Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer

Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer

Regisseur: Anup Singh, Schauspieler/in:
Irrfan Khan
,
Tillotama Shome
,
Rasika Dugal
,
Tisca Chopra
,
Faezeh Jalali
. Drehbuch: Anup Singh

Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer Handlung

Während der Teilung Indiens verliert der Sikh Umber Singh alles, was er besitzt und sieht keinen anderen Weg als seine Heimat zu verlassen und sich mit seiner Familie in einem anderen Land anzusiedeln. Umber und seine Frau haben drei Mädchen, doch der Inder wünscht sich auf sehnlichste einen männlichen Nachfolger. Als seine Frau zum vierten Mal schwanger wird und erneut ein Mädchen unterwegs ist, beschließt er dem Neugeborenen in dem Glauben zu erziehen, es sei ein Junge – der Junge Kanwar. Doch schon bald merkt er, dass er sein Kind nicht vor der Natur verstecken kann. Und als er eine Hochzeit zwischen dem Mädchen Neeli und seinem „falschen Sohn“ arrangiert, beginnt seine selbst konstruierte Realität noch stärker ins Wanken zu geraten.

Qissa – The Tale of a Lonely Ghost eröffnete die 43. Ausgabe des International Film Festival in Rotterdam und wurde sogleich mit dem Dioraphte Award ausgezeichnet. – Dieser Preis wird jährlich an den Film mit der höchsten Zuschauerbewertung verliehen. In der Hauptrolle des Werkes von Regisseur und Drehbuchautor Anup Singh ist der talentierte Irrfan Khan zu sehen. Er wirkte unter anderen in Filmen wie Slumdog Millionär (2008), The Lunchbox (2012) und zuletzt in Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (2012) mit und spielte somit nicht seine erste Hauptrolle.

Regina Singer am Donnerstag 13. Februar 2014 14:06 Uhr

Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer Filmkritik

Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer Kritik der neue Film von Anup Singh mit Irrfan Khan und Tillotama Shome

Filmkritik von

Ausgerechnet aus Indien kommt mit „Qissa – Der Geist ein einsamer Wanderer“ ein Film in die Kinos, der die Frage nach weiblicher und männlicher Identität mit besonderem Nachdruck formuliert. Dabei ist das Thema Identität auf mehr als nur einer Ebene präsent, denn neben der geschlechtlichen Selbstfindung geht es hier auch um die Selbstbehauptung der religiösen Minderheit der Sikh.

Umber Singh (Irrfan Khan) wird während der Teilung Indiens 1947 aus seiner Heimat vertrieben. Das Trauma sitzt tief und drückt sich in Umbers unbedingtem Willen aus, einen männlichen Nachkommen zu zeugen. Als seine Frau Mehar (Tisca Chopra), zu der er ein von männlicher Dominanz und Distanz geprägtes Verhältnis pflegt, das vierte Mädchen zur Welt bringt, weigert sich Umber Singh das Geschlecht des Kindes anzuerkennen. Kanwar, im späteren Verlauf des Films verkörpert von Tillotama Shome, wird als Junge erzogen, mit allen damit verbundenen kulturellen Traditionen. Während die Schwestern Zeit mit der Mutter verbringen, erlernt Kanwar das Jagen und das Autofahren. Doch spätestens als das Kind ins heiratsfähige Alter kommt und von der kecken Neeli (Rasika Dugal) umgarnt wird, beginnen sich die Dinge zu verkomplizieren. Das schon in den ersten Filmminuten angekündigte Drama lässt sich nicht mehr aufhalten.

Filmfoto: Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer©Camino Filmverleih GmbH Umbar Singhs Sehnsucht nach einem männlichen Nachkommen erhält durch den Verlust seiner Heimat eine glaubwürdige Herleitung. Er ist nicht einfach nur ein schizophrener Patriarch, sondern ein vom Leben gekennzeichneter Mensch, der das Erbe seiner Kultur in die nächste Generation tragen möchte. Dass dies nur mit Hilfe eines männlichen Nachkommens, nicht aber durch eine seiner drei Töchter möglich ist, ist freilich Ausdruck einer zutiefst patriarchalen und sexistischen Denkweise, die der Film im Folgenden ad absurdum führt. „Sei ein Mann“, herrscht Umber Kanwar an, als diese/r wegen eines Streit mit den Schwester zu weinen beginnt. Der Vater lässt nichts unversucht, den Nachkommen mit eben jenen Tugenden auszustatten, die er als männlich empfindet. Jagen, Schießen und physische Stärke treten hierdurch offensichtlich als Klischee hervor. Zudem wird der Einfluss der Erziehung auf die Geschlechtsidentität sichtbar, ist doch Umbers Einfluss die einzige Kraft, die Kanwar schließlich zu einer männlichen Selbstzuschreibung verleitet. Mit dem Auftreten Neelis wird Kanwars Männlichkeit auf eine Probe gestellt, die sie nicht bestehen kann. Hin- und hergerissen zwischen zwei Geschlechtern verliert der Mensch Kanwar sich zunehmend selbst. Der Geschichte endet schließlich in einem Teufelskreis aus Trauma, Wahnsinn und neuer Gewalt.

