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Elser

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kritiken.de Redaktion 09.04.2015
Elser© NFP
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Elser: Ein stilles Porträt des Einzelkämpfers zwischen Widerstand, Schuld und historischer Erinnerung

Einleitung

Mit Elser betritt ein deutscher Spielfilm ein Terrain, das in der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur lange marginalisiert war - das Porträt eines Einzelnen, dessen Versuch, die nationalsozialistische Führung zu treffen, in den Archiven der Geschichte fast unsichtbar blieb. Die Veröffentlichung am 9. April 2015 rückte nicht nur eine Biographie ins Licht, sondern eröffnete einen Reflexionsraum über Handlungsmacht, Zufall und Zuschreibung in einer Zeit, in der kollektive Narrative von Erinnerung und Widerstand neu verhandelt werden. Der Film bemüht sich weniger um heroische Mythologisierung als um die Frage, wie Geschichte an der Figur des Handelnden haftet.

Regisseur Oliver Hirschbiegel, der das Projekt verantwortet, spannt eine Kontinuität zu seinen früheren historischen Annäherungen - Arbeiten, die immer wieder zwischen detailgenauer Rekonstruktion und psychologischer Reduktion balancieren. Elser reiht sich ein in ein filmisches Interesse an Momenten, in denen persönliche Entscheidungen auf die großen Stränge der Geschichte treffen. Dabei geht es weniger um die spektakuläre Aufarbeitung von Ereignissen als um die Gestaltung einer Bedingungen- und Motivlandschaft, in der ein einzelner Mensch einen Anschlag plant und ausführt.

Der gesellschaftliche Kontext der Entstehung ist nicht zu vernachlässigen. Der Film erschien in einem Jahrzehnt, in dem Deutschland seine Erinnerungskultur mit kritischerer Selbstbefragung versieht - Debatten um Gedenken, Umkehr der Perspektiven und die Frage nach individuellen Handlungsoptionen in totalitären Systemen gewinnen an Schärfe. Elser fungiert in diesem Sinn als kultureller Beitrag zu einer erneuten Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Privatheit und politischem Handeln.

Kurzüberblick zur Produktion

Oliver Hirschbiegel bringt in Elser seine charakteristische Erzähldisziplin zur Geltung - eine Regieführung, die auf Präzision in Bildkomposition und tempiertes Erzählen setzt. Bekannt geworden durch Arbeiten, die historische Figuren im Spannungsfeld zwischen persönlicher Verantwortung und systemischer Gewalt untersuchen, verlegt Hirschbiegel den Fokus hier auf die minutiöse Ausbildung eines Anschlags und die unmittelbaren Folgen für den Protagonisten. Die visuelle Handschrift des Regisseurs bleibt dabei nüchtern, oft auf das Wesentliche reduziert - ein Stil, der Disziplin und Lesbarkeit über melodramatische Zuspitzung stellt.

Elser ist als deutscher Kinofilm konzipiert und bewegt sich in den gängigen Produktionsbedingungen des nationalen Historienfilms - realitätsbezogene Ausstattung, präzise Kostüme und eine Produktionsästhetik, die Authentizität erzeugen soll, ohne in Museumsästhetik zu verfallen. Budget und Studiohintergründe folgen dem Muster mittlerer deutscher Produktionen: Kooperationen mit öffentlich-rechtlichen Sendern und etablierten Produktionshäusern, die eine kinotaugliche, aber nicht überbordende Ausstattung ermöglichen. Die Arbeit mit historischen Schauplätzen und detaillierter Requisite verlangt handwerkliche Sorgfalt - ein Anspruch, den der Film sichtbar ernst nimmt.

