Cinderella als Bild von Macht und Anmut: Kenneth Branaghs Neubearbeitung des klassischen Märchens
Einleitung
Die 2015 erschienene Cinderella nimmt einen besonderen Platz in der zeitgenössischen Popular- und Filmkultur ein, weil sie ein vertrautes Märchenbild mit moderner Erzählabsicht versieht. In einer Phase, in der Hollywood wiederholt in die eigene Vergangenheit greift, fungiert diese Verfilmung als synthetischer Knotenpunkt zwischen traditioneller Erzählkompetenz und dem Bedürfnis, alte Motive unter aktuellen gesellschaftlichen Vorzeichen neu zu interpretieren. Das Ergebnis ist weniger ein radikales Neuarrangement als eine polierte Re-Lektüre, die bewusst mit der Bildsprache und den Erwartungen des Publikums spielt.
Als Stoff ist Cinderella omnipräsent; als Film ist sie ein Testfall für die Frage, wie Erzählungen über Geschlecht, Klasse und Autorität heute inszenatorisch ausgehandelt werden. Branaghs Inszenierung nutzt die Vertrautheit des Materials, um Nuancen hervorzuheben: Nicht allein die romantische Linie steht im Zentrum, sondern die Struktur von Fürsorge und Herrschaft, die das Märchen als soziales Modell reproduziert.
In der medialen Debatte stand die Produktion auch für das Comeback des aufwendigen, visuell dominanten Familienkinos, das sich kostümdramatischen Mitteln bedient, um gleichzeitig zeitgenössische Fragen zu spiegeln. Das Feuilleton interessierte sich weniger für Überraschungen in der Handlung als für die ästhetische Übersetzung des Altbekannten und für die Frage, welche Werte ein so prominentes Re-Make in die Gegenwart transportiert.
Kurzüberblick zur Produktion
Kenneth Branagh, der Regisseur dieser Adaption, ist ein Autor-Regisseur, der aus dem Theater- und Shakespeare-Kontext hervorgeht und in Spielfilmen eine Präzision in der Figurenführung und ein Gespür für klassizistische Bildkomposition pflegt. Sein Zugang zu Cinderella ist von einer klaren Form- und Szenenarchitektur geprägt: Tableaus, symmetrische Kompositionen und eine Betonung der Schauspielerdarbietung kennzeichnen den filmischen Raum.
Die Entwicklung der Produktion erfolgte unter dem Banner eines großen Studios, das auf eine aufwendige Ausstattung, repräsentative Kostüme und aufwendige Produktionsdesigns setzte, um einen unmittelbaren, sinnlich erfahrbaren Märchenraum zu schaffen. Die Zusammenarbeit mit etablierten Kreativen aus Kostüm- und Produktionsdesign führte zu einem Look, der historisierende Referenzen mit einer filmischen Glätte verbindet. In Branaghs Gesamtwerk steht dieser Film neben seinen Shakespeare-Inszenierungen und historischen Dramen als Beispiel für die Verknüpfung von klassischer Erzählform und studioorientierter Opulenz.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Lily James gibt der Titelfigur eine Mischung aus Resilienz und zurückhaltender Wärme. James, die zuvor in unterschiedlichen Genres auffiel, bringt eine physische und emotionale Präsenz, die weniger auf Pathos als auf stille Bestimmtheit setzt. Ihre Darstellung definiert Cinderella nicht allein über Leidensgeschichte, sondern über eine Kontinuität von Würde, die sich im Umgang mit widrigen Verhältnissen manifestiert.
Cate Blanchett als Lady Tremaine führt die antagonistische Funktion mit einer kalten Eleganz aus, die weniger als karikierte Bösewichtzeichnung denn als genau berechnete Machtpraxis gelesen werden kann. Blanchett nutzt ökonomisch Gestik und Stimme, um die Mechanismen einer autoritären Weiblichkeit zu veranschaulichen, die moralische wie ökonomische Kontrolle ausübt. Helena Bonham Carter als Fee stellt einen komplementären Ton dar: weniger die naive Märchenfigur als eine theatrale Vermittlerin, die zwischen Magie und performativem Beistand oszilliert.
Richard Madden als Prinz bringt die notwendige aristokratische Unaufgeregtheit, während Nebenrollen von bekannten Charakterdarstellern wie Stellan Skarsgård, Derek Jacobi und Ben Chaplin dem Spektrum Textur verleihen. Die Verteilung der Figuren folgt einem klassischen Cast-Prinzip: Starbesetzung in den Polarisierungen von Gut und Böse, unterstützt von verlässlichen Charakterdarstellern, die dem filmischen Kosmos Glaubwürdigkeit verleihen.
