No Country for Old Men

No Country for Old Men

Regisseur: Ethan Coen, Joel Coen, Schauspieler/in:
Tommy Lee Jones
,
Javier Bardem
,
Josh Brolin
,
Woody Harrelson
,
Kelly Macdonald
. Drehbuch: Ethan und Joel Coen

No Country for Old Men Handlung

Auf der Jagd nach Antilopen streift der Kriegsveteran Llewelyn Moss durch den heißen und kargen Südwesten von Texas. Als er an einer abgelegenen Stelle nicht nur einige Leichen und einen Beutel Drogen, sondern auch einen Koffer mit über zwei Millionen Dollar findet, nimmt er kurzerhand das Geld an sich. Ein verhängnisvoller Fehler. Denn plötzlich ist ihm nicht nur die Polizei auf den Fersen. Auch ein psychopathischer Killer macht Jagd auf ihn. (j.b.)

No Country for Old Men Filmkritik

No Country for Old Men Kritik der neue Film von Ethan Coen, Joel Coen mit Tommy Lee Jones und Javier Bardem

Filmkritik von

Gewalt, das wird von Anfang an klar, gehört zu diesem Texas des Jahres 1980 genau wie die unendlich scheinenden, unwirtlichen Landschaften, von denen man sich in den ersten Minuten von "No Country for Old Men" geradezu überwältigt fühlt, während Ed Tom (Tommy Lee Jones) aus dem Off über Leben und Beruf sinniert. Er ist Sheriff, genau wie sein Vater vor ihm. Er spricht von Stolz, schwelgt in Erinnerungen, doch in seiner Stimme überwiegt eine Schwermut, die uns bereits erahnen lässt, dass etwas im Argen liegt in dieser Welt. Dass dort draußen eine düstere Macht lauert. Keine übernatürliche, sondern eine, die sich in den krankhaften Auswüchsen der menschlichen Natur manifestiert.

Nur kurze Zeit später sieht man ihn das erste Mal töten. Anton Chigurh (Javier Bardem) stranguliert einen Polizeibeamten, um nur kurz darauf einen Zivilisten mit seinem Bolzenschussgerät niederzustrecken, weil er dessen Auto benötigt. Dass er Profikiller ist, bleibt dabei nebensächlich, denn sofort wird klar: Chigurh ist ein psychopathischer Sadist, der sich dadurch Befriedigung verschafft, seinen Opfern von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen und sich an ihrer Angst und der totalen Kontrolle über die Situation zu ergötzen. Angeheuert von amerikanischen Drogenbossen soll er das Geld wiederbeschaffen, das Llewelyn Moss (Josh Brolin) per Zufall am Schauplatz eines Drogendeals gefunden hat. Llewelyn macht den Fehler, noch einmal zum Tatort zurückzukehren und wird entdeckt. Zwar entkommt er den mexikanischen Drogenschmugglern knapp, aber weiteres Unheil ist nicht weit. Chigurh heftet sich an seine Fersen und es bleibt ihm nur noch der Kampf um Leben und Tod. Als lokale Ermittlungskraft ist Ed Tom bei dieser Verfolgungsjagd immer einen Schritt zu spät. Er kann nur hilflos zusehen und zynisch kommentieren, wie jeder Einzelne, der sich Anton Chigurh in den Weg stellt, nach und nach aus dem Weg geräumt wird.

Alles nichts Neues, so Ed Toms Bruder Ellis. Das Land sei schon immer hart zu seinen Bewohnern gewesen. Er spricht von Vergänglichkeit, Schicksal. Doch das sind nur Phrasen. Es ist keine unbarmherzige Naturkraft mehr, die für all das Schlechte verantwortlich gemacht werden kann. Die Zeiten des wilden Westens sind vorbei – die Zivilisation ist endgültig eingezogen und offenbart nun, dass der Mensch die Wurzel allen Unheils ist. Ed Tom weiß das. Denn auch Gott ist ihm nicht erschienen, so wie es sich der alternde Gesetzeshüter für seinen Lebensabend herbeigesehnt hatte. Drogen, Geld, Hass, Gewalt, Krieg. "Du kannst es nicht aufhalten", so Ellis. In diesem Fatalismus findet sich der resignierende Sheriff eher wieder. Es ist eine Szene, die einen Schlussakt von "No Country for Old Men" einläutet, der keine Erlösung mehr bringen soll. Nur das Böse setzt sein Werk unaufhaltsam fort.

Seit Ende der 80er gelten die Brüder Joel und Ethan Coen zu den Kritikerlieblingen des unabhängigen amerikanschen Kinos. Trotz ständig variierender Stoffe und zahlreicher Experimente mit Genreversatzstücken haben sie es geschafft, einen eigenen, unverkennbaren Stil zu formen. Mal wenden sie sich leichterer, ironischer Kost zu (Raising Arizona, Burn after Reading, The Big Lebowski), mal geht es mehr um die schicksalhaften Wirrungen und Wendungen ihrer oft skurilen Figuren (Fargo). Und immer schwingt ein leichter Hauch von Melancholie mit.

