Into the Woods: Märchenzerlegung und musikalische Moral im Spiegel zeitgenössischer Hollywood-Regieästhetik und Publikumserwartungen
Einleitung
Die Verfilmung von Into the Woods tritt in eine Tradition, die Hollywood seit jeher ambivalent behandelt: die filmische Übertragung von Musicaltheater. Der Stoff, ursprünglich als Sondheim-Lapine-Musical konzipiert, fordert gleichermaßen Dramaturgie und Regie heraus, weil er vertraute Märchenmotive entblößt und moralische Ambivalenzen ins Zentrum rückt. In dieser Hinsicht ist die Adaption mehr als eine bloße musikalische Verschönerung bekannter Erzählungen; sie ist ein ästhetischer Versuch, das Theaterhafte des Originals in eine durchlichtete, bildstarke Filmsprache zu überführen.
Die Relevanz des Films liegt nicht nur in seiner literarischen Herkunft, sondern in der Art und Weise, wie er gängige Erwartungen an das Genre unterläuft. In einer Zeit, in der nostalgische Rezeption und kritische Revision parallel existieren, fungiert Into the Woods als ein Katalysator für Diskussionen über die moralische Komplexität von Geschichten, die bisher als eindeutig gut oder böse gelesen wurden. Diese Ambivalenz spricht direkt in einen kulturellen Moment, in dem einfache Gewissheiten hinterfragt werden.
Gleichzeitig lässt sich der Film als ein Echo auf die Karriere seines Regisseurs lesen. Rob Marshall hat sich in den vergangenen Jahren als der Regisseur profiliert, der Bühne und Kino versöhnt, wobei er stets mit einem Augenmerk für opulente Bildkomposition und straffe choreografische Einbindung arbeitet. Into the Woods setzt diese Handschrift fort, fordert sie aber zugleich heraus, weil Sondheims Musik und Lapines erzählerischer Strang eine präzise Balance zwischen Ironie, Melancholie und moralischer Schärfe verlangen. Diese Balance bestimmt die ästhetische Spannung des Films.
Kurzüberblick zur Produktion
Into the Woods wurde von Walt Disney Pictures produziert und stellt die filmische Verarbeitung eines der komplexesten modernen Musicals dar. Die Produktion verbindet handwerkliche Pracht mit der Herausforderung, ein dicht verwobenes Bühnenwerk in ein filmisches Format zu übersetzen, das sowohl die vokale Virtuosität der Darsteller als auch die erzählerische Verdichtung bewahrt. Die Kameraarbeit setzt auf einen Wechsel zwischen intimen Close-ups und breiten Tableau-Aufnahmen, um die theatralische Präsenz der Ensemblenummern mit filmischer Tiefe zu versehen.
Regisseur Rob Marshall, bekannt für seine Arbeiten an Chicago und Memoirs of a Geisha, bringt eine klare Vorliebe für musikalische Bildlösungen ein: choreografierte Massenbewegungen, sorgfältig komponierte Farbflächen und eine Durchkomponierung von Raum, Licht und Ton. Diese Handschrift prägt die Produktion, indem sie die Bühnenwurzel des Materials nicht verheimlicht, sondern filmisch überhöht. Die Produktionsbedingungen - Studioaufnahmen, aufwändige Kostüme und eine Mischung aus praktischen und digitalen Effekten - zielen darauf ab, die mythische Qualität des Waldes und die stilisierte Gestalt der Figuren glaubhaft zu verankern.
Innerhalb Marshalls Werk nimmt Into the Woods eine Zwischenposition ein: Es ist weniger dekonstruktiv opernhaft als Memoirs of a Geisha, weniger ironisch als Nine, aber es trägt die gleiche Sehnsucht nach musikalischer Ambition und visuellem Raffinement. Die Adaption fordert den Regisseur, die Balance zwischen Respekt vor dem musikalischen Original und der Notwendigkeit filmischer Neuinterpretation zu halten.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Das Ensemble des Films ist prominent und heterogen, was der Erzählung eine zusätzliche Metaebene verleiht: Bekanntes Filmgesicht neben bewährter Musicalstimme. Meryl Streep übernimmt die Rolle der Hexe, eine Partitur, die sowohl vokale Strenge als auch theatralische Steigerung verlangt. Streeps Präsenz verschiebt die Figur weg von einer simplen Antagonistin hin zu einer nuancierten, ambivalenten Kraft.
Emily Blunt spielt die Ehefrau des Bäckers, eine Rolle, die den moralischen Kern der Handlung berührt und in der Blunt ihre Fähigkeit zeigt, emotionale Schichten mit präziser physischer Gestik zu verweben. James Corden und Anna Kendrick bringen die komödiantischen und zugleich verletzlichen Töne der Bühne ins Bild. Chris Pine besetzt den Prinzen mit der konturierten Selbstgefälligkeit, die seine Figur im Musical trägt, während Johnny Depp als Wolf eine bewusst stilisierte Interpretation liefert, die zwischen Fabelwesen und Filmstereotyp operiert.
