kritiken.de› Filme›
Filme

Blackhat

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 05.02.2015
Blackhat© Universal Pictures Germany
A ca. 1297 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Blackhat - Michael Manns nüchterne Studie über digitale Verwundbarkeit und die Einsamkeit des Experten

Einleitung

Blackhat setzt Michael Manns langjährige Auseinandersetzung mit Verbrechensformen in ein neues, zeitgenössisches Medium. Wo früher Banküberfälle, Gangster und korrupte Konzerne standen, rückt hier die unsichtbare Infrastruktur in den Fokus: Netzwerke, Algorithmen und die politischen wie ökonomischen Verwundbarkeiten, die daraus erwachsen. Der Film sucht nicht die einfache Dramatisierung von Action, sondern die Übersetzung eines rein digitalen Phänomens in eine sinnlich erfahrbare Filmwelt.

Die Relevanz des Films liegt weniger in spektakulären Plotwendungen als in der Frage, wie Kino eine Ästhetik für das Unsichtbare findet. In einer Ära, in der Cyberattacken reale Stromnetze, Produktionsketten und Finanzmärkte tangieren, ist die filmische Darstellung solcher Angriffe nicht nur technologisch interessant, sondern auch kulturgeschichtlich: Sie markiert einen Schritt, wie der populäre Film die Moderne des Informationszeitalters begreift und visualisiert.

Im Werk Manns steht Blackhat in einer Linie mit Titeln wie Heat, Collateral und The Insider, die professionelle Obsessionen, Moral und Technik miteinander verknüpfen. Hier verlagert sich die Bühne von der Straße in die Infrastruktur, von der handgreiflichen Gewalt in die kodierte Manipulation. Der Ton ist dabei weniger moralisch patent als diagnostisch: Mann beobachtet die Protagonisten als Handwerker ihres Fachs, ihre Isolation und ihre Professionalität.

Kurzüberblick zur Produktion

Blackhat entstand als ambitioniertes Studioprojekt mit internationalem Anspruch. Die Produktion verlegte Dreharbeiten in mehrere Metropolen, um die globale Dimension des dargestellten Phänomens zu unterstreichen. Technisch setzt der Film auf moderne digitale Kameratechnik und ein klares, nüchternes Bildkonzept, das die Nächte der Weltstädte ebenso einfängt wie sterile Kontrollräume und flirrende Monitorlandschaften.

Im Produktionsprozess manifestiert sich Manns bekannte Arbeitsweise: intensive Recherche, die Kooperation mit technischen Beratern und ein präzises Storyboard für Prozeduren. Dies führt zu einer filmischen Präzision, die die Abläufe ernst nimmt und dem Zuschauer ein Gefühl für Komplexität vermittelt. Budget und Studioeinstieg erlaubten dabei einen internationalen Scope, der das Sujet von lokaler Kriminalität zu globaler Systemanfälligkeit erweitert.

Innerhalb von Manns Gesamtwerk nimmt Blackhat eine Sonderstellung ein. Während frühere Filme oft das greifbar Verbrecherische betonten, ist dieser Film ein Versuch, die Bedrohungslage des 21. Jahrhunderts auf filmische Kategorien zu übertragen. Er ist weniger Rückgriff auf Altbekanntes als Weiterdenken eines Regisseurs, der seit Jahrzehnten das Verhältnis von Mensch, Technik und Macht thematisiert.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung vereint Hollywood-Profis mit internationalen Charakterdarstellern. Chris Hemsworth, zuvor vorrangig in mythologischen und actionzentrierten Rollen bekannt, übernimmt hier die Rolle eines technisch versierten, einsamen Experten. Hemsworths Arbeit besteht weniger in demonstrativer Muskelkraft als in einer reduzierten, kontemplativen Präsenz, die Expertise und innere Zerrissenheit zusammenführt.

Viola Davis repräsentiert eine Form staatlicher Autorität und Professionalität, die Mann wiederholt interessiert: kompetent, nüchtern und gebunden an institutionelle Logiken. Ihre Figur artikuliert die staatliche Perspektive auf ein Phänomen, das traditionelle Zuständigkeiten sprengt. Leehom Wang und Wei Tang bringen lokale Nuancen und Authentizität in die internationalen Schauplätze; sie verkörpern Funktionen, die zwischen Ermittlungsarbeit und persönlicher Betroffenheit oszillieren.

Das Ensemble ergänzt diese Kernfiguren mit routinierten Darstellern aus dem Bereich des Kriminalfilms, die etablierte Archetypen von Ermittlern, Informanten und industriellen Akteuren entstehen lassen. Die Rollen sind primär funktional, dienen der Vermittlung der komplexen Handlungsschichten und erlauben Mann, seine thematische Präzision auf multiplen Ebenen zu entfalten.

Handlung (spoilerfrei!)

Blackhat beschreibt die Jagd nach einer digitalen Bedrohung, die länderübergreifend Verwerfungen auslöst. Im Zentrum steht die Konfrontation zwischen jenen, die Systeme schützen wollen, und jenen, die ihre Schwachstellen ausnutzen. Die Dramaturgie folgt einem klassischen Ermittlungsmuster: Entdeckung, Spurensicherung, internationale Kooperation und das Abarbeiten technischer Indizien. Auf diese Weise wird der abstrakte Gegner sichtbar gemacht.

Der dramatische Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen individueller Expertise und institutioneller Struktur. Die zentralen Figuren sind Experten ihres Fachs, deren Innenleben durch berufliche Verortung, Einsamkeit und moralische Ambivalenz bestimmt wird. Ton und Atmosphäre sind geprägt von einer kühlen, kontrollierten Bildsprache; nächtliche Stadtlandschaften, ergonomische Einsätze in Kontrollräumen und ein Geräuschraum, der Codes zu Tönen macht, bestimmen das sensorische Erlebnis.

