Kostja Ullmann über seinen neuen Film COMING IN

Interview mit Kostja Ullmann (Darsteller) über Coming In geführt Filmkritik von

Kostja Ullmann über seinen neuen Film COMING IN

Kritiken: Wie haben Sie sich auf die Rolle denn vorbereitet?

Kostja Ullmann: Ich habe eine kleine Ausbildung gemacht, und zwar in dem Salon, der dann auch Tom Herzners Salon gedoubelt hat. Da musste ich als ganz normaler Azubi anfangen, mit Haare wegfegen und Haare waschen, bis ich irgendwann auch mal die Schere in die Hand bekommen habe und schnippeln durfte. Das ging so anderthalb Monate und war nicht gerade unkompliziert, hat mir aber wahnsinnig viel Spaß gemacht. Ich hab dann auch vor und während der Dreharbeiten an einem Probenkopf herum geschnippelt. Und natürlich ging es auch um die Rollenentwicklung Tom Herzner. Am Anfang gab es schon die Bedenken, wie ich ihn spielen sollte, um nicht irgendwelche Klischees zu bedienen. Aber Marco Kreuzpaintner, mit dem ich seit über zehn Jahren gut befreundet bin, meinte: „Hör auf, dir so einen Kopf zu machen. Wir werden einfach eine Rolle entwickeln und dann wird alles klar sein.“ Und so war es dann auch. Ich habe mir einfach für mich ein Tagebuch von dieser Rolle gemacht, hab gekuckt, wo er herkommt, was er macht, wann er sich vor den Eltern geoutet hat. Dann ist er jemand, der sehr offen mit Sexualität an sich umgeht und dass er als Friseur sehr anerkannt ist. Das alles hat für mich diesen Charakter ausgemacht und so hab ich ihn auch gespielt. Ich musste nicht darauf achten, wie weich sind meine Bewegungen oder wie gehe ich. Das ist alles von allein entstanden. Da musste ich nicht mehr drüber nachdenken, die Bewegungen waren ganz normal. Und jemanden zu spielen, der sich verliebt, das kenne ich eh. Ob das ein Mann oder eine Frau ist, macht da keinen Unterschied.

Kritiken: War es dann schwierig, den Unterschied zwischen dem Starfriseur Tom und dessen eher männlichem Alter Ego Horst herauszuarbeiten?

Kostja Ullmann: Ja, das waren, wie man im Film so schön sagt, die Nuancen. Gerade wenn er versucht, männlich zu sein, sollte man sehen, wie weich seine Bewegungen auch sein können. Das ist etwas, das jeder kennt: Wo man einfach mal versucht, jemand anderer zu sein. Oder wenn eine Frau zu mir sagt: „Du könntest mal ein bisschen männlicher sein.“ Das zu spielen, funktioniert aber nicht wahnsinnig gut, wenn man es nicht ist. Ich war in der Rolle des Tom so drin, dass ich ihn nicht mehr spielen musste, aber bei Horst habe ich drauf geachtet, dass Tom durchscheint und man mehr mit dem Klischee spielen konnte.

Kritiken: Durften Sie nach dieser kleinen Friseurausbildung auch jemandem die Haare schneiden?

Kostja Ullmann: Ja, meiner Maskenbildnerin. Der durfte ich tatsächlich die Haare schneiden. Die hat aber auch wahnsinnig lange Haare, bis runter zum Hintern. Da war es nicht so schlimm, wenn ich mich verschnitten habe. Aber ich habe es hinbekommen, die Spitzen zu schneiden. Das kann ich auch heut noch, glaub ich. Das geht gerade noch so. In dem Friseursalon hat mich eine Kundin erkannt, als ich Haare gewaschen habe. Die hat mich dann auch rangelassen und ich durfte ein paar Haare abschnippeln bzw. ihr den Kopf auch föhnen, was ja auch nicht so einfach ist, wenn man da mit einer Rundbürste rübergehen muss, ohne dem Kunden wehzutun. Da durfte ich ein bisschen was probieren, und das hat echt Spaß gemacht.

Kritiken: Ist das einer der Vorteile Ihres Berufs, dass sie in diese anderen Leben und Professionen hinein schnuppern können?

Kostja Ullmann: Ja, das ist das Allertollste an der Schauspielerei. Dass ich in all diese Welten eintauchen darf. Man erfährt, was für ein kreativer Beruf Friseur eigentlich ist. Aber auch jemanden zu spielen, der schwul ist. Da lernt man, was das eigentlich bedeutet und was das für Probleme innerhalb unserer Gesellschaft noch immer gibt. Als ich früher mal einen Rollstuhlfahrer gespielt habe, da war das auch eine ganz andere Welt, die ich kennen lernen konnte. Dafür bin ich dankbar, auch wenn es nicht immer schöne Welten sind, in die ich eintauche. Das sind Welten, die mit vielen Problemen zu kämpfen haben. Sich damit auseinanderzusetzen, finde ich wahnsinnig spannend und ich bin dankbar, dass ich das kennen lernen darf.

