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Drecksau

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kritiken.de Redaktion 17.10.2013
Drecksau© Ascot Elite/24 Bilder
A ca. 2610 Worte Lesezeit ca. 9 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Drecksau - Ein kühler, grotesker Blick auf Verfall, Machtmissbrauch und fragile Polizeidentschaften

Einleitung

Drecksau setzt einen beissenden Ton in das Genre des britischen Kriminalfilms, indem er die Figuren nicht allein als Träger einer Handlung, sondern als Symptome einer sozialen und psychischen Verfassung begreift. Der Film ist relevant, weil er das klassische Polizier-Setting zur Folie für eine persönliche Identitätskrise macht und damit Fragen nach Verantwortung, Schuld und Performanz neu verhandelt. In einer Zeit, in der Repräsentationen von Staatsgewalt und öffentlicher Moral immer wieder Gegenstand politischer Debatten sind, wirkt die filmische Untersuchung individueller Korruption als Spiegel größerer gesellschaftlicher Spannungen.

Innerhalb des Schaffens seines Regisseurs fungiert Drecksau als ambitionierte, tonal eigenwillige Arbeit. Jon S. Baird nähert sich dem Stoff mit einer Mischung aus lakonischer Härte und stilistischer Freiheit, die zwischen realistischer Polizeiarbeit und psychologischer Verfremdung oszilliert. Diese Herangehensweise verschiebt die Erwartung an einen Krimi - nicht mehr allein das Lösen eines Falls steht im Zentrum, sondern die Dekonstruktion eines Ichs unter Druck.

Der Film arbeitet mit einem Zeitgeist, der von prekären Verhältnissen, dem Nachhall ökonomischer Einschnitte und einer wachsenden Öffentlichkeit für institutionelles Fehlverhalten geprägt ist. Anstatt diese Umstände plakativ zu kommentieren, übersetzt das Werk sie in die Innenwelt seines Protagonisten und lässt so erkennen, wie private Abgründe und öffentliche Verantwortung einander bedingen.

Tonalität und Form sind dabei bewusst ambivalent: Drecksau bewegt sich zwischen bitterer Komik und bedrückender Intensität, zwischen naturalistischer Beobachtung und expressionistischer Übersteigerung. Das ergibt ein Porträt, das mehr nachfragt als erklärt und das Publikum zur Reflexion einlädt - über Moral, Macht und die Konstruktion von Normalität.

Kurzüberblick zur Produktion

Als Adaption eines bekannten britischen Romans wurde Drecksau in Großbritannien produziert und konturiert das Bild eines britischen Autorenkinos, das literarische Vorlagen in sperrige, charaktergetriebene Filmtexte übersetzt. Der Film trägt die Handschrift eines Regisseurs, der ein Faible für rauhe Realismen, präzise Figurenarbeit und einen unverwechselbaren visuellen Rhythmus hat. Sein Stil ist geprägt von einer klaren Bildsprache, die soziale Details und innere Zerrissenheit gleichermaßen einfängt.

Die Produktionsumstände sind typisch für das unabhängige britische Kino der 2010er Jahre - eine Zusammenarbeit erfahrener Darsteller mit einem Ensemble aus etablierten und aufstrebenden Filmschaffenden, die dem Stoff genügend Freiraum für Tonalität und Experiment gewähren. Technisch setzt der Film auf dichte Kameraführung, eine prägnante Montage und ein Sounddesign, das die Grenze zwischen äußerer Wirklichkeit und innerer Wahrnehmung auslotet.

Innerhalb des Gesamtwerks seines Regisseurs markiert Drecksau einen Schritt zu kompromissloser Figurenanalyse. Er reiht sich ein bei anderen britischen Produktionen, die das Genre Krimi als Bühne für soziale Beobachtung nutzen und dabei weniger mit Konventionen spielen als mit dem psychologischen Potential der Figuren.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

James McAvoy steht im Zentrum des Films und trägt die Rolle des zerrissenen Ermittlers mit einer Intensität, die in seine physische und sprachliche Präsenz einzahlt. Bekannt geworden durch dramatische Rollen in Atonement und dem populären X-Men-Universum, bringt McAvoy hier die Fähigkeit mit, charmante Außenwirkung und toxische Innenwelten simultan auszuspielen.

Jamie Bell fungiert als kontrastierender Gegenpol - ein jüngerer Kollege, dessen relative Standfestigkeit die moralische Schieflage des Protagonisten stärker akzentuiert. Bells Karriere, die mit Billy Elliot begann, hat sich wiederholt durch die Gabe ausgezeichnet, Bodenständigkeit und innere Komplexität gleichermaßen zu vermitteln.