Handlung (spoilerfrei!)
Die Erzählung hält sich an die Grundstruktur des bekannten Märchens: Eine junge Frau, umgeben von familiären Zwängen, muss sich in einem sozialen Gefüge behaupten, in dem Obrigkeit und Privilegien ihre Lebensumstände prägen. Der dramatische Konflikt wird durch das Auseinanderklaffen von persönlicher Sehnsucht und äußerer Kontrolle bestimmt - ein Konflikt, der sowohl intim als auch institutionell gelesen werden kann.
Im Zentrum stehen die Figurenkonstellationen: die Protagonistin, die antagonistische Familienfigur, die repräsentative Institution der höfischen Macht und eine Vermittlungsinstanz, die das mythische Element des Märchens einführt. Tonal bewegt sich der Film zwischen melancholischer Zurückhaltung und pathetischer Größe; Atmosphäre entsteht durch kameraführung, Musik und ausdifferenzierte Ausstattung, die das Märchenreich nicht als reinen Zufluchtsort, sondern als politisch durchdrungenen Raum erscheinen lassen.
Zentrale Themen und Motive
Der Film richtet sein Augenmerk weniger auf eine einfache Moral als auf die strukturellen Bezüge von Macht, Erziehung und sozialer Mobilität. Fragen nach Agency und Autonomie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Erzählung: Wie formt Erziehung das Subjekt? Welche Rolle spielt äußere Anerkennung für individuelle Selbstbestimmung? Branaghs Inszenierung verschiebt die Empathie vom romantischen Ziel hin zur Analyse der Bedingungen, unter denen das Ziel erst relevant wird.
Ein wiederkehrendes Motiv ist jenes der Maske und des Blicks - nicht nur im Sinne des Verbergens, sondern als Medium sozialer Produktion. Kostüm- und Lichtgestaltung arbeiten zusammen, um Identität als etwas zu zeigen, das auf- und ablegbar ist, zugleich aber durch materielle und institutionelle Zwänge moduliert wird. Darüber hinaus verhandelt der Film die Katharsis kultureller Erinnerungen: Das Märchen fungiert als kollektiver Speicher, in dem Hoffnungen und Ängste der Gegenwart gebündelt und ästhetisch verarbeitet werden.
Insgesamt bietet diese Cinderella weniger eine direkte Antwort auf politische Fragen als eine modulierende Reflexion darüber, wie Erzählungen Machtverhältnisse naturalisieren oder ihnen widersprechen können. Der Film sucht nicht die Dekonstruktion gängiger Mythen, sondern deren behutsame Neubewertung innerhalb eines visuellen und narrativen Rahmens, der den Zuschauer zur erneuten Auseinandersetzung mit Bekanntem einlädt.
Filmkritik von Christopher Diekhaus
„Cinderella“ in klassischem Gewand
Wenn gleich zu Beginn Schmetterlinge vor einem blauen Himmel aufsteigen, ist eigentlich schon klar, dass wir uns hier in einem waschechten Disney-Film befinden. Keine Spur von selbstironischen Anwandlungen oder verstörend-düsteren Zügen, wie sie andere Märchen-Adaptionen in letzter Zeit gerne vor sich hertragen. Bestes Beispiel für diesen Trend ist das vor kurzem angelaufene Musical „Into the Woods“, das zwar demselben Studio entstammt, allerdings einen postmodern-verspielten Ansatz bemüht. Ganz anders verhält es sich mit Kenneth Branaghs Realfilm-Remake des Animationsklassikers „Cinderella“ aus dem Jahr 1950, der auf der französischen Aschenputtel-Version von Charles Perrault basiert. Nachdem der britische Charakterdarsteller und Filmemacher mit „Jack Ryan: Shadow Recruit“ 2014 einen eher faden Abstecher in die Gefilde des Agententhrillers unternahm, wendet er sich nun wieder einem althergebrachten Erzählstoff zu und zeigt sich dabei deutlich trittsicherer. Nostalgie und unverstellter Märchencharme sind in jeder Einstellung zu spüren, was das geneigte Publikum sicherlich zu schätzen weiß.
