It Follows - Eine moderne Parabel über Nachhutangst, Nähe und adolescenten Schrecken
Einleitung
It Follows hat sich seit seinem US-Start 2015 rasch in das Gedächtnis eines zeitgenössischen Genrekino-Publikums eingeschrieben: nicht allein als effektiver Horrorfilm, sondern als präzise Beobachtung jener Verunsicherung, die zwischen Jugend und Erwachsensein liegt. David Robert Mitchells Film operiert mit der Ökonomie eines Independentprojekts und der ambitionierten Selbstsicherheit eines Regisseurs, der Genreformeln nimmt, um sie stilisiert zu überhöhen. Das Ergebnis wirkt weniger wie ein Schreckensmärchen als wie eine kulturanalytische Studie über Verwundbarkeit und Verantwortung in einer Ära andauernder Bedrohung.
Die Relevanz des Films liegt weniger in spektakulären Schockmomenten als in seiner persistenten, kaum zu benennenden Unruhe. Mit einer kühlen Bildsprache und einem synthetischen Sounddesign baut It Follows eine Atmosphäre auf, die sich hartnäckig einnistet: das Unheimliche tritt nicht nur als Fremdkörper auf, sondern als topographische Qualität von Vorstadtstraßen, Badlands und Schlafzimmern. Der Film verwandelt banale Orte in Räume der Beobachtung und macht das Verlassen-können zur dramatischen Frage.
Innerhalb des Regisseurs Werks markiert It Follows einen Wendepunkt: David Robert Mitchell, der zuvor mit dem episodischen Coming-of-Age-Drama The Myth of the American Sleepover Aufmerksamkeit gewann, erweitert hier sein Interesse an Jugendlichkeit und räumlicher Melancholie um eine formalisierte Genrebearbeitung. Der Film bündelt Motive, die Mitchell seither weiterverfolgt hat - die Faszination für amerikanische Vorstadtlandschaften, die Ambivalenz zwischen Nähe und Bedrohung sowie ein ausgeprägtes Gespür für filmische Komposition.
Kurzüberblick zur Produktion
It Follows entstand als eigenständige, niedrig budgetierte Produktion, die sich dank einer stringenten visuellen Idee und kluger Besetzung international durchsetzte. Gedreht wurde in und um Detroit, eine Wahl, die dem Film jene leere, leicht verlassene Ästhetik verleiht, die seine Stimmung maßgeblich trägt. Zentral für die Aura des Films sind die Kameraarbeit von Mike Gioulakis und die Musik von Disasterpeace - Komposition und Bild setzen auf Reduktion, auf lange Einstellungen und einen Klangteppich, der zwischen 1980er-Synthesizer-Referenzen und zeitgenössischer Dissonanz oszilliert.
Die Produktionsumstände erlaubten Mitchell ein hohes Maß an Kontrolle: Die ökonomische Beschränkung wurde zur ästhetischen Tugend, die Ödnis suburbaner Räume und die sparsame, aber präzise Requisite formen eine glaubhafte, aber auch mythische Welt. In diesem Sinn steht It Follows als Paradebeispiel dafür, wie wenig Budget und wie viel formale Klarheit nötig sind, um ein wirkmächtiges Kino des Unbehagens zu schaffen.
Stellungsmäßig zählt der Film zu den Arbeiten, die Mitchell als Autor etablieren: Er demonstriert seine Fähigkeit, begriffliche Ideen - Angst, Verfolgung, Übergang - in filmische Gesetze zu übersetzen, und bereitet so den Boden für seine späteren, ambitionierteren Projekte, die ähnliche Themen in andere Tonlagen übertragen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum des Films steht Maika Monroe, deren Darstellung der Protagonistin knappe, körperliche Präsenz mit psychologischem Unterton verbindet. Monroe gelang mit It Follows eine Profilierung als moderne Scream-Queen, doch ihre Leistung zeichnet sich nicht durch hysterische Ausbrüche aus, sondern durch eine kontrollierte Anspannung: sie macht Vulnerabilität und Entschlossenheit zugleich sichtbar.
Keir Gilchrist fungiert als ruhiger, nachdenklicher Gegenpol; sein Spiel bringt eine nüchterne, fast resignative Vernunft in die Gruppe der Freunde, die mit der Bedrohung umgehen müssen. Daniel Zovatto und Jake Weary ergänzen das Ensemble als impulsivere Figuren, deren Ambivalenz und Selbstzweifel den Handlungskonflikt spiegeln. Olivia Luccardi und weitere Darstellerinnen und Darsteller füllen das soziale Umfeld der Hauptfigur präzise aus - Freundschaften, Verrat, Verunsicherung treten nicht als Stichwortgeber auf, sondern sind konkret erfahrbare Beziehungen, die den Film tragen.
Der kollektive Charakter der jungen Besetzung ist ein zentrales Element: Es geht nicht um singuläre Heldentaten, sondern um die Dynamik einer Gruppe, die zwischen Solidarität und Selbstschutz, Wahrheit und Verdrängung laviert. Die Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiten mit sparsamen Mitteln, liefern aber eine dichte, körperlich verankerte Ensemble-Performance.
Handlung (spoilerfrei!)
It Follows erzählt von einer jungen Frau, die von einer unaufhaltsam wirkenden Präsenz verfolgt wird, und von dem Versuch ihres nahen Umfelds, mit dieser Bedrohung umzugehen. Die Dramaturgie entfaltet sich als Reihe von Versuchen, der Gefahr zu entkommen, sie zu erklären und Verantwortung zu verteilen. Rahmung und Szene strukturieren dabei weniger ein linear eskalierendes Monster-Narrativ als eine konstante, nervöse Bedrohung, die jeden Moment Alltag zu durchkreuzen vermag.
