Big Game als Wildnis-Allegorie: Macht, Männlichkeit und Kindheit in postheroischer Kulisse des modernen Actionkinos
Einleitung
Big Game tritt als ein ungewöhnlicher Beitrag zum Actionkino der 2010er Jahre auf - ein Film, der das globale Politische mit der rauen Intimität einer nordischen Landschaft verknüpft. Nicht zuletzt durch die prominente Besetzung mit Samuel L. Jackson gewinnt der Stoff Aufmerksamkeit weit über die üblichen Festival- und Genrekreise hinaus; zugleich bleibt er im Kern ein kleines, auf Location gedrehtes Abenteuer, das mit dem Pathos großer Thriller spielt, ohne ihm blind zu vertrauen. Diese Ambivalenz macht den Reiz des Films aus: Er ist gleichermaßen Blockbuster-Reminiszenz und regional verankerter Genreausflug.
Für den Regisseur Jalmari Helander markiert Big Game eine konsequente Weiterführung seiner Formensprache: Der finnische Filmemacher, zuvor international beachtet durch Rare Exports, interessiert sich für die Überschneidung von Mythos, Kindheit und Gewalt. In Big Game verlagert er diese Neugier auf die Konfrontation zwischen einem kindlichen Individuum und den Strukturen globaler Macht. Der Film ist damit nicht nur ein Actionstück, sondern auch ein Versuch, das heroische Narrativ zu dekonstruktivieren.
Im Kontext des Zeitgeists der Mitte der 2010er Jahre liest sich Big Game als Spiegelbild eines Kinos, das nach neuen, kleineren Helden sucht: in einer Epoche zunehmender Entzauberung politischer Institutionen und medialer Inszenierung zielt der Film darauf, die Idee von Führung und Autorität zu hinterfragen, indem er sie in eine Umgebung zwingt, die weder Protokoll noch Imagepflege zulässt. Das Ergebnis ist ein Ton, der zwischen lakonischer Komödie, archaischer Wildnisverklärung und pulslastigem Action-Entertainment oszilliert.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Jalmari Helander, dessen Handschrift sich durch eine Mischung aus lakonischer Komik, folklorischer Bildsprache und einem Hang zu überraschenden tonalitäten auszeichnet. In Big Game bleibt diese Handschrift erkennbar: Helander arbeitet mit markanten Tableaus, setzt die Landschaft als aktiven Gegenspieler ein und inszeniert Gewalt oft ohne übermäßige Verklärung, dafür aber mit einem substanziellen Sinn für theatralische Zuspitzung.
Die Produktion ist ein internationales Gemeinschaftsunternehmen, das finnische Wurzeln mit britisch-amerikanischen Beteiligungen verbindet. Statt auf opulente Studiokulissen vertraut die Arbeit weitgehend auf natürliche Schauplätze und einen kompakten, effizienten Drehsatz, was dem Film seine unmittelbare, fast dokumentarische Textur verleiht. Die Wahl einer international besetzten Besetzung war zugleich ein kalkulierter Schachzug, um eine größere Zuschauerreichweite zu erzielen und die parabelhafte Dynamik zwischen lokalem Protagonisten und globaler Figur glaubwürdig zu tragen.
Innerhalb von Helanders Gesamtwerk nimmt Big Game eine Brückenfunktion ein: Es erweitert die thematischen Fixpunkte seines Debüts, ohne deren lakonischen Humor aufzugeben, und stellt sie in einen größeren, politisch aufgeladenen Rahmen. Die Arbeit zeigt eine Professionalisierung im Umgang mit größeren Narrativen, bleibt jedoch dem impulsiven, originären Gestus seiner früheren Arbeiten treu.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Samuel L. Jackson fungiert als Dreh- und Angelpunkt der medialen Lesart des Films - in der Rolle des amerikanischen Staatsoberhaupts bringt er seine bekannte Präsenz ein: eine Mischung aus ziviler Autorität, rhetorischer Schlagfertigkeit und latentem Humor. Jacksons Präsenz erzeugt eine Kontrastfläche für den eigentlichen Fokus der Geschichte und ermöglicht dem Film, mit den Erwartungen an einen Hollywood-Politthriller zu spielen.
