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Die Boxtrolls

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kritiken.de Redaktion 23.10.2014
Die Boxtrolls© Universal Pictures Germany
A ca. 1410 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Die Boxtrolls - Stop-Motion als Gesellschaftsporträt zwischen Groteske und Nähe

Einleitung

Zu seinem Kinostart im Herbst 2014 erschien Die Boxtrolls als weiterer Beleg dafür, dass Stop-Motion-Animation jenseits von Nostalgie ein zeitgenössisches, ernstzunehmendes Erzählmedium bleibt. Der Film verbindet offenkundige Kinderfabel-Elemente mit einem beißend-satirischen Blick auf soziale Mechanismen und positioniert sich damit nicht nur innerhalb des Laika-Kanons, sondern auch im größeren Diskurs darüber, wie Animationsfilm gesellschaftliche Ängste spiegeln kann.

Relevanz gewinnt der Film gerade durch diese Doppelbödigkeit: Er spricht junge Zuschauer durch seine warmen, haptischen Bilder und lakonischen Figuren an, richtet sich aber zugleich an ein erwachsenes Publikum, das in der Groteske der Figuren und in der Ausstellungsweise der Stadt eine Allegorie auf Fremdenfeindlichkeit, Klassenhierarchien und die Produktion von Angst erkennen kann. In einer Zeit, in der öffentliche Debatten zunehmend über Identität und Abgrenzung geführt wurden, fungiert Die Boxtrolls als ästhetisch beständig und narrativ anschlussfähig.

Innerhalb des Schaffens der Regisseure, die aus unterschiedlichen Bereichen des Animationshandwerks kommen, zeigt der Film eine Synthese von schwarzem Humor und emotionaler Substanz. Die filmische Sprache ist nicht auf Effekthascherei angelegt, sondern arbeitet mit Materialität und Detailreichtum, die beim genaueren Hinschauen immer neue Bedeutungsnuancen freilegen.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Boxtrolls entstand bei Laika, einem Studio, das sich seit Coraline als Haus der ambitionierten Stop-Motion-Erzählungen etabliert hat. Die Produktion folgt der Studio-Tradition, handwerkliche Präzision mit modernen digitalen Verfahren zu koppeln: Aufwändige Miniaturen, fein gearbeitete Figurenarmaturen und der Einsatz von 3D-gedruckten Austauschgesichtern ermöglichen eine expressive Bandbreite, die Stop-Motion in den vergangenen Jahren neu definiert hat.

Als Adaption des Kinderbuchs Here Be Monsters! von Alan Snow übersetzt der Film literarische Bildlichkeit in eine dicht komponierte Bildwelt. Die aufwendige Fertigung der Sets und Figuren deutet auf einen langen, detailorientierten Produktionsprozess hin, der Laika-typisch mehrjährige Vorlaufzeiten beansprucht. Die Verbindung von traditionellem Puppenhandwerk und digitaler Verfeinerung ist dabei weniger Technikshow als Mittel zur Verstärkung von Stimmung und Sinn.

Im Kontext des Studios markiert Die Boxtrolls die Fortsetzung einer Linie, die bereits mit Coraline und ParaNorman begonnen wurde: Animationsfilme, die für Kinder konzipiert sind, aber thematisch auf Ambivalenz und moralische Komplexität setzen. Damit besetzt Laika eine Position zwischen kommerzieller Familienunterhaltung und arthausnaher Bildkunst.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung des Films ist ein bewusst heterogenes Ensemble, das sowohl Charakterdarstellern als auch jüngeren Stimmen Raum gibt. Ben Kingsley, ein Schauspieler mit hoher Präsenz, leiht dem Antagonisten eine Mischung aus kultivierter Ruppigkeit und charismatischer Bedrohlichkeit. Seine Stimme gibt der Figur eine hintergründige Seriosität, die zugleich komödiantische Spitzen erlaubt.

