Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

Regisseur: Stanley Kubrick, Schauspieler/in:
Peter Sellers
,
George C. Scott
,
Sterling Hayden
,
Slim Pickens
,
Keenan Wynn
. Drehbuch: Stanley Kubrick, Terry Southern, Peter Bryant

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben Filmkritik

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben Kritik der neue Film von Stanley Kubrick mit Peter Sellers und George C. Scott

Filmkritik von

1962 – während der Kuba-Krise – sahen sich die Atommächte USA und Sowjetunion und mit ihnen die ganze Menschheit dem dritten Weltkrieg so nahe wie nie zuvor. In diesem Klima des Kalten Krieges eine schwarze Komödie über einen unbeabsichtigten Atomschlag zu drehen, ist ein provokantes Manöver. Bereits 1958 erschien das eigentlich humorlose Buch „Red Alert“ vom ehemaligen Royal-Airforce Lieutnant Peter George, das als Grundlage für Stanley Kubricks 1964 erschienene schwarze Komödie „Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben“ diente. Der Film nimmt die Weltpolitik, hauptsächlich die der USA rücksichtslos auf die Schippe und ist damit seiner Zeit ein nicht geringes Stück voraus, gleichzeitig aber zeitgeschichtlich relevant. Folgerichtig wurden bei den Oscars 1965 Drehbuch, Film, Regisseur und Hauptdarsteller mit jeweils einer Nominierung bedacht.

Der wahnsinnig gewordene General Jack D. Ripper gibt den ihm unterstellten Bombern einen Angriffsbefehl auf Ziele in Russland. Er verschanzt sich im Schutze seiner Männern auf seinem von der Außenwelt abgeschotteten Luftwaffenstützpunkt. Einzig sein erster Offizier Mandrake (Peter Sellers) kommt hinter den Plan des Generals, doch nur Ripper kennt den Rückrufcode, der die Flugzeuge stoppen könnte.

Parallel dazu befinden wir uns in einem der Bomber, der den Angriffsbefehl erhalten hat und erfahren die Auswirkungen dessen an Bord. Der Major „King“ Kong (Slim Pickens) befehligt die Maschine im Stile eines Cowboys. Im Verlaufe der Handlung wird das Flugzeug beschädigt und auch das Funkgerät zerstört. Somit bringt in diesem Falle auch ein eventueller Rückrufcode nichts mehr. Sollte die Besatzung ihr Ziel erreichen, hätte dies katastrophale Auswirkungen.

Der US-Präsident Muffley (Peter Sellers in einer weiteren Rolle) sitzt währenddessen mit führenden Militärs (u.a. der großartige George C. Scott als General Turgidson) und Politikern im Pentagon und versucht mit allen Mitteln das Unheil zu verhindern. Doch sämtliches Konferieren, das Einbestellen des russischen Botschafters und ein Telefongespräch mit dem betrunkenen russischen Premierminister trüben die Aussichten noch mehr. Es stellt sich heraus, dass die Russen eine Weltvernichtungsmaschine besitzen. Ein Bombenabwurf auf Sowjetgebiet löst sie automatisch aus und vernichtet alles Leben auf der Erde durch atomaren Fallout. Das Einholen der Expertise des ehemaligen Nazi-Wissenschaftlers Dr. Seltsam (ebenfalls Sellers), verschafft (auf höchst zynische Weise) zumindest den im Raum anwesenden Männern noch Hoffnung.

Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben ist eine Komödie mit nur wenigen klassischen Gags oder Witzen und unterhält doch auf hohem Niveau. Das liegt vornehmlich an den eigenwilligen Persönlichkeiten der Protagonisten. Da wäre General Ripper, der überzeugt davon ist, dass die Sowjets den Amerikanern die „Körpersäfte“ verunreinigen wollen und dass der 'Krieg zu wichtig ist, um ihn den Politikern zu überlassen'. Daher zettelt er eigenmächtig einen Atomschlag an. Außerdem General Turgidson, dessen überbordender Enthusiasmus, Misstrauen gegenüber den „Russkis“ und kauzige Eigenheiten maßgeblich zum Unterhaltungswert des Filmes beitragen. Ein ehemaliger Nazi-Wissenschaftler, der seine Vergangenheit wohl noch nicht so ganz abgelegt hat. Ein Bomber-Pilot, der wohl eher zu einem Rodeo passen würde. Diese Menschen haben einige der entscheidenden Positionen inne und sind verantwortlich für das Überleben der Menschheit. Kein Wunder, dass es da zu der einen oder anderen bizarren Begebenheit kommt.

Innerhalb dieses Charaktergeflechts verdient Peter Sellers Kraftakt von drei Rollen innerhalb eines Filmes besondere Erwähnung. Kubrick war überzeugt, nur mit ihm die besondere Komik der ihm zugeteilten Figuren auf die Leinwand bannen zu können und produzierte den Film sogar extra für ihn in London. Es hat sich gelohnt. Der britische Austauschoffizier Mandrake kontrastiert erfolgreich sowohl General Ripper, als auch das Bild des amerikanischen Soldaten generell. Der US – Präsident Muffley agiert als einziges Bollwerk des normal funktionierenden Menschenverstandes im Kriegsraum des Pentagon und verleiht der Situation mit seiner einerseits schon autoritären, aber gleichzeitig auch hilflosen Art eine ungeahnte Bodenständigkeit. Dr. Seltsam ist zwar titelgebender Charakter, doch hat er nur recht kurze, dafür aber prägnante Auftritte auf der Leinwand und erfüllt in der verrückten Logik der Geschichte die Schlüsselrolle. Eigentlich sollte Sellers sogar auch noch den Bomber-Piloten Major Kong spielen, doch er verletzte sich am Knöchel und so fiel die körperlich anspruchsvolle Rolle Slim Pickens zu.

Die filmischen Gestaltungsmittel, Kameraarbeit, musikalische Untermalung etc. sind zielorientiert eingesetzt, aber bleiben vergleichsweise konventionell. Schaut man sich andere Klassiker von Stanley Kubrick an, haben diese auffallend oft in technischen/ optischen Dingen zu ihrer Zeit Maßstäbe gesetzt (z.B. der Durchbruch für die Steady-Cam in „Shining“; die Spezialeffekte in „2001 – Odyssee im Weltraum“). Hier reduziert sich Kubrick auf das Wesentliche und lässt es dadurch zu, dass die Figuren sich fast schon Kammerspiel-artig aneinander reiben und dass der Fokus unabdingbar auf den Geschehnissen innerhalb des filmischen Raumes liegt.

Und diese Geschehnisse sind es schlussendlich, die den Zuschauer am meisten faszinieren. Teilweise karikierend angelegte Charaktere scheinen auf eine eigentümliche Weise aus der Realität gegriffen zu sein. Hier wird die Handschrift des Perfektionisten Kubrick deutlich, der seine Schauspieler jederzeit an das Limit ihres Könnens treiben konnte. Dadurch wirkt die schwarzhumorige, unwahrscheinliche Geschichte auf einmal wirklich bedrohlich. Die immer mitschwingende absurde Ironie kulminiert gegen Ende, sowohl im Bomber, als auch im Pentagon und nicht zuletzt auch in der finalen Sequenz des Films. Das Fünkchen Wahrheit scheint irgendwo dazwischen aufzuflackern. Natürlich ist Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben absurde Fiktion, in Anbetracht der damaligen politischen Lage erscheinen seine Horrorszenarien aber jederzeit im Bereich des Möglichen. Eben dieser Umstand macht Kubricks Film zu einem Pionier der politischen Satire.

Kritik: Tim Gieselmann



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