Hereditary – Das Vermächtnis Filmkritik

Hereditary – Das Vermächtnis Kritik der neue Film von Ari Aster mit Toni Collette und Gabriel Byrne

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Kein Entkommen

Der Name A24 steht für Qualität. Besonders auf dem Horrorfilmsektor, den das unabhängige Verleih- und Produktionsunternehmen aus den USA regelmäßig bespielt. Mit Titeln wie „Enemy“, „The Witch“, „Green Room“, „It Comes at Night“ und „The Killing of a Sacred Deer“ heimste die in New York ansässige Firma viel Lob von der Kritik ein und konnte mit einigen Arbeiten sogar beachtliche Kinoeinnahmen generieren. Zu den gelungenen, umsichtig inszenierten und mit Konventionen brechenden Schockern gesellt sich nun auch das Spielfilmdebüt des jungen Regisseurs und Drehbuchautors Ari Aster, das seit seiner Uraufführung beim Sundance Film Festival im Januar 2018 als neues Genremeisterwerk gefeiert wird. Mag dieses Urteil vielleicht auch etwas hochgegriffen sein, lässt sich dennoch sagen, dass es in letzter Zeit nur wenige Horrorstreifen gegeben hat, die eine ähnlich bedrückende Atmosphäre erzeugen.

Filmfoto: Hereditary – Das VermächtnisDer Tod ihrer eigenwilligen Mutter bringt das Leben der Modellbaukünstlerin Annie Graham (Toni Collette), ihres Mannes Steve (Gabriel Byrne) und ihrer Kinder Peter (Alex Wolff) und Charlie (Milly Shapiro) auf immer gravierendere Weise aus dem Gleichgewicht. Sind es anfangs nur kleine Irritationen und unheimliche Begebenheiten, die der Familie zusetzen, breiten sich nach und nach zerstörerische Kräfte aus, vor denen niemand sicher ist. Viel zu spät erkennen die aufgewühlten Hinterbliebenen, dass ihnen die Verstorbene – wie es der Titel bereits erahnen lässt – ein furchteinflößendes Erbe hinterlassen hat.

Eine Kostprobe seines inszenatorischen Könnens gibt Ari Aster dem Publikum schon zu Anfang, wenn er die Realität der Protagonisten mit der von Annie erschaffenen Modellwelt verbindet. Nach einem Schwenk durch einen Raum im Anwesen der Grahams nähert sich die von Pawel Pogorzelski geführte Kamera einer Nachbildung des im Grünen liegenden Wohnhauses der Familie und zeigt schließlich bildfüllend eine Miniaturversion von Peters Zimmer, das urplötzlich zum Leben erwacht. Steve betritt den Raum und fordert seinen schlafenden Sohn auf, sich endlich für die anstehende Beerdigung fertigzumachen. Der geheimnisvolle Einstieg sprengt die Grenzen der Logik und lässt umgehend ein Gefühl der Verunsicherung aufkommen. Auch im weiteren Verlauf nimmt „Hereditary – Das Vermächtnis“ immer wieder die Modellbauebene in den Blick, die Annie dazu nutzt, etwas Ordnung in ihr chaotisches Seelenleben zu bringen. Verstörend wirkt vor allem das Miniaturgebilde, das einen schrecklichen Schicksalsschlag rekonstruiert.

Filmfoto: Hereditary – Das VermächtnisOhne große Hektik taucht Aster in den Alltag der Grahams ein, der durch Trauer, unterdrückte Schuldgefühle, aufgestaute Wut und allerlei finstere Wahrheiten vergiftet ist. Spätestens als Annie in einer Selbsthilfegruppe zögerlich, aber dann mit voller Wucht ihr Innerstes nach außen kehrt, zeigt sich, wie sehr die Familie emotional auf dem Zahnfleisch geht. Anders als viele ähnlich gelagerte Horrorfilme schafft es das Debütwerk, den Schmerz und die Verletzungen der Figuren greifbar werden zu lassen und den Zuschauer so in das langsam, aber stetig eskalierende Geschehen hineinzuziehen. Traurig und wahrlich furchteinflößend zugleich ist besonders eine Szene, in der sich Annie und Peter am Esstisch kompromisslos Vorhaltungen machen. Was hier gesagt wird, hallt lange nach und zerstört endgültig die Möglichkeit auf familiären Frieden.

Dass diese und andere Konfliktmomente im Gedächtnis haften bleiben, liegt nicht zuletzt an den starken Darstellern, wobei man zweifelsohne Golden-Globe-Gewinnerin Toni Collette hervorheben muss. Wie sie den sukzessive hervorkriechenden Wahn und die Verwirrung Annies transportiert, ist überaus beeindruckend. Gabriel Byrnes verhältnismäßig in sich gekehrte Performance bildet dazu einen interessanten Gegensatz, während Kinodebütantin Milly Shapiro dem Genreklischee des unheimlichen, sonderbaren Kindes einige starke Facetten abgewinnt. Das von Charlie praktizierte, eigentlich harmlose rhythmische Schnalzen mit der Zunge bekommt schnell eine beunruhigende Note und dürfte auch nach dem Kinobesuch noch für etwas Schauder sorgen.

Filmfoto: Hereditary – Das VermächtnisDass Aster sein Drehbuchhandwerk beherrscht, unterstreichen nicht nur einige clevere Vorausdeutungen auf die später losbrechende Hölle. Auch so manche wirkungsvoll gesetzte Wendung – erschütternd ist vor allem ein tragischer Unfall – weist den jungen Filmemacher als gewieften Erzähler aus. Erscheint das von beunruhigender Musik (verantwortlich: Colin Stetson) begleitete Geschehen lange Zeit umsichtig und raffiniert komponiert, mutet das finale Drittel mit seinen zuweilen konventionellen Schockeffekten fast ein wenig plump an. Die Auflösung des Familienspuks kann vielleicht die vorher aufgebauten Erwartungen nicht ganz erfüllen. Da „Hereditary – Das Vermächtnis“ aber weiterhin mit Intensität besticht, verlässt man den Kinosaal dennoch mit einem rundum positiven Eindruck.

Kritik: Christopher Diekhaus

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