Isaac Hempstead Wright bringt jugendliche Fragilität und Suchbewegung in die Hauptfigur hinein und nutzt die Stimme, um innerliche Zerrissenheit sowie wachsende Selbstbehauptung auszudrücken. Elle Fanning steht für die Empathiefigur, deren Klarheit der Erzählung moralischen Takt und emotionale Balance verleiht. Das Ensemble wird ergänzt durch britisch-komische Stimmen wie Simon Pegg und Nick Frost sowie durch seriöse Charakterdarsteller wie Jared Harris und Toni Collette, deren Beiträge weniger auf Starpräsenz als auf differenzierte, zeichensetzende Figurenarbeit zielen.

Die Stimmen fungieren weniger als Glamour-Labels; sie sind Instrumente, die dem modellhaften Charakterdesign Rhythmus und psychologische Kontur geben. Das Ergebnis ist ein Chor von Atemzügen, der aus der Materialität der Puppen emotionale Echtheit herausholt.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Erzählung zentriert sich um einen Jungen, aufgewachsen in der Obhut von unterirdisch lebenden Kreaturen, die als Boxtrolls bekannt sind. Über der Erde breitet sich eine scheinbar ordentliche, aber tief gespaltene Stadt aus, in der Angst und Vorurteil gegenüber dem Fremden gepflegt werden. Ein rücksichtsloser Exterminator und eine Gesellschaft, die auf äußerer Ordnung besteht, geraten in Konflikt mit der verborgenen Gemeinschaft, deren Lebensweise als Bedrohung stigmatisiert wird.

Der dramatische Konflikt ergibt sich aus dem Spannungsverhältnis von Zugehörigkeit und Außenseiterschaft, von persönliche Bindung und institutioneller Macht. Im Zentrum stehen Figuren, die zwischen diesen Polen navigieren müssen und deren Entscheidungen die moralische Achse des Films ausmachen. Tonal bewegt sich Die Boxtrolls zwischen schräger Komik und düsterer Fabelhaftigkeit; die Atmosphäre ist gleichzeitig intim und leicht grotesk, oft melancholisch, ohne in Zynismus zu verfallen.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt grundlegende Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und den Mechanismen, mit denen Gemeinschaften Fremdheit produzieren und instrumentalisieren. Er verhandelt, wie Angst vor dem Unbekannten zu sozialer Ausgrenzung und zur Konstruktion von Bedrohungen führt - ein politisches Muster, das in zeitgenössischen Debatten über Populismus und Sündenbockpolitik leicht wiedererkennbar ist.

Philosophisch wendet sich Die Boxtrolls gegen essentielle Zuschreibungen: Herkunft und Äußeres sind nicht die alleinigen Determinanten für Moral und Bindung. Psychologisch interessiert sich der Film für die Formbarkeit von Loyalität und für die Wege, auf denen Vertrautheit entsteht - sei es durch Blut, geteilte Räume oder gemeinsames Tun.

Ästhetisch arbeitet die Inszenierung mit wiederkehrenden Motiven: Boxen als Symbol für Schutz, Identität und zugleich Begrenzung; Unterwelten als Räume der Selbstermächtigung und sozialen Kritik; mechanische Apparate und Kitt zur Tarnung als Metaphern für die Inszenierung von Respektabilität. Die haptische Qualität des Stop-Motion-Handwerks verstärkt diese Themen, weil sie die Figuren nicht abstrakt, sondern physisch erfahrbar macht - eine Materialität, die Empathie erzeugt und die Groteske menschlicher Ordnungsvorstellungen entlarvt.

Filmkritik von Tim Lindemann

Die Animationsform Stop-Motion geht auf einen der Mitbegründer des Kinos als Unterhaltungsform zurück: George Méliès, noch heute bekannt für seinen Film ?Fahrt zum Mond? sowie aus Scorseses ?Hugo Cabret?, war der erste Filmemacher, der durch das Aufnehmen einzelner Frames und den Bewegungen dazwischen leblose Objekte in Bewegung versetzte. Heute ist Stop-Motion durch digitale Animationen beinahe gänzlich abgelöst worden – zu aufwändig, zu teuer, zu altbacken. Immer wieder aber zeigen auch aktuelle Filme, dass die alte Technik noch immer für Begeisterung sorgen kann. So auch ?Die Boxtrolls?, der Film des Regie-Duos Graham Annable und Anthony Stacchi. Die hatten ihre Finger schon bei originellen Animationsfilmen wie ?ParaNorman? und ?Coraline? im Spiel und überzeugen nun auch mit diesem ersten gemeinsamen Werk auf ganzer Linie.

