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Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

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kritiken.de Redaktion 01.01.2014
Das erstaunliche Leben des Walter Mitty© Twentieth Century Fox of Germany GmbH
A ca. 1364 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty: Eine cineastische Meditation über Fantasie, Mut und Entfremdung

Einleitung

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty tritt in eine Filmlandschaft, die zwischen nostalgischer Bildpoesie und digitaler Beschleunigung pendelt. Als Adaption einer Kurzgeschichte aus der amerikanischen Popkultur sucht der Film nicht nur die Nähe zur literarischen Vorlage, sondern vor allem zu einem gegenwärtigen Gefühl: die Spannung zwischen innerer Flucht und äußerer Notwendigkeit. Sein Reiz liegt weniger in einer narrativen Überraschung als in der Art, wie Kino Fantasie und Wirklichkeit formal miteinander verwebt.

Regie und Hauptrolle liegen in den Händen von Ben Stiller, dessen Karriere lange von Komödie und selbstironischer Performance geprägt ist. Hier verschiebt sich die Tonlage zu einer melancholischen, manchmal pathetischen Bildsprache, die Stiller als Filmemacher positioniert - nicht nur als Gaglieferant, sondern als Autor, der visuelle Ambitionen mit populärer Erzählform verbindet. Das macht den Film relevant für die Frage, wie zeitgenössische Autorenfilmer im Mainstream verhandelt werden.

Im kulturellen Kontext spricht der Film ein Publikum an, das in einer globalisierten, mediendominierten Welt nach Sinnstiftung sucht. Themen wie Selbstinszenierung, Arbeitsethik und die Sehnsucht nach Abenteuer korrespondieren mit digitalen Lebensformen, in denen Bilder mehr Gewicht bekommen als Orte. Die Serie von Tagträumen, die Mittys Innenleben illustrieren, reflektiert weniger eine Flucht als eine Auseinandersetzung mit dem Druck, sich selbst als narrative Figur zu begreifen.

Kurzüberblick zur Produktion

Ben Stiller übernahm bei Das erstaunliche Leben des Walter Mitty sowohl die Regie als auch die Titelrolle - ein Arrangement, das den Film autorial prägt. Die Produktion bewegt sich im Spannungsfeld von Hollywoodstudio und persönlichem Autorenkino: sichtbare Produktionswerte, umfangreiche Außenaufnahmen und ein aufwändiges Setdesign treffen auf eine inszenatorische Intimität, die eher dem Arthouse-Anspruch naht.

Als Studioprojekt konzipiert, nutzt der Film die Möglichkeiten großer Produktionsmittel, um eine Bildsprache zu entwickeln, die zwischen idyllischer Landschaft und urbaner Banalität oszilliert. Die photographische Komponente - mit locales, die von Reykjavik bis New York reichen - dient nicht bloß als Kulisse, sondern als integraler Bestandteil der Erzählung. In Stillers Gesamtwerk markiert der Film einen Wendepunkt: weg von launiger Komödie, hin zu einer melancholisch-optimistischen Reflexion über Selbstverwirklichung und Verantwortung.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Ben Stiller tritt in der Doppelrolle als Schauspieler und Regisseur an und bringt seine komödiantische Präzision in eine Figur, die eher schweigsam und introvertiert ist. Seine frühere Karriere - von Zoolander bis Meet the Parents - bietet den Kontrast, in dem seine reduzierte Gestik und ein feineres Gefühl für Timing besonders hervortreten. Walter Mitty wird so zur Projektion einer erwachsenen, nachdenklichen Variante des Stiller-Images.

Kristen Wiig, bekannt geworden durch ihre Arbeit bei Saturday Night Live und dem Ensemble-Erfolg Bridesmaids, spielt die emotionale Ankerfigur. Sie verkörpert eine ruhige, wirkliche Gegenkraft zu Mittys Tagträumen - eine Figur, die in ihrer Zurückhaltung zugleich Stabilität und eine Aufforderung zur Handlung darstellt. Sean Penn, als weltgewandter Fotograf, bringt eine knappe, beinahe mythische Präsenz; seine Funktion ist die eines Katalysators - einer Figur, die eine Welt jenseits des Alltags repräsentiert.

Nebenrollen von erfahrenen Darstellern wie Shirley MacLaine geben dem Hinter- und Umfeld des Protagonisten Tiefe. Die Nebenfiguren sind zumeist funktional gestaltet: sie spiegeln Erwartungen, obszöne Bürorealitäten oder familiäre Bindungen, und dienen als Gegenpole zu Mittys innerer Bewegung.

Handlung (spoilerfrei!)

Im Kern erzählt der Film die Geschichte eines Mannes in einem unspektakulären Alltagsmilieu, dessen reiches Innenleben ihn immer wieder in heroische Tagträume entführt. Erzählerisch geht es um den Konflikt zwischen einer sicheren, aber erstarrten Lebensführung und der Versuchung, sich auf reale Risiken einzulassen. Diese Spannung trägt den filmischen Bogen - nicht als Thrill, sondern als existenzielle Frage: Was kostet es, das Leben wirklich zu leben?

Die zentralen Figuren um Walter Mitty sind bewusst einfach gezeichnet: eine nicht abweisende Liebe, ein mythischer Fremder und ein Netzwerk beruflicher Beziehungen, die ihn formen und beschränken. Tonal bewegt sich der Film zwischen leisem Humor und pathetischer Operativität - ein Gemisch aus Nostalgie, lakonischer Komik und gelegentlicher Erhabenheit, das die Atmosphäre einer modernen Fabel erzeugt.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt Fragen nach Identität und Selbstinszenierung in einer Welt, in der Bilder zu Währungen geworden sind. Wie viel von uns ist Projektion? Wie viel ist echt? In Walter Mittys Tagträumen manifestiert sich eine Sehnsucht nach Authentizität, die nicht in der Flucht zu belletristischen Abenteuern besteht, sondern in der Bereitschaft zu konkreten Entscheidungen. Die Erzählung problematisiert damit die romantische Vorstellung, Fantasie sei per se Flucht - sie ist auch Übungsraum für Mut.

