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Hail, Caesar

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kritiken.de Redaktion 18.02.2016
Hail, Caesar© Universal Pictures Germany GmbH
A ca. 1713 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Hail, Caesar - Metafiktionale Verbeugung vor Hollywoods Illusionsmaschinen und den moralischen Widersprüchen des Showbusiness

Einleitung

Hail, Caesar erscheint 2016 als ein filmisches Exempel zu Dingen, die zugleich verführerisch und trügerisch sind: Ruhm, Produktion und die minutiös inszenierte Selbsttäuschung eines kulturellen Apparats. Die Komödie der Coen-Brüder arbeitet nicht allein als nostalgische Rekonstruktion der 1950er Jahre, sondern als Reflexionsraum, in dem Filmgeschichte und Ideengeschichte aufeinanderprallen. Das Werk ist relevant, weil es die Mechanismen illustriert, mit denen eine Gesellschaft Bilder generiert, organisiert und moralisch kanalisiert - und weil es dies mit dem wachen, ironischen Blick zweier Regisseure tut, die seit Jahrzehnten das Kino als ästhetisches Labor begreifen.

Im Werk der Coen-Brüder markiert Hail, Caesar eine Art verspielte, zugleich nachdenkliche Rückkehr zu klassischer Genrefiktion. Während ihre früheren Arbeiten oft die raue Welt des Kriminalfilms, der Tragikomödie oder des Neo-Westerns erkunden, ist dieser Film ein Pastisch über das Studio selbst - ein Narrativ, das weniger eine lineare Spannung anstrebt als eine Collage aus Set-Plausibilitäten, Musical-Fragmenten und talky Interieurs. Die Brüder verfremden die Glorie der Traumfabrik, nicht um sie zu demontieren, sondern um in den Spalten ihrer Oberfläche philosophische und komische Einsichten freizulegen.

In einer Zeit, in der die Produktion von Bildern durch digitale Plattformen und globale Konzerne neu vermessen wird, wirkt Hail, Caesar zugleich historisierend und aktuell. Der Film verhandelt die Frage, wie Kollektive Identität durch star-driven Narration entsteht und wie Machtinteressen diese Narrative kanalisieren - ein Thema, das in der Ära von Markenbildung und medialer Performanz kaum an Brisanz verloren hat. Die Tonalität ist dabei seriös in der Anlage und feuilletonistisch in der Form - ein Kunstgriff, der dem Betrachter erlaubt, sich dem Vergnügen der Oberfläche hinzugeben und zugleich dessen ideologische Nähte zu erkennen.

Kurzüberblick zur Produktion

Hail, Caesar wurde von Joel und Ethan Coen inszeniert, deren Handschrift sich durch präzise Kameraführung, kalibrierten Humor und eine Vorliebe für formale Reflektion auszeichnet. In diesem Film übersetzen sie ihre oft lakonische Erzählweise in eine Liebeserklärung an die Studioära - mit all ihren Kulissen, Choreografien und medienspezifischen Mechanismen. Die Ausstattung ist aufwendig und bewusst stilisiert; Bühnenbilder, Kostüme und musikalische Nummern zielen auf eine dichte Rekreation des Studiosystems ab, ohne in naive Rekonstruktion zu verfallen.

Die Produktion operierte als größeres Studioprojekt, das die Coens in die relative Geborgenheit eines klassischen Studiobudgets setzte. Das erlaubt luxuriöse Produktionsbedingungen - opulente Soundstages, aufwendige Tanz- und Musicalsequenzen sowie ein Ensemble von Darstellern, das variedimensionale Typen besetzen kann. Innerhalb des Gesamtwerks der Regisseure nimmt Hail, Caesar eine Sonderstellung ein: weniger dunkel als Fargo oder No Country for Old Men, weniger lakonisch als The Big Lebowski, dafür verspielter in der Auseinandersetzung mit Filmgeschichte und dem Mythos Hollywood.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble von Hail, Caesar ist prominent und vielfältig besetzt, was dem meta-kosmischen Charakter des Films entspricht. Josh Brolin trägt die Rolle des Studio-Fixers als zentrales Rückgrat - seine Figur repräsentiert die unspektakuläre Arbeit, die hinter der Perfektion des Bildes steht. George Clooney fungiert als Inbegriff des Matinee-Idols - die Attitüde des charmanten Stars wird bei ihm zur Projektionsfläche für Komik und Pathos zugleich. Scarlett Johansson übernimmt die Rolle der glamourösen Filmdiva und bringt in ihre Darstellung ein Geflecht aus Selbstinszenierung und verletzter Authentizität ein.

