Interview mit Giulio Ricciarelli über sein neuen Film "Im Labyrinth des Schweigens"

Interview mit Giulio Ricciarelli (Regie) über Im Labyrinth des Schweigens geführt Filmkritik von

Kritiken: Sie haben das Drehbuch zusammen mit Elisabeth Barthel geschrieben. Wie kam es denn dazu?

Giulio Ricciarelli: Die Idee für einen Film über diese Zeit kam von Elisabeth Barthel und über meine Ko-Produzentin zu mir. Ich war auf der Suche nach einem Langfilm-Projekt, hatte eigentlich nie an so eine Geschichte gedacht, weil ich dachte, das Thema sei auserzählt. Dann aber kam ich an diesen Stoff und ich war sehr erstaunt. Ich habe gemerkt, dass ich eigentlich ganz viel bis 1945 weiß, wie es aber in den 1950er Jahren war, wusste ich nicht. Das war auch erzählerisch spannend. Schwierig, aber spannend, weil es ein Aspekt der deutschen Geschichte ist, der einfach unbekannt ist. Fritz Bauer war mir kein Begriff, seinen Namen hatte ich vielleicht einmal gehört, aber nichts weiter über ihn gewusst. Und auch die Prozesse selbst sind eine Grauzone. Man denkt: Ja, das wurde doch alles mit Nürnberg aufgearbeitet. Aber das stimmt nicht.

Kritiken: Heute ist der Begriff Auschwitz auch jedem ein Begriff. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass das nicht immer so gewesen ist.

Giulio Ricciarelli: Man muss nur ältere Leute fragen: Wann bist du damit konfrontiert worden? Für die Historiker ist es ganz klar. Der Prozess, aber auch die Serie HOLOCAUST war ganz entscheidend dafür, dass das Thema auf- gekommen ist. Darum haben wir auch die Szene in der Bibliothek im Film: Es gab damals keine Bücher zum Thema Auschwitz, heute unvorstellbar. Es gab die Erinnerungen des Lagerkommandanten Höß, aber es war noch nichts publizistisch aufgearbeitet.

Kritiken: Das ist auch der interessante Aspekt dieses Films. Die Kriegszeit selbst wird häufig filmisch behandelt, die Jahre danach werden aber zumeist ausgespart.

Giulio Ricciarelli: Ich glaube, dass das auch eine Art „kleine Verdrängung“ ist, weil man sich nicht klar machen will, wie lange es gedauert hat, bis man sich dem gestellt hat. Man stellt sich das so vor: Es gab den Krieg und danach haben die Deutschen eingesehen, welche Verbrechen verübt wurden und mit der Vergangenheitsbewältigung begonnen. Zur Wahrheit gehört auch: Die Nazis waren ja nicht weg. Die Justiz war voll von ihnen, die Lehrerschaft, die Gesellschaft als Ganzes. Keiner hatte Interesse, sich damit zu beschäftigen.

Kritiken: Im Grunde ist es schon erstaunlich, dass es diese Aufarbeitung überhaupt gab, auch wenn es 15, 20 Jahre gedauert hat.

Giulio Ricciarelli: Das versucht der Film zu erzählen. Das war eine individuelle Lebensleistung von Generalstaatsanwalt Bauer und den Staatsanwälten. Es war ein kollektives Schweigen. Ich war gerade bei der Weltpremiere des Films in Toronto, dort leben viele Nachfahren von ausgewanderten Juden. Auch sie erzählten alle, dass nicht darüber gesprochen wurde. Das galt also auch für die Opfer. Ein spannendes Thema.

Kritiken: Die Entscheidung, das Grauen dessen, was die Menschen in Auschwitz erlebt haben, nicht auszusprechen, sondern es den Zuschauer nur über die Mimik derer erleben zu lassen, die erstmals davon hören, ist interessant.