"No Country for Old Men" ist dabei keine Kulmination ihres Schaffens, sondern eher eine Rückbesinnung zu den pessimistischen, düsteren Noir-Wurzeln, die vor allem in ihrem Erstlingswerk "Blood Simple" wiederzufinden sind. Und diese Stilistik passt perfekt zu der Vorlage von Cormack McCarthy. Die Gebrüder lassen den Zuschauer dabei die volle Bitterkeit des Romans spüren, schaffen es dabei aber auch, einige Elemente ihres Universums einfließen zu lassen, wie etwa die längeren Dialoge, die in ihrem "Off-Beat"-Rhythmus ein Eigenleben zu führen scheinen. Garniert wird das Ganze mit grandiosen Bildern von Stammkameramann Roger Deakins und einem Sinn für Suspense und Brutalität, dass es einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Der Tod ist allgegenwärtig. Und Anton Chigurh ist sein Botschafter. Ein Phantom, ein Mythos oder wie Ed einmal ausdrückt: ein Geist. Denn selbst mit einem Namen und einer Vergangenheit ausgestattet, einer Profession als Killer – der flüsternde Todesengel bleibt ein übernatürlich anmutender, bedrohlicher Schatten, dem neben Mitgefühl auch jegliche Verletzlichkeit und somit auch der Rest seiner Menschlichkeit abhanden gekommen scheint. Für diese Rolle ist Javier Bardem wie geschaffen und er geht völlig in ihr auf. Auch, wenn einige seiner Dialoge durchaus einen gewissen schwarzen Humor versprühen, bleibt das Lachen meist im Halse stecken. Dafür sorgt zum einen sein kontrolliertes Schauspiel, aber auch die extravagante Frisur und eine Maske, die das sowieso schon markante Gesicht des Spaniers in eine mal irre grinsende, mal kühl berechnende Fratze verwandelt. Sein Gegenspieler Llewelyn ist ein Naturbursche – hart im nehmen und kampferprobt. Allein auf Grund seiner physischen Präsenz erweist sich Josh Brolin hier als der richtige Mann, genauso wie Tommy Lee Jones faltiges, trauriges Gesicht wie geschaffen zu sein scheint, Ed Toms Resignation auszudrücken.

Der Film bietet eine bittere, düstere Weltsicht – eine, der jede Hoffnung abhanden gekommen ist. Der Schatten des verlorenen Vietnamkrieges verschleiert die Wahrnehmung der Figuren. Immer wieder ist vom amerikanischen Trauma die Rede, vom kämpfen, vom gemeinsamen Dienen. Die Männer im Film wirken von diesem Ereignis gezeichnet, ertragen Schmerzen und gehen über ihre Grenzen hinaus. Natürlich ist der Stoff und einige seiner Charaktere überzeichnet und es besteht kein Zweifel an seiner Fiktionalität, doch wirkt die Atmosphäre jederzeit stimmig, was vor allem auch daran liegt, dass "No Country" handwerklich mit zum Besten gehört, was im vergangenen Jahrzehnt die große Leinwand schmückte.

Und groß sollte diese tatsächlich sein, und sei es auch nur für die erdrückenden Panoramaaufnahmen der texanischen Landschaft. Die Bilder sind für das Breite Scope-Format wie geschaffen. Langsame, kaum merkliche Kamerafahrten. Mal rhythmische, mal elliptischen Schnitte. Parallelmontagen, die oft Gleichzeitigkeit nur vortäuschen. All das zeugt von einem Fingerspitzengefühl für die Kinokunst, aus dem die schon beinahe symbiotische, harmonische Arbeitsteilung der Brüder, die in ihren Filmen sowohl für Drehbuch, Regie, Produktion und Schnitt zuständig sind, deutlich sichtbar wird. Die Oscar-Auszeichnungen für Regie, Drehbuch und Schnitt, sowie für Javier Bardem als bester Nebendarsteller sind nur folgerichtig. Doch kommt man nicht umhin, auch die Lichtsetzung in den nächtlichen Sequenzen oder in der Dämmerung aufs höchste zu loben. Eine gelungene Abwechslung zum typischen Hollywood Getöse unserer Zeit bietet die Akustik: Carter Burwells minimalistischer Score unterstützt den Spannungsaufbau nur äußerst subtil, hält sich zu den ohnehin bereits fesselnden Höhepunkten komplett zurück und lenkt die Aufmerksamkeit damit auf das hervorragende, ebenfalls Oscar-nominierte Sounddesign.

Und so erweist sich die Frage, zu welchem Genre dieser Film denn nun eigentlich gehöre, im Grunde als überflüssig. Ob Neo-Western, Noir-Thriller oder wie es von den Coens selbst gerne heißt: eigenwilliges Actionkino. In "No Country for Old Men" verarbeiten sie erneut Elemente aus ihren früheren Filmen und orientieren sich wie immer auch an anderen filmischen Vorbildern. Aber die Synthese mit der literarischen Vorlage lässt zum ersten Mal im Werk dieser beiden überaus talentierten Filmemacher ein in sich völlig abgeschlossenes und stimmiges Universum entstehen, aus dem es sich zu lösen äußerst schwer fällt. Dazu passt auch, dass der Bildschirm am Ende unerwartet plötzlich schwarz wird und den Zuschauer ratlos kontemplierend zurücklässt. Ob es jetzt noch möglich ist, diese Leere mit ein wenig Zweckoptimismus zu füllen, das muss wohl jeder mit sich selbst ausmachen – oder macht es wie Chigurh und wählt den Münzwurf. In diesem Sinne: "Call it, friendo".

Kritik: Sebastian Deufel



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