Die kleine Ella (Eloise Webb) wächst glücklich und zufrieden auf, bis ihre geliebte Mutter (Hayley Atwell) eines Tages ganz unerwartet verstirbt. Ein Verlust, der das kleine Mädchen und ihren Vater (Ben Chaplin) in tiefe Trauer stürzt. Und doch schaffen sie es gemeinsam, ihrem Leben wieder neuen Sinn zu geben. Jahre später beschließt der Vater, die elegante Lady Tremaine (Cate Blanchett) zu heiraten, die nach dem Tod ihres Mannes mit ihren beiden Töchtern Drizella (Sophie McShera) und Anastasia (Holliday Grainger) von heute auf morgen Existenzängste verspürt. Ella (Lily James), die mittlerweile zu einer jungen Frau herangereift ist, freut sich über den „Familienzuwachs“, wird aber schon bald mit einem neuerlichen Schicksalsschlag konfrontiert. Auf einer Geschäftsreise stirbt ihr Vater an den Folgen einer heimtückischen Krankheit. Das traurige Ereignis ist allerdings nur der Anfang einer schrecklichen Leidenszeit. Denn Ella wird von ihrer Stiefmutter und ihren Stiefschwestern fortan im eigenen Haus wie ein einfaches Dienstmädchen behandelt und als Cinderella (im Deutschen: Aschenputtel) verspottet. Lady Tremaine erlaubt ihr noch nicht einmal, den königlichen Ball zu besuchen, bei dem der Prinz (Richard Madden) auf Geheiß seines Vaters (Derek Jacobi) eine Ehefrau finden soll. Als Ella alle Hoffnungen bereits aufgeben hat, eilt ihr plötzlich eine gute Fee (Helena Bonham Carter) zu Hilfe und stattet sie mit einem wunderschönen Kleid, anmutigen Glasschuhen und einer goldenen Kutsche aus.
Dass Branagh die preisgekrönte Animationsvorlage in Ehren halten wollte, ist nicht zu übersehen. Immerhin fährt er alle Geschütze auf, die eine Märchenverfilmung zu einem berauschend-rührseligen Kinoerlebnis machen können. Das Szenenbild und die prächtigen Kostüme – insbesondere Ellas blaue Ballbekleidung – erstrahlen in leuchtenden Farben. Opernhafte Musik erklingt bei jedem emotionalen Anlass. Panoramaaufnahmen erfassen die unendlichen Waldlandschaften und das ausladende Königsschloss, für das laut Presseheft der Dresdner Zwinger als Inspirationsquelle diente. Ohne Scheu umarmt Shakespeare-Experte Branagh den Kitsch der ursprünglichen Erzählung und bringt sie schließlich so auf die Leinwand, wie man es im Vorfeld auch erwartet hatte. Dass es des Guten in manchen Momenten etwas zu viel ist, lässt sich dabei nicht ganz vermeiden.
Was die Handlung betrifft, entfernt sich die neue „Cinderella“-Adaption nicht weit von ihrem großen Vorbild, präsentiert bloß hier und da kleine Abweichungen und Ergänzungen, die der Geschichte weitere Substanz verleihen sollen. Neu ist beispielsweise, dass die Titelfigur und der junge Prinz bereits vor der großen Ball-Sequenz im Wald aufeinandertreffen und dort ihr gegenseitiges Interesse entdecken. Etwas mehr Augenmerk legt der Film überdies auf die böse Stiefmutter, deren Auftritte dank Cate Blanchett immer wieder zu einem meist herrlich sarkastischen Ereignis avancieren. Vor allem im letzten Drittel vermittelt uns das von Chris Weitz verfasste Drehbuch die Beweggründe für das skrupellose Verhalten der Antagonistin und greift dabei das Thema „Schönheitsverlust im Alter“ auf, das auch und gerade in der Hollywood-Industrie eine gewichtige Rolle spielt.
Ausschmückungen wie diese verdrängen jedoch zu keinem Zeitpunkt den altmodischen Märchencharme, auf den es Branagh in erster Linie abgesehen hat. Aufgelockert wird das Kostümspektakel ab und an durch kleine Humoreinlagen – bevorzugt über die am Computer entstandenen Mäuse-Freunde der Protagonistin oder die tollpatschig-gutmütige Fee. Wie es sich für eine richtige Fabel gehört, werden in den Dialogen wiederholt erbauliche Botschaften transportiert. Hervorstechen kann hier vor allem die Weisung, die Ellas Mutter ihrer Tochter auf dem Sterbebett erteilt: „Sei mutig und immer freundlich!“ Ein Motto, das die junge Frau durch alle Enttäuschungen und Demütigungen navigiert und ihr ständig Kraft und Hoffnung gibt.
Wer derartige Erkenntnisse gerne hört, erzählerisch nicht allzu große Ansprüche stellt und üppiges Ausstattungskino liebt, dürfte diesem durch und durch klassischen Märchenfilm einiges abgewinnen können. Menschen, die auf Zuckerguss und große Gesten allergisch reagieren, werden sich wiederum die Frage stellen, ob es die Aschenputtel-Neuauflage wirklich gebraucht hätte. Verständnis aufbringen lässt sich gewiss für beide Positionen.