Psychologisch gesehen lotet der Film die Mechanismen von Vermeidung und Selbstermächtigung aus. Mittys Träumereien sind sowohl Kompensationen für eine lähmende Alltagsrealität als auch Vorübungen für echte Veränderung. Gesellschaftlich berührt die Geschichte das Thema der Arbeit in postindustriellen Kontexten: Ein ehemaliges Herzstück analoger Produktion - die Photographiewelt - fungiert als Folie für Fragen nach Wert, Wandel und Verantwortung in einer zunehmend symbolischen Ökonomie.

Formal kombiniert der Film visuelle Fantasien mit dokumentarisch anmutenden Außenaufnahmen; dieses Wechselspiel wird zum Thema selbst - die Bildsprache fragt, wie Realität konstruiert wird. Am Ende bleibt der filmische Reiz weniger in narrativen Überraschungen als in der choreographierten Begegnung von Bild, Musik und Performance - einem Versuch, die inneren Bilder eines Menschen auf die Leinwand zu übertragen.

Filmkritik von Oliver Kaever

Eigentlich sollte der Schriftsteller James Thurber konsultiert werden, als seine beliebte Kurzgeschichte „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ verfilmt wurde. Aber seine Ideen für das Drehbuch wurden von dem Produzenten Samuel Goldwyn ignoriert. Er machte aus dem kurzen Stück ein Star-Vehikel, das nur noch wenig mit der Vorlage zu tun hatte. Thurber drückte daraufhin in einem Brief an die Zeitschrift Life sein Missfallen mit der Verfilmung aus, auch wenn Goldwyn das Gegenteil behauptete.

Der Star hieß Danny Kaye, und der Film kam 1947 in die Kinos. Er wurde ein großer Erfolg, der hauptsächlich der Popularität des Komikers Kaye geschuldet war. Jetzt wiederholt sich die Geschichte. Die Enkel von Samuel Goldwyn bringen erneut eine Verfilmung des 1939 erschienenen Literatur-Klassikers in die Kinos, wieder mit einem populären Komiker in der Hauptrolle. Ben Stiller übernahm zusätzlich die Regie. Tatsächlich handelt es sich eher um ein Remake, denn die neue Version hat große Ähnlichkeiten mit dem ersten Film, aber wie dieser nur sehr wenige mit der Vorlage.

Walter Mitty (Ben Stiller) arbeitet bei dem Fotomagazin Life als Negativ-Assistent im Lager. Im Alltag ein durchschnittlicher, überaus schüchterner Jedermann, den es sogar Überwindung kostet, auf einer Dating-Site im Internet Frauen anzusprechen, träumt er sich am hellichten Tag in die wildesten Situationen, in denen er Menschen aus einem explodierenden Gebäude rettet oder als romantischer Abenteurer alle Blicke auf sich zieht. In der Wirklichkeit allerdings wird Life abgewickelt und soll fortan nur noch im Internet existieren. Auch Walters Job ist bedroht. Als das Negativ für das Cover der letzten Ausgabe abhanden kommt, entdeckt Mitty seinen wahren Mut: Er reist dem legendären Fotografen Sean O‘Connell (Sean Penn) hinterher und erlebt die wildesten Abenteuer. Und so ganz nebenbei weckt er das Interesse seiner Kollegin Cheryl (Kirsten Wiig), die er schon lange anhimmelt.

James Thurbers gerade einmal zweieinhalb Seiten lange Geschichte handelt von einem alternden Mann, der von seiner Frau dominiert wird und vor ihrem ständigen Gemecker in Fantasiewelten flieht. Mit diesem melancholisch-drolligen Ton hat die Verfilmung nichts gemein. Stiller und die Produzenten machen daraus ein Feelgood-Movie, das die ewigen Glaubenssätze der Vereinigten Staaten – jeder ist seines Glückes Schmied, jeder kann glücklich werden – in eine emotionale, aber wenig glaubwürdige Geschichte transferiert. Stiller will eher überwältigen als überzeugen. Unangenehm wird der Film dadurch, dass er seine Hauptfigur erst dann für attraktiv und interessant hält, wenn sie sich zu einem mutigen Abenteurer mausert. Das Postulat „Lebe Deine Träume“ wird hier naiv und unkritisch für bare Münze genommen.

Wenigstens gestaltet Stiller seine immerhin schon fünfte Regie-Arbeit filmisch elegant und stellenweise auch durchaus spannend. Die erlesenen Bild-Kompositionen lassen die Fantasiewelten des Walter Mitty äußerst lebendig werden. Und Thurbers Melancholie findet doch noch Eingang in den Film, der getragen ist von einer durchaus kritischen Haltung dem digitalen Zeitalter und seiner Folgen gegenüber, dem Zeitschriften, Arbeitsplätze und menschliche Nähe zum Opfer fallen. Dazu dient Stiller die wahre Geschichte des Life-Magazins, das über Jahrzehnte als hochkarätiges Foto-Magazin erschien, 2007 zu einer Webseite umfunktioniert wurde und sein Erscheinen 2012 ganz einstellte. Thurber könnte Life heute also nicht mehr seine Enttäuschung über „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ schildern. Ob sein Urteil über die zweite Verfilmung aber anders ausfallen würde, darf bezweifelt werden.

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