie: eine ehemals gefeierte Darstellerin, eine junge Frau mit einer verworrenen Biografie, Angehörige einer therapeutischen Familie und die Funktionsträger des Business. Diese Protagonisten kreuzen einander, nicht durch lineare Karrierepfade, sondern über Verstrickungen von Erinnerung, Ehrgeiz und verletzter Erwartung.

Der dramatische Konflikt entfaltet sich aus der Kollision persönlicher Traumata mit dem ökonomischen Druck einer Branche, die Identität in Nutzbarkeit übersetzt. Statt einer klassischen Heldenreise ist der Film als Ensembledrama zu lesen, in dem Rivalität, Projektion und die Suche nach Anerkennung die Triebkräfte sind. Zentral sind Fragen nach dem Besitz an der eigenen Geschichte, nach Erben von Rollenbildern und nach der performativen Pflicht, sich selbst jederzeit zu vermarkten.

Tonal liegt der Film zwischen schwarzer Komödie und unterschwelliger Beklemmung. Die Atmosphäre ist durchsetzt von einer Kälte, die glamouröse Oberflächen entlarvt und zugleich eine latente Gewalt gegen die Psyche spürbar macht. Die Bildwelt bleibt dabei oft kontrolliert und distanziert, so dass das Gesehene an Wirkung gewinnt, ohne in melodramatische Ausbrüche zu verfallen.

Zentrale Themen und Motive

Maps To The Stars stellt Fragen nach Authentizität, Besitz und Wiederkehr. Ins Zentrum tritt die Idee, dass Ruhm nicht nur äußeres Prädikat, sondern eine Form seelischer Erkrankung sein kann - ein Zustand, der Erinnerung, Körper und Beziehungen neu ordnet. Der Film lotet die Mechanismen aus, durch die die Unterhaltungsindustrie Identität produziert, recycelt und entsorgt, und er zeigt, wie therapeutische Diskurse Teil jenes Recyclings werden können.

Philosophisch lässt sich der Film als Kritik an einer Kultur der Abbildungen lesen, in der das Reale durch simulierte Versionen seiner selbst ersetzt wird. Psychologisch interessiert er sich für Erbschaften von Schmerz und für die Möglichkeit, dass das Bedürfnis nach Anerkennung traumatische Muster reproduziert. Gesellschaftlich reflektiert er eine Epoche, in der Öffentlichkeit und Intimität miteinander verschmolzen sind und die Grenzziehungen zwischen Privatheit und öffentlicher Darstellung immer durchlässiger werden.

Ästhetisch werden Motive wie Spiegelung, Doppelgänger und die Konstruktion von Geschichten konsistent eingesetzt, um die Kernfrage zu verstärken: Wer besitzt die Vergangenheit, wenn sie zur Währung des Handels mit Gegenwärtigem wird? Cronenbergs Ansatz besteht nicht in einer moralisierenden Anklage, sondern in einer genauen, oft schonungslosen Bestandsaufnahme der Zustände, die das System am Laufen halten.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Der Titel des neuen Films von David Cronenberg könnte esoterische Assoziationen wecken: Karten zu den Sternen. Geht es um Horoskope? Oder doch um Menschen, die im sprichwörtlichen Sinne nach den Sternen greifen? Weit gefehlt, denn „Maps to the Stars“ bezieht sich auf recht banale Landkarten der Stadt Los Angeles, auf der die Villen der Hollywoodstars für Autogrammjäger eingezeichnet sind.

Doch vom hiermit versprochenen Glamour der Traumfabrik ist wenig zu spüren als Agatha (Mia Wasikowska) in der Limousine von Jerome (Robert Pattinson) die Hollywood Hills hinauffährt. Unheil liegt in der Luft. David Cronenberg gelingt von der ersten Minute an eine ungemein subtile Inszenierung, die beim Zuschauer immer wieder ein diffuses Unwohlsein hervorruft. Sind es die leicht schrägen Kamerawinkel, die das Bild buchstäblich aus dem Gleichgewicht bringen? Oder doch die Musik, die einem David Lynch Film entsprungen zu sein scheint? Was es auch immer ist, die Atmosphäre von „Maps to the Stars“ ist so dicht, dass sie alleinig den gesamten Film zu tragen imstande ist.

