Regisseur/in / Schauspieler/in

Jacques Tati

* 09.10.1907 - Le Pecq im Département Yvelines
† 04.11.1982 Paris

Über Jacques Tati

Jacques Tati

Jacques Tati (bürgerlich Jacques Tatischeff; * 9. Oktober 1907[1] in Le Pecq im Département Seine-et-Oise, heute Yvelines; † 4. November 1982 in Paris) war ein französischer Drehbuchautor, Schauspieler und Regisseur.

Mit der von ihm entwickelten und dargestellten Figur des Monsieur Hulot eroberte er sich einen Platz in der Filmgeschichte - und das mit insgesamt nur fünf langen Spielfilmen. Als Schauspieler bediente er sich der Mittel von Pantomime und Slapstick und agierte in der Gestalt des Monsieur Hulot als unermüdlicher Zivilisationskritiker.

Als Regisseur war Tati – auch wenn er inhaltlich oft die gute alte Zeit beschwor – seiner Zeit in manchem weit voraus. So beeindruckte er z. B. durch den einfallsreichen Einsatz moderner filmtechnischer Mittel. Zudem war er ein Einzelgänger, der die völlige künstlerische Kontrolle über seine Filme anstrebte. Darin und in seinem Hang zum Perfektionismus ist er auf dem Gebiet der Filmkomik am ehesten mit Charles Chaplin und Buster Keaton vergleichbar.

Biografie

Tati ist französisch-russisch-holländisch-italienischer Herkunft. Sein Vater Georges Emmanuel Tatischeff war ein Sohn des Militärattachés an der russischen Botschaft in Paris, Graf Dimitri Tatischeff und der Französin Rose Anathalie Alinquant. Georges Emmanuel Tatischeff war verheiratet mit Claire van Hoff. Tati war von 1944[2] bis zu seinem Tod mit Micheline Winter verheiratet, mit der er eine Tochter und einen Sohn hatte: die Regisseurin Sophie Tatischeff (1946–2001)[3] wurde 1978 mit einem César ausgezeichnet, Pierre Tati (* 1949)[4] war unter anderem als Filmproduzent tätig.

Frühe Erfolge

Jacques Tati kam von der Bühne, wo er mit pantomimischen Szenen Erfolg hatte, in denen er Sportarten und Reisen mit verschiedenen Verkehrsmitteln parodierte. Anfang der 1930er-Jahre tauchte er erstmals in Kurzfilmen auf, etwa als Tennis-Champion.

1947 hatte Tati seinen Durchbruch mit dem ersten selbst geschriebenen und inszenierten Langfilm Jour de fête (Tatis Schützenfest). Tati produzierte den Film sowohl in Farbe als auch in Schwarz-weiß. Aufgrund technischer Unzulänglichkeiten des damals neuen Thomson-Farbsystems wurde Jour de fête (Tatis Schützenfest) später nur in der Schwarz-weiß-Fassung veröffentlicht. Trotzdem gilt der Film als der erste französische Farbfilm.

Sein zweiter Film Les Vacances de Monsieur Hulot (Die Ferien des Monsieur Hulot) spielt im Hôtel de la Plage (das heute noch als leicht verändertes Hotel existiert) in einem Urlaubsort am Meer (Saint-Marc-sur-Mer, nahe Saint-Nazaire im Dèpartement Loire-Atlantique). Er zeigt zum ersten Mal Tatis Alter Ego Hulot, einen liebenswürdigen Individualisten mit Hut und langer Pfeife, der einen permanenten Kampf mit den Tücken der modernen Zivilisation und den neuzeitlichen Umgangsformen austrägt. Der Film gewann 1953 den Louis-Delluc-Preis, das Drehbuch wurde 1956 für den Oscar nominiert. Ein wesentliches Kennzeichen des Films war der fast vollständige Verzicht auf Dialoge. Die Hauptfigur Monsieur Hulot, die Verkörperung eines tollpatschigen Antihelden, gibt so gut wie kein verständliches Wort von sich. Und von den wenigen Dialogen gehen die meisten in lauten Hintergrundgeräuschen unter oder sie sind bis auf ein paar Wortfetzen bis zur beinahe vollständigen Unverständlichkeit verstümmelt. In seinen folgenden Filmen verwendete Tati dann mehr Sprache, meist in Form von Monologen, um seine durchaus kritische Weltsicht zu unterstützen. Auf Hintergrundgeräusche wollte er nie verzichten, da sie ein wesentlicher Teil unserer Umwelt sind und damit unsere Gefühle beeinflussen.