Giulio Ricciarelli: Es ist paradox. Das Einzige, was der Zuschauer nicht über Auschwitz weiß, ist, wie wenig man nach dem Krieg davon wusste. Deswegen haben wir die Figur des jungen Staatsanwalts auch so zentral angelegt, damit wir all das durch seine Augen entdecken können. Gleichzeitig ist das, was dort tatsächlich passierte, so im kollektiven Bewusstsein, dass ich das Gefühl hatte, es ist am besten, wenn man es nicht ausspricht, sondern der Phantasie überlässt. Die Phantasie des Zuschauers ist immer stärker als das, was man in Bildern zeigen würde. Aber es gibt auch Momente, in denen wir tatsächlich etwas erzählen. Einmal liest der Staatsanwalt etwas vor, eine Geschichte von einem kleinen Jungen und wie mit ihm in Auschwitz umgegangen wurde. Das ist eine tatsächliche Zeugenaussage. Und wir lassen den Maler Simon Krisch erzählen, wie er seine Kinder verloren und was Mengele mit Zwillingen gemacht hat. Aber auch das ist eine Art Umweg, denn er erzählt nicht, was er gesehen sondern was er gehört hat. Es war eine bewusste Entscheidung, keine Originalaufnahmen hineinzuschneiden oder Fotos zu zeigen.

Kritiken: Ist Radmanns Obsession, Mengele zu fassen, ein Zugeständnis an das Publikum, das damit einen großen Verbrecher geboten bekommt?

Giulio Ricciarelli: Dass es einen erweiterten Haftbefehl gegen Mengele gab, und dass Mengele immer wieder nach Deutschland zurückkehrte, ist belegt. Die Figur des Staatsanwalts und seine emotionale Entwicklung, ist jedoch erfunden. Auch das war eine bewusste Entscheidung. Wir sind historisch sehr genau, wollten uns aber auch Freiheiten nehmen und mit einer klassischen Dramaturgie auch eine spannende Geschichte erzählen.

Kritiken: Schwächt es die Geschichte nicht, wenn man den großen Verbrecher herauspickt, wo es doch eigentlich um all die kleinen Rädchen im Getriebe geht?

Giulio Ricciarelli: Das thematisieren wir auch. Rein psychologisch verbeißt sich Radmann in Mengele, weil für ihn das Schwierige ist, sich der Komplexität des Schuldthemas zu stellen ist. Mengele ist für ihn ein Dämon, den kann man sehr leicht hassen. Das sagt auch der Generalstaatsanwalt: „Was ist mit den anderen? Sind Ihnen die nicht dramatisch genug?“ Da erkennt auch Radmann, dass es auch um die anderen geht.. Ich denke nicht, dass wir die anderen unbedeutend machen.

Kritiken: Das ist auch nicht der Fall.

Giulio Ricciarelli: Das sind verschiedene Phasen, die Radmann durchmacht. Zuerst weiß er nichts, dann fängt er an und merkt, wie groß das ist. Und dann, eigentlich sehr menschlich, Beißt er sich in Mengele fest. Auch das ist eine Art von Verirrung, denn es ist nicht seine eigentliche Aufgabe. Wir erzählen sehr viel Zeitgeschichte, aber der dramatische Bogen ist die Wandlung von Johann Radmann. Nicht, dass es falsch wäre, Mengele vor Gericht zu stellen, aber diese Obsession ist falsch, und er erkennt das.

Kritiken: Mengele wirkt übergroß im Vergleich zu den namenlosen Wächtern im KZ.

Giulio Ricciarelli: Das muss Radmann überwinden. Und das gelingt ihm am Ende, wenn den anderen der Prozess gemacht wird. Aber auch nicht mit einer Rache- oder Bestrafungsphantasie. Er erkennt, dass Bauers Linie richtig ist: Es ist wichtig, diesen Prozess zu führen, um den Deutschen zu zeigen, was damals passiert ist..

Kritiken: Ich fand es auch toll, wie Alexander Fehling diese Wandlung gespielt hat. Man sieht ihm richtig an, wie das Wissen um diese Schuld ihn immer mehr auszehrt.

Giulio Ricciarelli: Ja, das hat er herausragend gemacht. Am Anfang ist er so unbeschädigt und bis zum Ende macht er eine große Entwicklung .

