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Albert Nobbs

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kritiken.de Redaktion 26.09.2013
Albert Nobbs© Pandastorm Pictures
A ca. 1577 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Albert Nobbs - Gesichter der Maskerade und die stille Politik der Geschlechteridentität im Raum des 19. Jahrhunderts

Einleitung

Albert Nobbs tritt in eine filmische Tradition, die sich der Darstellung innerer Dispositionen und sozialer Zwänge verschrieben hat. Der Film verlagert sein Gewicht von offenem melodramatischen Pathos auf die stille Präzision einzelner Gesten und Blickkontakte; er interessiert sich weniger für spektakuläre Wendungen als für die Dauer der Verhältnisse, die das Leben seiner Figuren formen. In einer Zeit, in der Fragen von Identität und Geschlecht neu verhandelt werden, bietet diese Adaption einer historischen Erzählung einen Spiegel für zeitgenössische Diskurse, ohne ihre historische Verortung zu trivialisieren.

Die Relevanz des Films liegt nicht allein in seiner Thematik, sondern in der Art, wie er eine Enge sichtbar macht, die ökonomisch, sozial und körperlich ist. Die Entscheidung, eine Person in eine Männerrolle schlüpfen zu lassen, fungiert hier als pragmatisches Überlebensmodell und zugleich als ästhetisches Entscheidungsmoment. Der Film lädt dazu ein, hinter die Oberfläche von Kleidung, Haltung und Etikette zu schauen und die politischen Dimensionen dieser Verhüllungen zu lesen.

Gleichzeitig ist Albert Nobbs ein Film, der sich in ein Werk eines Regisseurs einreiht, der bevorzugt Figuren im Grenzraum inszeniert - Menschen, deren Innenleben durch äußere Zwänge geformt wird. Das macht den Film für das kulturkritische Feuilleton interessant, weil er weniger durch narrative Überraschungen besticht als durch die Genauigkeit, mit der er soziale Mechanismen sichtbar macht. In dieser Präzision liegt seine Bedeutung als Beitrag zur filmischen Auseinandersetzung mit Geschlecht, Arbeit und Einsamkeit.

Kurzüberblick zur Produktion

Albert Nobbs ist ein nüchtern komponiertes Period Piece, umgesetzt als britisch-irische Produktion, die ihre Energie auf intime, studioähnliche Räume konzentriert. Die Rekonstruktion einer späten viktorianischen Alltagswelt beruht auf sorgfältiger Ausstattung und Kostümarbeit; das Augenmerk liegt auf Details, die soziales Stehvermögen und ökonomische Verwundbarkeit markieren. Als Produktionsprojekt ist der Film eher moderat skaliert; er verlässt sich auf Ensemblearbeit und klaustrophobische Innenräume statt auf aufwändige Exterieurs oder spektakuläre Massenszenen.

Regisseur Rodrigo García bringt seine charakteristische Handschrift ein: ein Interesse an Figurenkonstellationen, psychologischer Subtilität und einer Inszenierungsästhetik, die Nähe ohne Voyeurismus sucht. Die Kameraarbeit favorisiert oft ruhige, präzise Einstellungen, die den Raum des Interieurs und die Mimik der Darsteller ausloten. In der Dramaturgie zeigt sich eine Präferenz für langsame Offenbarungen, die der Zuschauerin die Möglichkeit gibt, Wahrnehmungen und Schlüsse selbst zu formen.

Die Stellung des Films im Gesamtwerk des Regisseurs lässt sich als Fortsetzung seiner Beschäftigung mit weiblichen Lebenswegen und emotionaler Verantwortung lesen. Anders als einige seiner früheren Ensemblestücke verlegt Albert Nobbs jedoch den Schwerpunkt stärker auf eine einzelne Figur als auf ein Geflecht mehrerer Schicksale; dies gibt der Arbeit des Hauptdarstellers besonderen Raum und macht den Film zu einer Studie über Selbstbehauptung und Verhüllung.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht eine darstellerische Leistung, die durch Zurückhaltung und präzise Gestik geprägt ist. Glenn Close, eine Darstellerin, die seit Jahrzehnten Figuren mit komplexen Innenwelten formt, trägt die Titelfigur und führt das Ensemble. Ihre Karriere ist geprägt von Rollen, die sich an Normen reiben - von psychologischen Thrillern bis zu historischen Kostümstücken - und hier wiederholt sich ihr Interesse für Figuren, deren soziale Masken zugleich Schutz- und Gefängnisfunktion haben.

