Sie leben

Sie leben

Regisseur: John Carpenter, Schauspieler/in:
Roddy Piper
,
Keith David
,
Meg Foster
,
Peter Jason
,
Norman Alden
. Drehbuch: John Carpenter

Sie leben Filmkritik

Sie leben Kritik der neue Film von John Carpenter mit Roddy Piper und Keith David

Filmkritik von

Szene-extern dürfte der Name Roddy Piper heutzutage nicht mehr allzu vielen Menschen etwas sagen. Er hat sich in Wrestling-Kreisen einen Namen gemacht und wie viele vor und nach ihm in den 80ern sein Glück auch im Filmschauspiel gesucht. In der Hauptrolle von John Carpenters „Sie leben!“ ist er Teil eines Projektes, das unter Rückgriff auf Science-Fiction-Elemente und ohne ein großes Budget eine dezidierte politisch-gesellschaftliche Aussage machen will. Das Fundament dieser Kurzgeschichten-Verfilmung ist also zwischen unterschiedlichen Extremen gebaut und das merkt man dem Endprodukt auf verschiedene Weisen an, die auch bis zu einem gewissen Grade vermögen, Hoch- und Tiefpunkte in John Carpenters Wirken widerspiegeln.

Roddy Piper spielt den Bauarbeiter Nada, der sich in einer neuen Umgebung vorfindet und, ohne ein Dach über dem Kopf zu haben, bei einer Baustelle anheuert. So lernt er Frank (Keith David) kennen, der ihm ein Obdach in einer Art kleinen Zeltstadt anbietet. Über das Fernsehen versucht sich derweil immer wieder ein Mann in den Kanal einzuklinken, der mit einer in großen Teilen unverständlichen, revolutionären Nachricht, Menschen aufzurütteln versucht. Durch Zufall und Neugierde kommt Nada der dafür verantwortlichen, in der Nachbarschaft angesiedelten Organisation auf die Spur und findet letztlich eine Kiste voller Sonnenbrillen, die ihm wortwörtlich die Augen öffnen. Er sieht die wahren Botschaften der Zeitungen, der Werbung, des Fernsehens und er sieht die Aliens, die unerkannt unter den Menschen leben und für die gesellschaftliche Farce verantwortlich sind. Sie wollen gefügige Untertanen in den Menschen und konditionieren sie durch Medien und Gesellschaftsordnung dementsprechend.

Bis zu diesem Punkt der Handlung wirkt das Gezeigte kohärent und schlüssig. Dabei ist der Film trotz kleinerer Portionen Action recht bodenständig inszeniert und vermag damit dem Thema echte Relevanz zu verleihen. Es gibt wenige Dialoge und vieles vom Inhalt wird durch Bilder suggeriert. Ein reduzierter Schauspielstil trägt des weiteren dazu bei, dass der Zuschauer selbst Schlüsse ziehen muss und es liegt im Bereich des Mysteriösen, was in der filmischen Welt nun genau schief läuft. Dazu passt der ebenso reduzierte, aber atmosphärische Soundtrack, der in manchen wortkargen Szenen fast Italowestern-Flair aufkommen lässt, sich allerdings mit der Dauer als zu monoton herausstellt. Am ehesten kann man diesen Teil des Filmes wohl als gelungene Low-Budget-Mystery-Inszenierung beschreiben.

Durch die Sonnenbrillen-Sequenzen wird das, was zuvor schon leicht kryptisch angedeutet wurde und somit Spannungselement war, sehr direkt vermittelt: Die Menschen befinden sich in einer unbewussten Gefangenschaft von Außerirdischen, die die Medien nutzen, um die Erdbevölkerung kleinzuhalten. Der Film selbst vermittelt dem Zuschauer diese illusorische Scheinwelt. Einzig Szenen aus Nadas Brillen-Sicht, die in Schwarz-Weiß kenntlich gemacht sind, zeigen, was eigentlich hinter den Seiten der Hochglanzmagazine und Plakatwerbungen steht: Gehorche! Heiratet und mehret euch! Kaufe! Der Leistungs- und Konsumgesellschaft wird trotz des leicht übernatürlichen Settings der Spiegel vorgehalten. Obwohl dies nicht überzogen intellektuell, sondern eher direkt und leicht verständlich getan wird, funktioniert es beachtlicherweise recht gut.

Die soeben aufgegriffene Sequenz ist Höhe- und leider auch Wendepunkt des Werkes. Der anschließende Amoklauf von Nada, in welchem er etliche Aliens umbringt, lässt sich mit einigem Wohlwollen betrachtet noch in das im Kontext aufgebaute Korsett des Filmes zwängen. Danach aber offenbart „Sie leben!“ Schwächen, die sogar anfänglichen Sequenzen im Nachhinein Glanz nehmen und elementare Aspekte des Films entwerten. Der zuvor als reduziert beschriebene Schauspielstil wirkt im Zusammenhang mit den deutlich ansteigenden Dialogsequenzen eher unvermögend. Dies wird auch zusätzlich durch Drehbuchschwächen befeuert, die sich nicht nur in Gesprächen, sondern auch in der Story-Entwicklung von teils schlechter B-Movie-Manier widerspiegeln. Tiefpunkt dieser Entwicklung ist ein völlig unnötiger, langer und vor allem langweiliger Kampf zwischen Nada und seinem Kumpel Frank in Wrestling-Manier. Es tut weh zu sehen, wie sich die Handlung aufs Äußerste verbiegt, um Piper in eine Situation zu bringen, in der er seine Showkampf-Fertigkeiten zur Schau stellen kann, ohne dabei auch nur ansatzweise einen filmischen Mehrwert zu kreieren. Die anfänglich mysteriöse Story gibt eine Auseinandersetzung mit dem Thema auf, um stattdessen fortan auf Action zu setzen, deren Qualität, vorsichtig gesagt, streitbar ist.

Mittlerweile sanft in Richtung Bedeutungslosigkeit und schlimmstenfalls Trash gerutscht, geht ein Film zu Ende, der zwei Carpenters vereint. Zum einen den „Halloween“-Carpenter, weniger wegen des Themas, sondern mehr wegen seines Gespürs für Rhythmus und Atmosphäre, das sich durch die anfänglichen Sequenzen bis zum angesprochenen Höhepunkt zieht. Zum anderen einen Carpenter, den man vielleicht am ausgeprägtesten in „Ghosts of Mars“ finden kann und der scheinbar unreflektiert mit monotoner Action, sowie zweitklassigen Handlungssträngen arbeitet. Es wirkt ein wenig so, als hätte eine echte Vision hinter dem Projekt gesteckt, bloß ging diese nur so weit, das überaus interessante Setting zu enthüllen. Es richtig auszukosten, vermochte der Film leider nicht.

Somit lässt sich sagen, dass hier einiges an Potential verschenkt wurde. Ohne einen zu hohen Standard an ein solches Projekt legen zu wollen, steht die zweite Hälfte des Films der ersten deutlich nach. Schon länger ist von einem Remake die Rede und während diese den Markt ja recht inflationär beglücken, könnte man den Schritt im vorliegenden Falle definitiv rechtfertigen. Trotz aller Schwächen, „Sie leben!“ kann man nicht nur berechtigterweise ablehnen, sondern eben auch mögen. Der Film hat etwas zu sagen, bloß weiß er nicht so recht, die Aussage in eine ansprechende Gesamthandlung einzubetten und dadurch zu kanalisieren. So bleibt er hinter seinen eigenen Möglichkeiten zurück.

Kritik: Tim Gieselmann



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