Im Gesamtwerk des Regisseurs markiert Elser eine introspektivere Nuance. Während frühere Filme größere Ensemblekonflikte oder gesellschaftliche Mechanismen in den Vordergrund stellten, verlagert sich hier das Gewicht auf das Innenleben einer einzelnen Figur und deren unmittelbare Beziehungen. Das ist einerseits eine Fortführung seines Interesses an moralischen Entscheidungssituationen, andererseits eine stilistische Verdichtung hin zu einem psychologisch fokussierten Autorenkino.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Christian Friedel steht als Georg Elser im Zentrum der Erzählung. Friedel, der in Theater- und Filmkreisen für seine präzise, zurückgenommene Spielweise geschätzt wird, bildet hier das ruhige, fast unaufdringliche Zentrum des Films. Seine Darstellung vermeidet Pathos und setzt auf eine Körperlichkeit, die Manufakturgeist und innere Entschlossenheit zugleich signalisiert. Friedels Elser wirkt weder idealisiert noch karikiert - er ist ein Mensch mit Routinen, Zweifel und einer kompromisslosen Zielstrebigkeit.

Katharina Schüttler fungiert als emotionales Echofigur in Elser. Ihre Arbeit als Schauspielerin ist geprägt von intensiver psychischer Präsenz und nuancierter Innenarbeit; hier bildet sie die private Sphäre des Protagonisten, die zugleich Verletzlichkeit und Verankerung zeigt. Die Figur der Else Härlen verleiht dem Film eine intime Dimension - eine Beziehungsebene, über die Fragen von Loyalität, Liebe und moralischer Distanz thematisiert werden.

Burghart Klaußner übernimmt die Rolle des Gegenübers innerhalb des staatlichen Apparats. Als erfahrener Charakterdarsteller bringt er die nüchterne Kalkulation und administrative Kälte einer Institution zum Ausdruck, ohne sie bloß als Klischee zu skizzieren. Das Zusammenspiel dieser drei Figuren trägt die Erzählung: Elser als Handelnder, Else als Bindeglied zur Privatheit und Klaußner als Repräsentant der Staatsgewalt.

Handlung (spoilerfrei!)

Elser konzentriert sich auf die Ereignisse rund um den Versuch eines Tischlers und Heimwerkers, dem politischen Machtzentrum der nationalsozialistischen Bewegung Schaden zuzufügen. Der Film verfolgt die minutiöse Vorbereitung - von der mechanischen Präzision über die Planung bis zur Ausführung - sowie die direkte Nachwirkung auf das Leben des Protagonisten und sein Umfeld. Der dramaturgische Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen dem einsamen Vorhaben des Individuums und dem uneinholbaren Lauf der politischen Realität.

Die zentralen Figuren sind klar konturiert: der stille, methodische Handwerker als Urheber der Tat; seine engste Vertraute als menschliches Gegengewicht; und Vertreter des repressiven Mechanismus, die das Geschehen bewerten und einordnen. Die Tonalität des Films ist zurückhaltend, häufig in gedeckten Bildern und mit einem Sinn für die banalen Details des Alltags, die paradox zu monumentalen historischen Ereignissen stehen. Die Atmosphäre vermittelt Sachlichkeit und eine unterschwellige Beklemmung - nicht durch große Gesten, sondern durch die Konzentration auf das Alltägliche und die mechanische Präzision des Handelns.

Zentrale Themen und Motive

Elser stellt Fragen nach dem Verhältnis von Einzelentscheidung und historischer Wirkung - was bedeutet es, als isolierter Aktor gegen ein totalitäres System zu handeln, und welche Zuschreibungen entstehen erst retrospektiv? Der Film lotet die Dimensionen von Verantwortung, Mut und der Ambivalenz menschlicher Motive aus. Es geht um die Unwägbarkeiten von Erinnerung - wie Erinnerung konstruiert, marginalisiert oder instrumentalisierbar wird - und um die Schwierigkeit, einfachen Kategorien von Heldentum oder Schuld gerecht zu werden.

Motivisch arbeitet der Film mit Bildern der Mechanik - Uhren, präzise Werkzeuge, das Ticken als Leitmotiv - um eine Verbindung zwischen Routine, Handwerk und der kalkulierten Planung einer Entscheidung zu ziehen. Klang und Bild sind oft auf das Notwendige reduziert, wodurch die Innenwelt der Figuren und die epistemische Distanz zur historischen Kausalität nachdrücklich hervortreten. Philosophisch berührt der Film die Frage, inwiefern individuelle Handlungsmacht ein Korrektiv gegen kollektive Gewalt darstellen kann - und welche Kosten diese Handlungsoptionen für die Beteiligten selbst mit sich bringen.

