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Inherent Vice - Natürliche Mängel

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kritiken.de Redaktion 12.02.2015
 Inherent Vice - Natürliche Mängel© Warner Bros. GmbH
A ca. 2152 Worte Lesezeit ca. 8 Minuten  📋 Inhalt

Inherent Vice - Natürliche Mängel: Paul Thomas Andersons lethargische Detektivballade zwischen Paranoia und Nostalgie

Einleitung

Inherent Vice - Natürliche Mängel betritt die Kinobühne als eine Art verschluffener Exerzitium in Nostalgie und Verwirrung. Als filmische Adaption des sperrigen Romans von Thomas Pynchon trifft Paul Thomas Anderson auf ein literarisches Material, das gewohnte Erzählkonventionen unterläuft. Die Relevanz des Films liegt weniger in seiner plotgetriebenen Klarheit als in seiner Fähigkeit, eine spezifische historische Stimmung - das Ende der 1960er Jahre und den beginnenden Zynismus der 1970er - sinnlich erfahrbar zu machen.

Für Anderson bedeutet dieses Werk eine bewusste Verschiebung innerhalb seines Oeuvres. Nach den eindringlichen Charakterstudien und formal stringenten Arbeiten der jüngeren Vergangenheit wählt er hier einen lockereren, assoziativen Modus. Das Resultat ist kein konventioneller Krimi, sondern ein filmisches Gleichgewicht zwischen Noir-Mechanik und traumwandlerischer Verworrenheit - ein Ton, der zugleich Paul Thomas Andersons Hang zur Dichte und seinen Willen zur atmosphärischen Verdichtung offenbart.

Der Film korrespondiert mit einem gesellschaftlichen Moment, in dem Misstrauen zum Normalfall wurde. Nixon-Ära, Überwachungsfantasien und die Kommerzialisierung ehemaliger Gegenkulturen sind nicht nur historische Kulissen, sondern motivenfördernde Kräfte, die das Geschehen durchziehen. Anderson macht diesen Zeitgeist nicht durch historische Rekonstruktion allein sichtbar, sondern durch eine formale Sprache, die Unsicherheit und Erinnerung gleichsam zur Erzählstrategie erhebt.

Kurzüberblick zur Produktion

Inherent Vice - Natürliche Mängel ist eine Adaption des Romans von Thomas Pynchon, die Paul Thomas Anderson mit seinem gewohnt präzisen, aber hier bewusst verschlepptem Rhythmus ins Kino überträgt. Anderson schrieb das Drehbuch selbst und orientierte sich dabei weniger an minutiöser Nacherzählung als an Ton und Bewegungslogik der Vorlage. Die Produktion war studiogestützt, zugleich jedoch auf kleinem bis mittlerem Budget angelegt, was Anderson erlaubte, seine Handschrift zu entfalten ohne die opulente Monumentalität mancher seiner früheren Projekte.

Handwerklich trägt die Arbeit von Kameramann und Komponisten maßgeblich zur Wirkung bei. Die Bildsetzung spielt mit einer weichen, leicht verwaschenen Farbpalette, die das Haze der Zeit spiegeln will. Der Soundtrack und die Musikwahl fungieren als emotionaler Kitt - sie verankern die Szenen in einem popkulturellen Gedächtnis, das zwischen Surfrock, Funk und orchestralen Zwischentönen oszilliert. Insgesamt zeigt sich die Produktion als Versuch, das Nicht-Aufgeräumte einer Epoche formal einzufangen - eine Absicht, die zu Andersons Suche nach erzählerischer Ambivalenz passt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum des Films steht Joaquin Phoenix als Doc Sportello, ein Privatdetektiv alter Schule, dessen Lethargie und Empathie die Erzählperspektive tragen. Phoenix bringt eine körperlich anwesende, in sich ruhende Unentschiedenheit in die Rolle - eine Performance, die weniger auf heroische Entschlossenheit als auf irritierende Schwebe setzt. Gegenüber ihm steht Katherine Waterston als Shasta Fay Hepworth, deren flüchtige Präsenz das narrative Zentrum destabilisiert; Waterston fungiert als Figur der Erinnerung und Verheißung, nicht nur als romantisches Interesse.