Die zentralen Figuren sind keine Archetypen, sondern junge Menschen im Übergang - zwischen Schule und Arbeit, zwischen früher Vertrautheit und plötzlicher Notwendigkeit zu handeln. Der dramatische Konflikt besteht nicht allein in der physischen Flucht, sondern in moralischen und psychologischen Fragen: Wem vertraut man, was opfert man für Sicherheit, wie geht man mit etwas um, das sich jeder rationalen Kategorie entzieht?
Ton und Atmosphäre des Films sind geprägt von einer gleichzeitigen Sachlichkeit und einem metaphysischen Unbehagen. Nächtliche Straßenzüge, leere Schwimmbäder, verrauchte Wohnzimmer werden zu Bühnen der Verfolgung, während die Kamera beharrlich beobachtet und oft jene Perspektive einnimmt, die das Verfolgen selbst simuliert.
Zentrale Themen und Motive
It Follows stellt Fragen nach der Verbreitung von Gefahr innerhalb sozialer Netze, nach der Verbindung von Intimität und Risiko und nach der Frage, wie Verantwortung geteilt oder delegiert wird. Der Film arbeitet mit dem Motiv der Persistenz: Nicht die einmalige Schreckensgeste, sondern das langsame Anhalten, das Verweilen der Bedrohung wird zum philosophischen Kern. Dadurch öffnet sich der Film zur Meditation über Zeit, Schuld und die Unabschließbarkeit von Erfahrung.
Psychologisch gelesen operiert der Film als Allegorie auf Traumata und Angststörungen: Die Verfolgtsein-Wahrnehmung lässt sich als externalisierte Form innerer Zustände lesen, die in Körpern und Räumen wiederkehren. Gesellschaftlich adressiert der Film die Verunsicherung junger Generationen in einer Gegenwart, in der Zukunftsperspektiven fragil scheinen und intime Beziehungen ambivalente Risiken bergen.
Formale Motive wie das wiederkehrende Bild von Fußwegen, das Wechselspiel von Nähe und Distanz in der Kameraarbeit und ein treibender, retro-futuristischer Sound prägen das Werk. Sie machen It Follows zu einem Film, der nicht nur im Inhalt, sondern im Filmischen selbst die Fragen stellt, die er thematisiert: Wer beobachtet, wer verfolgt, und wie verändert das Sehen das Gelebte?
Filmkritik von Peter Osteried
Eine Perle des Genres: It Follows
David Robert Mitchells Horrorfilm It Follows sorgte auf einigen Festivals für Furore. Nun kommt der Streifen auch endlich in die deutschen Kinos, wo ihm ein großes Publikum zu wünschen ist. Was Mitchell hier abliefert, ist ein intensiver, vor allem auf Stimmung und Atmosphäre setzender Horrortrip, der billige Schocks gar nicht notwendig hat.
Eine junge Frau geht mit einem jungen Mann aus. Im Kino glaubt er, etwas gesehen zu haben, sie erkennt jedoch nichts. Im Auto schlafen sie miteinander. Dann betäubt und fesselt er sie. Als sie wieder aufwacht, erklärt er ihr, dass er ihr nichts tun wird. Aber dadurch, dass sie miteinander geschlafen haben, hat er „es“ an sie weitergegeben. Es ist ein Monster, das jede Gestalt annehmen kann. Es folgt seinem Opfer unaufhaltsam, langsam, beständig, ohne Hast, aber immer zielgerichtet. Und loswerden kann man es nur, indem man es selbst weitergibt. Aber was, wenn man das nicht will?
It Follows wirkt wie ein aus der Zeit gefallener Film. Er spielt im Hier und Jetzt – das legen solche Kleinigkeiten wie Handys fest –, aber er erinnert an die besten Horrorfilme der 1970er und 1980er Jahre. Und das nicht nur, weil er seine Geschichte kompromisslos erzählt, sondern weil er visuell an die Tradition großer Klassiker anschließt und sich musikalisch vor John Carpenter verbeugt.
Aber es ist nicht nur die audiovisuelle Darbietung, die It Follows so faszinierend macht, es ist auch das Geheimnisvolle, das ihn umweht. Denn was Es eigentlich ist, weiß niemand, aber wie Es immer näher kommt, das ist schon beeindruckend. So sehr sogar, dass man irgendwann anfängt, nicht mehr auf das Geschehen im Mittelpunkt zu achten, sondern die Peripherie abzusuchen, ob man Es nicht entdeckt. Und das kann man, oft sogar. Immer wieder gibt es eine Gestalt, die auf die Hauptfigur zuläuft, womit ein durchgehendes Gefühl der Bedrohung erzeugt wird.
Der Film setzt dabei nicht auf billige Schocks – lauter werdende Musik und schnelle Schnitte –, sondern lebt ganz und gar von seiner paranoiden Stimmung, die noch dadurch verstärkt wird, dass er seine jugendlichen Figur in einer Welt agieren lässt, in der Erwachsene praktisch nicht vorkommen. Man kann ihnen nicht trauen, sie würden nicht an Es glauben – und darum muss man sie meiden. Das sorgt für eine Isolation der Hauptfiguren, die beinahe absolut ist. Das Ende ist die logische Konsequenz seiner Geschichte. Es gibt keine Sicherheit, kein Entkommen, Es ist immer da, da man selbst dann, wenn man Es weitergegeben hat, niemals sagen kann, dass Es nicht zurückkommt. Mitchell packt dies in beeindruckende Bilder, die nicht immer alles erklären. Er zieht den Zuschauer in das Geschehen, er fordert seine Interpretation und belohnt ihn mit einem gruseligen Ereignis, das noch lange nachwirkt.

