Regisseur/in

Peter Greenaway

* 05.04.1942 - Newport, Wales

Über Peter Greenaway

Peter Greenaway

Peter Greenaway, CBE (* 5. April 1942 in Newport, Wales, Vereinigtes Königreich) ist ein britischer Filmregisseur, Experimentalkünstler, Drehbuchautor, Kameramann und Cutter.

Leben und Werk

Als Jugendlicher las Greenaway Jorge Luis Borges und James Joyce und begann sich für die Malerei zu interessieren, mit deren Studium er 1962 am Walthamstow-College begann. Ab 1965 arbeitete er als Cutter für das „Central Office of Information“ und begann 1966 eigene Kurzfilme zu drehen, die ihm eher wenig Anerkennung einbrachten. Seine Einflüsse sind hauptsächlich bei Ingmar Bergman, Federico Fellini, der Nouvelle Vague, Jean-Luc Godard, Éric Rohmer und Alain Resnais und strukturalistischen Filmemachern wie Hollis Frampton zu suchen. Erst als er 1980 mit seinem bis dahin ambitioniertesten Werk, der dreistündigen fiktiven Dokumentation „The Falls“, rund um ein absurdes „Violent Unknown Event“ in Rotterdam auf einem Filmfestival vertreten war, wurde er bekannter und geriet an den niederländischen Produzenten Kees Kasander, der fortan seine Filme produzierte.

Greenaways Spielfilme kreisen um die großen Themen Kunst, Sex, Gewalt, Religion und Tod. Sein erster Spielfilm „Der Kontrakt des Zeichners“ war ein kriminologisches Puzzle um einen eitlen Maler im England des ausgehenden 17. Jahrhunderts, dem bald darauf der surreale Spielfilm „ZOO – A Zed & Two Noughts“ über Tiere, Verwesung, Symmetrie, Schicksal und den Maler Jan Vermeer sowie die Filme „Der Bauch des Architekten“ und „Drowning by Numbers“ (dt. „Verschwörung der Frauen“) folgten. Eine weitere Steigerung seiner Publizität erreichte er 1989 durch die skandalöse, kulinarische schwarze Komödie „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“.

Neue visuelle Dimensionen schuf Greenaway dann 1991 in seiner Shakespeare-Verfilmung „Prosperos Bücher“ mit Sir John Gielgud in der Hauptrolle. Die selbst für Greenaway überspitzte und oft obszöne Kirchensatire „The Baby of Mâcon“ fiel bei Kritik und Publikum durch,[1] wurde aber durch deren Begeisterung für den gut inszenierten „Die Bettlektüre“ mit Vivian Wu und Ewan McGregor ausgeglichen. Mit „8½ Women“ schuf Greenaway eine witzige Hommage an Fellini voller sexueller Obsessionen, die aber die Komplexität und den Anspielungsreichtum früherer Werke nicht erreichte.

The Tulse Luper Suitcases

Greenaways monumentales Projekt „The Tulse Luper Suitcases“[2] umfasst drei Spielfilme, eine Fernsehserie, 92 DVDs, CD-ROMs und Bücher über das Leben von Tulse Luper und seine 92 Koffer mit obskurem Inhalt. Tulse Luper taucht als Figur und Mitarbeiter (so z. B. Production Assistant für „A Walk Through H“) in mehreren Filmen Greenaways auf, so in „The Falls“ oder in den Kurzfilmen „Vertical Features Remake“ und „A Walk Through H“. In Greenaways Filmen entfaltet sich rund um Luper eine Art Mythologie, zu der eine Reihe immer wieder auftretender Charaktere gehört (z. B. Lupers Gegenspieler Van Hoyten). In Saskia Bodekkes (Greenaways Ehefrau) Inszenierung von „Gold – 92 bars in a crashed car“ am Schauspiel Frankfurt / Main im November 2001, das Bodekke und Greenaway gemeinsam erarbeitet hatten, taucht die Zahl 92 ebenfalls auf.