Imogen Poots übernimmt die Funktion einer emotionalen und narrativen Gegenkraft. Ihre bisherigen Rollen haben stets Nuancen von Verletzlichkeit und Eigenständigkeit gezeigt, Eigenschaften, die hier als moralischer Spiegel für die Hauptfigur dienen. Eddie Marsan und Jim Broadbent liefern als erfahrene Nebendarsteller breite, charakteristische Profile - Marsan als Vertreter institutioneller Härte und Breite, Broadbent als ruhige, gewichtige Präsenz, die familiäre oder institutionelle Perspektiven einschreibt.

Handlung (spoilerfrei!)

Drecksau handelt von einem Polizisten, dessen beruflicher Alltag und private Abgründe sich in einer Spirale gegenseitig verstärken. Die Grundkonstellation ist die eines Ermittlers, der in einem Fall arbeitet, während zugleich persönliche Dämonen, Ambitionen und Machtkämpfe an ihm nagen. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammentreffen beruflicher Verantwortung und individueller Selbstzerstörung - ein Spannungsfeld, das permanente Grenzüberschreitungen provoziert.

Im Zentrum stehen die Beziehungen des Protagonisten zu seinen Kolleginnen und Kollegen, zu Vorgesetzten und zu Personen aus seinem privaten Umfeld. Diese Konstellationen bilden die leitenden Interessen des Films: nicht der Fall als Puzzle, sondern die Frage, wie ein Individuum in einer korrupten oder zerrissenen Umgebung handelt und welche Folgen diese Handlungen haben - für ihn selbst und für seine Umwelt.

Ton und Atmosphäre sind von dunkler Komik, drängender Intensität und gelegentlichen surrealen Einschüben geprägt. Die Bildsprache vermeidet Genreklischees zugunsten einer nervösen, kondensierten Darstellung von Nachtszenen, Dienstbetrieb und inneren Visionen.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt Drecksau Fragen nach Identität, Moral und der Konstruktion von Männlichkeit. Der Film interessiert sich dafür, wie Rollen - berufliche, private, maskuline - performt werden und wie brüchig diese Performanzen sind, wenn sie unter Druck geraten. Schuld, Verdrängung und die Sehnsucht nach Kontrolle treten als wiederkehrende Themen auf.

Philosophisch öffnet der Film den Blick auf die Ambivalenz menschlicher Motivationen - die Gratwanderung zwischen Gerechtigkeitssinn und Eigeninteresse, zwischen Bestrafung und Selbstrechtfertigung. Psychologisch arbeitet er mit dem Motiv des Doppelgängers und der Auflösung stabiler Ich-Grenzen: Wahrnehmung wird unzuverlässig, Erinnerungen und Wünsche infiltrieren die äußere Handlung.

Gesellschaftlich gelesen wirft Drecksau ein Licht auf institutionelle Strukturen, die individuelles Fehlverhalten begünstigen oder decken können - ohne dabei in einfache Anklage zu verfallen. Formal nutzt der Film wiederkehrende Bild- und Klangmotive - Spiegelungen, körperliche Deformationen, wiederkehrende akustische Signaturen - um die Fragmentierung des Selbst zu visualisieren und so die thematische Tiefe seiner Fragestellungen zu unterstreichen.

Filmkritik von Mattes Teschabai

James McAvoy wird zum Mann fürs Kaputte. Im Grunde macht der Schauspieler in „Drecksau“ da weiter, wo er in Danny Boyles „Trance“ aufgehört hat – beim psychotischen, männlichen Häufchen Elend und dem Willen zur Macht. Diesmal geht McAvoy in die Vollen und betritt als korrupt-intriganter Alkoholiker-Rassisten-Junkie-Polizist das Universum von Trainspotting-Autor Irvine Welsh. Regisseur Jon S. Baird hat den Roman des Skandal-Schotten zu einer delirierenden Odyssee durch das Über- und Unterbewusstsein eines verkommenen Mannes gemacht und verlangt seinem Hauptdarsteller so einiges an Widerlichkeiten ab. McAvoy gibt sich genüsslich aufgedunsen, glänzt mit schottischen Pish´n´Shite-Punchlines und füllt jede zweite Einstellung mit seinem verstrahlt-intriganten Lächeln. „Drecksau“ ist eine chemische Schelmengeschichte, die sich aber durch die Flucht ins Melodramatische streckenweise die eigene Radikalität nimmt.