In Mon Oncle (Mein Onkel) hat es Monsieur Hulot mit dem hochmodernen Haus der Familie seiner Schwester zu tun - und mit seinem Scheitern an der modernen Technik sowie seiner speziellen Beziehung zu seinem Neffen und den Tücken des Objekts. Der Film gewann 1958 den Spezialpreis der Jury beim Cannes Film Festival und den Preis der französischen Filmkritik sowie 1959 den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

„Playtime“ und die letzten Jahre

Dieser Erfolg ermutigte Tati dann zu seinem größten Projekt. Für Playtime (1967) ließ Tati ein riesiges Stadtteil-Set mit Hochhäusern außerhalb von Paris bauen (Tativille). Hier irrt Hulot scheinbar endlos herum in einem Paris, das nur aus Wolkenkratzern und Büroblocks zu bestehen scheint, auf der Suche nach einem Monsieur Girard, mit dem er sich treffen will. Das aufwändige Playtime erwies sich als außerordentlich teuer: Tati drehte auf 70-mm-Film, die Produktionszeit betrug 3 Jahre, das Budget lag zwischen fünf und zwölf Millionen Francs. Trotz brillantem Produktionsdesign, einer visionären Kamera und exzellenten Presse (dänischer Bodil-Filmpreis 1969) scheiterte „Playtime“ jedoch an der Kinokasse.

Aufgrund der Schulden, die Playtime hinterlassen hatte, sah sich Tati in „Trafic“ (1971) gezwungen, Hulot wieder in den Mittelpunkt des Films zu stellen, was er eigentlich hatte vermeiden wollen. In dem Film versucht er, einen Auto-Prototypen rechtzeitig zu einer Automobilmesse zu bringen.

Doch Tati konnte seinen Bankrott nicht mehr abwenden und zog sich enttäuscht aus dem Filmgeschäft zurück. 1974 folgte lediglich noch ein für das schwedische Fernsehen produzierter Zirkusfilm für Kinder mit dem Titel „Parade“.

1977 wurde Tati mit dem Ehren-César der Académie des Arts et Techniques du Cinema ausgezeichnet.

Jacques Tati starb am 4. November 1982 an einer Lungenembolie und wurde auf dem Cimetière ancien in Saint-Germain-en-Laye beigesetzt.

2010 veröffentlichte der französische Regisseur Sylvain Chomet mit L’Illusionniste einen Animationsfilm, der auf einem unveröffentlichten Drehbuch Tatis aus dem Jahr 1956 beruht und sich des bekannten Komikers als Titelhelden annimmt.[5] Chomet hatte das Skript von Tatis Tochter Sophie erhalten. Anlässlich des Kinostarts berichtete die internationale Presse über eine uneheliche Tochter des Künstlers, Helga Marie-Jeanne Schiel, die ihn zu dem Drehbuch inspiriert haben soll. Diese stamme aus einer Beziehung zu der Österreicherin Herta Schiel, mit der Tati während der deutschen Besatzungszeit im Pariser Varietétheater zusammengearbeitet haben soll. Tati selbst hat Helga nie als seine Tochter anerkannt.[6][7]

