Das Schicksal ist ein mieser Verräter - Jugend, Sterblichkeit und die Regie der Gefühlsökonomie
Einleitung
Die Verfilmung von John Greens Bestseller Das Schicksal ist ein mieser Verräter rückte 2014 ein Phänomen ins Zentrum des populären Kinos: die Vermählung von jugendlicher Gefühlsintensität mit existenziellen Fragen. Der Film trat als ein massentaugliches, zugleich intim gesetztes Drama an, das die Erwartungen einer bereits fanatischen Leserschaft erfüllen musste und zugleich die Schwierigkeiten adaptiver Übersetzung literarischer Subjektivität in filmische Präsenz offenlegte.
Regisseur Josh Boone, seit seinem Debüt Stuck in Love als Beobachter literarisch geprägter Beziehungsdynamiken bekannt, nähert sich dem Stoff mit einer Mischung aus literarischem Respekt und filmischer Vereinfachung. Boone versucht, die reflexive, ironisch-erneuernde Stimme des Romans in eine visuelle Sinnlichkeit zu übersetzen - ein Unterfangen, das Fragezeichen hinter die Möglichkeiten legt, wie Kino Empfindungen nicht nur darstellt, sondern moralisch verhandelt.
Im kulturellen Kontext der frühen 2010er Jahre spiegelte die Produktion eine Sehnsucht: nach Authentizität in Zeiten medialisierter Intimität und nach verbesserter Repräsentation jugendlicher Befindlichkeiten. Zugleich steht der Film exemplarisch für einen Zeitgeist, in dem Erkrankung und Leid zu narrativen Marken werden - mit allen Implikationen für Rezipientenempathie, Kommerzialisierung und die ethische Verantwortung der Darstellung.
Kurzüberblick zur Produktion
Unter der Regie von Josh Boone entstand die Adaption des Romans als Studiofilm, unterstützt von Fox 2000 Pictures, der bekannte Pop- und Indie-Ästhetik mit einem vergleichsweise moderaten Budget verband. Die Entscheidung, die Stimmen von Scott Neustadter und Michael H. Weber für die Drehbuchadaption zu engagieren, deutet auf den Wunsch, den Ton des literarischen Ausgangsmaterials zu bewahren und gleichzeitig filmischen Rhythmus und Ökonomie herzustellen.
Boones Handschrift zeigt sich in der Fokussierung auf Innenperspektiven und in der Kombination aus lakonischem Humor und pathetischer Bildsprache. Technisch arbeitet der Film mit einer intimen Kamera, die nahe an Gesichter rückt, sowie mit punktuellen Weitwinkelmotiven - etwa den Stadträumen Amsterdams - die als Kontrapunkt zu klinischen Interieurs fungieren. In seiner Gesamtstellung markiert Das Schicksal ist ein mieser Verräter eine logische Entwicklung in Boones Werk - hin zu größeren narrativen Projekten, die erneut die Balance zwischen sentimentaler Zugänglichkeit und formalem Anspruch verhandeln.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Shailene Woodley übernimmt die zentrale Rolle und verlagert das Gewicht des Films auf eine kontrollierte Innenpräsenz. Ihre Arbeit ist geprägt von einer zurückgenommenen Expressivität - Blicke und kleine Gesten ersetzen oft lautere Gesten und erlauben dem Film, emotional glaubwürdig zu bleiben, ohne ins Überdramatische zu kippen. Woodleys Karriere zuvor zeigte bereits ihr Talent für nuancierte Porträts junger Frauen, was sie zur naheliegenden Besetzung für diese Figur machte.
Ansel Elgort fungiert als Gegenpart - charismatisch, manchmal theatralisch, er nähert sich seiner Figur mit einer Mischung aus verwegenem Witz und uneingelöstem Pathos. Seine Präsenz bringt die romantische Projektion des Erzählens ins Bild, ohne gänzlich die Ambivalenzen der Situation zu überzeichnen. Nat Wolff dient als emotionaler Resonanzkörper; sein Spiel pendelt zwischen komödiantischem Relief und der Darstellung einer zerrissenen Freundschaftsjugend.