Bruce Robertson (James McAvoy) ist nicht aufzuhalten. Als ein japanischer Tourist von einer Bande schottischer Jugendlicher ermordet wird, steht bei der Kriminalpolizei von Edinburgh die nächste Beförderungsrunde an und Bruce will nichts anbrennen lassen. Im ständigen Kreislauf von Kater, Koks und Konterbier macht er sich daran, die Geheimnisse, Schrullen und Schwächen seiner Kollegen (u.a. Jamie Bell) gegeneinander auszuspielen. Zwischen zielgerichteter Intriganz und sadistischem Genuss zieht Bruce keine klare Grenze und suhlt sich in seinem miesen, kleinen Königsspiel. Dass seine Frau Carol (Shauna MacDonald) verschwunden ist, erklärt er sich als raffinierten Ansporn zur Beförderung, die dann zu einer ultimativen sexuellen Wiedervereinigung führen soll. Noch wichtiger als Familie und Beförderung ist ihm aber eigentlich sowieso der Kurztrip nach Hamburg mit seinem verklemmten Freimaurer-Kumpel Bladesey (Eddy Marsan), dessen Frau Bunty er allabendlich vor Langeweile mit Telefonsex terrorisiert. Doch das Leben als zwischenmenschlicher Geisterfahrer zehrt an Bruces Bewusstsein und die Halluzinationen häufen sich.

„Drecksau“ ist ein Fass ohne Boden. Sind die polizeilichen Ermittlungen von Beginn an reine Fassade, wird auch das Intrigenspiel des bipolaren Bruce Robertson schnell zu einem Vorwand für seinen rein hedonistischen Sadismus. Und helfen dann selbst Sex, Drogen und Menschenquälerei nicht mehr, öffnet sich plötzlich die magische Falltür von Moral und Erinnerung. Diese Falltür inszeniert Baird mit amüsant abgedroschenen Schockmomenten: wenn bei Bruce mal wieder alle Stricke reißen, blitzen kreischende Visionen von Tierköpfen auf, oder die Erinnerung an seinen verstorbenen Bruder Davie schleicht sich mit anklagendem Ausdruck in sein Blickfeld. Die trippige Reihung von Exzess und Zusammenbruch übersetzt Themen wie Drogensucht, verkrampfte Machtfantasie, faktische Perspektivlosigkeit und andauernde Schuldgefühle in eine unterhaltsame Achterbahnfahrt. Besonders die grobkörnig, dokumentarisch gefilmte Tour durch die Hamburger Puff-Szene entwickelt sich zu einer ausgewachsenen Kollision von Bruces chemo-motorischem Ego und seiner zerfahrenen Seele.

In den melodramatischen Szenen, die Baird als vermeintliche Ruhepunkte zwischenschaltet, wird McAvoy jedoch ziemlich allein gelassen. Früh im Film wird die sentimentale Büßerseite von Bruce vorgestellt, als er versucht, den sterbenden Mann der Passantin Mary (Joanne Froggatt) zu retten und sich dabei an ein eigenes Erlebnis erinnert fühlt. Mary repräsentiert als strahlender Wink mit dem Zaunpfahl von nun an Bruces latente Hoffnung auf Rettung und Erlösung und taucht immer wieder inmitten seines lüsternen Alltags auf. Dieser hoffende Normalo, der tief in Bruce Robertson schläft wird aber so nervtötend lasch inszeniert, dass er den ganzen Film aufhält. McAvoy versucht den ehrbaren Haderer auf sein Gesicht zu zaubern, mit dem er sich in Filmen wie „Abbitte“ seine Sporen verdiente. Doch hier scheinen seine selbstfinderischen Anwandlungen halbgar. Zu unentschieden, um die bipolare Zäsur zu markieren und zu ernst gemeint, um sarkastisch zu wirken, irgendwo im Niemandsland zwischen Nick Hornby und „Requiem for a Dream“.

Diese parallel laufende Büßergeschichte nimmt dem Film nicht nur seine Dynamik, sondern auch einen Teil seiner erzählerischen Integrität. Robertson ist eine faszinierende Gestalt, weil er bösartig ist, weil er sich so tief in den harten Perspektivlinien von Macht und Koks verirrt hat, dass er die sonderbare Kraft hat, uns mitzureißen in sein Haifischbecken. Mit jedem seiner zahlreichen süffisanten Blicke in die Kamera macht er deutlich, wer hier gerade mal wieder eine zwischenmenschliche Hölle kreiert hat und dabei die Ängste, Lüste, Süchte und Begierden seines Umfelds entlarvt und mobilisiert hat. Bruce wirkt über Großteile des Films wie ein klassischer Schelm, einer der die Konventionen zerstört und mit den Überresten jongliert. Mit der Fokussierung auf die moralische Entwicklung und Zersetzung von Bruce Robertson, bzw. der unausgegorenen Inszenierung wird dieser satirische Gehalt unterminiert. Der Film möchte hier biographisch-sanktionierende Stimmung ernten, die nie gesät wurde. Das wirkt unmotiviert und leer.

