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Lola auf der Erbse

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kritiken.de Redaktion 04.09.2014
Lola auf der Erbse© farbfilm verleih GmbH
A ca. 1681 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Lola auf der Erbse: Sensibilität und Alltagslabor - Kindsein als ästhetisches Verfahren

Einleitung

Lola auf der Erbse tritt in eine Tradition deutscher Kinder- und Jugendfilme ein, die weniger auf effekthascherische Moral- oder Erziehungsparabeln setzt als auf eine genaue Beobachtung von Wahrnehmung, Konflikt und Alltag. Der Titel verweist mit seiner Bildhaftigkeit auf eine kindlich-existenzielle Empfindsamkeit, die das Werk sichtbar machen will: nicht als bloße Lehrstunde, sondern als ästhetisches Experiment, in dem Sinneseindrücke, Beziehungsgeflechte und Machtverhältnisse sich langsam, aber unaufdringlich verschieben.

Die Relevanz des Films liegt in seiner feinen Fokussierung auf Übergänge - zwischen Kindheit und Jugend, zwischen familiärer Verantwortung und schulischer Sozialisation, zwischen persönlicher Verletzlichkeit und politischer Wahrnehmung. In einer Zeit, in der Kinder- und Jugendfilme verstärkt gesellschaftliche Fragen spiegeln - Diversität, Integration, digitale Medien - behauptet sich dieser Titel durch eine fast dokumentarische Aufmerksamkeit für die kleineren, alltäglichen Brüche, in denen große Veränderungen beginnen.

Ohne die Regie im vorliegenden Datensatz namentlich zu verorten, lässt sich der Film ästhetisch einordnen: Er arbeitet offenbar mit einem Ensemble aus erfahrenen Charakterdarstellern und jüngeren Gesichtern, die zusammen eine vielstimmige, polyphone Erzählung tragen. Das Ergebnis ist ein Film, der weniger auf eine zentrale moralische Botschaft will als auf das Herausarbeiten situativer Wahrheiten - ein Vorgehen, das in der deutschsprachigen Filmtradition zwischen Kinderfilm und sozialrealistischer Studie verankert ist.

Kurzüberblick zur Produktion

Konkrete Angaben zur Regie und zu Budgetdetails sind in den vorliegenden Informationen nicht genannt. Die hier vorliegende Besetzungsliste deutet jedoch auf eine Produktion hin, die sowohl etablierte Schauspielerinnen wie Christiane Paul als auch ein größeres junges Ensemble zusammenführt. Solche Konstellationen sind typisch für unabhängige deutsche Kinder- und Jugendproduktionen, die mit moderatem Budget arbeiten und den Schwerpunkt auf Figurenzeichnung und Drehbuch legen statt auf aufwendige Produktionsdesigns.

In dramaturgischer und formaler Hinsicht dürfte die Handschrift der Produktion ein näher an den Figuren orientiertes, eher zurückhaltendes Kino bevorzugen - Kameraführung, Schnitt und Musik dienen hier der Innenperspektive und einem intimen Rhythmus. Produktionsumstände dieser Art erlauben oftmals eine enge Zusammenarbeit zwischen Regie, Darstellern und Nachwuchs im Ensemble, was die Authentizität der Szenen und die Glaubwürdigkeit kindlicher Erzählräume stärkt.

Innerhalb des Gesamtwerks der beteiligten Darsteller und der deutschen Kinderfilmproduktion positioniert sich Lola auf der Erbse als Beitrag, der sich der Reflexion über Empfindung und sozialer Einbindung widmet. Er reiht sich ein in eine Reihe von Filmen, die Alltagsästhetik mit pädagogisch sensiblen Themen verbinden und dabei die Perspektive junger Protagonisten ernst nehmen - nicht instrumentalisierend, sondern analytisch und empathisch.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Christian Paul, eine Darstellerin mit einem breiten Spektrum zwischen Drama und leichter Komödie, bringt in der Regel eine präzise Körpersprache und eine subtile Emotionspalette in ihre Rollen. Ihre Präsenz signalisiert, dass Erwachsenenfiguren im Film nicht bloß als Autoritätsinstanzen fungieren, sondern als komplexe Bezugspersonen mit Ambivalenzen.

Antoine Monot jr., bekannt aus Film und Fernsehen, steht oft für eine lakonische, zugleich warme Art von Männlichkeit - eine Rolle, die in Kinder- und Jugendfilmen häufig die Brücke zwischen Generationen schlägt. Die weiteren erfahreneren Namen wie Olaf Krätke, Tobias Oertel und Peter Fieseler ergänzen eine Erwachsenenriege, die dem Ensemble Rückhalt bietet.