Das Gesamtkast ist so arrangiert, dass Soli und Ensembleszenen gleichgewichtig stehen. Jedes Gesicht fungiert als Projektionsfläche für archetypische Erwartungen, die der Film immer wieder aufbricht. Die Auswahl der Darsteller reflektiert die Absicht, Popstar- und Theaterkompetenz zu verschränken, um die musikalische Polyphonie des Originals auch im Kino hörbar zu machen.
Handlung (spoilerfrei!)
Into the Woods verweist auf eine Vielzahl bekannter Märchenmotive, die in einem gemeinsamen Narrativ verknüpft werden. Die Handlung folgt mehreren Protagonisten, deren Wünsche sie in den titelgebenden Wald führen. Dort prallen persönliche Sehnsüchte auf die Gesetzmäßigkeiten einer Welt, die weder einfache Belohnung noch eindeutige Strafe kennt. Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus dem Kampf zwischen Gut und Böse als aus den Konsequenzen, die das Erfüllen von Wünschen nach sich zieht.
Die zentralen Figuren sind archetypische Figuren - ein Bäckerpaar, eine Hexe, ein paar Prinzen, sowie klassische Märchenfiguren wie Aschenputtel - deren individuelle Motivationen die Handlung vorantreiben. Durch die Verdichtung der Erzählstränge entsteht ein polyphones Gefüge, in dem Tonalität und Atmosphäre zwischen leichten, beinahe musikalisch-komischen Sequenzen und dunkleren, nachdenklicheren Passagen oszillieren. Der Wald fungiert dabei nicht nur als Schauplatz, sondern als symbolischer Raum, in dem Entscheidungen und ihre Folgen sichtbar werden.
Zentrale Themen und Motive
Der Film stellt Fragen nach dem Wert von Wünschen, nach Verantwortung und nach den sozialen Kosten individueller Sehnsüchte. Es geht um die Illusion, dass das Erreichen eines Ziels automatisch zu Glück führt, und um die Erkenntnis, dass moralische Klarheit oft prekär ist. Märchenmotive dienen hier als Versuchsanordnung für ethische Reflexionen: Die Figuren sind Träger universeller Bedürfnisse, die in Konflikt miteinander geraten und den Zuschauer dazu zwingen, einfache Urteile zu revidieren.
Auf einer formalen Ebene interessiert die Adaption, wie musikalische Struktur Politik und Psychologie vermitteln kann. Sondheims komplexe Partituren, kombiniert mit filmischer Montage und Bildrhythmus, erzeugen Spannungen zwischen Gesangstext und gestischem Ausdruck. Der Wald als Motiv steht für Unbestimmtheit, Prüfstein und Übergang - zugleich ist er ein Spiegel gesellschaftlicher Unsicherheiten. In der Summe arbeitet der Film weniger mit Belehrung als mit der Hervorhebung von Ambivalenz, wodurch er zu einer Reflexion über die Bedingungen narrativer Moral in der Gegenwart wird.
Filmkritik von Christopher Diekhaus
Alle Wege führen „Into the Woods“
Seit 2011 wirbelt die US-amerikanische Fernsehserie „Once Upon a Time – Es war einmal...“ in schöner Regelmäßigkeit – bislang entstanden vier Staffeln – den Kanon der klassischen Märchenwelt durcheinander. Berühmte Figuren und Fabelwesen ganz unterschiedlicher Herkunft finden sich in einer gemeinsamen Erzählung wieder, die alte Gewissheiten spiegelt, sie aber auch fortlaufend ausschmückt und abwandelt. Ganz ähnlich verfährt das betont ironische Broadway-Musical „Into the Woods“ (für die Musik zeichnete Stephen Sondheim verantwortlich, für das Skript James Lapine), das seit seiner Premiere im Jahr 1987 zahlreiche Zuschauer in seinen Bann gezogen hat und nun vom Genre-Experten Rob Marshall – „Chicago“ war sein Durchbruch in Hollywood – mit einem Star-Ensemble für die große Leinwand adaptiert wurde.