Mia Wasikowska, bekannt geworden durch Arbeiten in vielfältigen Independent- und Autorenfilmen, steht als junge Frau neben Close und bringt eine andere Temporalität in das Gefüge: sie markiert Beweglichkeit, Neugier und die Möglichkeit von Veränderung. Janet McTeer und Brendan Gleeson liefern das Gerüst aus erfahrenen Darstellern, die dem Ensemble Stabilität geben; ihre Karrieren umfassen sowohl Bühnen- als auch Filmschaffen und sie prägen die Geborgenheit und Härte des Milieus. Jonathan Rhys Meyers, Aaron Johnson sowie jüngere Stimmen wie Phoebe Waller-Bridge und Emerald Fennell finden sich in Nebenrollen, die dem filmischen Raum verschiedene soziale Perspektiven hinzufügen.

Die Figurenbildung in Albert Nobbs funktioniert weniger über spektakuläre Gesten als über die Summe kleiner Entscheidungen: Haltung, Stimme, Blick, Kostüm. Die Darstellerinnen und Darsteller nutzen diese Mittel, um Unterschiede in Zugang und Macht zu markieren, ohne in karikaturhafte Konturen zu verfallen. Das Ensemble arbeitet als kollektives Instrument, das soziale Strukturen hör- und sichtbar macht.

Handlung (spoilerfrei!)

Albert Nobbs spielt in einem späten 19. Jahrhundert, dessen städtische Alltagswelt durch klare soziale Hierarchien und wirtschaftliche Enge bestimmt wird. Im Zentrum steht eine Person, die aus ökonomischen Gründen in eine Rolle schlüpft, die gesellschaftlich anerkannten Status und damit relative Sicherheit verschafft. Der Film erzählt nicht von einem plötzlichen Wendepunkt, sondern von der wiederholten Aushandlung dieser Verkleidung im Alltag: Arbeit in einem Gasthaus oder einem gehobenen städtischen Etablissement, Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen, schüchterne Annäherungen und die stete Gefahr, entdeckt zu werden.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Bedürfnis nach Sicherheit. Zentrale Figuren sind die Titelfigur, eine junge Frau, deren Weg die Perspektive erweitert, sowie das Personal und die Gäste des Hauses, die wie Spiegelbild und Umgebung zugleich fungieren. Ton und Atmosphäre sind zurückhaltend, oft melancholisch, mit einem Wechselspiel aus engen Innenräumen und wenigen, sorgfältig gebauten Außenszenen. Der Film bleibt im Spannungsfeld von Pflicht und Verlangen verhaftet und lässt auf den Moment der Entscheidung und dessen Folgen hin arbeiten, ohne diesen Moment vorwegzunehmen.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von Albert Nobbs steht die Frage, was Identität praktisch bedeutet, wenn sie an Kleidung, Arbeit und gesellschaftliche Zuschreibung gebunden ist. Das Sujet stellt die Performativität des Geschlechts nicht als abstrakte Theorie, sondern als lebenspraktische Strategie dar: Verkleidung ist hier nicht allein Ausdruck innerer Zwangsläufigkeit, sondern auch Mittel zur Sicherung ökonomischer Existenz. Daraus entsteht eine doppelte Spannung zwischen Authentizität und Anpassung; der Film interessiert sich für die moralischen und emotionalen Kosten dieser pragmatischen Entscheidungen.

Eng damit verknüpft sind Motive wie Einsamkeit, Sehnsucht nach Nähe und die Ökonomie der Intimität. Der Haushalt als filmischer Raum wird zur Bühne von Nähe und Distanz; Möbel, Uniformen, Spiegel und Lichtführung werden zu Trägern von Bedeutung. Wiederkehrende bildliche Elemente - die sorgsam arrangierte Form der Kleidung, das Spiel mit Schatten, die Nähe der Kamera zu Händen und Augen - erzeugen eine Poetik der Zurückhaltung, die das Thema auf einer körperlich sinnlichen Ebene erfahrbar macht.

Schließlich lässt sich der Film als Beitrag zur Debatte über soziale Unsichtbarkeit lesen: Wer sind die Menschen, deren Lebensentscheidungen unsichtbar bleiben, und welche ökonomischen Realitäten zwingen sie zu Maskierungen? Albert Nobbs bietet keine einfachen Antworten, sondern legt in seiner Beobachtungsweise frei, wie eng Fragen von Geschlecht, Klasse und Überleben ineinander verzahnt sind. Die filmische Stärke liegt in der Fähigkeit, diese Verzahnung sichtbar zu machen und den Zuschauer in die Lage zu versetzen, die feinen Grade von Zwang, Wahl und Möglichkeit nachzuvollziehen.