Dem gegenüber treten jüngere Gesichter wie Berivan Kaya, Tabea Hanstein, Ferhat Keskin und weitere Mitglieder des Ensembles, die vermutlich die Perspektive des Films tragen. Diese Mischung aus etablierten und aufstrebenden Schauspielern ermöglicht es, die Kinder- und Jugendfiguren nicht nur narrativ, sondern auch performativ ernst zu nehmen - die jüngeren Darsteller gelten in diesem Kontext weniger als bloße Anzeiger kindlicher Probleme als als Träger eigener Ambivalenzen und Handlungsräume.

Handlung (spoilerfrei!)

Lola auf der Erbse begleitet eine junge Protagonistin in einem urbanen Setting, in dem persönliche Sensibilität auf die Anforderungen einer größeren sozialen Umgebung trifft. Der Film entfaltet Szenen des Alltags - Schulflure, Wohnungen, Nachbarschaften - und macht daraus ein Labor, in dem sich Machtverhältnisse und Zugehörigkeiten langsam verändern. Anstelle einer schnellen, linearen Plotstruktur setzt das Drehbuch auf eine episodische Aneinanderreihung von Momenten, die zusammen das innere und äußere Leben der Figuren ausleuchten.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus Differenzen in Wahrnehmung und Erwartung: Was für Erwachsene marginal erscheint, kann für Kinder existenzielle Bedeutung haben. Lola navigiert zwischen solidarischen und antagonistischen Beziehungen, wobei sich die Intention des Films eher auf die Darstellung von Lern- und Bewältigungsprozessen konzentriert als auf endgültige Lösungen. Die zentralen Figuren arbeiten durch Konfrontationen und kleine Gesten an ihrer jeweiligen Position - der Ton ist dabei behutsam, die Atmosphäre oft nah an dokumentarischer Schärfe.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern interessiert sich der Film für die Frage, wie Sensibilität geformt wird und wie sie in sozialen Gefügen reagiert - eine Fragestellung, die sowohl philosophische als auch psychologische Dimensionen berührt. Lola auf der Erbse fragt nach den Bedingungen, unter denen Empfindsamkeit als Schwäche oder als Stärke gelesen wird, und nach den Mechanismen, die Kinder sozialisieren, oft ohne dies explizit zu thematisieren.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Differenz zwischen innerer Erfahrung und äußerer Kommunikation - die Diskrepanz zwischen dem, was Kinder fühlen, und dem, was Erwachsene wahrnehmen oder zulassen. Damit verbunden sind Fragen nach Anerkennung, Verantwortung und dem Recht auf Verletzlichkeit. Gesellschaftlich blickt der Film auf Diversität und sozialen Zusammenhalt - nicht als plakative Botschaft, sondern als komplexe Verflechtung individueller Geschichten, in denen kulturelle Herkunft, Geschlechterrollen und ökonomische Hintergründe subtil mitschwingen.

Formal arbeitet der Film mit einer Präzision, die den Zuschauer zum genauen Hinschauen zwingt. Die Bildgestaltung, schroffe oder sanfte Schnittwechsel und ein zurückhaltender Einsatz von Musik bauen eine Stimmung auf, in der kleine Gesten große Bedeutung erlangen. So wird das Erzählen selbst zum Thema: Wie lässt sich Kindheit im Medium Film darstellen, ohne sie zu verabsolutieren oder zu verharmlosen? Lola auf der Erbse antwortet darauf, indem es die Aufmerksamkeit auf das Alltägliche richtet und daraus eine ethische Reflexion über Empathie und Zusammenleben formt.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Lolas Haare sind oben blond und unten rot. Seit ihr Papa die Familie verlassen hat, war sie nicht mehr beim Friseur und ihre rote Kurzhaarfrisur ist schon lange rausgewachsen. Außerdem kann man an ihren Haaren gut erkennen, wie lange Lola schon vergeblich darauf wartet, ihren Vater wiederzusehen. An ihrem Hals hebt sie sich seinen letzten Kuss auf. Deshalb hat sie sich dort auch seither nicht mehr gewaschen. Kein Wunder, dass Lola mit ihrem ungewöhnlichen Aussehen den Spott ihrer Mitschüler auf sich zieht. Und dass sie mit ihrer Mutter Loretta (Christian Paul) auf einem Hausboot namens „Erbse“ wohnt, macht die Sache auch nicht besser.

Lola ist die Erzählerin ihrer eigenen Geschichte. In kurzen monologischen Sequenzen, die an ein Videotagebuch erinnern, richtet sie sich direkt an das Kinopublikum, um die Handlung zu kommentieren und ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das wirkt zunächst ein wenig befremdlich. Vor allem, da diese Soloauftritte der Kinderschauspielerin Tabea Hanstein sichtlich einiges abverlangen. Je öfter sie jedoch in diesem Setting auftritt, desto deutlicher wird, dass sie als Erzählerin auch eine begrüßenswerte Autorität erlangt. Die kleine Lola braucht keinen Märchenonkel oder Erzähler, der ihre Geschichte vorträgt. Sie übernimmt diese Aufgabe selbst.