Kritiken: Weil Radmann einer der wenigen ist, die sich dieser Schuld stellen wollen.

Giulio Ricciarelli: Sein eigener Vater war ja nicht in Auschwitz, sondern nur in der Partei. Es gibt diese Szene, in der der Oberstaatsanwalt sagt: „Wollen Sie, dass sich in diesem Land jeder junge Mensch fragt, ob sein Vater ein Mörder ist.“ und Radmann erwidert: „Ja, genau das will ich.“ Und dann sagt ihm seine Mutter, dass sein Vater in der Partei war. Das glaubt Radmann nicht, verdrängt es, genauso wie die anderen. Was aber an seinem Charakter so stark ist, ist die Tatsache, dass er am nächsten Morgen loszieht und herausfinden will, was sein Vater getan hat. Er stellt sich dem und beginnt zu zweifeln. Eine Figur, die ich auch sehr liebe, ist sein Kollege Haller, der Radmann am Anfang auch nur belächelt, aber irgendwann erkennt: Wir hätten einfach nur hinschauen müssen. Auch das ist eine Art von Schuld.

Kritiken: Dabei ist auch interessant, dass Radmann noch mehr erschüttert wird, als er die Geschichte seines Freundes erfährt, der mit 17 eingezogen worden ist und für das Regime gekämpft hat. Er hält ihm das vor.

Giulio Ricciarelli: Was hätte sein Freund Gnielka schon machen können? Er hatte ja sogar einem Gefangenen geholfen, aber Radmann sagt dennoch: „Du ekelst mich an“. Er kann kein Mitgefühl mehr empfinden. Das findet er erst am Ende wieder.

Kritiken: Wie sehr gleicht Radmann als Figur denn den realen Vorbildern, den Anwälten Joachim Kügler und Georg Friedrich Vogel?

Giulio Ricciarelli: Wir sind in den Fakten historisch sehr genau, haben uns bei der Gestaltung der Figur aber künstlerische Freiheiten genommen und generell dramatisiert und verdichtet. Es gibt ja unzählige Möglichkeiten, ein solches Thema zu erzählen. Man hätte den Prozess selbst erzählen oder nach dem Prozess einsetzen können. Wir fanden es aber spannend, wie die Menschen im Nachkriegsdeutschland gelebt haben, und wie schwierig es war, diesen Prozess zu führen.

Kritiken: Gab es Überlegungen, den Prozess selbst zu zeigen?

Giulio Ricciarelli: Wir hatten den Ansatz, einen Film zu machen, der auch als Kinofilm funktioniert. Dafür muss man, denke ich, einen Erzählbogen haben. Den im Prozess darzustellen, wäre schwierig. Als ich mit dem Stoff in Berührung kam, war für mich das Spannendste der GedankeEs kann doch nicht sein, dass ein gebildeter Mensch damals nicht wusste, was Auschwitz ist. Es war aber so. Und das wollten wir glaubhaft rüberbringen. Gleichzeitig wollten wir die Heldentat dieser Menschen zeigen, die den Prozess geführt haben, Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, Kügler, Vogel, Gerhard Wiese. Denn sie haben ihn gegen ganz große Widerstände und gegen Anfeindungen durchgezogen. Selbst Adenauer war der Meinung: „Wir müssen einen Schlussstrich ziehen unter dieses Kapitel.“ Und dann gibt es diese Handvoll aufrechter und wackerer Leute, die sagen: Nein.

Kritiken: Wie schwer war es, den Film für das Kino zu machen?

Giulio Ricciarelli: Als das Drehbuch fertig war, haben unsere Partner – darunter Universal als Verleih – es gut angenommen. Ich wurde auch in Toronto auf dem Film Festival gefragt, ob es Widerstände gab, diesen Film zu machen. Das war überhaupt nicht so. Es gab sehr viele, die uns unterstützt haben, denen klar war, dass dies eine wertvolle Geschichte ist. Auch die Stadt Frankfurt hat geholfen.

Kritiken: Hatten Sie überlegt, selbst eine der Rollen zu übernehmen?