Channing Tatum und Alden Ehrenreich verkörpern verschiedene Facetten der Schauspieler- und Performersphäre: der eine als körperlich präsenter Nummern-Darsteller, der andere als junger Darsteller, an dem die Studiosystematik ihre Formen ausprobieren kann. Jonah Hill und Tilda Swinton liefern Nebenfiguren, die das Geflecht aus Produzenten, Regisseuren und Intellektuellen abbilden; ihre Typisierung dient weniger dem individuellen Porträt als der Funktion innerhalb des Studiosystems. Insgesamt arbeiten die Darsteller weniger an psychologischer Tiefe denn an Typen, die als Funktionsstücke für ein größeres Mechanismusbild fungieren.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film spielt in einem Hollywood der 1950er Jahre und folgt den Verwerfungen eines Studios, das seine glatte Oberfläche gegen zahlreiche interne Störungen verteidigen muss. Im Zentrum steht ein Studio-Fixer, dessen Aufgabe es ist, Skandale zu bereinigen, Produktionstermine einzuhalten und das Image seiner Firma zu schützen. Diese administrative Perspektive erlaubt den Blick hinter die Kulissen - auf Set-Alltag, star-gestützte Glamourinszenierungen, die Maschinerie von Choreographie und Schnitt sowie auf kleinere und größere Zwischenfälle, die das Produktionsgefüge bedrohen.

Der dramatische Konflikt entsteht nicht aus einer einzigen konventionellen Krise, sondern aus der Kollision unterschiedlicher Interessen: künstlerische Ambitionen treffen auf Kommerz, private Exzesse auf öffentliche Darstellung, persönliche Überzeugungen auf industrielle Notwendigkeit. Zentral sind Figuren, die jeweils ein Segment des Studios repräsentieren - der Manager, der Star, die Tänzerin, der Regisseur - und deren je eigene Formen von Loyalität und Verführung. Tonal ist der Film ein Hybrid aus lakonischer Komödie, physischen Nummern und satirischer Beobachtung; die Atmosphäre schwankt zwischen nostalgischer Wärme und ironischer Distanz.

Zentrale Themen und Motive

Hail, Caesar stellt Fragen nach Authentizität, Verantwortung und der Funktion von Bildern in der Gesellschaft. Der Film erkundet, wie Mythosproduktion die Wirklichkeit formt und wie Individuen innerhalb dieser Produktion moralische Entscheidungen treffen - oder sie verdrängen. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Doppelgestalt von Schein und Sein: Stars sind sowohl Ikonen als auch fragile Menschen, Sets sind sowohl Orte der Illusion als auch Räume akribischer Arbeit. Die Coens interessieren sich weniger für die Enthüllung einer Verschwörung als für die Bedingungen, unter denen Lügen sinnvoll werden.

Daneben arbeitet der Film mit Motiven der Transzendenz und Ritualisierung - religiöse Sprache und Zeremonien tauchen als Metaphern für Versöhnung und Sinnstiftung auf. Die Komödie nutzt diese Symbole, um zu zeigen, wie Institutionen ihren Mitgliedern Erzählungen anbieten, die Identität und Zugehörigkeit stabilisieren. Dadurch wird Hail, Caesar zu einer Reflexion über die kulturelle Notwendigkeit von Erzählungen - und über die Kosten, die entstehen, wenn diese Erzählungen aufrechterhalten werden müssen.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Hail, Ceasar!

„Hail, Ceasar!“ - das ist der Namen eines Films im Film, ein im Hollywood Studiosystem der 50er Jahre aufwendig produziertes Bibel-Epos mit Starbesetzung. Und niemand Geringeres als George Clooney, gern gesehener Dauergast der Berlinale, mimt den Hauptdarsteller Baird Whitlock. In Anbetracht dessen, dass „Hail, Ceasar!“ seine Premiere bei der Berlinale 2016 feierte, ist allein diese Ausgangssituation der Geschichte schon so „meta“ wie es nur geht.

Und damit reihen sich die Coen-Brüder in einen nicht mehr ganz so neuen Trend ein, nämlich in das selbstreflexive Kino, das auf dem schmalen Grat zwischen Arthaus und Blockbuster balanciert, mit Star-Besetzung aufwartet und bevorzugt auf A-Festivals prämiert. Zu den Vorgängern zählen beispielsweise „Birdman“, Maps to the Stars“ oder auch „Die Wolken von Sils Maria“. Nicht umsonst ist „Hail, Ceasar!“ in den 50ern Jahren angesiedelt und damit in einer Zeit, in der das klassische Studiosystem der amerikanischen Filmproduktion unaufhaltsam in eine Krise schlitterte, um schließlich zu zerbrechen und neuen, vermeintlich besseren, gerechteren, künstlerisch wertvolleren Strukturen Platz zu machen.

Hauptfigur Eddie Mannix (Josh Brolin) ist ein hohes Tier im Capitol Filmstudio, ein Mann, dem an der Filmkunst rein gar nichts und dafür an der Gewinnmaximierung umso mehr gelegen ist. „Hail, Ceasar!“ begleitet ihn durch turbulente 27 Stunden, in denen ein Hauptdarsteller gekidnappt wird, ein anderer an seinem neuen Image zu scheitern droht und damit eine ganze Produktion gefährdet und ein Hollywoodsternchen auf Grund einer unehelichen Schwangerschaft direkt auf einen Skandal zusteuert. Und Eddie ist der Mann, der all diese Probleme lösen muss... und kann.