Erneut Malerei

Ab 2007 beschäftigte er sich von den „flämischen Meistern“ mit detektivischer Hingabe zunächst mit Rembrandt van Rijn („Nightwatching“), flankiert von zahlreichem Begleitmaterial und -veranstaltungen. Der Film, mit dem er beansprucht, die definitive Auslegung der Nachtwache aufgedeckt zu haben, wurde als Rückkehr zu Stil und Thematik des Kontrakt des Zeichners angekündigt und auch verstanden. Selbst bekennende Greenaway-Gegner empfanden den vergleichsweise emotionalen Film als erträglich.[2] Nicht als Neuanfang zu werten ist es ein Schritt in eine andere Richtung geworden, in eine geringfügig leichter zugängliche.[2] Den Umstieg zum digitalen Kino hat der produktive Filmemacher offenbar vollzogen. Dem ließ er als VJ Mitte 2008 ein Live-Remix von da Vincis Das Abendmahl in Mailand folgen.[2]

Filmsprache

Greenaways künstlerischer Anspruch ist, die Sprache des Films – die nach seiner Auffassung seit den 1960er Jahren keine Entwicklung mehr erfahren habe – grundlegend zu erneuern. Dabei verweigert er rational nachvollziehbare Geschichten und setzt vorwiegend auf Kraft und Schönheit der Bilder. Kennzeichen seiner Filme sind lange Totaleinstellungen auf minuziös durchgestaltete, statische Arrangements von Dekorationen und Schauspielern, die den Zuschauer zu hoher Aufmerksamkeit und genauem Hinsehen nicht nur einladen, sondern auch zwingen, wenn er der Handlung folgen will und ebenfalls lange anorganisch wirkende Kamerafahrten. Regelmäßig nutzt Greenaway für die Sprache seiner Filme auch Ausdruckselemente anderer Kunstformen, z. B. der Bildenden Kunst („Der Kontrakt des Zeichners“), der Architektur („Der Bauch des Architekten“) oder der Kalligraphie („The Pillow Book“). Sein Schaffen orientiert sich an der Idee des Gesamtkunstwerks, wobei er seine Filme stets nach formalen Systemen organisiert. Hervorzuheben sind dabei Verweissysteme aus der Semiotik, Zahlenreihen der Kabbala und Kodifizierung. Im Film „Drowning by Numbers“ (Verschwörung der Frauen) hat Greenaway die Zahlen 1 bis 100 in chronologischer Reihenfolge in die Bilder und den Dialog eingebaut. Außerdem enthält der Film 100 Sterne, die von einem Seil springenden Mädchen benannt werden, wie auch 100 Objekte, die mit einem „S“ beginnen. Seit der in Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Tom Philipps entstandenen TV-Produktion „A TV-Dante. cantos 1-8“ und dem Film „Prospero’s Books“ (1991) setzt Greenaway verstärkt HDTV- und Postproduction-Technologie ein und lässt dabei unter anderem ineinander verschachtelte Frames auf der Leinwand erscheinen und verschwinden. Diese Art von Filmsprache wendet er ferner in „The Pillow Book“ und äußerst exzessiv in „The Tulse Luper Suitcases“ an. Davon abgesehen ist Greenaway auch als beeindruckender Redner bekannt.[3]

Musik

Ein weiteres Erkennungszeichen seiner Filme ist die Verwendung einer zwar reizvollen und interessanten, jedoch kühlen Musik, die die Ironie der Bilder unterstreicht und ein emotionales Mitgehen des Zuschauers gänzlich ausschließt. Die Musik zu sechs der Filme von Greenaway („The Falls“, „Der Kontrakt des Zeichners“, „Ein Z und zwei Nullen“, „Verschwörung der Frauen“, „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ und „Prosperos Bücher“) schrieb der englische Komponist Michael Nyman. Die Musik zu „Der Bauch des Architekten“ schrieb Wim Mertens. Die Musik zu der Trilogie „The Tulse Luper Suitcases“ stammt unter anderem von Borut Krzisnik.

Greenaway selbst schrieb Anfang der 1990er Jahre eine Serie von zehn Opernlibretti unter dem gemeinsamen Titel „Death of a composer“ (Tod eines Komponisten). Unter den zehn getöteten Komponisten befinden sich als reale Personen Anton Webern und der 1980 ermordete John Lennon.

Im Jahr 1983 erschien unter dem Titel Four American Composers eine Sammlung von vier Dokumentationen über die Komponisten Robert Ashley, John Cage, Philip Glass und Meredith Monk.

Auszeichnungen

  • 1998 Officier de l'Ordre des Arts et des Lettres
  • 2007 wird Greenaway mit dem mit 10.000 Euro dotierten Aachener Innovationspreis Kunst ausgezeichnet. Aus diesem Anlass mischte er im Ludwig Forum für Internationale Kunst eine Live-Version der „Tulse Luper Suitcases“ aus etwa 800 digitalen Filmloops.
  • 2007 wurde Greenaway CBE.[4]

Filmografie (Auszüge)