Giulio Ricciarelli: Die meisten der Rollen hätte ich sehr gerne gespielt. Aber die Aufgabe, Regie zu führen, war sehr, sehr groß für mich und für mich stand nie zur Debatte auch eine Rolle zu übernehmen.

Kritiken: Was ziehen Sie denn nun vor, die Regie oder das Schauspiel?

Giulio Ricciarelli: Definitiv das Inszenieren. Als Schauspieler dient man der Vision eines anderen. Das kann sehr schön sein, aber es ist nie so, dass man sagt: Ich hätte das genauso gemacht. Wenn man selber Regie führt, kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man weiss: So will ich es erzählen. Natürlich muss man auch auch Kompromisse machen. Aber irgendwann hat man einen fertigen Film un der ist dann auch ein Ausdruck meiner Selbst. Das ist einfach sehr erfüllend

Kritiken: Ist es dann als Schauspieler schwierig, nach der Erfahrung des Inszenierens eines eigenen Films, für jemand anderen nur zu spielen?

Giulio Ricciarelli: Seit ich selbst als Regisseur arbeite, bin ich als Schauspieler viel entspannter. Wenn man mal erlebt hat, was für eine Kraft Schnitt und Kamera haben und wie einflussreich sie sind, dann weiß ich, was ich als Schauspieler geben kann.

Kritiken: Wie war denn die Reaktion des Publikums in Toronto?

Giulio Ricciarelli: Sehr positiv. viele kamen danach zu uns, und mit ihnen zu reden war sehr bewegend. In Kanada leben viele Nachkommen deutscher Auswanderer, für die ist es auch ein Teil ihrer eigenen Geschichte.

Kritiken: Ich frage, weil es eine sehr deutsche Geschichte ist, weswegen es natürlich interessant ist, wie der Stoff bei Zuschauern anderer Nationalitäten angenommen wird.

Giulio Ricciarelli: Ich mache als Deutscher, oder Halbdeutscher, keine Vergleiche. Denn dieses Thema ist wirklich einzigartig Und ich glaube, dass das Thema, wie ein Land mit seiner Vergangenheit umgeht, ein sehr universelles ist.

Kritiken: Ein guter Punkt. Bei manchen Ländern hat man das Gefühl, dass eine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit allenfalls schleppend vorangeht, während sich das hier nach den Auschwitz-Prozessen ganz stark gewandelt hat.

Giulio Ricciarelli: Absolut. Die Auschwitz-Prozesse waren die ersten Prozesse dieser Art auf der ganzen Welt .Das war nicht nur für Deutschland eine große Leistung, sondern auch für die Weltgemeinschaft. Es scheint ein universelles Phänomen zu sein, dass man nach solchen Katastrophen erst einmal versucht zu verdrängen. Und natürlich war die ganze Verwaltung immer noch voll von ehemaligen Nazis, der ganze Justizapparat war unterwandert. Es gab zehn Millionen Partei-Mitglieder. Die waren natürlich noch da und haben die Gesellschaft auch weiterhin geprägt.

Kritiken: Gibt es schon eine Idee für einen weiteren Film? Vielleicht was Leichteres?

Giulio Ricciarelli: (lacht) Es gibt ein paar Ideen für Geschichten, die in verschiedenen Stadien sind. Erst mal hab ich diesen Film fertig gestellt. Grundsätzlich suche ich nach einer Geschichte, die stark ist. Sie muss keine Botschaft haben, aber wenn die Geschichte stark ist, dann hat die ein Recht, erzählt zu werden, und besitzt ihre eigene Energie. Und wird dann doch irgendwie persönlich.

Kritiken: Gibt es eigentlich schon Fragen, die Sie gar nicht mehr hören können?

Giulio Ricciarelli: Nein, noch nicht, so viele Interviews habe ich noch nicht gegeben. Und ich mache es auch gerne, weil mir dieser Film sehr wichtig ist. Ich bin gespannt auf das, was jetzt kommt. Und ich hoffe, dass er sein Publikum finden wird, in Deutschland und auch außerhalb.

Kritiken: Vielen Dank für das Gespräch.

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