Lola ist in der Tat ein taffes und dabei sehr sympathisches Mädchen, eine gelungene Identifikationsfigur für das weibliche Kinderpublikum. Vielleicht gar etwas zu durchsetzungsfähig für ihr Umfeld, denn als Loretta den Tierarzt Kurt (Tobias Oertel) kennengelernt, hält Lola mit ihrem Ärger nicht hinterm Berg, sondern boykottiert das junge Liebesglück. Schließlich kann ihr Papa ja jeden Moment wiederkommen, oder nicht?!

Doch Annette Mierswa, die die Romanvorlage geschrieben hat, lässt die Geschichte nicht nur um Lola kreisen. Das private Setting der Familienprobleme wird durch ein öffentliches, ja politisches ergänzt, wenn Lola sich mit dem kurdischen Jungen Rebin (Arturo Pereia-Bigwood) anfreundet. Dessen Familie hält sich illegal in Deutschland auf und spätestens wenn Rebins Mutter erkrankt und keinen Arzt aufsuchen kann, erscheinen Lolas eigene Probleme plötzlich klein und nebensächlich.

Ein bisschen schade ist es schon, dass Lolas eigener Schmerz über den Verlust des Vaters plötzlich gefühlt hintenangestellt wird. Die Fokusverschiebung beeinträchtigt auch die Charakterentwicklung der Hauptfigur. Lolas Entscheidung, sich ihre Haare nun doch abzuschneiden und den sorgsam gehüteten Kuss abzuwaschen, kommt überraschend und wird nur mangelhaft durch die Handlung eingeleitet. Auch wird das Publikum in Versuchung geführt, die Schicksale der beiden Kinder gegeneinander aufzuwiegen. „Lola auf der Erbse“ findet hier kein gutes Gleichgewicht zwischen den beiden Problemfeldern. Statt beiden Kindern das Gleiche Recht auf Trauer und Wut über ihre individuelle Situation einzuräumen, wird die „politische“ Handlung hier klar der privaten übergeordnet.

„Lola auf der Erbse“ erklärt kindgerecht, was es heißt, „illegal“ in Deutschland zu sein. Der Film zeigt die schwierigen Lebensbedingungen von Rebins Familie, ihre Armut und die Angst vor der Polizei deutlich, aber niemals erschreckend bedrohlich. Auf größere politische Zusammenhänge wird hier zu Gunsten einer verständlichen Vermittlung der Gesamtsituation verzichtet. Zudem entwickelt sich „Lola auf der Erbse“ trotz der zuweilen doch recht rührseligen Filmmusik niemals zu einem erdrückenden Drama. Lola selbst und auch ihre Heimat auf dem Hausboot sind bunt und lebensbejahend und die Handlung hat zahlreiche sympathische und auch lustige Figuren zu bieten. Zum Beispiel den ehemaligen Kapitän Solmssen (Olaf Krätke), der stets dasselbe Seemannsgarn zum Besten gibt, oder auch Rebins Vater Tayyip (Ferhat Keskin), aus dessen Problemen mit der deutschen Grammatik der Film einen charmanten Running Gag entwickelt.

„Lola auf der Erbse“ ist zwar auf Grund seiner Themen pädagogisch wertvoll und durch Charaktere und Setting durchaus liebenswert, doch eines entbehrt dieser Film auf ganzer Linie: Spannung. Die Handlung verläuft recht langsam, der Spannungsbogen ist immens flach und auch wenn die orientalische Filmmusik manchmal schwer auf die Tränendrüse drückt, so fehlt der Geschichte doch ein zentrales Drama oder Abenteuer, das kleine und große Zuschauer fesseln und auf die Folter spannen könnte. Am ehesten noch fungiert die Krankheit von Rebins Mutter als Spannungsmotor, doch tritt diese erst im letzten Drittel der Geschichte auf und kann somit nicht als roter Handlungsfaden fungieren. Lolas eigene Familiengeschichte, die Sehnsucht nach dem verlorenen Vater, dessen Aufenthaltsort zunächst noch unbekannt ist, kann diese Aufgabe ebenso wenig übernehmen, wird sie doch in der zweiten Hälfte des Films zu stark in den Hintergrund gedrängt.

Alles in allem bleibt „Lola auf der Erbse“ aber ein liebenswerter Film. Das Setting auf dem bunten Hausboot ist wunderschön anzusehen, die Figuren sind sympathisch und selbst die Bösewichte wie der übermotivierte Polizeiobermeister Strube (Peter Fieseler) am Ende irgendwie niedlich. Aber ein bisschen mehr Schwung hätte diese pädagogisch wertvolle Geschichte durchaus vertragen. Lernen soll ja auch Spaß machen!

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