  • 1980: The Falls
  • 1982: Der Kontrakt des Zeichners (The Draughtsmans Contract'')
  • 1983: Four American Composers (Dokumentarfilm)
  • 1985: Ein Z & zwei Nullen (A Zed & Two Noughts)
  • 1985: 26 Bathrooms
  • 1986: Der Bauch des Architekten (The Belly of an Architect)
  • 1988: Verschwörung der Frauen (Drowning by Numbers)
  • 1989: Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber (The Cook the Thief His Wife & Her Lover)
  • 1989: Les Morts de la Seine
  • 1991: Prosperos Bücher (Prosperos Books'')
  • 1993: Das Wunder von Mâcon (The Baby of Mâcon)
  • 1996: Die Bettlektüre (The Pillow Book)
  • 1999: 8 1/2 Frauen (Eight and a Half Women)
  • 2001: The Man in the Bath
  • 2004: The Tulse Luper Suitcases (min. 3 Filme, rund 350 Minuten)[5]
  • 2007: Nightwatching

Ausstellungen (Auswahl)

  • 1992: Zeichnungen zu Prosperos Books'' in der Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen
  • 1992: 100 Objects to Represent the World in der Hofburg, dem Semper-Depot und der Akademie der bildenden Künste, Wien

Literatur

  • Micha Braun: In Figuren erzählen. Zu Geschichte und Erzählung bei Peter Greenaway, . transcript, Bielefeld 2012, 978-3-8376-2123-5
  • Axel Roderich Werner: System und Mythos. Peter Greenaways Filme und die Selbstbeobachtung der Medienkultur, . transcript, Bielefeld 2010, 978-3-8376-1514-2
  • Wolfgang Schlüter (Autor): Gruß, Greenaway!, . Matthes & Seitz, Berlin 2010, 978-3-88221-533-5
  • Hannah Hurtzig: Richtiges Kino kommt erst noch, . Hanser, Wien 1997, 3-446-19127-5
  • Keum-Dong Kim: Formale Struktur, Narrativität und Wahrnehmung des Zuschauers, . Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Marburg 2003,
  • Detlef Kremer: Peter Greenaways Filme: vom Überleben der Bilder und Bücher, . Metzler, Stuttgart 1995, 3-476-01345-6
  • Jean Lüdeke: Die Schönheit des Schrecklichen: Peter Greenaway und seine Filme, . Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1996, 3-404-61344-9
  • Georg Schmid: Die Spur und die Trasse, . , Wien 1988,
  • Alexandra Stäheli: Materie und Melancholie, . Passagen, Wien 2004,
  • Georg Schmid: Die Spur und die Trasse, . , Wien 1988,
  • Alexandra Stäheli: Materie und Melancholie, . Passagen, Wien 2004,
  • Michael Schuster: Malerei im Film: Peter Greenaway, . Olms, 1998, 3-487-10663-9

Einzelnachweise

  1. „Der nächste Film, den ich in dieser Trilogie machen wollte, sollte … über die gesamte Länge im Dunkeln spielen.“ (Greenaway), Splatting Image, siehe Weblinks
  2. „sein Hauptthema ist, daß es keine Historie gibt, sondern nur Historiker“ (Greenaway). Splatting Image, siehe Weblinks
  3. Hurtzig, S. 31: „in perfektem Oxford-Englisch druckreif gesprochen“.
  4. BBC (abgerufen 3. Februar 2009).
  5. imdb.com
  6. Toronto Film Festival ’07: Day ThreeA. V. Club, Scott Tobias, abgerufen am: 01.01.1970
  7. A Filmmaker Adds a Cinematic Scope to a Storied PaintingThe New York Times, Elisabetta Povoledo, abgerufen am: 01.01.1970
  8. NightwatchingScreenDaily.com, Lee Marshall, abgerufen am: 01.01.1970

[6] [7] [8]

Dieser Artikel (grau hinterlegt) steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). Die Vorliegende Version wurde am 22. März 2013, 10:03 UTC unter den o.g. Lizenzen veröffentlicht. Mit Beiträgen (Autor/en) von: =, Yotwen, Eingangskontrolle, Kaffeekati, Grossenhayn, Ittoqqortoormiit, Rilegator, Invisigoth67, Gary Dee, Roterraecher, MAY, RonMeier, MegA, Qniemiec, Zelluloidparadies, Linksverdreher, Jürgen Engel, Philososlav, WWSS1, SpiegelLeser, Thadoggpound, Carol.Christiansen, Knoerz, Ot, ChristophDemmer, Winkelhake, Liberaler Humanist, JuTa, Konstantin bühler, Usw., Goldlock, Pelz, Wolfgang K, Louis Wu, Stein68, Bodoklecksel, Aktionsbot, Rsteinkampf, Julius1990, Orlox, AHZ, Mschlindwein, Rlbberlin, Asthma, Dreadn, To old, Cproesser, Adobar, Stilfehler, Robb, Langec, Tox, Otto Normalverbraucher, Stefan Volk, Herrick, Robodoc, RedBot, ElRaki, Pygmalion, Temistokles, Tobe man, Rybak, Zinnmann, Leonardo, Hafenbar, The weaver, Zwobot, Keichwa. Aus Datenschutzrechtlichen Gründen werden Autoren von denen lediglich eine IP-Adresse hinterlegt wurde hier nicht aufgeführt.