Der Film vermeidet einfache Polarisierungen. Statt klarer Helden und Schurken lotet er Schnittstellen aus: ethische Verantwortungen, die Kompromisse erfordern, und die Tatsache, dass technisches Können sowohl schützen als auch zerstören kann. Dadurch erhält die erzählte Jagd eine analytische Dimension, die den Zuschauer eher zum Nachdenken als zum reinen Mitfiebern anregt.

Zentrale Themen und Motive

Blackhat stellt die Frage, wie moderne Gesellschaften mit der Unsichtbarkeit ihrer eigenen Verwundbarkeiten umgehen. Technik wird zugleich als Instrument der Macht und als Quelle systemischer Fragilität gezeigt. Der Film interessiert sich weniger für spektakuläre Cyber-Mythen als für die Alltäglichkeit von Abhängigkeiten: Netzwerke, Supply Chains und institutionelle Verflechtungen, die einmal gestört, weitreichende Konsequenzen zeitigen.

Eine wiederkehrende philosophische Dimension betrifft die Einsamkeit des Wissens. Der Experte, der die Regeln der Maschine besser kennt als seine Mitmenschen, bewegt sich in einer Grenzzone zwischen Heldentum und Entfremdung. Diese Figur ist emblematisch für Manns Interesse an professioneller Identität: Arbeit als Existenzaussage, Expertise als Lebensform.

Schließlich fungiert der Film als Reflexionsraum für die Frage nach Transparenz und Kontrolle. Wieviel Kontrolle lässt sich überhaupt zurückgewinnen, wenn Bedrohungen in der Architektur von Infrastrukturen angelegt sind? Indem Blackhat das Sichtbare und das Unsichtbare filmisch verknüpft, öffnet er einen Raum für eine kulturkritische Betrachtung des digitalen Zeitalters, ohne in einfache Antworten zu flüchten.

Filmkritik von Peter Osteried

In Blackhat sind Hacker die Stars des neuen Action-Kinos

Alles beginnt mit dem Daten-Highway. Blackhat zeigt, wie die Daten durch das Netz rauschen. Es ist fast so etwas wie ein Krieg, den man hier sieht, wenn die Firewall durchbrochen wird, wenn der böse Hacker sein Ziel erreicht, wenn man mittendrin ist im High-Tech-Thriller, der jedoch nie auf den Punkt kommt.

Neil Hathaway (Chris Hemsworth) sitzt wegen Computer-Delikten im Knast. Aber dann erhält er die Chance, seine Freiheit zurückzugewinnen. Ein Hacker hat einen Angriff auf ein chinesisches Atomkraftwerk geführt. Die Chinesen arbeiten nun mit dem FBI zusammen, benötigen aber Hathaways Hilfe, der einst mit Captain Chen den Ur-Code geschrieben hat, der benutzt wurde, um in das System einzudringen. Hathaway nutzt seine Chance, verliebt sich Chens Schwester Lien, erweist sich als Genie und findet natürlich Spuren, die sonst keiner sieht. Der Weg führt zurück nach China und von dort nach Malaysia, dem Hacker immer eng auf den Fersen.

Der hat wiederum nichts Besseres zu tun, als sich so dumm wie möglich zu verhalten. Und das bei einem Mann, der wiederum einen solcherlei komplexen Plan ausgeheckt hat, dass nicht nur er selbst, sondern auch der Zuschauer darüber stolpert. Denn der Plan des Hackers findet in Stufen statt, am Ende soll die ganz große Eskalation stehen – und damit auch der große Reibach. Aber, so muss man als Zuschauer schnell, erkennen: Wozu eigentlich dieser umständliche Plan, zeigt der Film doch, wie sich einfach ohne Tote, ohne Katastrophen, ohne nennenswertes Risiko die Börse im großen Stil manipulieren lässt. Der Hacker hätte also einfach so an Milliarden kommen können. Aber gut, vielleicht ist er ein Psychopath, vielleicht mag er es, wenn Leute sterben. Könnte sein, so richtig weiß man das aber nicht, denn allzu sehr in die Tiefe geht es bei den Charakteren dieses Films wirklich nicht.

Alle sind nur Schein und Sein, am besten dargestellt von Chris Hemsworth. So stellt man sich den typischen Hacker auch vor, oder? Gutaussehend, großgewachsen, muskulös, charmant, ein echter Sunnyboy. Für Thor sind das alles gute Attribute, für einen Hacker aber nicht so sehr. Vielleicht war aber auch der Plan, mit dem Film eine Art James Bond des Computerzeitalters zu erschaffen, einen Super-Nerd, der eben blenden aussieht und kämpfen kann, als wäre er jahrelang bei der Spezialeinheit ausgebildet worden.

Das ist eines der großen Probleme des Films: Der Hauptdarsteller verfängt nicht. Aber es gibt noch reichlich andere Stolpersteine. Die Geschichte ist langatmig erzählt, immer wenn die Leute vorm Computer sitzen und Zahlenkolonnen studieren, bewegt sich gar nichts mehr. Dazwischen gibt es ein paar Action-Einlagen, aber wirklich neu ist hier eigentlich nichts. Am Ende stellt sich Blackhat einfach nur als 08/15-Thriller dar, der auf eine überkomplizierte Handlung setzt, weil er ohne sie gar keine Existenzberechtigung hätte.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de