Denn neben der Stop-Motion-Technik, die schließlich beinahe so alt ist wie das Kino selbst, greifen Annable und Stacchi auch auf andere Tugenden des Jugendfilms zurück, die vielen heutigen Vertretern fehlen. Anstatt das junge Publikum etwa mit einer überbordenden Masse an popkulturellen Referenzen zu sättigen, erzeugen die Regisseure im ersten Drittel ihres Films eine in sich geschlossene, atmosphärische Filmwelt, in der man sich sofort heimisch fühlt. Dafür nutzen sie einige clevere, innovative Erzähltricks, basierend auf dem Roman ?Here Be Monsters? von Alan Snow: Die wilden, aber ungefährlichen Boxtrolls sind kleine Wesen, die in der viktorianisch anmutenden Fantasie-Stadt Cheesebridge nachts auf Beutezug gehen um metallischen Abfall zu stehlen und daraus verrückte Maschinen zu bauen. Der bösartige Archibald Snatcher hat den Bewohnern des Städtchens eingeredet, die Boxtrolls seien hinter ihren Kindern her und verpflichtet sich, die ungeliebten Trolle zu vernichten. Dabei geht es ihm jedoch nur darum, in den elitären Kreis der ?Weißen Hüte? aufgenommen zu werden. Dort residieren die aristokratischen Herrscher der Stadt, die eigentlich nichts weiter tun, als tagein tagaus massenweise Käse zu verzehren.

?Die Boxtrolls? sprüht vor sympathischen inhaltlichen und visuellen Motiven, liebevollen Details und rasanter Action im Cartoon-Stil. Annable und Stacchi verarbeiten unterschiedlichste Einflüsse – von Charles Dickens bis Bugs Bunny – zu einem grandiosen Stilmix, der doch niemals zum reinen Zitatekino verkommt. Dazu konstruieren sie ein angenehm klischeefreies Protagonistenpärchen – den einst von den Boxtrolls aufgenommenen Waisenjungen Eggs und die Aristokratentochter Winnie. Der Star des Films aber ist eindeutig der abstoßende Snatcher, im englischen Original vertont von Sir Ben Kingsley. Auch ein anderer prominenter Unterstützer sorgt für Erheiterung: Ex-Monty-Python Eric Idle hat den famosen Boxtroll-Song geschrieben, der an gute alte anarchische Disney-Zeiten à la ?Alice im Wunderland? erinnert und zum Glück ebenfalls gänzlich auf einen modernen Popsound verzichtet.

Ganz ohne post-moderne Einsprengsel kommt natürlich kein Jugendfilm im Jahr 2014 aus. Die Filmemacher hinter ?Die Boxtrolls? lösen das aber recht elegant: Nick Frost und Richard Ayoade sprechen Snatchers Handlanger Pickles und Trout, die sich als Metafiguren immer wieder darüber unterhalten, ob sie nun auf der Seite der ?Guten? oder der ?Bösen? stehen. In einer genialen Szene nach dem Abspann dürfen sich die beiden schließlich auch noch fragen, ob sie ihrem freien Willen folgen oder von fremden Mächten gesteuert werden – während wir als Zuschauer einen kurzen Einblick in den aufwändigen Stop-Motion-Animationsprozess bekommen.

?Die Boxtrolls? ist ein wunderbarer, schlauer und wirklich witziger Animationsfilm, der das Potential hat, Groß und Klein gleichermaßen zu begeistern. Vielleicht ist es ja gerade die für die jungen Zuschauer unbekannte ?handgemachte? Optik, die dem Film seinen Erfolg bescheren wird. Zu wünschen ist es Annable und Stacchi auf jeden Fall, steckt doch in jedem einzigen Bild ihres Films spürbar jede Menge Herzblut. Davon abgesehen ist ?Die Boxtrolls? auch ein kleiner famoser ?Rückschritt? im Prozess der vollständigen Digitalisierung des Kinos – ein Zeichen dafür, dass die ganz alten Tricks manchmal die größte Wirkung haben.

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