Der seidene Faden Filmkritik

Der seidene Faden Kritik der neue Film von Paul Thomas Anderson mit Daniel Day-Lewis und Vicky Krieps

Filmkritik von

Der Unsympath und die Liebe

Künstler sind bekanntlich oft schwierige Menschen. Der Londoner Modedesigner Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist zweifellos ein Künstler. Im Jahr 1955 reißen sich die Damen der britischen Gesellschaft und sogar echte Prinzessinnen darum, von ihm eingekleidet zu werden. Aber weil Reynolds, der Junggeselle mit dem ergrauenden Haar, so schwierig ist, erträgt er jede seiner jungen Musen, die es bis zum Platz an seinem Frühstückstisch schaffen, bald nicht mehr in seiner Nähe. Die junge, vom Festland eingewanderte Kellnerin Alma (Vicky Krieps) muss diese Erfahrung ebenfalls machen, kaum dass sie seine Lebensgefährtin geworden ist.

Filmfoto: Der seidene Faden©Universal Pictures International FranceStundenlang steht Alma für Reynolds Modell, der ihr wunderbare Kleider auf den Leib schneidert, und führt als eines seiner Mannequins die Kollektion im House of Woodcock vor. Aber wenn Alma am Frühstückstisch das Toastbrot mit Butter bestreicht und geräuschvoll hineinbeißt, geht sie Reynolds nicht nur einfach auf die Nerven. Er macht ihr mit schneidenden Worten klar, dass sie die morgendliche Harmonie vernichtet, ohne die er nicht kreativ werden kann. Die unbedarfte, mädchenhafte Alma passt sich an, aber sie gibt ihre Ziele nicht auf.

Für seinen ersten außerhalb Amerikas gedrehten Spielfilm schwebte dem Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson („There Will Be Blood“) eine Art „Gothic Romance“ vor, also ein von den Schauergeschichten, die in England im 19. Jahrhundert populär waren, inspiriertes Liebesdrama. Typischerweise stoßen die Protagonisten dieses literarischen Genres auf schier unüberwindbare Hindernisse und geraten sogar in den Bannkreis des Todes. Und so riecht es auch in dem kultivierten Milieu dieser Filmhandlung bald nach Krimi.

Filmfoto: Der seidene Faden©Universal Pictures International FranceAm Frühstückstisch und auch abends im Restaurant hat Alma ihren Reynolds nicht für sich allein. Immer sitzt seine Schwester Cyril (Lesley Manville) mit am Tisch, deren strenger Blick nichts Gutes verheißt. Cyril führt die Geschäfte des Modehauses und hat auch die Aufgabe, Reynolds Musen in die Wüste zu schicken, sobald er ihrer überdrüssig wird. Alma findet sich also in einem prekären Beziehungsdreieck wieder. Was den Film eine ganze Weile unterhaltsam und spannend wirken lässt, ist neben dem Suspense, dem psychologischen Druck in diesem häuslichen Gefüge, vor allem der Humor. Das pedantische Gehabe des lupenreinen Egoisten Reynolds wird mit wunderbar bissigen Dialogen in seiner ganzen Kälte und Lächerlichkeit zelebriert.

Daniel Day-Lewis verleiht diesem fiktiven Charakter eine neurotische und doch sehr respekteinflößende Arroganz. Die in Luxemburg geborene Berliner Schauspielerin Vicky Krieps („Das Zimmermädchen Lynn“) wirkt an seiner Seite wie ein naives, introvertiertes Fräuleinwunder. Ihre beiden Charaktere erscheinen antagonistischer, als sie sind, und der Film legt auch zu viel Wert auf Rätselhaftigkeit, um sie plausibel zu entwickeln. Die Gefühle, die zumindest unterschwellig vorhanden sein sollen, lassen sich kaum erspüren. Vielmehr wirken einige Ideen und Handlungen Almas und Reynolds wie abgehobene Fantasien des Drehbuchautors.

Filmfoto: Der seidene Faden©Universal Pictures International FranceAnderson, der auch die Kamera führte, hat ein gutes Auge für Interieurs und Stil. Aber er verortet die Charaktere viel zu wenig in einer lebendigen Umgebung, die dabei helfen würde, sie zu erklären. Das House of Woodcock wird zu einer Art Gefängnis und das Hin und Her seiner Bewohner ermüdet mit der Zeit. Denn dieser Haute-Couture-Schneider, um den sich alles dreht, ist eben in erster Linie ein unsympathischer Mensch. Insgesamt erweist sich dieser Film, den Daniel Day-Lewis als seinen letzten bezeichnet hat, als ein zwar durchaus interessantes, aber auch merkwürdig unrundes Werk.

Kritik: Bianka Piringer

Ihr Kommentar: Der seidene Faden

Hinweis: Verwenden Sie selbst geschrieben Texte und kopieren Sie keinen Text von fremden Quellen. Mit dem Absenden Ihres Kommentars versichern Sie uns, dass der von Ihnen übermittelte Text nicht von anderen Webseiten oder Büchern kopiert ist und keine fremden Rechte verletzt. Bitte geben Sie Ihren Namen und Ihre E-Mailadresse (wird nicht veröffentlicht) an. Beziehen Sie sich bei Ihrem Kommentar auf die gezeigten Inhalte. Wir behalten uns vor, Kommentare nicht freizuschalten bzw. zu löschen wenn diese gegen geltendes Recht verstossen, beleidigend, Persönlich verletzend oder unsachlich sind. Kritiken.de haftet nicht für den Inhalt von Nutzerbeiträgen und verweist auf die Eigenverantwortung der Nutzer für ihre Beiträge.

Bitte aktivieren Sie Javascript um die Kommentarfunktion nutzen zu können

Einloggen
Herzlich willkommen! Um die Community nutzern zu können, melden sie sich bitte hier mit ihren Zugangsdaten an:

Facebook Login
Noch einfacher, loggen sie sich einfach mit ihrem Facebook Account ein:


Mit einem Klick auf diese Schaltfläche "Mit Facebook einloggen" akzeptieren sie die Nutzungsbedingungen und die Diskussionsrichtlinien der Ideenkraftwerk GmbH. Sie garantieren das sie diese gelesen und gespeichert oder ausgedruckt haben.


Passwort vergessen
Wenn Sie ihr Passwort vergessen haben können sie hier ein neues anfordern, geben sie dazu ihre E-Mail adresse hier ein:

Neu registrieren
Sie haben noch keinen Account bei Kritiken.de? Dann registrieren sie sich jetzt kostenlos, um die Community zu nutzen!