Filmkritik von Oliver Kaever

1982 spielte Glen Close ihre erste Filmrolle in der John-Irving-Adaption „Garp und wie er die Welt sah“. Sie brachte ihr gleich die erste Oscar-Nominierung ein, und Closes Filmkarriere hob ab. Trotzdem vergaß sie nie die Rolle, die sie im selben Jahr bei einer Off-Broadway-Produktion in New York gespielt hatte: Die des Butlers Albert Nobbs, der in Wirklichkeit eine Frau ist. Drei Jahrzehnte lang arbeitete sie daran, aus diesem Stoff einen Film zu machen. Zusammen mit dem Regisseur Rodrigo García, dem Sohn des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez, ist es ihr nun gelungen.

Dublin im 19. Jahrhundert: Im Hotel von Mrs. Baker verkehren die Reichen und Schönen und frönen ihrem ausschweifenden Lebenswandel. Die Geister um sie herum, die für den nötigen Luxus und Komfort sorgen, nehmen sie kaum wahr. Zu ihnen gehört auch der kleine Butler Albert Nobbs (Glenn Close), der seine Arbeit mit stiller Hingabe und Perfektion erledigt. Dass ihn niemand für längere Zeit in Augenschein nimmt, ist Albert ganz recht – denn in Wirklichkeit ist er eine Frau. Seit 30 Jahren schon führt er dieses Leben, dass ihn vor dem Armenhaus bewahrt hat. Inzwischen ist er völlig mit seiner neuen Identität verschmolzen. In all dieser Zeit hat er die kleinen Trinkgelder, die ihm zugesteckt werden, gespart. Albert plant, bald einen Laden zu kaufen und einen Tabakshop zu eröffnen. Aber als ein Anstreicher (Janet McTeer) in seinem Zimmer einquartiert wird und Alberts wahre Identität entdeckt, fürchtet der um seine Zukunft. Allerdings entpuppt sich auch dieser Hubert Page als Frau.

Das späte 19. Jahrhundert ist eine Fundgrube für Historien-Dramen. Die Moderne klopft schon an, aber noch sind die gesellschaftlichen Klassen strikt getrennt in die, die herrschen, und die anderen, die beherrscht werden. Besonders gut beobachten lassen sich diese sozialen Gegensätze im Verhältnis zwischen Herrschaft und Dienerschaft. In diesem Zusammenhang ist besonders die Figur des Butlers interessant, der durch völlige Aufgabe seiner Persönlichkeit und eigener Bedürfnisse zu funktionieren hat. Ein gutes Beispiel hierfür ist „Was vom Tage übrig blieb“, eines der bleibenden Meisterwerke der Filmgeschichte. Sicher reicht „Albert Nobbs“ nicht ganz an diesen Film heran. Aber er teilt mit ihm einen emotionalen Reichtum, der sichtbar wird gerade in seiner versuchten Unterdrückung durch die Konventionen der Zeit – und eine zentrale Schauspielleistung, die eben jene Gefühle wie durch einen Panzer hindurch sichtbar macht.

Dominierte Anthony Hopkins „Was vom Tage übrig blieb“, ist es hier Glenn Close, die die Bühne ganz einnimmt. Frappierend, wie schnell man vergisst, hier einer bekannten Schauspielerin zuzusehen. Sie verschwindet vollends in ihrer Rolle. Und kommt dabei ohne schwere Make-Up-Effekte aus. Ihr nuanciertes Spiel allein macht die Illusion perfekt. So perfekt, dass Albert, als er in einer Sequenz wieder Frauenkleider trägt, wirkt wie ein Mann im Reifrock. Glenn Close macht aus ihm eine Figur aus Fleisch und Blut, einen Menschen, der durch persönliches Schicksal und die ihn prägende Gesellschaft zwar emotional verkrüppelt, dabei aber seine Menschlichkeit nicht verliert. Albert Nobbs will ein kleines Stück vom Glück und glaubt mit aller Naivität seines Herzens daran. Das macht diese einfache Geschichte und diesen so einfach, aber effektiv inszenierten Film so bewegend.

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