Filmografie

Jahr Titel Filmart Bemerkung
1932 Oscar, champion de tennis Kurzfilm Auftritt
1934 On demande une brute Spielfilm Co-Autor und Auftritt
1935 Fröhlicher Sonntag (Gai dimanche) Kurzfilm Co-Autor, Co-Regie und Auftritt
1936 Achte auf deine Linke (Soigne ton gauche) Kurzfilm Buch und Auftritt
1938 Retour à la terre Kurzfilm Buch und Auftritt
1945 Sylvia und das Gespenst (Sylvie et le fantôme) Spielfilm Auftritt
1946 Teufel im Leib (Le diable au corps) Spielfilm Auftritt
1947 Schule der Briefträger (Lecole des facteurs)'' Kurzfilm Buch, Regie und Auftritt
1949 Tatis Schützenfest (Jour de fête) Spielfilm Buch, Regie und Auftritt
1953 Die Ferien des Monsieur Hulot (Les vacances de Monsieur Hulot) Spielfilm Buch, Regie und Auftritt
1958 Mein Onkel (Mon oncle) Spielfilm Buch, Regie und Auftritt
1967 Tatis herrliche Zeiten (Playtime) Spielfilm Buch, Regie und Auftritt
1967 Abendschule (Cours du soir) Kurzfilm Buch und Auftritt
1968 Geraubte Küsse (Baisers volés) Spielfilm Auftritt
1971 Tati im Stoßverkehr (Trafic) Spielfilm Buch, Regie und Auftritt
1972 Obraz uz obraz Fernsehserie Auftritt
1974 Parade Fernsehfilm Buch, Regie und Auftritt
1978 Forza Bastia 78 oder Festtag auf der Insel (Forza Bastia 78 ou lîle en fête)'' Dokumentarfilm Buch und Co-Regie
2010 L’Illusionniste Animationsfilm Buch

Filmdokumentation

  • Jacques Tati – Das demokratische Lachen (Originaltitel: Jacques Tati – le veré démocratique). Französische TV-Dokumentation von Pierre Philippe (2002), 53 Minuten

Literatur

  • Brent Maddock: Die Filme von Jacques Tati (Originaltitel: The Films of Jacques Tati). Heyne-Filmbibliothek Nr. 187. Deutsch von Karola Gramann und York von Wittern. Nachwort von Gertrud Koch. Heyne, München 1993, 204 S., ISBN 3-453-06550-6
  • Peter Haberer: Aspekte der Komik in den Filmen von Jacques Tati. Aufsätze zu Film und Fernsehen (Band 25). Coppi-Verlag, Alfeld/Leine 1996, 90 S., ISBN 3-930258-24-2
  • Penelope Gilliat: Jacques Tati. 1976, 96 S., ISBN 0-7130-0145-3
  • Marc Dondey: Tati, Ramsey Poche Cinéma. Paris 1993
  • David Bellows: Tati, sa vie, son art, Le Seuil, Paris 2002, ISBN 2-02-040961-5
  • David Bellows: Jacques Tati : his life and art, London : Harvill Press, 2001, ISBN 978-1-86046-924-4
  • Stéphane Goudet: Jacques Tati – de François le facteur à Monsieur Hulot, Cahiers du Cinéma 2002
  • François Ede, Stéphane Goudet: Playtime, Cahiers du Cinéma 2002
  • Giorgio Placereani, Fabiano Rosso (a cura di): Il gesto sonoro – Il cinema di Jacques Tati, Editrice Il Castoro 2002
  • Jean-Claude Carrière, Die Ferien des Monsieur Hulot. Roman nach dem Film von Jacques Tati. Alexander, Berlin 2003, ISBN 978-3-89581-092-3.
  • Jean-Claude Carrière, Das Jacques-Tati-Paket. Die Ferien des Monsieur Hulot und Mon Oncle. Alexander, Berlin 2006, ISBN 978-3-89581-171-5.