Kritiken: Im Film sind Toms schwule Freunde irgendwie entsetzt, dass er zum „anderen“ Ufer wechselt und reagieren recht bigott. Denken Sie, dass der Film dieselbe Reaktion bei schwulen Zuschauern hervorrufen könnte?

Kostja Ullmann: Ganz wichtig ist in diesem Film, dass Tom am Ende nicht plötzlich hetero ist. Er sagt ja auch immer wieder: Er ist und bleibt schwul. Aber er hat sich eben in eine Frau verliebt. Das ist es, was wir mit diesem Film auch erreichen wollen. Dass man sich von diesem Schablonendenken etwas entfernt. Diese Begriffe „hetero“ und „homo“ sind von der Gesellschaft geprägt, aber sind eigentlich totaler Schwachsinn. Man verliebt sich in den Menschen und nicht in die Sexualität. Die Sexualität macht den Menschen nicht aus. Das ist schon wahnsinnig wichtig, das im Film auch so zu zeigen. Und doch gibt es trotzdem ein paar, die damit ein Problem haben werden. Das ist genau das, was man von den Heteros erwartet, wenn sich jemand outet: Dass es eben nicht für alle okay ist. Aber andersrum gibt es dann eben auch die kleinen Probleme damit. Ich glaube, wenn man den Film sieht, erkennt man auch die Message dahinter, wird das verstehen und auch kein Problem damit haben. Ich kann mir vorstellen, dass man das bei dem Trailer, der mehr auf Comedy geschnitten ist, falsch verstehen kann, aber wenn man den Film sieht, versteht man die Message ganz gut.

Kritiken: Es ist tatsächlich auch gut, dass der Film nicht nur auf Humor gebügelt ist, sondern auch ein paar ernsthafte Momente beinhaltet.

Kostja Ullmann: Das ist auch genau das, was Toms Freundeskreis verkörpert, denn die haben auch erst mal Probleme damit, dass Tom an seiner Sexualität zweifelt, aber am Ende des Films wird man eines besseren belehrt.

Kritiken: Gibt es eine lustige Geschichte von den Dreharbeiten?

Kostja Ullmann: Das ist schwer zu beantworten. Jeder Tag mit Aylin war ein Riesenspaß. Und mit Marco sowieso. Wir kennen und seit zehn Jahren und es war toll, wieder mal zusammen zu arbeiten. Die Szenen mit August Zirner waren sehr witzig, weil wir da auch viel ausprobiert haben. Gekribbelt hat es bei der Szene mit Ken Duken unter der Dusche. Da haben wir den Druck rausgenommen. Wir kennen uns auch privat sehr gut und hatten wahnsinnig viel Spaß, weil wir bei dieser Szene einfach viel lachen mussten.

Kritiken: Es war sicherlich auch für Ken Duken was ganz Neues. Er hat ja doch eher das Image eines richtig kernigen Typen. Dann einen Homosexuellen zu spielen, ist schon eine Herausforderung.

Kostja Ullmann: Ja, total. Das ist auch, was die Schaupielerei so ausmacht. Vom einen Extrem ins andere zu gehen. Das macht einen guten Schauspieler aus. Und das ist Ken. Er kam ja gerade von diesem Wikinger-Film und spielte dann hier eine ganz andere Rolle. Das war schon bemerkenswert, ihm dabei zuzusehen. Wir hatten viel Spaß dabei. Er hat sich bei dieser Rolle richtig geöffnet. Einen besseren Partner hätte ich mir gar nicht wünschen können.

Kritiken: Das war nun die erste Zusammenarbeit mit Marco Kreuzpaintner seit SOMMERSTURM, ja?

Kostja Ullmann: Genau. Richtig.

Kritiken: Wollten Sie beide schon länger wieder mal zusammenarbeiten?

Kostja Ullmann: Wir hatten immer mal gekuckt, aber nicht jede Rolle ist wirklich passend. Irgendwann hat er mich dann angerufen und meinte, er hätte jetzt endlich eine Rolle für mich. Dann hat er mir erzählt, worum es geht, und ich wusste gleich, das ist ein Thema, das ihm total liegt. Ich wusste, dass ich ihm da vertrauen kann, egal, wie schwierig es auch sein wird. Deswegen hab ich mich von Anfang an gefreut und war sehr positiv eingestellt. Natürlich haben wir uns in den zehn Jahren wahnsinnig weiterentwickelt, hoffe ich zumindest. Es war schön, als Menschen und Freunde, die wir uns sehr respektieren, wieder zusammen zu arbeiten.

Kritiken: War dann die Zusammenarbeit anders als vor zehn Jahren?

