The Girl King Filmkritik

The Girl King Kritik der neue Film von Mika Kaurismäki mit Malin Buska und Sarah Gadon

Filmkritik von

Königin Kristina, die wilde Lesbe

Königin Kristina von Schweden, die Mitte des 17. Jahrhunderts regierte, gilt bis heute als eine geheimnisumwitterte Persönlichkeit. Sie trug maßgeblich zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges bei und setzte sich in Schweden für die Bildung des Volkes, für Kunst und Kultur ein. Aber sie weigerte sich, zu heiraten und einen Thronfolger zu zeugen und dankte schon mit 28 Jahren ab. Der finnische Regisseur Mika Kaurismäki verleiht ihr in diesem überzeugenden Drama die Züge einer fast schon modernen Persönlichkeit, die nach Selbstverwirklichung strebt. Das Porträt, das er zusammen mit seinem kanadischen Drehbuchautor Michel Marc Bouchard aus historischen Fakten und durchaus eigenwilligen Interpretationen entwickelt, wirkt in psychologischer Hinsicht sehr schlüssig.

Filmfoto: The Girl King©NFP/FilmweltDie von der schwedischen Schauspielerin Malin Buska dargestellte Kristina steht im Zentrum politischer Intrigen: Der Reichskanzler, der sie im Sinne ihres Vaters wie einen männlichen Kronprinzen erzog, will sie mit seinem Sohn verkuppeln. Der französische Botschafter versucht, sie für den katholischen Glauben zu gewinnen. Denn er erkennt, wie sehr Kristinas fortschrittlicher Geist mit der Enge der protestantisch-lutherischen Lehre und Moral hadert. Eine Schlüsselszene zeigt, wie sie den französischen Philosophen René Descartes vor schwedischen Würdenträgern eine Leiche sezieren und ihrem Gehirn die Zirbeldrüse entnehmen lässt. Das sei der Sitz der Seele, sagt der Franzose, was die einheimischen Kirchenmänner empört als Ketzerei zurückweisen.

Descartes wird zum wichtigen Vertrauten und Ratgeber der jungen Kristina, die sich in einem wilden Aufruhr der Gefühle befindet.

Sie hat sich in die Komtess Ebba Sparre (Sarah Gadon) verliebt und erklärt sie zur Kammerzofe und sogar zur „königlichen Bettgefährtin“. Der Film lässt die historische Spekulation einer lesbischen Liebe Wirklichkeit werden. Kristina schenkt Ebba schöne Kleider und kann den Blick nicht von ihr wenden, während sie selbst oft schwarze Stoffe und Hosen bevorzugt und ihre Haare achtlos offen trägt. Ob die blonde, anmutige Ebba Sparre die Königin ebenfalls liebt, bleibt in der Schwebe. Die beiden Frauen lachen viel zusammen, nehmen sich für die damalige Zeit unerhörte Freiheiten, die auch Ebba beflügeln.

Filmfoto: The Girl King©NFP/FilmweltEs geht oft etwas undefiniert Bedrohliches von dieser wilden, jungen Königin aus, das Kaurismäki auch als Projektion männlicher Angst vor der ungezähmten Weiblichkeit deutet. In einer wie eine Halluzination wirkenden Szene erscheint die Königin barfuß und im Nachthemd dem machthungrigen Sohn des Kanzlers und raunt, sie wisse über seine Taten Bescheid. Aber Kristina ist nicht unberechenbar wie ihre von Martina Gedeck reichlich unheimlich gespielte Mutter. Vielmehr weckt die Krone als das Erbe ihres geliebten Vaters ihr Pflichtgefühl. So gerät die düstere, in engen Schlossgemäuern spielende Coming-of-Age-Geschichte zur labyrinthischen Suche nach einem gangbaren persönlichen Weg.

Filmfoto: The Girl King©NFP/FilmweltKaurismäki ist eine schöne, stimmungsvolle Hommage an eine außergewöhnliche Frau gelungen. Sie plädiert dafür, dass Kristina ihrer Zeit in mehrfacher Hinsicht voraus war. Ihre Opposition gegen jegliche geistigen Fesseln spiegelt sich auch in der visuellen Gestaltung. Der stilvolle Historienfilm wagt gelegentlich den subjektiven Blick in die Erinnerung, oder den Seiltanz mit der Fantasie: Zum Beispiel reitet Kristina voller Kummer durch den winterlichen Wald, fällt und bleibt liegen, bis sie an Ort und Stelle von einer Abordnung geweckt wird, die eine wichtige Botschaft zu überbringen hat. Kristinas Weg der Erkenntnis mag bitter sein, aber sie findet dabei zu sich selbst.

Kritik: Bianka Piringer

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