Einzelnachweise

  1. Nummer des extrait de naissance auf www.lesgensducinema.com
  2. Michel Chion: The films of Jacques Tati, 2003, ISBN 9781550711752, S. 161
  3. Sophie Tatischeff in der IMDb
  4. Pierre Tati in der IMDb
  5. vgl. Johns, Ian: Cut the cute bei timesonline.co.uk, 17. Februar 2007 (aufgerufen am 12. Januar 2011)
  6. vgl. Thorpe, Vanessa: Tati’s lost film reveals family’s pain. In: The Observer, 31. Januar 2010, S. 41
  7. vgl. Samuel, Henry: Tati’s guilt over the daughter he abandoned. In: The Daily Telegraph, 17. Juni 2010, S. 19

Weblinks

  • tativille.com, Website der Gesellschaft Les films de mon oncle, die die Rechte an mehreren Tati-Filmen hält (englisch/französisch; benötigt den Flash Player)
  • Jacques Tati – Georg Seeßlen über Jacques Tati
  • Jacques Tati-Interview (Münchener Abendzeitung 1972)

Dieser Artikel (grau hinterlegt) steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). Die Vorliegende Version wurde am 22. März 2013, 10:03 UTC unter den o.g. Lizenzen veröffentlicht. Mit Beiträgen (Autor/en) von: RacoonyRE, Skipper69, Serge Ottaviani, Eric arthur blair, Pikne, Hüning, Critican.kane, Jonesey, Balham Bongos, Oenie, Sinuhe20, Dadawah, Minderbinder, Berndpick, Louis Wu, Pelz, Telrúnya, CommonsDelinker, Gerhard51, HenrikHolke, A.Savin, Grip99, Geher, DorisAntony, Ordifana75, Taraxacum, Aka, Stefan Kühn, Itti, Riadismet, Spargelschuft, PeterPan24, Tiroinmundam, Untitled0, DasBee, Raymond, Alucardxxx, Kku, Juffi, Andibrunt, Ilsebill, Carlo Cravallo, Andreas S., Xquenda, RobertLechner, Adler 71, Christos Vittoratos, Scipione, Wikinger77, J.-H. Janßen, 08-15-Bot, Chris@home, Josef Friedrich, Dontworry, César, Flatlander3004, Hubertl, JCS, Alma Pater, Chrisk, Trainspotter, Katpatuka, Jrrtolkien, Dorthonion, RobotE, Nordelch, Kubrick, MisterMad, Wittkowsky, Zinnmann, Rybak, APPER, FlaBot, Zwobot, Cornischong, Kaare, Schnargel, Kroeger, Andre Engels, Snoyes, Mikue, Hunne, Igelball, Georg Lacher-Remy. Aus Datenschutzrechtlichen Gründen werden Autoren von denen lediglich eine IP-Adresse hinterlegt wurde hier nicht aufgeführt.

Auflistung von Filmen bei denen Jacques Tati Regie geführt hat.

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Komödie FSK 12
Regie: Jacques Tati
Tatis herrliche Zeiten Userwertung:

Produktionsjahr: 1967
Schauspieler/innen: Jacques Tati, Barbara Dennek, Rita Maiden, France Rumilly, France Delahalle, Valérie Camille, Erika Dentzler, Nicole Ray, Billy Kearns, Yves Barsacq, André Fouché, Georges Montant, Georges Faye, John Abbey, Reinhard Kolldehoff
FSK 6
Regie: Jacques Tati
Mein Onkel Userwertung:

Produktionsjahr: 1958
Schauspieler/innen: Jacques Tati, Adrienne Servantie, Jean-Pierre Zola, Alain Bécourt
Die Ferien des Monsieur Hulot
Komödie FSK 6
Regie: Jacques Tati
Die Ferien des Monsieur Hulot Userwertung:

Produktionsjahr: 1953
Schauspieler/innen: Nathalie Pascaud, Michele Rolla, Valentine Camax, Louis Perrault, André Dubois
Tatis Schützenfest
FSK 6
Regie: Jacques Tati
Tatis Schützenfest Userwertung:

Produktionsjahr: 1949
Schauspieler/innen: Jacques Tati, Guy Decomble, Paul Frankeur, Santa Relli, Maine Vallée

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