Zeigt Anup Singh zu Beginn noch eine der Realität verhaftete Geschichte, verliert sich sein Film im letzten Drittel zunehmend im Märchenhaften. Damit büßt diese immens politische Mär einen großen Teil ihrer Durchschlagkraft ein. Auch wenn Sing hier Frauenfiguren von auffälliger Stärke und Präsenz erschafft, vernachlässigt er die so zentrale und vor allem berührende Beziehung zwischen Neeli und Kanwar, die mehr noch als eine homoerotische Liebe die aufrichtige und vorurteilsfreie Zuneigung zweier Menschen jenseits ihrer Geschlechtsidentität darstellt. Doch Singhs Blick bleibt ein männlicher: Die Rettung aus der Not kann nur in der Affirmation der Männlichkeit, nicht aber in ihrer Dekonstruktion bestehen.

Filmfoto: Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer©Camino Filmverleih GmbH „Qissa – Der Geist ist ein einsamer Wanderer“ beginnt mit langen Kamerafahrten. Das Bild scheint am Zuschauer nur so vorbeizufliegen, doch die Leichtigkeit der Inszenierung erweist sich schnell als trügerisch. Anup Singh verzichtet bewusst auf eine fröhliche Bollywood-Inszenierung. Nur an zwei Stellen bedient er sich der traditionellen Musikeinlagen, deren Verse die Geschichte kommentiere. Damit markiert er stets einen besonders emotionalen aber ebenso fragilen Moment im Leben seiner Figuren. Auch die Farben sind auffällig gedeckt. Braun- und Beigetöne dominieren die Bilderwelten. Diese Optik grenzt „Qissa – Der Geist in ein einsamer Wanderer“ klar von den strahlend bunten Bollywoodwelten und ihrem Unterhaltungswert ab und betont die politische Absicht des Films.

Vor dem Hintergrund der patriarchalen Gesellschaftsstrukturen im heutigen Indien und der diesbezüglichen aktuellen Diskussion, ist „Qissa – Der Geist ein einsamer Wanderer“ ein durchaus als mutig zu bezeichnender Film. Doch Anup Singh kommt über die Kritik des Status Quo nicht hinaus, traut sich letztlich nur den Alternativentwurf anzudeuten anstatt ihn als erstrebenswerte reale Lösung sichtbar zu postulieren. Die in der Geschichte so offensichtlich angelegten Themen der Homo- und Transsexualität bleiben auf fast irritierende Weise unausgesprochen. Auch der Umstand, dass sich die als Mann erzogene Kanwar in eine Frau verliebt, markiert eine heteronormative Logik der Geschichte, in der sich ein „Mann“ selbstredend nur in eine Frau verlieben kann bzw. die sexuelle Präferenz eines Menschen durch seine Erziehung geprägt zu sein scheint.

All dies schwächt bedauerlicher Weise die zu Beginn noch so starke Infragestellung der Männlich-Weiblich-Dichotomie.

Filmfoto: Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer©Camino Filmverleih GmbH Dennoch bleibt „Qissa – Der Geist ist ein einsamer Wanderer“ ein Film, der patriarchale Gesellschaftssysteme als scheinheilig entlarvt und notwendige Fragen nach den Rahmenbedingungen von Geschlechtsidentität formuliert. Vielleicht ist es zu viel verlangt, von Anup Singh, der hier auf persönlicher Ebene auch die Geschichte seiner Vorfahren verhandelt, noch mehr Deutlichkeit zu fordern. Nicht zuletzt bietet die märchenhafte Wendung der Handlung auch die Chance, ein breiteres Publikum zu erreichen. Und dies ist bei einem solchen Film definitiv wünschenswert.

Kritik: Sophie Charlotte Rieger

Filmbilder Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer

Filmfoto: Qissa - Der Geist ist ein einsamer Wanderer
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