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Als wir träumten

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kritiken.de Redaktion 26.02.2015
Als wir träumten© Pandora Filmverleih
A ca. 1485 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Als wir träumten - Verlorene Jugend im Leipzig der Wendezeit zwischen Sehnsucht und Gewalt

Einleitung

Als wir träumten tritt in eine Tradition des deutschen Gegenwartskinos, das biografische Schwellenzustände als Fenster auf gesellschaftliche Umbrüche nutzt. Der Film, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Clemens Meyer und unter der Regie von Andreas Dresen realisiert, schildert nicht nur das Werden einer Generation, sondern spiegelt die Nachwirkungen der deutschen Wiedervereinigung in den Lebensentwürfen junger Menschen. Relevanz entsteht hier aus der Verknüpfung persönlichen Scheiterns und kollektiver Umbruchsprozesse - ein Thema, das im deutschen Kulturdiskurs seit den 1990er Jahren wiederkehrend ist.

In Dresens Handschrift trifft dokumentarische Schärfe auf empathische Nähe. Sein Kino hat sich über Jahre als Chronist von Alltag, Randexistenz und sozialen Brüchen etabliert - vom Mikrokosmos der Provinzdramen bis zu intimen Porträts marginalisierter Figuren. Mit Als wir träumten setzt er diese Linie fort, indem er die literarische Vorlage nicht nur adaptiert, sondern sie filmisch transformiert: weg von literarischem Erzählen, hin zu körperlicher Präsenz und atmosphärischer Verdichtung.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung - 2015 - verleiht dem Film zudem eine nachdenkliche Dimension. In einer Zeit, in der Fragen nach Identität, Integration und Aufarbeitung der eigenen jüngeren Geschichte erneut lauter werden, bietet der Film weniger Antworten als eine eindringliche Sinnsuche. Er zwingt dazu, die Kontinuitäten von Enttäuschung und Zorn zwischen Ost und West wahrzunehmen, ohne einfache Kausalitäten zu produzieren.

Kurzüberblick zur Produktion

Andreas Dresen, der die literarische Vorlage adaptierte und inszenierte, ist bekannt für seine Arbeit zwischen Fiktion und Dokumentarischem. Seine Regiehand ist geprägt von einer Vorliebe für natürliche Spielweisen, langen Einstellungen und einem Interesse am stimmlichen und körperlichen Ausdruck der Darstellenden. In Als wir träumten überträgt Dresen diese Prinzipien auf eine episodenhafte Erzählung, die sich über Jahre erstreckt und deren Rhythmus weniger von konventioneller Plotentwicklung als von Momentaufnahmen bestimmt wird.

Die Produktion ist eine deutsch-französische Koproduktion, was sich in der finanziellen Tragweite und der Verbreitungsstrategie niederschlägt - ein Umstand, der dem Film erlaubt, sowohl lokal verankert als auch international anschlussfähig zu sein. Konkrete Budgetzahlen sind nicht im Zentrum dieses Textes, wohl aber bemerkenswert ist die Produktionsentscheidung, auf einen naturalistischen Look zu setzen: Drehorte in Leipzig und Umgebung, eine bewusst reduzierte Lichtsetzung und ein enges Zusammenspiel von Kameraarbeit und Montage, das Tempo und Tonfall der Erzählung prägt.

Im Werk Dresens nimmt Als wir träumten eine Position ein, die seine Neigung zu sozialrealistischen Beobachtungen bestätigt, zugleich aber das Epische des Romans bewahren möchte. Das Projekt wirkt wie der Versuch, einen literarischen Gesellschaftsroman in filmische Sensationen zu überführen - ohne seine essayistische Grundierung zu verlieren.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung vereint junge Talente und erfahrene Charakterdarsteller, was dem Film eine doppelte Authentizität verleiht. Ruby O. Fee, die bereits zuvor durch intensive, körperliche Rollen Aufmerksamkeit erregte, bringt eine verletzliche Entschlossenheit in ihre Figur. Joel Basman hat sich international einen Namen gemacht durch sensible Porträts jugendlicher Grenzgänger - auch hier dient seine Präsenz als Bindeglied zwischen Innerlichkeit und äußerer Härte.