An seiner Seite steht der junge finnische Schauspieler Onni Tommila, der als lokal verwurzelter Protagonist die moralische und emotionale Kompassnadel des Films bildet. Tommilas Darstellung vermeidet Sentimentalität; sein Blick auf die Ereignisse ist präzise, er wächst zum Mittelpunkt eines ungleichen Duos, dessen Dynamik Helanders Regie behutsam austariert.
Die übrigen namhaften Darsteller - darunter Ray Stevenson, Ted Levine, Felicity Huffman, Jim Broadbent und Victor Garber - übernehmen vornehmlich Funktionen, die das globale Machtgefüge verkörpern oder unterminieren. Sie fungieren als äußere Druckkräfte, Bürokraten, Militärs und Söldner, deren Erfahrung in klassischen Charakterrollen dem Film schablonenhafte Vertrautheit gibt, die bewusst gegen die Unmittelbarkeit der Kindheitsperspektive gehalten wird. Diese Gegenüberstellung ist dramaturgisch entscheidend: Sie macht die Differenz zwischen Inszenierung von Macht und der direkten Erfahrung der Wildnis sichtbar.
Handlung (spoilerfrei!)
Big Game erzählt von der Begegnung zweier gegensätzlicher Welten: einem politischen, stark mediatisierten Kosmos und der abgeschiedenen, kalten Natur Finnlands. Im Zentrum steht die Beziehung zwischen einem amerikanischen Präsidenten, der aus dem sicheren Scheinwerferlicht der Macht in eine körperliche Verletzlichkeit gerät, und einem jungen finnischen Burschen, dem die Umstände eine ungewöhnliche Verantwortung aufbürden. Gemeinsam sehen sie sich Verfolgern ausgesetzt, die weniger an Idealen interessiert sind als an roher Gewalt und persönlicher Bereicherung.
Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus diesem Kontrast: Auf der einen Seite die Frage, wie Autorität sich behauptet, wenn ihre symbolischen Instrumente versagen; auf der anderen Seite die Frage, wie ein Kind inmitten politischer Großwetterlagen moralische Entscheidungen trifft. Die zentralen Figuren sind klar konturiert - der verletzliche Repräsentant staatlicher Macht, der junge Leitfigursträger aus der Provinz und die antagonistischen Kräfte, die das Feld betreten. Ton und Atmosphäre des Films pendeln zwischen lakonischem, beinahe alpödem Überlebensrealismus und dem rhythmisch getriebenen Tempo eines Thrillers.
Zentrale Themen und Motive
Im Kern stellt Big Game Fragen nach Führung, Legitimität und der Erziehung zu Verantwortung. Der Film interessiert sich weniger für die Mechanik politischer Systeme als für die symbolische Substanz von Führung: Was bleibt von Autorität, wenn Protokoll und PR wegfallen? Wie lässt sich Mut definieren, und in welchem Verhältnis stehen Mut und Ritual zur kindlichen Erfahrung einer Welt, die häufig widersprüchlich und grausam ist?
Weitere motifische Achsen des Films sind die Kontraste von Natur und Politik, von Erfahrung und Unschuld sowie die Dekonstruktion klassischer Männlichkeitsbilder. Die Landschaft fungiert nicht nur als Bühne, sondern als Kontrahent, der Entscheidungen provoziert und Wahrheiten freilegt. Formal setzt der Film auf eine Dialektik zwischen weiten Bildkompositionen, die die Isolation betonen, und Close-ups, die intime Bewährungsproben ablesen lassen. So arbeitet Big Game an der Frage, ob und wie Heldenwürde noch aus kleineren, persönlichen Prüfungen gewonnen werden kann.