Willem Dafoe als der zurückgezogen lebende Autor ist ein kalkuliertes Gegengewicht zur jugendlichen Perspektive - eine Figur, die Zynismus und Verletztheit in sich vereint und damit die inhärente Schwierigkeit des Umgangs mit Leid und Öffentlichkeit symbolisiert. Laura Dern liefert in der Rolle der Elternfigur Stabilität und Pragmatismus; ihre Interpretationsarbeit verankert familiäre Normalität gegen die narrativen Exzesse der jungen Protagonisten.
Handlung (spoilerfrei!)
Das zentrale Narrativ verknüpft die Begegnung zweier junger Menschen, deren Lebensläufe durch Krankheit markiert sind, mit einem Reise- und Entdeckungsbogen. Aus dem Ausgangspunkt einer Literaturgruppe entwickelt sich eine intime Beziehung, die nicht nur romantische Bedürfnisse, sondern vor allem existentielle Fragen nach Sinn, Erinnerung und Würde verhandelt. Der dramatische Konflikt liegt weniger in äußeren Antagonismen als in der Konfrontation mit Endlichkeit und dem Bedürfnis, ein Leben trotz dessen Sinn zu stiften.
Der Film zeichnet seine Protagonisten als sensible, ironisch gebildete Figuren, deren Dialoge oft zwischen tief empfundenem Ernst und einer selbstironischen Distanz oszillieren. Ton und Atmosphäre bleiben überwiegend auf der Ebene melancholischer Gegenwärtigkeit - heitere Momente operieren nicht als bloßer Auflockerungsmechanismus, sondern als legitime Formen des Widerstands gegen die Bedrohung des Lebens.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Autorschaft von Leid, nach dem Recht auf Traurigkeit und der Sehnsucht nach Bedeutung in einem begrenzten Leben. Der Film untersucht, wie Geschichten - literarisch oder biografisch - zur Vermittlung von Sinn eingesetzt werden, und stellt dabei die ambivalente Rolle des Erzählers zur Debatte. Wer darf über Leid sprechen, und welche Erwartungen knüpfen Gesellschaften an diese Erzählungen?
Darüber hinaus behandelt die Produktion das Verhältnis von Öffentlichkeit und Intimität. Social-Media-ähnliche Mechanismen der Publikation, die mediale Verwertung leidender Körper und die Frage, inwieweit Empathie instrumentell wird, sind ständige Untertöne. Psychologisch verhandelt der Film Trauer, Trotz und das Versuchsarrangement, durch Nähe eine Form von Unsterblichkeit zu gewinnen - nicht durch Verklärung, sondern durch die Aneignung gemeinsamer Erinnerungen.
Formal ist das Motiv der Reise - geografisch wie emotional - prägend. Ortswechsel fungieren als Katalysatoren für Erkenntnis und als filmische Gelegenheit, Perspektiven zu verändern. Musikalische und visuelle Motive arbeiten zusammen, um die Spannung zwischen intimer Nahaufnahme und gelegentlichem, distanzierendem Überblick auszuloten - ein wiederkehrendes Prinzip, das die Ambivalenz von Hoffnung und Verlust akzentuiert.
Filmkritik von Peter Osteried
Für die junge Liebe von Hazel und Augustus ist das Schicksal ein mieser Verräter
Bei der Transformation vom Roman zum Film geht oftmals etwas verloren. Wenn mit Passion an der Umsetzung gearbeitet wird, dann bleibt die Essenz erhalten. Und manchmal – ganz, ganz selten – ist sogar mehr drin, eine Adaption, die nicht nur dem Geist der Vorlage gerecht wird, sondern alles richtig macht. Das Schicksal ist ein mieser Verräter gehört zu dieser seltenen Sorte Film. Wer das Buch liebt, den wird auch der Film verzaubern. Kennt man John Greens Roman nicht, so erwartet einen der traurigste, aber auch schönste Feel-Good-Film des Jahres.
Hazel Grace Lancaster (Shailene Woodley) ist krank. Seit Jahren kämpft sie gegen den Krebs, was ihre Lunge ziemlich mitgenommen hat. Auf Drängen ihrer Mutter besucht sie eine Selbsthilfegruppe, in der sie Augustuw Waters (Ansel Elgort) kennen lernt, der ein Bein an den Krebs verloren hat, dem es ansonsten aber gut geht. Augustus ist ein unangepasster junger Mann, ein Schelm, smart, witzig – und vom ersten Moment in Hazel verliebt. Sie mag auch ihn, fürchtet aber, ihm wehzutun, da sie weiß, dass sie so viel Zeit nicht mehr hat.