Josh Brolin gibt den harten, pragmatischen Detective Bigfoot Bjornsen - eine Figur, die das Gesetz repräsentiert und zugleich seine Unzulänglichkeiten zeigt. Benicio Del Toro übernimmt die Rolle des undurchsichtigen Sauncho Smilax, ein körperlicher Gegenspieler, der Gewaltpotenzial und rätselhafte Loyalität verkörpert. Owen Wilson als Coy Harlingen bringt eine nervöse Komik in die Ensemblestruktur, während Reese Witherspoon in einer ungewohnten Gangart als Penny Kimball die Zähigkeit staatlicher Instanzen zeigt. Die Besetzung ist bewusst breit angelegt - Anderson nutzt das Ensemble, um ein Geflecht aus Beziehungen und Widersprüchen zu zeichnen.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Handlung beginnt mit der Suche des Privatdetektivs Doc Sportello nach einer verschwundenen Freundin - ein klassischer Aufhänger, der jedoch rasch in ein Geflecht aus Mehrdeutigkeiten, politischen Interessen und persönlichen Verstrickungen übergeht. Zentral ist der Spannungsbogen zwischen individueller Suche und den größeren, unsichtbaren Kräften, die das Leben in der Nachkriegsmoderne ordnen wollen. Die Ermittlungen fungieren weniger als linearer Motor denn als Anlass für Begegnungen - zwielichtige Anwälte, halbseidene Geschäftemacher, korrupte Beamte und verlorene Idealisten kreuzen Docs Weg und verwischen die Konturen der Wahrheit.

Der dramatische Konflikt liegt in der Kluft zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen dem Wunsch nach klarer Aufklärung und der Erfahrung permanenter Desorientierung. Andersons Erzählhaltung ist dabei bewusst atemlos und vernebelnd: Atmosphäre und Charaktere sind Vorrang vor einer stringenten Enthüllungslogik. Ton und Atmosphäre oszillieren zwischen lakonischem Humor, Melancholie und einer durchgehenden Wolke aus Paranoia.

Zentrale Themen und Motive

Inherent Vice verhandelt Fragen der Auflösung - gesellschaftlicher, persönlicher und epistemologischer Natur. Der Film stellt darin die Frage nach der Möglichkeit von Gewissheit in einer Welt, die von Verblendungen und Interessenskonflikten durchzogen ist. Erinnerung, Sehnsucht und das Scheitern politischer Utopien werden als wiederkehrende Motive behandelt. Anderson interessiert sich weniger für die Lösung einer konspirativen Verschwörung als für die Art und Weise, wie Menschen in einem sich wandelnden System navigieren - wie sie sich an Narrative klammern, um Identität zu stiften, und wie diese Narrative zugleich brüchig bleiben.

Formal manifestiert sich dieses Interesse in wiederkehrenden Bildern der Unschärfe - verrauschte Räume, halbbewusste Dialoge und musikalische Zwischenspiele, die Sinnstiftungen unterlaufen. Der Film fragt auch nach dem Preis der Assimilation - nach dem Verlust idealistischer Energie, wenn Gegenkultur vom Markt verschluckt wird. In dieser Spannung zwischen Melancholie und zynischem Witz liegt die produktive Ambivalenz des Films: Er bietet keine sauberen Antworten, wohl aber eine reichhaltige, vielstimmige Reflexion über den Zerfall von Gewissheiten.

Filmkritik von Peter Osteried

Die natürlichen Mängel von Inherent Vice sind seine Unzugänglichkeit

Irgendwann kommt im Leben eines jeden Künstlers der Moment, da er mit seinem neuesten Werk nicht an die Brillanz seiner früheren Schöpfungen heranreichen kann. Für Paul Thomas Anderson, der mit There Will Be Blood und The Master Meisterwerke abgeliefert hat, ist dieser Moment nun gekommen, mit einer Verfilmung von Thomas Pynchons Roman Inherent Vice – Natürliche Mängel.

Doc Sportello (Joaquin Phoenix) erhält unerwarteten Besuch. Seine Ex erzählt ihm eine recht irre Geschichte: Sie ist in einen extrem reichen Immobilienmakler verliebt, der für sie sogar die Frau sitzen lassen würde. Aber seine Frau scheint das spitzgekriegt zu haben, weswegen sie mit ihrem Freund den Ehemann entführen und in die Klapsmühle verfrachten will. Aber wie viel von dieser Geschichte ist wirklich wahr? Das findet Doc heraus, während er sich mit wenig Elan in diesen Fall wirft und dabei nicht nur auf Kiffer, Rocker, einen mörderischen Kredithai, jede Menge Bullen, verdeckte Ermittler und eine mysteriöse Organisation trifft, die Sinisteres planen könnte – oder auch einfach nur in Steuerhinterziehung verwickelt ist. Es ist das Jahr 1970, die freie Liebe herrscht, alles ist groovy, aber irgendwie ergibt nichts Sinn.

