Im Gespräch mit Mike Cahill & Michael Pitt

Interview mit Michael Pitt (Darsteller) und Mike Cahill (Regie) über I Origins - Im Auge des Ursprungs geführt Filmkritik von

Frage: Wie sehen Sie die Welt? Als ein Ort der Wunder oder der harten, kalten Fakten, die mit Zufällen angereichert sind?

Michael Pitt: Das ist eine tolle Frage. Ich sehe eine Kloake menschlicher Abgründe des Hasses und primitiver … (fängt an zu lachen)

Mike Cahill: Okay, ich übernehme hier.

Pitt: Ja, bitte, mach du.

Cahill: Das Leben auf der Erde begann … (lacht). Das Leben begann vor fünf Milliarden Jahren und basiert auf dem wunderbarsten aller Zufälle. Unsere DNS formte sich aus dieser Ursuppe und erschuf Leben. Zufall ist für uns alle verantwortlich, für dich, mich, für jeden von uns. Als Filmemacher und als Mensch sehe ich mit Ehrfurcht eine Welt voller Wunder.

Frage: Wie spirituell sind Sie selbst?

Pitt: Um die Wahrheit zu sagen, Leute, die zu spirituell sind, machen mir Angst. Aber Leute, die zu wissenschaftlich sind, ebenso. Ich denke, das Mittelding ist das Richtige. Ich wäre nicht überrascht, wenn jemand beweisen könnte, dass es Geister auf der Erde gibt. Und ich wäre nicht überrascht, wenn der Beweis für kleine grüne Männchen vom Mars erbracht werden würde. Ich meine, nicht vom Mars, über den wissen wir mittlerweile viel, aber kleine grüne Männchen von einem anderen Planten. Ich wäre sehr aufgeregt, aber nicht überrascht.

Frage: Diese Sicht der Dinge spielt ja auch in I Origins hinein, nicht?

Cahill: Es gibt eine sehr wichtige Szene in dem Film, die sich damit befasst. Man könnte sagen, dass Wissenschaft und Spiritualität miteinander kollidieren, aber Wissenschaft ist unsere Art, Fragen über die natürliche Ordnung der Welt zu stellen. Im Film gibt es eine Szene, in der Sofi darüber spricht, dass Ian die Würmer modifiziert. Würmer haben zwei Sinne, Geruch und Tastsinn, und Ian modifiziert sie, um einen dritten Sinn zu bekommen, den des Sehens. Die Idee ist, dass ein Wesen zwei Sinne hat und dann einen dritten erhält. Wenn das möglich ist, dann heißt dass, dass unsere fünf Sinne nicht das Limit sind. Es gibt eine Domäne, die wir weder berühren noch erkennen können. Aber vielleicht sind manche Menschen leicht mutiert und haben diesen Sinn dafür entwickelt. Irgendwo in unserem Gehirn, wo die Intuition liegt.

Frage: Wie nahe steht Ihnen Ihre Figur?

Pitt: Wissen Sie, wer Richard Dawkins ist?

Cahill: Ein evolutionistischer Biologe.

Pitt: Aber er ist auch ein Atheist. Er ist ein Wissenschaftler, ein sehr brillanter sogar, aber er ist vehement gegen organisierte Religion. Die Figur, die ich spiele, basiert in Teilen auf ihm. Weil ich mir dachte, wenn wir eine Figur wie Richard Dawkins hätten und wir ihm einen kleinen Einblick in die Spiritualität geben, dann wäre das sehr interessant. Ich habe ihn nie getroffen, aber ich habe Vorlesungen besucht, um mich auf die Rolle vorzubereiten. Die Idee war, wenn wir zeigen können, dass eine Figur wie er etwas begegnet, das sich mit Wissenschaft nicht erklären lässt, dann würde das im Film sehr gut funktionieren. Aber um auf die Frage zurückzukommen, nein, ich glaube nicht, dass ich wie meine Figur bin. Ich interessiere mich für Wissenschaft und all das, aber versuche, Figuren zu spielen, die nicht wie ich sind.

