kritiken.de Filme
Filme

Run All Night

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 16.04.2015
Run All Night© Warner Bros. GmbH
A ca. 1458 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Run All Night als moralisches Exil - Väterliche Schuld, Gewalt und die Unausweichlichkeit der Nacht

Einleitung

Run All Night betritt das Terrain des amerikanischen Gangsterfilms ohne nostalgische Verklärung - als nüchterne Untersuchung von Bindungen, Reue und der Art, wie Gewalt Generationen formt. Der Film ist weniger ein Epos als eine gedrängte, nocturne Parabel über einen Mann, dessen vergangene Entscheidungen ihn unentrinnbar in die Rolle des Beschützers treiben. Seine Relevanz liegt darin, dass er klassische Themen des Genrefilms - Loyalität, Verrat, Vater-Sohn-Beziehungen - in eine gegenwärtige, urbanisierte Kulisse übersetzt, in der moralische Grauzonen klarer als je zuvor sichtbar sind.

Innerhalb der Filmografie seines Regisseurs markiert Run All Night eine konsequente Fortführung jener Spannungsästhetik, die Collet-Serra seit seiner Zusammenarbeit mit Liam Neeson entwickelt hat. Anstatt die Action als Selbstzweck zu inszenieren, verschiebt der Film den Fokus auf das Verhältnis von Körperlichkeit und Bewährung - wie physische Härte und moralische Entscheidung einander bedingen. Dies macht den Film auch für ein Publikum von Interesse, das nach actionreicher Unterhaltung eine deutliche psychologische Dimension verlangt.

Gesellschaftlich spiegelt Run All Night ein post-industrielles Amerika, in dem familiäre Strukturen und traditionelle Männlichkeitsbilder unter dem Druck von Gewalt und ökonomischer Unsicherheit in sich zusammenfallen. Der Film operiert im Spannungsfeld zwischen öffentlicher Ordnung und privater Schuld - ein Thema, das in Zeiten wachsender Debatten um Staatsgewalt, Strafverfolgung und soziale Verantwortung besondere Brisanz besitzt. Die Stadt ist hier nicht nur Schauplatz, sondern ein Spiegel jener Verhältnisse, die die Figuren zu handlungsunfähigen bzw. handlungsfähigen Subjekten machen.

Kurzüberblick zur Produktion

Run All Night wurde 2015 als mittelgroße Hollywood-Produktion realisiert und von Warner Bros. vertrieben. Regie führte Jaume Collet-Serra, dessen Handschrift sich durch eine kompakte, spannungsorientierte Inszenierung auszeichnet. Collet-Serra arbeitet bevorzugt mit begrenzten zeitlichen und räumlichen Parametern, die seinen Filmen eine fast klaustrophobische Intensität verleihen - eine Strategie, die auch hier deutlich wird: Der Film findet innerhalb eines engen emotionalen und nächtlichen Stadtkosmos statt und gewinnt seine Dringlichkeit aus der Unmittelbarkeit seiner Situationen.

Produktionsseitig bewegt sich Run All Night in einem kommerziellen Rahmen - ausreichendes Budget für handfeste Actionsequenzen und namhafte Darsteller, ohne jedoch in die Größenordnung von Blockbuster-Spektakel zu driften. Die Bildgestaltung nutzt vornehmlich nächtliche Farben und eine dichte Mise-en-scène, um die Stadt als bedrückenden, zugleich verführerischen Raum zu präsentieren. In Collet-Serras Gesamtwerk nimmt der Film eine Position ein, die seine wiederkehrende Zusammenarbeit mit einem etablierten Actionstar dokumentiert und seine Präferenz für moralisch ambivalente Thrillerszenarios bestätigt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Liam Neeson fungiert als emotionaler Kern des Films - ein abgekämpfter Protagonist, dessen früheres Leben als Vollstrecker ihn nun einholt. Neesons Leinwandpersona - die Mischung aus physischer Präsenz, altersbedingter Fragilität und stoischer Verzweiflung - eignet sich ideal für eine Figur, die zwischen Sühne und Instinkt gefangen ist. Joel Kinnaman, in der Rolle des entfremdeten Sohnes, bringt eine zeitgenössische Verletzlichkeit und einen rauen Moralrealismus ein. Bekannt geworden durch Fernseh- und Filmformate wie The Killing und Robocop, steht Kinnaman hier für eine jüngere Generation, die Verantwortung anders interpretiert als ihr Vater.