Aber Augustus will das nicht hören, er will jede Minute mit Hazel genießen. Beide teilen die Leidenschaft für ein ganz besonderes Buch, „Ein herrschaftliches Leiden“, das jedoch mitten im Satz endet. Sie wüssten zu gerne, wie es ausgeht, aber der Schriftsteller Peter van Houten (Willem Dafoe) lebt in Amsterdam. Augustus wäre aber nicht Augustus, hätte er nicht eine Idee, wie sich Hazels Herzenswunsch verwirklichen lässt. Das Glück ist zum Greifen nah, doch das Schicksal ist ein mieser Verräter.
Die Stärke des Romans ist es, dass er nie auf die Tränendrüse drückt. Er verfällt nicht in Kitsch, sondern schafft es, authentische Figuren zu erschaffen, deren Leben und Leiden mitfühlen lassen. Der Film hat diese Qualitäten auch. Er hätte leicht eine moderne Version von Love Story werden können, ist aber weit mehr als das. Das Schicksal ist ein mieser Verräter möchte nicht bedrücken, er heischt nicht um Mitleid, im Gegenteil, er setzt die Krankheit der Hauptfiguren in Kontext. Die Krankheit ist Teil von ihnen, und was auch immer das bedeutet, sie leben ihr Leben, so gut sie es nur können. Denn egal, wie viel Zeit man letztlich auf dieser Erde hat, kommt es doch nur darauf an, wie man sie genutzt hat.
Shailene Woodley und Ansel Elgort, die in Divergent – Die Bestimmung noch Bruder und Schwester gespielt haben, sind Idealbesetzungen. Sie bringen eine Menschlichkeit und Tiefe in ihre Rollen ein, die sie augenblicklich real werden lässt. Man hat das Gefühl, echten Menschen zuzusehen, die echte Probleme haben, aber versuchen, die mit trockenem Humor oder offenem Witz kleiner zu machen, als sie sind. Aber der Film ist ehrlich, niemand stirbt und ist dabei bis zum Schluss tapfer und bewahrt sich seinen Humor. So etwas gibt es nur in den Filmen, nicht aber im echten Leben – und auch nicht in Das Schicksal ist ein mieser Verräter.
Was der Roman durch die Erzählung aus der Ich-Perspektive leichter schafft – den Leser direkt zu involvieren – gelingt hier durch das bemerkenswerte Spiel von Shailene Woodley, an deren Gedankenwelt man durch gelegentliche Kommentare aus dem Off teilhaben kann. Aber dieser Kunstgriff wird nur sehr zurückhaltend eingesetzt, Regisseur Josh Boone (Love Stories – Erste Lieben, zweite Chancen) verlässt sich auf seine Hauptdarstellerin, die nicht die erste Wahl für die Rolle war, aber die größte Passion mit brachte. Woodley kannte den Roman und trachtete aktiv danach, diese Rolle zu übernehmen. Beim Vorsprechen überzeugte sie auch John Green, der eine ganz andere Vorstellung von Hazel Grace hatte. Aber Woodley ist es, die sie zum Leben erweckt, die ihr ein Gesicht gibt. Ihre Hazel Grace ist ein Mensch, der sein Schicksal mit Würde trägt.
Das Schicksal ist ein mieser Verräter ist ein trauriger Film, auch, weil er zeigt, dass die Idee eines Idols oftmals weit von dem entfernt ist, wie der Mensch wirklich ist, aber nicht nur in dieser Beziehung ist er ehrlich. Dies ist kein Krebsfilm, kein seichtes Drama, das mit Hilfe einer Krankheit auf die Tränendrüse drückt, sondern ein menschlicher, ehrlicher, schöner, lebensbejahender Film, der die Zeit, die uns auf Erden gegeben ist, zelebriert. Das Leben ist schön, auch wenn es weh tut. Der Schmerz, er will gehört werden – dieser Film gibt ihm eine Stimme und nimmt ihm seinen Schrecken.

