Call me by your Name Filmkritik

Call me by your Name

Call me by your Name Kritik der neue Film von Luca Guadagnino mit Armie Hammer und Timothée Chalamet

Filmkritik von

Entdeckungen im Sommer der Zikaden

Der Sommer 1983 beginnt für Elio (Timothée Chalamet) so wie viele andere zuvor. Der 17-Jährige verbringt ihn in der Landvilla seiner Eltern in der norditalienischen Lombardei. Er geht mit Gleichaltrigen zum Baden, liest viel, spielt Klavier und lauscht den intellektuellen Gesprächen seiner Eltern und ihrer Gäste. Und doch wird inmitten der Trägheit solcher Tage ein neues Verlangen aufkeimen, das Elios Gewissheiten aus den Angeln hebt.

Filmfoto: Call me by your Name©Courtesy of Sundance InstituteElio erkennt, dass er über die wichtigen Dinge des Lebens nichts weiß. Er richtet seinen Wunsch, in die Sprache der Liebe eingeführt zu werden, an den 24-jährigen Amerikaner Oliver (Armie Hammer). Der Doktorand lebt in diesem Sommer bei der Familie, um Elios Vater, den Kunsthistoriker Perlman (Michael Stuhlbarg), bei seiner Arbeit zu unterstützen. Der attraktive Mann und der Teenager beäugen sich lange, sehr lange vorsichtig, gar misstrauisch, treffen sich mit jungen Frauen, halten ihre gegenseitige Anziehung verborgen. Und doch wollen sie gemeinsame Spielwiesen erobern, zunächst als Freunde, die Radtouren machen, die verbale Herausforderung suchen.

Der italienische Regisseur Luca Guadagnino („A Bigger Splash“) erzählt auf der Basis des gleichnamigen Romans von André Aciman aus dem Jahr 2007 eine romantisch-erotische Geschichte, die ihre Reize mit dem Füllhorn ausschüttet. Aber das geschieht ganz langsam, bedächtig, eingebettet in den Fluss der Sommertage, die allein dem Genuss des Schönen gewidmet sind. Aus dem Gardasee wird gerade eine antike Statue geborgen, die Perlman begutachtet. Beim Sichten von Bildmaterial im Büro schwärmt der Spezialist für antike Bildhauerei Oliver vor, dass die Schönheit klassischer Männerstatuen es darauf anzulegen scheint, den Betrachter zu verführen.

Filmfoto: Call me by your Name©Courtesy of Sundance InstituteDie Wiege der Kunst und der Kultur weist zurück auf ein Arkadien, das auch hier, in der Villa und auf ihrem Grundstück, schlummert und auf Wiederentdeckung wartet. Es existiert nicht nur in den Büchern des Professors, sondern spiegelt sich auch in dem alten, von Steinen eingefassten Schwimmbecken im Garten, an den Plätzen, an denen im Grünen eine Brunnenfigur auftaucht oder ein anderes Zeichen menschlichen Dialogs mit der Landschaft. Die Freundschaft von Elio und Oliver, die in Leidenschaft übergeht, hat antike Vorbilder. In diesem Film bedeutet das, dass sie zu Entdeckungen führt, die nicht nur sinnlicher, sondern auch philosophischer Natur sind.

Die Kamera verweilt oft still auf den Szenarien, beobachtet, wie Elio die Räume in Besitz nimmt, stellvertretend für seine Sexualität. Wie er auf dem Bett liegt und einen Pfirsich als Inspirationsquelle entdeckt. Wie er neben Oliver sitzt und den nackten Fuß auf seinen legt. Die Fenster der halbdunklen Räume sind meistens geöffnet und geben den Blick frei auf Blätter im gleißenden Sonnenlicht. Bei jedem Schritt knarzen die Holzböden und man hört von draußen die Zikaden. Diese Geräusche sind für die Atmosphäre genauso wichtig wie die wunderbare Vielfalt der Klaviermusik oder die gelegentlichen zur Epoche gehörenden Lieder.

Filmfoto: Call me by your Name©Courtesy of Sundance InstituteDie Inszenierung hebt die beiden Charaktere nicht auf ein Podest, sondern erlaubt ihnen eine frische, sperrige Eigenwilligkeit. Ihr Sich-Umkreisen gleicht einem witzigen Trial-and-Error-Verfahren. Armie Hammer und Timothée Chalamet haben viele eher beiläufige und einige sehr intensive schauspielerische Begegnungen. Die ganze Qualität des Films offenbart sich, wenn die aufblühende Liebe Elios jugendliches Gemüt als Eigenschaft freilegt, die ihn von Oliver unterscheidet. Diese Begegnung ist die eines Sommers und findet dennoch zu einer Wahrheit, die für die Ewigkeit bestimmt ist.

Kritik: Bianka Piringer

Ihr Kommentar: Call me by your Name

Hinweis: Verwenden Sie selbst geschrieben Texte und kopieren Sie keinen Text von fremden Quellen. Mit dem Absenden Ihres Kommentars versichern Sie uns, dass der von Ihnen übermittelte Text nicht von anderen Webseiten oder Büchern kopiert ist und keine fremden Rechte verletzt. Bitte geben Sie Ihren Namen und Ihre E-Mailadresse (wird nicht veröffentlicht) an. Beziehen Sie sich bei Ihrem Kommentar auf die gezeigten Inhalte. Wir behalten uns vor, Kommentare nicht freizuschalten bzw. zu löschen wenn diese gegen geltendes Recht verstossen, beleidigend, Persönlich verletzend oder unsachlich sind. Kritiken.de haftet nicht für den Inhalt von Nutzerbeiträgen und verweist auf die Eigenverantwortung der Nutzer für ihre Beiträge.

Bitte aktivieren Sie Javascript um die Kommentarfunktion nutzen zu können

Einloggen
Herzlich willkommen! Um die Community nutzern zu können, melden sie sich bitte hier mit ihren Zugangsdaten an:

Facebook Login
Noch einfacher, loggen sie sich einfach mit ihrem Facebook Account ein:


Mit einem Klick auf diese Schaltfläche "Mit Facebook einloggen" akzeptieren sie die Nutzungsbedingungen und die Diskussionsrichtlinien der Ideenkraftwerk GmbH. Sie garantieren das sie diese gelesen und gespeichert oder ausgedruckt haben.


Passwort vergessen
Wenn Sie ihr Passwort vergessen haben können sie hier ein neues anfordern, geben sie dazu ihre E-Mail adresse hier ein:

Neu registrieren
Sie haben noch keinen Account bei Kritiken.de? Dann registrieren sie sich jetzt kostenlos, um die Community zu nutzen!