Dass ausgerechnet Robert Pattinson den Chauffeur Jerome Fontana verkörpert, ist Teil der humoristisch-satirischen Note des Konzepts. Zum einen wirkt es fast wie eine Spielerei den Twilight-Shooting-Star in einer derart kleinen Nebenrolle zu besetzen. Interessant ist auch Pattinsons Wechsel von der Rückbank in „Cosmopolis“ auf den Fahrersitz in „Maps to the Stars“, eine Anspielung, die Cronenberg hier mit Sicherheit bewusst einsetzt. Zugleich fungiert der Schauspieler Robert Pattinson – interessanter Weise in ähnlicher Art wie Twilight-Kollegin Kristen Stewart in „Clouds of Sils Maria“ - auf einer Metaebene als Vertreter einer Schauspielergeneration, die - wie auch bei Olivier Assayas – auf der Leinwand von einem anderen Darsteller verkörpert wird. Bei Cronenberg ist das Even Bird. Er mimt den Kinderstar Benjie Weiss, der bereits im zarten Alter von nur 13 Jahren eine klassische Hollywoodkarriere vorweisen kann. Drogenkrise und Entzug inklusive.

Hier zeigt sich der Kern von „Maps to the Stars“. Nach einem Drehbuch von Bruce Wagner, einst selbst Chauffeur in L.A., setzt sich der Film intensiv mit den Schattenseiten Hollywoods auseinander, wählt dabei jedoch weder die komödiantische Überzeichnung noch das abgründige Drama. Es ist das Wabern zwischen den Genres und die subtile Arbeit mit Anspielungen und Metaebenen, die maßgeblich die Wirkung des Films ausmachen. Ist der Cast von Robert Pattinson als Augenzwinkern des Regisseurs zu verstehen – nicht zuletzt hat Pattinsons Zusage die Finanzierung des Gesamtprojekts erst möglich gemacht – besticht die Wahl der übrigen Schauspieler vor allem durch ihre Treffsicherheit. Julianne Moore ist als abgehalftertes, neurotisches Hollywoodsternchen von gestern ebenso glorreich besetzt wie John Cusack als Selbsthilfeguru. Das Highlight stellt jedoch zweifelsohne Mia Waskowska als unheilvoll mysteriöse Agatha dar. In ihrem Blick spiegelt sich Unschuld ebenso wie menschliche Abgründigkeit. Mit ihrer Darstellung der schizophrenen und durch ein Feuer körperlich entstellten jungen Frau beweist Wasikowska, dass sie nicht nur in der Lage ist, zarte wie diabolische Figuren zu verkörpern, sondern vor allem dass ihr dies auch in ein und derselben Rolle gelingt.

David Cronenberg versteht es, seinem Publikum immer wieder Gänsehaut auf den Arm zu zaubern. Die Figuren auf der Leinwand werden von der Vergangenheit und ihrer eigenen Schuld heimgesucht. Die Geister, mit denen sie sich hierbei konfrontiert sehen, entspringen nicht dem Horrorgenre, wollen nicht schockieren oder gruseln, und verschieben doch auf höchst unangenehme aber funktionale Weise die Ebenen von Realität und Psychose. Feuer und Inzest ziehen sich als Motive durch diesen Film, der eine Reihe zunächst unabhängig wirkender Einzelschicksale schließlich zu einem grauenhaften Gesamtbild verbindet.

Der Twist auf halber Strecke ist im Grunde keiner und ebenso wenig ist die finale Eskalation in ihrer Alternativlosigkeit tatsächlich deprimierend, sondern auf perverse Weise tröstlich. Bruce Wagner erzählt seine Geschichte so geschickt, dass sich eins aus dem anderen ergeben muss, dass sich der Ablauf der Ereignisse mit einer schockierenden und doch ultimativ zu akzeptierenden Unvermeidbarkeit vollzieht. Am Ausgang der Geschichte steht schließlich keinerlei Zweifel und somit auch keinerlei Verzweiflung.

Schlau wird der Zuschauer aus dieser düsteren Hollywoodsatire trotzdem nicht. Die Dramaturgie ist flach, die Erzählung verworren. Die Botschaft einer korrumpierten, auf Macht und Ansehen fokussierten Gesellschaft ist viel zu alt, um eine andere Wirkung als Ermüdung zu erzielen. Und doch ist „Maps to the Stars“ ein Film, der nicht loslässt, weil er nicht nur seine Charaktere, sondern auch die Zuschauer zielsicher an ihren verletzlichsten Punkten berührt. Er zeigt erbarmlos auf die Stellen, die wir nicht sehen, nicht fühlen wollen. Er greift dahin, wo es weh tut. So wie John Cusack als Dr. Stafford Weiss, wenn er über der entkleideten Julianne Moore kniet und ihrer Filmfigur das Kindheitstrauma austreibt, mit vollem Körpereinsatz arbeitet, packt auch „Maps to the Stars“ seine Figuren mit voller Kraft an ihren Schwachstellen, weidet sich an ihrem Elend und lässt sie genüsslich in ihr Verderben rennen. Und all das mit einer Ruhe und Gelassenheit, die uns auf völlig unerwartete Art und Weise das Grauen lehrt. Das ist bösartig und beängstigend, aber vor allem großartiges Filmhandwerk.

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