Doch trotz der stellenweise unklaren, uninspirierten Inszenierung zieht „Drecksau“ im Finale noch einmal blank und verbindet sowohl die dramatische, psychologische Ausweglosigkeit, als auch die schelmische Freiheit des Bruce Robertson zu einem Feuerwerk der psychotisch brutalen Burleske. Jamie Bell gefällt als bodenständiger Junkie-Inspector und bringt seinen unschuldig konzentrierten Blick sehr prominent in einer verzweifelten Bordell-Dreier-Szene mit James McAvoy an den Mann. Trotz der teils verwirrenden Mischung aus Satire, Büßertrip und Psycho-Studie, gefällt McAvoy in der ihm anscheinend seit „Trance“ liegenden Rolle des Delirium-Abenteurers. Ein knackiger Schluss und ein beschwingter Abspann wühlen sich als saftige, konsequente Stinkefinger noch einmal durch den moralischen Morast und lassen den Zuschauer mit dem Gefühl zurück, dann wohl vielleicht doch eine Satire gesehen zu haben.

Filmkritik von Christopher Diekhaus

Eine „Drecksau“, wie sie im Buche steht

Was hat man von einem Film zu erwarten, der auf einer Vorlage des schottischen Kultautors Irvine Welsh basiert? Sicherlich kein leicht bekömmliches Mainstreamkino. Schon eher das Gegenteil. Ähnlich wie Danny Boyles Adaption des Welsh-Erstlings „Trainspotting“ birgt auch die Verfilmung seines dritten Romans „Drecksau“ reichlich Diskussionsstoff, erzählt der in anstößiger Sprache verfasste Bestseller doch von einem boshaften Protagonisten, der schon im Literaturbetrieb für großes Aufsehen sorgte. Obwohl Welsh mehrere Adaptionsangebote vorlagen, ließ er sich erst von der Bearbeitung des jungen Filmemachers Jon S. Baird überzeugen, der die Durchtriebenheit der Hauptfigur, wenngleich in leicht abgeschwächter Form, in sein Drehbuch verpflanzen konnte. Dass „Drecksau“ nun, fünfzehn Jahre nach Erscheinen des Romans, auf der großen Leinwand zu sehen ist, entbehrt keineswegs einer gewissen Logik. Schließlich haben uns diverse amerikanische Fernsehserien in den letzten Jahren deutlich vor Augen geführt, wie groß das Interesse des Publikums an Antihelden sein kann.

Bruce Robertson (James McAvoy) heißt der Mann, um den sich alles dreht. Ein Bad Cop, wie ihn das europäische Kino schon lange nicht mehr gesehen hat: anmaßend, frauenfeindlich, rassistisch, kokainsüchtig und manipulativ. Ein Polizist, der Verdächtige nötigt, Kollegen rücksichtslos gegeneinander ausspielt und deren Ehefrauen beglückt. Loyalität ist für ihn ein Fremdwort. Das muss auch der schüchterne Clifford Blades (Eddie Marsan) erfahren, der den skrupellosen Ermittler für einen Freund hält, ohne zu wissen, dass ausgerechnet er seine Frau mit obszönen Anrufen belästigt. Bruce ist ein Spieler, der seine eigenen Regeln aufstellt. Nicht zuletzt im Berufsleben, wo er mit allen Mitteln auf seine Beförderung hinarbeitet. Dafür muss er allerdings erst einmal den Mord an einem japanischen Touristen aufklären. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern, für die er nichts als Verachtung übrig hat.

Gleich in einer der ersten Szenen im Polizeirevier von Edinburgh unterstreicht Regisseur Baird die zynisch-böse Haltung seiner Hauptfigur. Während die Kollegen zusammensitzen und den Mordfall besprechen, wägt Bruce in Gedanken ab, welcher der Anwesenden seiner Karriereplanung im Weg stehen könnte. Es ist eine schonungslose und vulgäre Abrechnung, die er jedoch nur mit dem Zuschauer teilt. Wir sind gefangen in der Wahrnehmung eines Mannes, der sich selbst für Gott hält und alle anderen wie Dreck behandelt. Eine Feststellung, die fast zwangsläufig zu einer entscheidenden Frage führt: Welche seltsame Faszination sorgt dafür, dass sich das Publikum nicht vollkommen angewidert abwendet? Ist es der bewusst schwarzhumorige Tonfall des Films? Der heimliche, freilich unterdrückte Wunsch, selbst einmal die Sau rauszulassen? Oder die Hoffnung, den Grund für Bruces abstoßendes Verhalten in Erfahrung zu bringen? Womöglich spielen alle Faktoren eine Rolle. Baird selbst unterstreicht in erster Linie den Reiz der letzten Frage, wenn er seinen Film im Kern als eine klassische Geschichte von Liebe und Verlust charakterisiert.