Vincent D'Onofrio tritt als dunkle, dominierende Figur auf - ein Mob-Boss, dessen Präsenz weniger spektakulär als existenziell bedrohlich wirkt. D'Onofrios Spiel ist restriktiv und gleichzeitig unberechenbar, was seine Figur zu einer konstanten Bedrohung macht. Ed Harris verkörpert die Seite des Rechtsstaats bzw. die des moralischen Resonanzraums - ein Gegenpol zur organisierten Gewalt, dessen nüchterne Autorität die Verstrickungen der anderen Charaktere schärft. Genesis Rodriguez, Common und Boyd Holbrook tragen zur Vielschichtigkeit des Ensembles bei, indem sie familiäre Nähe, urbane Professionalität und die brutale Professionalität des Verbrechens differenziert besetzen.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt von einem Mann, der sich in einer Nacht für den Schutz seines entfremdeten Sohnes einsetzen muss. Aus einem Leben der Gewalt gerissen, stellt sich der Protagonist der Konsequenz seiner Vergangenheit - nicht nur physisch, sondern vor allem als Vater und ehemaliger Täter. Die dramatische Spannung entsteht aus dem Konflikt zwischen familiärer Verantwortung und der Logik eines kriminellen Umfelds, das keine moralischen Kompromisse kennt.

Zentrale Figuren sind der gezeichnete, erfahrene Protagonist; sein Sohn, der zwischen Eigenständigkeit und familiären Verpflichtungen steht; und die Vertreter der organisierten Kriminalität, deren Macht die Stadt und das Leben der Familie durchdringt. Ton und Atmosphäre des Films sind düster, gehetzt und konzentriert. Regisseur und Kamerateam nutzen die Nacht als dramaturgischen Verdichter - Straßen, Hinterhöfe und Autoinnenräume werden zu Verhandlungsszenen, in denen nicht nur Leben, sondern auch Identität auf dem Spiel stehen.

Zentrale Themen und Motive

Run All Night stellt Fragen nach Schuld - individueller wie kollektiver - und nach der Möglichkeit moralischer Erlösung in einer Welt, die von Gewaltprinzipien strukturiert ist. Der Film lotet die Ambivalenz von Loyalität aus: Wann ist es treu, jemanden zu beschützen, und wann perpetuiert Schutz die Gewalt, die bereits Schaden angerichtet hat? Diese Spannung durchzieht das gesamte Narrativ und zwingt die Figuren zu Entscheidungen, die weniger heroisch als existentziell begründet sind.

Philosophisch lässt sich der Film als Meditation über das Erbe von Gewalt lesen. Er fragt, wie sich traumatische Muster über Generationen weitergeben und welche Verantwortung der Einzelne gegenüber jenen hat, die er verletzt hat. Gesellschaftlich ist das Motiv der Nacht als Raum der Gesetzlosigkeit signifikant - die Stadt als Bühne für den Zusammenprall individueller Biografien und institutioneller Ordnung. Psychologisch interessiert sich der Film für die Mechanik von Reue und die Schwierigkeit, durch Handlung Sühne zu finden.

In seiner filmischen Sprache kombiniert Run All Night Elemente des Thrillers mit einem melancholischen Realismus. Die Kameraarbeit, die reduzierte Farbpalette und die straffe Montage arbeiten zusammen, um ein Szenarium zu schaffen, das nicht nur nervenaufreibend, sondern auch nachdenklich stimmt. So positioniert sich der Film an der Schnittstelle von Genrekino und moralischem Drama - ein Beitrag, der weniger mit Neuheitsansprüchen als mit der Verschärfung bekannter Motive aufwartet.