Und das ist die Crux dieses Films. Paul Thomas Andersons Film ist ein zweieinhalbstündiger Trip in das Kalifornien der frühen 1970er Jahre, fühlt sich aber niemals natürlich an. Die Schauspieler mühen sich, die Manierismen ihrer Kollegen jener Ära zu imitieren, der Film selbst versucht, das Flair jener Dekade wiederauferstehen zu lassen, und die Geschichte möchte zum psychedelischen Trip in eine andere Zeit werden. All das ist jedoch Stückwerk, unzugänglich, im schlimmsten Fall sogar peinlich. Das gilt auch für Joaquin Phoenix, einen durchaus beachtlichen Mimen, der hier jedoch verloren wirkt. Man sieht ihm an, dass er spielt, seine Figur Doc Sportello erwacht nie zum Leben. Sie ist eine Kunstfigur, unwirklich, unfassbar, letzten Endes dergestalt, dass eine Identifikation durch den Zuschauer nicht möglich ist.

Es ist wohl Ironie, dass Pynchons Roman als eines von seinen zugänglicheren Werken beschrieben wird, während der Film diese Zugänglichkeit vermissen lässt. Man wird in die Geschichte nicht hineingezogen, weil im Grunde kaum eine Geschichte vorhanden ist. Es gibt zahlreiche Figuren, geschliffene Dialoge, aber keine Entwicklung. Stattdessen wird man Zeuge davon, wie Paul Thomas Anderson mit aller Gewalt versucht, einen Film zu erschaffen, der das Label „Kult“ stolz auf der Brust trägt – allein, er ist es nicht.

Die Geschichte als wirr zu bezeichnen, wäre noch eine Untertreibung. Sie folgt keiner narrativen Spur, lässt jedwede Geradlinigkeit vermissen, bleibt so gekünstelt, dass man schon nach wenigen Minuten jedwedes Interesse verliert. Das wird auch nicht wieder dadurch geweckt, dass Anderson seinen Film mit einer Legion skurriler Figuren bevölkert und für diese auch einige namhafte Schauspieler gewinnen konnte. Wenn Anderson ruft, kommen die Stars. Sie stehen Schlange für kleine Rollen, so dass der größte Spaß dieses Films tatsächlich der ist, auf die kurzen Auftritte von Mimen wie Reese Witherspoon, Benicio del Toro, Owen Wilson und Martin Short zu warten.

Davon abgesehen besitzt Inherent Vice – Natürliche Mängel keinen Unterhaltungswert. Er ist auch nicht erhellend oder inspirierend, kein Zeugnis für großartige Filmkunst, einfach nicht das, was man von einem Mann wie Paul Thomas Anderson erwarten darf. In allererster Linie ist dieser Film eine riesige Enttäuschung.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Nach dem Scientology-Drama „The Master“ inszeniert Paul Thomas Anderson Schauspieler Joaquin Phoenix erneut in einer ausnehmend charismatischen Hauptrolle. Im Vergleich zum vorhergehenden Film jedoch steht Phoenix in „Inherent Vice“ noch stärker im Fokus der Geschichte, die nicht nur inhaltlich um seinen Leinwandcharakter kreist, sondern auch die Perspektive des chronisch bekifften Privatdetektivs Larry „Doc“ Sportello übernimmt.

Alles beginnt mit einem unangekündigten Besuch von Docs Exfreundin Shasta (Katherine Waterston), die um ihren älteren Liebhaber Michael Wolfman (Eric Roberts) bangt. Dessen Ehefrau nämlich will den in die Jahre gekommenen Millionär heimlich in die Klappsmühle abschieben. Als Doc die Ermittlungen aufnimmt, entspinnt sich unerwarteter Weise ein komplexes Netz beteiligter Personen. Plötzlich scheinen alle auf die eine oder andere Weise mit Wolfman und dem mysteriösen Syndikat „Golden Fang“ in Verbindung zu stehen. Oder sind all diese Verknüpfungen nur das Produkt von Docs drogenbedingter Paranoia?

Paul Thomas Anderson inszeniert seinen Film gekonnt auf einem haarschmalen Grat zwischen Absurdität und Realismus. Allein das 70er Jahre Setting ist exakt darauf abgestimmt, den Zuschauer souverän in eine vergangene Epoche zu befördern und ihn gleichzeitig zu verunsichern. Zu perfekt sind Kleidung und Set-Design, zu offensichtlich Kulisse und Kostüm, zu offensichtlich mit Bedacht zum Ziele einer konkreten Wirkung erschaffen. Die konstante und sehr bewusste Irritation des Zuschauers zieht sich geradezu motivisch durch das Gesamtkonzept. So wie Sportello seinen durch Marihuana vernebelten Sinneseindrücken niemals trauen kann, muss sich auch der Zuschauer mehr als einmal fragen, ob er es gerade mit der Realitäts- oder Vorstellungsebene zu tun hat.