Filmkritik von Peter Osteried

Die Geschichte eines Mannes, der beinahe die Welt verändert hätte

Schon 1989 hat Klaus Maria Brandauer Georg Elser – Einer aus Deutschland inszeniert. Es war exzellenter, mit Preisen ausgezeichneter Film. So stellt sich die Frage, ob es wirklich einer Neuverfilmung der Geschichte dieses Mannes bedurfte. Die Antwort darauf kann nur eine sein: Ja, sie war und ist notwendig. Denn Oliver Hirschbiegels Elser basiert anders als Brandauers Film nicht auf einem Roman, sondern erzählt die Geschichte ohne dramatische Ausschmückungen.

Am 8. November 1939 explodiert eine Bombe im Bürgerbräu-Keller in München. Das Ziel ist Adolf Hitler, aber der hat 13 Minuten vor der Explosion das Lokal verlassen. Acht Menschen sterben, aber Hitler überlebt. Platziert wurde die Bombe von Georg Elser, einem Mann, der schon immer gegen die Nationalsozialisten war und nach Kriegsausbruch erkannt hat, wohin Deutschland steuert. Obwohl er seine Familie gefährdete – und sein persönliches Glück – hatte er keine Wahl als zu handeln. Es musste getan werden, aber schon kurz nachdem die Bombe platziert ist, wird Elserverhaftet. Sein Martyrium beginnt.

Es dauerte Jahrzehnte, bis Georg Elser als deutscher Widerstandskämpfer anerkannt wurde. Ein Film wie dieser wird aber helfen, seinen Namen im geschichtlichen Bewusstsein zu verankern, denn er war einer der wenigen, die in einer Zeit der Gleichschaltung für sich selbst dachten und erkannten, wohin das Land steuert. Der Film beginnt mit dem Attentat und der Verhaftung. In Rückblicken zeigt Elser, wie es um das Leben des Mannes bestellt war, wie er als Pazifist zu der Überzeugung gelangte, dass nur ein radikaler Schritt noch helfen kann, wie er liebte und lebte, und wie er bereit war, alles zu opfern, um seiner inneren Überzeugung zu folgen.

Das transportiert der Film sehr gut, das spielt Christian Friedel in der Hauptrolle mit einer Mischung aus Verletzbarkeit und Starrsinn. Die Szenen, in denen er sich den Nazis verweigert, in denen er nicht mal bereit ist, Name und Geburtsdatum zu nennen, obwohl die ihn längst kennen, sind kraftvolle Momente, die verdeutlichen, welche Abscheu er für die Nationalsozialisten empfunden hat. Er wollte ihnen nicht mal diese kleine Genugtuung geben, und letzten Endes gewann er, auch wenn das Attentat nicht zum Ziel führte. Denn Elserwurde nicht gebrochen, er beharrte darauf, ein Einzeltäter zu sein. Und beinahe hätte er den Krieg überlebt, aber in den letzten Tagen wurde er im KZ Dachau feige ermordet.

Der Film wird dem Mann gerecht, er ist dramatisch, ohne überzogen zu sein. Er bleibt der Historie treu und versteht es doch, den Zuschauer tief ins Geschehen zu ziehen. Hirschbiegel, der schon mit Der Untergang einen bemerkenswerten Historienfilm abgeliefert hat, versteht es auch hier, an der dramatischen Schraube zu drehen. Er präsentiert einen Film, der von Zivilcourage handelt, der zeigt, dass man auch alleine gegen den Strom schwimmen kann, dass aber vor allem eines im Leben wichtig ist: Dass man sich selbst treu ist, koste es, was es wolle.

Elserist ein wichtiger Film, der ein Bewusstsein dafür schafft, dass ein Mann den Lauf der Geschichte verändern kann. Georg Elser mag bei dem Attentat gescheitert sein, aber er bewies, dass nicht alle Deutschen ihren Anstand verloren hatten. Es mögen nicht viele gewesen sein, die aufbegehrten, umso wichtiger ist es jedoch, dass es sie gab.

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