Filmkritik von Peter Osteried

Liam Neeson und Joel Kinnaman laufen die ganze Nacht hindurch!

„Nur weil ich nicht hinter Gittern sitze, heißt das nicht, dass ich nicht bezahle“, sagt Jimmy zu seinem Sohn Mike. Er bezahlt auf andere Art und Weise. Jimmy kann nicht mehr schlafen. Wenn er die Augen schließt, sieht er die Gesichter seiner Opfer vor sich. „Gravedigger“ – so nennen die Cops ihn. Und im Lauf seiner Karriere hat er in Diensten seines Freundes Shawn genügend Leute unter die Erde gebracht. Der noch weit höhere Preis dafür: die Verachtung seines Sohns.

Run All Nightvon Jaume Collet-Serra ist nicht das typische Action-Vehikel, das man gerade in den letzten Jahren mit Liam Neeson zu häufig gesehen hat. Der Film ist weit besser als alle Taken-Teile zusammen. Weil er nicht überdreht, weil er in der Realität verankert ist, weil er schlicht und ergreifend Neeson Material gibt, mit dem dieser auch arbeiten kann.

Mike (Joel Kinnaman) beobachtet, wie Shawns (Ed Harris) Sohn Danny (Boyd Holbrook) einen Mann tötet. Daraufhin versucht Danny, auch Mike zu erschießen, aber der kann entkommen. Als Shawn davon erfährt, schickt er Jimmy (Liam Neeson) zu seinem Sohn. Er soll Mike davon überzeugen, die Klappe zu halten. Das hätte vielleicht auch funktioniert, aber Shawn will die Sache selbst in die Hand nehmen. Als er Mike erschießen will, tötet Jimmy ihn. Damit ist dem alten Killer aber auch klar, dass er Shawn alles daran setzen wird, die Rechnung zu begleichen. Was folgt, ist eine Nacht auf der Flucht, bei der sich Vater und Sohn ein klein wenig aneinander annähern.

Es ist ein klassischer Gangster-Stoff, der hier erzählt wird. Die Geschichte ist sicherlich nicht besonders originell, aber die Umsetzung weiß zu gefallen. Vor allem aber ist die Besetzung exzellent. Das gilt für Ed Harris, vor allem aber für Liam Neeson. Ihre gemeinsame Szene in dem Restaurant, nachdem beiden klar ist, wie diese Nacht nur enden kann, ist elektrisierend. Harris und Neeson heizen aneinander an. Harris‘ Figur ist etwas weniger präsent, aber dennoch vielschichtiger als bei diesem Genre üblich. Neeson wiederum spielt einen gebrochenen Mann, der nur noch für ein Ziel lebt – seinen Sohn zu retten. Das ist keine Rolle, die überbordendes Schauspiel notwendig macht oder fordert, es ist eine Rolle, die auf die Subtilität eines Neesons angewiesen ist. Und der liefert ab. Nach Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones stellt Neeson erneut unter Beweis, dass eben weit mehr in ihm steckt, als der Star tumber Action-Ware zu sein.

Nur eines muss man dem Film vorwerfen. Dass er am Ende einfach nicht weiß, wann Schluss ist. Gemäß der alten Hollywood-Regel, dass man mit einem Knaller enden soll, gibt es im Finale noch einen Shootout im nebelverhangenen Wald. Auf den weist auch schon die erste Szene hin, der Schlussakkord hätte aber eigentlich früher kommen müssen, ist Run All Nightdoch kein Actionfilm klassischen Zuschnitts, sondern weit mehr mit dem Gangster-Thriller der 1970er und 1980er Jahre verwandt. Wer aber Liam Neeson „nur“ als waffenschwingenden und schlagkräftigen badass sehen will, der ist dennoch gut bedient. Nur gibt es gleichzeitig eben auch schauspielerisches Gehalt und eine dem Drama zugewandte Geschichte – das Beste beider Welten, wenn man so will.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de