Filmkritik von Peter Osteried
Samuel L. Jackson ist das Big Game
„Der Film knüpft an die Tradition der Actionfilme an, die ich in den 1980er Jahren so sehr geliebt habe“, erklärt Regisseur Jalmari Helander. Man ist sich nicht sicher, ob man ihm nun gratulieren soll oder nicht. Denn in gewisser Weise ist ihm das schon gelungen. Big Game ist so überzogen wie die Action-Granaten jener längst vergangenen Dekade. Er ist aber auch noch etwas anderes: unfreiwillig komisch.
Der Präsident der Vereinigten Staaten ist auf dem Weg nach Helsinki. Als sich die Air Force One in den Sinkflug begibt, wird sie attackiert. Der Präsident kann mit der Fluchtkapsel entkommen und landet irgendwo im Wald, während die Maschine abstürzt. Der 13-jährige Oskari, der in den Wald gekommen ist, um sich als Jäger zu beweisen, findet den Präsidenten und hilft ihm. Noch will Oskari seine Aufgabe erledigen und ein Jäger werden, doch schon bald sind der Präsident und er auf der Flucht vor den Schergen, die dem mächtigsten Mann der Welt ans Leder wollen.
Samuel L. Jackson ist einer jener Schauspieler, deren neueste Werke zumeist im Heimkino stattfinden – wenn er eine Hauptrolle spielt. In Nebenrollen ist er nach wie vor in großen Filmen auf der Leinwand zu sehen. Big Game ist im Grunde aber die Art Film, die zuhause besser aufgehoben ist. Einerseits, weil er mit seiner ökonomisch kurzen Laufzeit von weniger als 90 Minuten nicht sehr spektakulär anmutet, andererseits, weil die Geschichte altbekannt ist und auf gänzlich ausgetretenen Pfaden wandelt.
Überraschend ist nichts, bis hin zur klischierten Besetzung. Man sieht Ray Stevenson als Secret-Service-Agent an Bord der Air Force One und weiß automatisch: Der Kerl wird den Präsidenten verraten. Und wenn etwas nicht streng nach Baukasten verläuft, dann ist es absolut irre. So etwa die Motivation des Terroristen Hazar, dargestellt vom ehemaligen Tatort-Kommissar Mehmet Kurtulus, die in Relation zum Titel des Films steht. Das Big Game ist natürlich kein großes Spiel, es geht um die Großwildjagd, wenn man so will.
Das mag den Machern aber tatsächlich selbst zu abstrus gewesen sein, weswegen man am Ende noch einen Twist (und noch zwei Bösewichte, die schon allein aufgrund der Besetzung als solche evident sind) einbringt. Dabei hätte man es ruhig auch bei Hazars „Vorliebe“ belassen können. Angesichts des immensen Potenzials für Lacher, das aber nur in den seltensten Fällen wirklich gewollt ist, wäre das nur konsequent gewesen. Samuel L. Jackson hat offenbar nur der Gagenscheck interessiert – das lässt zumindest die uninspirierte, gelangweilte Darstellung (O-Ton Jackson: „Ich muss aber zugeben, dass ich mich nicht besonders intensiv auf diese Rolle vorbereitet habe“) vermuten.
Für einen Actionfilm dauert es auch reichlich lang, bis richtige Action geboten ist. Der Abschuss der Flugzeuge findet hinter Wolken statt, ansonsten gebärdet sich der Film über weite Strecken wie ein Camping-Ausflug, aber am Ende gibt es dann doch noch etwas Spektakel, das ganz stilecht erneut vollkommen überzogen, aber zumindest für ein paar Lacher gut ist.
Das ist im Endeffekt auch der einzige Grund, warum man sich Big Game ansehen kann. Nicht, weil er so toll, sondern weil er komischer als die meisten Komödien ist. Ob freiwillig oder nicht ist dabei doch eigentlich Nebensache …