Pit Bukowski, Merlin Rose und weitere junge Darsteller übernehmen die funktionale Last eines Ensemblefilms: Sie verkörpern nicht einzelne Ikonen, sondern eine Generation in kollektiver Bewegung. Ihre Figuren sind keine archetypischen Konstrukte, sondern unverstellte Materialisationen von Wut, Freundschaft, Loyalität und Verlorenheit. Ergänzt wird das Ensemble durch erfahrene Schauspielerinnen und Schauspieler, die Nebenfiguren mit Gravitas und gesellschaftlichem Echo ausstatten, sodass die individuellen Geschichten in einen größeren sozialen Raum eingebettet werden.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt über Jahre hinweg einer Gruppe von Jugendlichen in Leipzig - ihrem Aufwachsen, ihren Exzessen, ihren Versuchen, der eigenen Lage einen Sinn zu geben. Statt linearer Plotmechanik dominieren Episoden: Begegnungen, Konflikte, kleine Siege und tiefe Abstürze. Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus einem einzelnen Ereignis als aus der kumulativen Wirkung ökonomischer Perspektivlosigkeit, sozialer Desintegration und der Suche nach Anerkennung.

Zentrale Figuren sind junge Männer und Frauen, deren Loyalitäten und Rivalitäten das dramaturgische Rückgrat bilden. Die Erzählung legt ihren Schwerpunkt auf die Vorbereitung und das Scheitern von Lebensentwürfen - auf jene alltäglichen Entscheidungen, die im Rückblick als Wegweiser in die Tragödien erscheinen. Ton und Atmosphäre sind von einer rauen Realistik durchzogen - es ist ein Film, der Geräusche, Körpern und urbanen Räumen gleichermaßen Raum lässt, um Stimmung zu erzeugen.

Zentrale Themen und Motive

Als wir träumten stellt Fragen nach der Möglichkeit von Zukunft in einer Gesellschaft im Umbruch. Der Film thematisiert die Konstellation aus ökonomischer Unsicherheit, dem Verschwinden tradierter Perspektiven und dem Ersatz von zukunftsorientierter Planung durch unmittelbare Überlebensstrategien. Es geht um die Dialektik von Gemeinschaft und Entfremdung - wie Freundschaften Schutz bieten und zugleich in destruktiven Dynamiken aufgehen können.

Auf einer philosophischen Ebene verhandelt der Film das Verhältnis von Traum und Realität: Träume fungieren nicht als simple Flucht, sondern als Motor für Handeln, das oft in Gewalt und Selbstzerstörung umschlägt. Psychologisch betrachtet erkundet er Mechanismen der Identitätsbildung unter Bedingungen des Mangels - die Konstruktion von Männlichkeit, die Suche nach Anerkennung und die Folgen kollektiver Traumata für das Subjekt.

Formal arbeitet der Film mit Motiven wie der Wiederkehr von Orten, der Komposition aus Nahaufnahme und Straßenbild, sowie einer Soundgestaltung, die innere Zustände nach außen überträgt. So entsteht ein Bild von Jugend, das nicht nostalgisch veredelt, sondern im Spannungsfeld von Sehnsucht und Brutalität verankert bleibt - ein filmisches Porträt, das die gesellschaftliche Verantwortung für verlorene Generationen sichtbar macht, ohne einfache Moral anzubieten.

Filmkritik von Bianka Piringer

Eine Jugend im Taumel der Nachwendezeit

Als Dani und seine Freunde 13 Jahre alt waren, mussten sie noch das rote Pionierhalstuch tragen. Knapp vier Jahre später, die Mauer ist schon gefallen, klauen sie Dosenbier und ab und zu ein Auto, mit dem sie grölend die Straßen Leipzigs unsicher machen. Regisseur Andreas Dresen, selbst in der DDR aufgewachsen, hat den gleichnamigen Roman von Clemens Meyer aus dem Jahr 2006 verfilmt. Gemeinsam mit seinem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase hüllt er die destruktive, anarchische Kraft der Geschichte in eine Atmosphäre wehmütiger Melancholie. In der Ungewissheit der Nachwendejahre erleben die Freunde ihre intensivste Zeit: Sie sind jung und spaßhungrig, die Welt steht ihnen scheinbar offen.