Auflistung von Filmen bei denen Peter Greenaway Regie geführt hat.

Alle Angaben ohne Gewähr. Fehler melden!
Eisenstein in Guanajuato
Biographie
Regie: Peter Greenaway
Eisenstein in Guanajuato Userwertung:

Produktionsjahr: 2014
Schauspieler/innen: Elmer Bäck, Luis Alberti, Maya Zapata, Lisa Owen, Stelio Savante, Rasmus Slätis, Jakob Öhrman, Alan Del Castillo, Raino Ranta
Biographie
Regie: Peter Greenaway
Nightwatching Userwertung:

Produktionsjahr: 2007
Schauspieler/innen: Martin Freeman, Eva Birthistle, Emily Holmes, Jodhi May, Toby Jones, Jonathan Holmes, Michael Teigen, Kevin McNulty, Agata Buzek, Nathalie Press, Fiona O'Shaughnessy, Andrzej Seweryn, Adrian Lukis
Die Bettlektüre
Drama FSK 12
Regie: Peter Greenaway
Die Bettlektüre Userwertung:

Produktionsjahr: 1996
Schauspieler/innen: Ewan McGregor, Vivian Wu, Yoshi Oida, Hideko Yoshida, Judy Ongg, Ken Ogata
Das Wunder von Mâcon

Regie: Peter Greenaway
Das Wunder von Mâcon Userwertung:

Produktionsjahr: 1993
Schauspieler/innen: Julia Ormond, Ralph Fiennes, Philip Stone, Jonathan Lacey
Prosperos Bücher
Bühnenverfilmung FSK 12
Regie: Peter Greenaway
Prosperos Bücher Userwertung:

Produktionsjahr: 1991
Schauspieler/innen: John Gielgud, Michael Clark, Michel Blanc, Erland Josephson, Isabelle Pasco, Tom Bell, Kenneth Cranham
Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber
FSK 18
Regie: Peter Greenaway
Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber Userwertung:

Produktionsjahr: 1989
Schauspieler/innen: Richard Bohringer, Michael Gambon, Helen Mirren, Alan Howard, Tim Roth, Ciarán Hinds, Gary Olsen, Ewan Stewart, Roger Ashton-Griffiths, Alex Kingston, Ian Dury, Roger Lloyd-Pack
Verschwörung der Frauen
Drama
Regie: Peter Greenaway
Verschwörung der Frauen Userwertung:

Produktionsjahr: 1988
Schauspieler/innen: Joan Plowright, Juliet Stevenson, Joely Richardson, Bernard Hill, David Morrissey
Der Bauch des Architekten
FSK 12
Regie: Peter Greenaway
Der Bauch des Architekten Userwertung:

Produktionsjahr: 1987
Schauspieler/innen: Brian Dennehy, Chloe Webb, Lambert Wilson, Sergio Fantoni, Stefania Casini
Der Kontrakt des Zeichners
Drama FSK 16
Regie: Peter Greenaway
Der Kontrakt des Zeichners Userwertung:

Produktionsjahr: 1982
Schauspieler/innen: Anthony Higgins, Janet Suzman, Anne-Louise Lambert, Hugh Fraser, Neil Cunningham, Dave Hill, David Gant

Einloggen
Herzlich willkommen! Um die Community nutzern zu können, melden sie sich bitte hier mit ihren Zugangsdaten an:

Facebook Login
Noch einfacher, loggen sie sich einfach mit ihrem Facebook Account ein:


Mit einem Klick auf diese Schaltfläche "Mit Facebook einloggen" akzeptieren sie die Nutzungsbedingungen und die Diskussionsrichtlinien der Ideenkraftwerk GmbH. Sie garantieren das sie diese gelesen und gespeichert oder ausgedruckt haben.


Passwort vergessen
Wenn Sie ihr Passwort vergessen haben können sie hier ein neues anfordern, geben sie dazu ihre E-Mail adresse hier ein:

Neu registrieren
Sie haben noch keinen Account bei Kritiken.de? Dann registrieren sie sich jetzt kostenlos, um die Community zu nutzen!