Kostja Ullmann: Er ist viel genauer geworden. Das war er aber auch damals schon. Er weiß genau, was er macht und wie er es haben will, lässt einem aber trotzdem den Platz, sich als Schauspieler zu entfalten und auszuprobieren. Er ist noch besser darin, einen zu führen und den Weg vorzuzeigen, ohne dass man das Gefühl hätte, nur noch eine Marionette zu sein. Das ist wirklich toll. Das ist ein Regisseur, wie man ihn sich wirklich wünscht, der einen bis an die Grenzen bringt, und darüber hinaus. So entdeckt man neue Seiten an sich.

Kritiken: Wie ist die Arbeit mit ihm dann, lässt er eher viele oder wenige Takes machen?

Kostja Ullmann: Es gibt Szenen, wo er das zwanzigmal durchprobiert und dann doch denkt, der zweite war der Beste. Aber es geht auch andersrum. Er weiß genau, was er will, aber er probiert auch gerne aus und kuckt, wie man noch anders an eine Szene herangehen kann. Er lässt sich von anderen auch überzeugen, noch eine Alternative auszuprobieren. Das ist auch für einen Schauspieler spannend, Szenen variierend zu spielen.

Kritiken: Wurde dann viel improvisiert?

Kostja Ullmann: Mehr oder weniger. Wir hatten auch Proben vor Drehbeginn und haben uns das alles angesehen, wie man die Szenen aufbaut und spielt. Da geschieht einiges an Vorarbeit. Wenn an den Texten etwas geändert wurde, dann hauptsächlich schon vor den Dreharbeiten. Manchmal hat er beim Dreh Szenen auch länger laufen lassen, und dann konnte man improvisieren. Aber mehrheitlich waren wir dafür zu gut vorbereitet.

Kritiken: Mit Frederick Lau, dem Didi aus diesem Film, haben Sie danach 3 TÜRKEN UND 1 BABY gedreht. Worum geht es da?

Kostja Ullmann: Das ist eine sehr charmante Komödie über drei junge Männer, die plötzlich ein Baby an der Backe haben und es loswerden wollen, was aber nicht gelingt. Irgendwann lernen sie, damit klarzukommen. Da ist auch Freddy dabei. Eine kleine, aber grandiose Rolle. Auf den kann man sich freuen, der kommt im Frühjahr nächsten Jahres in die Kinos. Das ist mal eine ganz andere Komödie.

Kritiken: Das kann man auch durchaus für COMING IN sagen.

Kostja Ullmann: Ja, immer mal was Neues ist mein Motto.

Kritiken: Sie drehen öfters mal in englischer Sprache wie jüngst A MOST WANTED MAN. Wie leicht oder schwer fällt Ihnen das denn?

Kostja Ullmann: Ist schon eine Umstelllung. Ich bin zwar zweisprachlich aufgewachsen, weil meine Mutter mit meiner Schwester und mir Englisch gesprochen hat, aber natürlich denke ich in Deutsch. Es ist schon abgefahren, in Englisch zu spielen. Weil ich da nicht die Freiheit und Lockerheit wie im Deutschen habe. Aber wenn man gut zuhört und sich an den Text hält, dann ist das kein Problem und macht auch viel Spaß.

Kritiken: Versuchen Sie dann auch verstärkt, Rollen in amerikanischen oder internationalen Rollen zu ergattern?

Kostja Ullmann: Das forciere ich gar nicht. Ich bin froh, auf dem deutschen Markt so unterschiedliche Sachen machen zu dürfen. Wenn es Angebote aus Amerika, England oder wo auch immer kommen würden, dann würde ich das auch nicht gleich spielen. Es muss ja auch die Rolle und das Projekt stimmen. Wenn was Schönes kommen sollte, mache ich das sicherlich, aber genau wie in Deutschland muss da dann auch alles stimmen.

Kritiken: Zuletzt weg vom Film. Sie sind ein Fan des HSV, richtig?

Kostja Ullmann: Ja, ich hab keine andere Wahl gehabt.

Kritiken: Zurzeit ist es um den HSV ja eher ein bisschen traurig bestellt.

Kostja Ullmann: Es geht wieder bergauf.

Kritiken: Am Sonntag geht es gegen Hertha. Was erwarten Sie sich da?

Kostja Ullmann: Ja, Hertha. Wir sind hier zu Gast. Ich glaube an den Auswärtssieg. 2:1 werden wir gewinnen. Wir haben schon gegen Hoffenheim toll gespielt. Und man sieht jetzt echt, dass der HSV wieder Fußball spielt. Was in den letzten Jahren schmerzlich vermisst wurde. Ich glaube, der neue Trainer macht auch eine gute Arbeit. Also ich bin keiner, der von Champions League oder so träumt. Ich bin froh, wenn wir irgendwo im Mittelfeld liegen. Und dann wird das über die Jahre hoffentlich so, wie es der BVB gemacht hat und eine gute Mannschaft aufgebaut. Aber das braucht Zeit.

Kritiken: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit COMING IN.

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