In der Tat deutet der Regisseur schon sehr früh an, dass Bruces selbstsicheres und rücksichtsloses Auftreten nur eine Seite seines Wesens abbildet. Letztlich ist er ein kranker Mann, manisch-depressiv, von den Geistern einer unheilvollen Vergangenheit verfolgt. Immer wieder tritt der zugrunde liegende Mordfall in den Hintergrund und macht Platz für Sequenzen, die den unaufhaltsamen Zersetzungsprozess des Protagonisten veranschaulichen sollen. So schleichen sich in die ohnehin überzeichnete, bisweilen etwas selbstverliebte Inszenierung von Anfang an surreale Elemente ein: In eine künstlich anmutende Umgebung getaucht, berichtet Bruces Ehefrau Carole (Shauna Macdonald) von den vermeintlichen Stärken ihres Mannes. Der Polizist sieht Gesprächspartner vor sich, deren Köpfe ganz plötzlich Tiergestalt annehmen. Und immer häufiger hat Bruce mit unheimlichen Visionen zu kämpfen, in denen er von seinem Psychiater Dr. Rossi (genial überdreht: Jim Broadbent) bedrängt wird. Begleitet wird der psychische Verfall von kurzen Momenten der Selbsterkenntnis. Ist es in Welshs Roman ein Bandwurm, der in Bruces Verdauungstrakt heranwächst und plötzlich kommentierend in das Geschehen eingreift, repräsentiert im Film der zunehmend durchgeknallte Nervenarzt das schlechte Gewissen, das den Protagonisten wenigstens zeitweise befällt.

Einen Moment menschlicher Güte erlebt der durchtriebene Cop bereits im ersten Drittel, als er einem Passanten, der einen Herzinfarkt erleidet, zu Hilfe eilt, das Leben des Mannes aber nicht mehr retten kann. Während die Helden des Mainstream-Kinos ab einem gewissen Punkt zwangsläufig den Weg der Läuterung beschreiten, stößt Baird die Tür für seine Hauptfigur stets nur einen Spalt weit auf. Emotionale Szenen, die den erbärmlichen Zustand des Ermittlers bebildern, werden genau dann durch eine neue Obszönität zerschlagen, wenn der Zuschauer gerade bereit ist, Mitleid aufzubringen. Ebenso deutliche Kontrapunkte setzt der Regisseur mit seiner Musikauswahl, die das Geschehen auf der Leinwand bewusst ironisiert. Etwa wenn ein friedliches Weihnachtslied über der Szene liegt, in der sich der zugedröhnte Bruce aus seinem Wagen übergibt.

Nach einer aberwitzigen Achterbahnfahrt erwartet das Publikum im letzten Akt ein bitterböser Storytwist, der die Grausamkeit der Romanvorlage zwar abfedert, für sich genommen aber ähnlich verstörend wirkt. Wenngleich die Wendung ein wenig absurd erscheinen mag, bereitet der Regisseur sie mit seiner betont überdrehten Bildgestaltung recht konsequent vor. Der schwarzhumorige Ton kippt nun ins Abgründige, und das ganze Ausmaß von Bruces seelischer Zerrüttung wird mit einem Schlag ersichtlich. Hauptdarsteller James McAvoy, der den bisherigen Tour-de-Force-Ritt eindrucksvoll gemeistert hat, wird nun noch einmal zum Äußersten getrieben. Denn obwohl seine Figur ihre selbstherrliche Fassade aufrechtzuerhalten versucht, bricht am Ende doch alles über ihr zusammen.

Jon S. Bairds „Drecksau“ gleicht einem wilden Trip, der den Zuschauer auf boshaft-komische Weise in die Abgründe einer gestörten Seele führt und dabei vor keiner Provokation zurückschreckt. Auch wenn manche Passagen ihren Tabubruch etwas zu selbstverliebt vor sich hertragen, ist es dem jungen Filmemacher hoch anzurechnen, dass er an der unerbittlichen Dekonstruktion seiner Hauptfigur festhält und damit dem kompromisslosen Geist der Vorlage verhaftet bleibt.

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