Eigentlich haben Dani (Merlin Rose), Rico (Julius Nitschkoff), Mark (Joel Basman), Pitbull (Marcel Heuperman) und Paul (Frederic Haselon) ja das Herz am rechten Fleck. Sie tragen einer alten Frau die Kohlen aus dem Keller in die Wohnung, wo sie ihnen Hochprozentiges serviert. Zwar fehlt ihr nachher ein wenig Geld aus der Tasche, aber die eigenen Skrupel begleiten die Jungs auf Schritt und Tritt. Und als nebenan ein alkoholisierter Mann seine Frau schlägt, greifen sie ein. Was die Freunde am liebsten machen, ist Saufen, Rauchen, laut Musik hören, um sich dabei so stark und frei wie noch nie zu fühlen. In dieser Aufbruchstimmung eröffnen sie in einer leerstehenden Halle eine illegale Disko, die bald richtig gut läuft. Aber der Höhenflug dauert nur kurz: Glatzköpfige rechtsradikale Schläger erklären der Clique den Krieg, Pitbull verkauft Drogen, Mark wird süchtig, der einst hoffnungsvolle Nachwuchs-Boxer Rico ist öfter im Knast als draußen.

Die zentrale Figur der Geschichte, die auch als Ich-Erzähler fungiert, ist der sensible Dani. Er legt viel Wert darauf, ein guter Freund zu sein. Sein Verhältnis zum anderen Geschlecht ist schwärmerisch-romantisch: Als kleiner Junge bewunderte er die Vorzeige-Pionierin Katja (Luna Rösner), als 17-Jähriger himmelt er Sternchen (Ruby O. Fee) an, aber diese Liebe kommt in der Realität nicht voran. Merlin Rose spielt den nachdenklichen Dani mit viel Gefühl und jugendlichem Charme. Als der labile Mark ist Joel Basman zu sehen, der bereits in dem Drama „Wir sind jung. Wir sind stark.“ über die Pogrome von Rostock im Jahr 1992 einen ähnlich sprunghaften Charakter mimte. Die Freundesgruppe besteht aus lauter unterschiedlichen Typen, die es zwar zusammen krachen lassen, aber ansonsten doch getrennte Wege gehen. Sie haben die Grenzen einer gemeinsamen Sprache schon früh erlebt, wie die eingestreuten Rückblenden aus der DDR-Zeit mit ihren „Seid bereit“-Parolen zeigen.

In dem kaputten Nachwende-Leipzig, das hier geschildert wird, bleiben die Lichtblicke, wie der Techno-Club der Jugendlichen, spärlich. Auf die Dunkelheit und Verwahrlosung reagieren die Jungs selbst mit Zerstörung, Sachbeschädigung. Dresen filmt ihre Touren durch die nächtliche Stadt als permanenten Rauschzustand. Die vielen Brauntöne, die für das schäbige Antlitz der alten DDR stehen, werden vom Stroboskoplicht der Disko abgelöst, das den in die Höhe gereckten Armen der Tänzer im Rhythmus des Technogewummers folgt. Der kollektive Taumel aber ist von Abgründen flankiert: von Drogen, Knast und der Lebensgefahr, in der Dani, Rico und die anderen schweben, wenn sie auf der Straße von Nazi-Schlägern verfolgt und gestellt werden. Erwachsene gibt es in dieser Welt nur am Rande, als Polizisten, eine verhärmte Mutter, Männer, die sich die Kante geben.

Die harte Techno-Musik wird gelegentlich abgelöst von wehmütigen Orgelklängen, die aus der Traumwelt in Danis Kpf entsprungen scheinen. Jugend ist auch ein Zustand des Abschiednehmens vom Glück, das sich nicht konservieren lässt. Diese Generation, die in der Nachwendezeit erwachsen wurde, hat einen mehrfachen Abschied erlebt: auch von den demaskierten Illusionen der Kindheit und dann von der anfänglichen Aufbruchstimmung, in der viele glaubten, dass überall Freiräume auf ihre Erschließung warten. Dieser schöne, atmosphärisch beeindruckende Film erweist sich als gelungene Literaturverfilmung, welche die Buchvorlage nicht nur geschickt verdichtet, sondern auch um weichere Emotionen ergänzt.

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