Joel und Ethan Coen nehmen ihr Publikum mit auf eine Reise in eine vergangene Ära. Neben der Rahmenhandlung im 50er Jahre Setting begeistert „Hail, Ceasar!“ vor allem durch seine Reproduktion diverser aus der Mode gekommener Genres wie dem Musical, dem Western, dem Bibel-Epos und der Screwball-Komödie. Gekonnt und mit augenscheinlich großem Spaß an der Sache inszenieren die Coen-Brüder all diese klassischen Filmsettings und bemühen sich dabei nicht nur um die entsprechende Ausstattung, sondern insbesondere auch um den dem jeweiligen Genre angemessenen Schauspielstil. Hierdurch erzeugen sie eine intelligente Komik, die sich Kennern der dargestellten Filmepoche wohl noch deutlicher offenbart, insgesamt aber ein breites Publikum erreichen und unterhalten kann.

Auch der Cast ist mehr als nur eine Aufzählung bekannter Hollywoodstars. Insbesondere George Clooney, Scarlett Johansson und Channing Tatum stellen herrlich ambivalente Besetzungen dar, die zugleich mit einem gängigen Leinwandtyp brechen und ihn unterstreichen. So mimt „Magic Mike“- und „Step Up the Streets“-Star Channing Tatum ausgerechnet einen steppenden Musicaldarsteller und Scarlett Johansson, wenn auch mit Proletenakzent, schlüpft in die Rolle einer Leinwandschönheit, die vor allem mit ihren körperlichen Vorzügen und dem unschuldigen Lächeln punktet. Damit beweist der „Hail, Ceasar!“-Cast große Selbstironie mit erheblichem Unterhaltungswert.

Der Diskurs, der sich hinter der Spielfilmhandlung verbirgt, ist derselbe wie in den eingangs erwähnten Filmen: Es ist die Frage nach dem künstlerischen Wert und Anspruch des Kinos, nach den Strukturen, die diesen fördern oder verhindern und den Optionen derjenigen, die innerhalb dieses System zugleich Geld verdienen wie auch Kunst schaffen wollen. Dabei spielt die Zensur durch den Hays Code, der über mehrere Jahrzehnte einen starken moralisierenden Einfluss auf die Traumfabrik ausübte, eine ebenso große Rolle wie der Erzfeind des US-amerikanischen Kapitalismus: der Kommunismus. Die Enklave kommunistischer Drehbuchautoren, die in ihrem Kampf für gerechtere Arbeitsbedingungen auch vor einer Entführung nicht zurückschlecken, erweist sich schließlich jedoch als eine ebensolche Farce wie das fiktive Filmstudio Capitol Pictures. „Hail, Ceasar!“ will nicht das eine oder andere politische System als Lösung postulieren, sondern ein komplexes Problem zeitgenössischer Kunst nachzeichnen. Ein Problem, das auch durch den Zerfall des Studiosystems nicht gelöst wurde und in einer ewigen Wiederkehr des Gleichen auch heute wieder Filmschaffende wie Cineasten umtreibt.

Wie die Religion, die sich unter anderem durch Eddis einleitende und abschließende Beichte als Motiv durch den Film zieht, entpuppt sich auch der klassische Hollywoodfilm vor allem als Opium des Volkes. Er bestätigt den Status Quo anstatt, wie es Kunst eigentlich tun sollte, die Menschen herauszufordern und Veränderungen bzw. Entwicklungen anzustoßen. Womit einmal mehr die brennende Frage aufgeworfen wird: Sind Blockbuster eigentlich noch Kunst?

„Hail, Ceasar!“ ist eine unverblümte Kritik des zeitgenössischen Kinos, das sich auch ohne restriktives Studiosystem mehr und mehr von der Kinokunst verabschiedet, um seichte, dafür aber finanziell umso erfolgreichere Blockbuster zu produzieren. Ein Kino, das eine Gesellschaft ruhig stellen soll anstatt sie aufzuwecken. Ein Kino, in dem Künstler, denen es eben nicht um das Kapital, sondern um Inhalte geht, zwangsläufig scheitern müssen.

Und zu welcher Sorte Kino gehört „Hail, Ceasar!“? Joel und Ethan Coen haben einen Film geschaffen, der mit seinem Cast die Massen in die Kinos lockt und unterhält, dabei aber trotzdem eine Gesellschafts- und Kunstkritik formuliert, die das Publikum wahlweise ignorieren oder als Satire begreifen und bedenken kann. „Hail, Ceasar!“ ist quasi selbst die Antwort auf all seine Fragen. Voll „meta“ eben!

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