Wie es sich aber für einen richtig guten Trip gehört, ist die Unterscheidung zwischen Realität und Vorstellung in „Inherent Vice“ ein sowohl unnötiges wie auch sinnloses Unterfangen. Nicht zuletzt entwickeln die Absurditäten, denen das Kinopublikum gemeinsam mit dem Filmhelden begegnet, auch eine große Portion Humor, die dem insgesamt eher gemächlich und immens verwirrend erzählten Film großen Unterhaltungswert verleihen. Das vorherrschende strukturelle Prinzip der Geschichte ist das Chaos. Die zahlreichen Figuren werden viel zu schnell eingeführt, um ihre Beziehungen untereinander nachzuvollziehen. Die einzelnen Storylines der Handlung verschränken sich wie ein Kabelsalat, in dem die einzelnen Stränge nicht mehr zu verfolgen sind. Doch egal wie absurd, egal wie verworren, „Inherent Vice“ gleitet niemals in den Klamauk ab, sondern bleibt intelligente und anspruchsvolle Unterhaltung, die sich selbst durchaus ernst nimmt.

So bieten die kiffenden Hippies zwar oftmals Anlass zu Amüsement, doch entwickeln sie sich im Laufe der Geschichte auch mehr und mehr zu tragischen Figuren, die im Rechtssystem der 60er Jahre unterzugehen scheinen. Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten, erhalten weder Respekt noch Rechtsschutz von Polizei und Staat. So bleibt ihnen nur Privatschnüffler Doc, um verlorene Ehemänner aufzuspüren oder familiäre Intrigen aufzudecken. Sportello selbst wirkt ein ums andere Mal hilflos, wenn ihm Gedächtnislücken und Halluzinationen die Arbeit erschweren. Und da die gesamte Geschichte um ihn und sein Erleben kreist, fällt es leicht, hier mitzufühlen.

Als problematisch erweisen sich seine sexuellen Obsessionen. Dass fast alle weiblichen Figuren in „Inherent Vice“ halb- oder auch mal ganz nackt auftreten, ist eine direkte Konsequenz der Erzählperspektive. Der Zuschauer sieht die Welt durch Sportellos Augen, für den wiederum Frauen einzig die Rolle von Sexobjekten übernehmen. Alle Damen der Handlung sind auf die eine oder andere Art und Weise sexuell mit männlichen Figuren assoziiert und dienen mit ihren knappen 60er Jahre Minikleidern der visuellen Erbauung der Männer – auf der Leinwand wie auch im Kinopublikum. Da Anderson auch in dieser Hinsicht sehr subtil arbeitet und auf sichtbare Übertreibungen verzichtet, fehlt der Darstellung der Frauen eine kritische Ebene. Sportello ist zu sehr Sympathieträger, um sein Verhalten gegenüber der weiblichen Spezies tatsächlich in Zweifel zu ziehen.

So hat der Spaziergang auf dem schmalen Grat zwischen Realismus und Absurdität auch durchaus seine Schattenseiten. Paul Thomas Anderson entführt seine Zuschauer auf einen abgefahrenen, aber niemals überdrehten Drogentrip. Er adaptiert den Roman von Thomas Pynchon zwar als grob verständliche Kriminalgeschichte, verweigert dem Zuschauer aber letztlich die Befriedigung einer vollständigen Dechiffrierung des großen Rätsels. So bleibt dem Kinopublikum nichts anderes übrig, als sich auf diese ungewöhnliche Reise einzulassen und sich dem fiktiven Rausch hinzugeben. Der Anspruch an inhaltliche Durchdringung der Handlung muss ebenso abgegeben werden, wie die Sehnsucht nach einer klaren Unterscheidbarkeit von Realität und Wahn. Insofern ist „Inherent Vice“ ganz Kino: Der Film kann, wenn die Zuschauer sich darauf einzulassen imstande sind, in eine fremde Welt entführen, die von anderen Regeln als jene außerhalb des Kinosaals bestimmt wird. Dann – und nur dann – entpuppt sich auch die verworrene Handlung nicht mehr als dramaturgischer Stolperstein, sondern generiert sich das Vergnügen aus dem sinnlichen Erleben der grandiosen Inszenierung. Wer dazu allerdings nicht bereit ist und auf eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende besteht, bleibt außen vor und wird sich 2 ½ Stunden langweilen.

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