Inhaltlich setzt sich der Film, wie das Bühnenstück auch, aus vier altbekannten Geschichten – „Aschenputtel“, „Rapunzel“, „Rotkäppchen“ sowie „Hans und die Bohnenranke“ – zusammen, die allerdings mit einer neuen Erzählung rund um ein unglückliches Bäckerspaar (Emily Blunt und James Corden) vermischt werden: Da eine Hexe (Meryl Streep) ihre Familie mit einem Fluch belegt hat, können die jungen Eheleute keine Kinder bekommen, obwohl sie sich genau dies sehnlichst wünschen. Eines Tages erscheint die listige Zauberin jedoch auf ihrer Türschwelle und unterbreitet ihnen ein verlockendes Angebot. Sollten sie der alten Frau innerhalb weniger Tage vier magische Gegenstände aus dem nahegelegenen Wald beschaffen, wäre sie in der Lage, den vor vielen Jahren ausgesprochenen Bann zu brechen. Das lässt sich der Bäcker nicht zwei Mal sagen und macht sich umgehend auf den Weg. Seine Frau will jedoch nicht untätig zu Hause warten und folgt ihrem Mann schließlich nach. Während das Ehepaar – mal getrennt, mal gemeinsam – im Wald umherläuft, trifft es auf andere Märchenfiguren, die ihre eigenen Sehnsüchte verfolgen.
Wer Musicals grundsätzlich nicht allzu viel abgewinnen kann, dürfte schon mit der Eröffnungspassage von „Into the Woods“ gewaltige Probleme haben. Denn mehr als eine Viertelstunde nimmt sich Rob Marshall Zeit, um das Publikum alleine mit musikalischen Mitteln in die Geschichte einzuführen. Schwungvoll und gewitzt springt der Film von einem Protagonisten zum nächsten und kehrt dank der flotten und eingängigen Liedtexte ihr Innenleben nach außen. Ganz so, wie es sich für eine Disney-Produktion dieses Genres gehört. Gleichzeitig erweisen sich die Gesangsnummern aber auch als überaus doppelbödig und verleihen dem bunten Treiben so von Anfang an eine äußerst spielerische, um nicht zu sagen, hintergründige Note. Unverkennbar ist dies etwa beim Kurzauftritt von Johnny Depp, der, seiner Vorliebe für exzentrische Rollen folgend, den bösen Wolf als verschlagenen Unhold interpretiert und Rotkäppchen auf geradezu verstörende Weise umgarnt.
Permanent bewegt sich das Geschehen im Spannungsfeld von Märchenhommage und bewusst-ironischer Dekonstruktion. Konventionen werden bekräftigt, aber ebenso hinterfragt. Schwarz-Weiß-Muster gebrochen und Rollenzuschreibungen unterhöhlt. Dementsprechend haben wir es hier mit einer Hexe zu tun, die mehr sein darf als abgrundtief böse. Mit geckenhaften Prinzen, die ein ums andere Mal lächerlich wirken statt erhaben. Und mit Protagonisten, die ihren innigsten Wünschen hinterherjagen, dabei allerdings vergessen, dass vieles im Leben seinen Preis hat. Garniert wird all dies mit einem streckenweise recht düsteren Szenenbild, das jüngere Zuschauer durchaus das Fürchten lehren könnte. Anzuvisieren scheinen Marshall und Co vor allem ein erwachsenes Publikum, das an derartige Szenarien gewöhnt ist und die vielen Anspielungen herauszuhören vermag, die sich in den wohl formulierten Songs verstecken.
So bereichernd die ständig eingestreuten Abweichungen und Brüche auch sein mögen, gerät das betont überdrehte Geschehen irgendwann ins Trudeln. Die vorherige Dynamik geht ein Stück weit verloren. Weicht immer häufiger schlichtem Budenzauber. Und die Erkenntnisse mancher Figuren werden mit dem Holzhammer herbeigezimmert, was den Film dann doch oberflächlicher macht, als anfangs vermutet. Ein Grund für die Banalisierung der Handlung ist wahrscheinlich die Vielzahl an Ideen und Protagonisten, die sich mit zunehmender Dauer einfach nicht mehr sinnvoll unter einen Hut bringen lässt.
Ungeachtet dieser Verschleißerscheinungen geben die Darsteller durchweg ihr Bestes. Allen voran Meryl Streep (sage und schreibe zum 19. Mal für einen Oscar nominiert!), die in der Rolle der sarkastisch-pragmatischen Hexe einige der witzigsten Pointen landen kann und mit traumwandlerischer Sicherheit zahlreichen Szenen ihren Stempel aufzudrücken versteht. Sehr überzeugend in Spiel und Gesang ist auch die bezaubernde Emily Blunt, die die starke Persönlichkeit der emanzipierten Bäckersfrau glaubhaft zum Ausdruck bringt.
Unter dem Strich bleiben nach dem Kinoerlebnis aber in erster Linie gemischte Gefühle zurück. Auch wenn „Into the Woods“ eine Reihe interessanter, da ambivalenter Momente zu bieten hat, schafft es die Bühnenadaption nicht, diese zu einem wirklich starken Gesamtbild zusammenzufügen. Weshalb der Film am Ende des Tages auch nicht dazu taugt, Musicalskeptiker in -liebhaber zu verwandeln. Wer dem Genre schon immer kritisch gegenüberstand, wird seine Meinung nach den – etwas langatmigen – 124 Minuten gewiss nicht großartig ändern.