Frage: Wenn es Reinkarnation geben würde, was glauben Sie, wären Sie früher gewesen?

Pitt: Ich wäre definitiv eine Frau gewesen.

Cahill: (lacht)

Pitt: Ich fühle mich meinem inneren Selbst sehr verbunden.

Cahill: Und ich wäre deine beste Freundin gewesen. (lacht)

Frage: Wer wären Sie denn gerne gewesen? Vielleicht auch etwas anderes als ein Mensch, ein Tier vielleicht?

Cahill: Der Logik des Films folgend, wäre das gar nicht möglich gewesen. Was sie dort entdecken, ist eine Duplizierung der Iris des menschlichen Auges, also schätze ich, dass ich kein Tier hätte sein können. Aber im Film ist es erst der Anfang, wer weiß schon, wohin die Reise führt.

Frage: Das ist Ihr zweiter Science-Fiction-Film. Was spricht Sie an dem Genre an?

Cahill: Ich glaube, dass Science Fiction es erlaubt, der Menschheit näher zu kommen. Durch die Möglichkeiten der Metaphorik kann man urwüchsigen menschlichen Emotionen näher, intimer und mit größerer Klarheit begegnen.

Frage: Ihr Film ist einer der wenigen, der große Ideen auf eine sehr intime Art erzählt, während so viele Science-Fiction-Filme winzige Ideen mit großen Explosionen erzählen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Pitt: Nichts gegen diese großen Filme, sie sind das, was sie sein sollen, teure Produktionen. Aber einer der Gründe, warum ich mit Mike arbeiten wollte und mich für dieses Projekt interessiert habe, war, dass ich Another Earth gesehen habe und es ein Film mit interessanten Ideen ist. Nicht viele Menschen machen solche Filme. Man benötigt aber keine 50 bis 60 Millionen, um einen Science-Fiction-Film zu machen.

Cahill: Aber wenn Sie mir 50 bis 60 Millionen geben, dann nehmen wir sie.

Pitt: Ja, das tun wir.

Cahill: Wir machen dann einen Film, der nach einer Million Dollar aussieht und kaufen mit dem Rest richtig große Häuser. (lacht)

Frage: Sehen Sie sich als Teil einer neuen künstlerischen Welle, zu der auch Shane Carruth und Gareth Evans gehören?

Cahill: Ich habe deren Filme gesehen und das sind wirklich sehr, sehr talentierte Filmemacher. Wir sind eine kleine Bewegung von Filmemachern, die große Geschichten mit bescheidenen Budgets erzählen. Ich liebe diese Filme.

Frage: Wenn Sie jemanden zum ersten Mal treffen, wo sehen Sie dann zuerst hin? Die Augen, die Brust, die Beine?

Pitt: Ich sehe auf Ihre Brust.

Cahill: (lacht) Wenn ich einen Moment in Endlosschleife erleben könnte, dann wäre es dieser hier.

Pitt: Die Augen sind etwas sehr Mächtiges. Ich sehe in die Augen. Oder tue es nicht, verstehen Sie? Es ist machtvoll, in die Augen zu blicken. Man erkennt darin viel. Liebt mich diese Person? Liebe ich sie? Lügt mich diese Person an? Ist diese Person an dem, was ich sage, interessiert, nachdem sie mir diese Frage gestellt hat? (lacht)

Cahill: Ich erzähle Ihnen eine tolle Geschichte. Babys sehen den Menschen in die Augen. Von Natur aus wissen wir intuitiv, dass dort das Zentrum des Selbst liegt. In einer Studie wurde nachgewiesen, dass Babys und Kleinkinder glauben, nicht gesehen werden zu können, wenn sie sich die eigenen Augen zuhalten. Ich kann mich nicht erinnern, das als Kind getan zu haben. Aber gut, das sagt etwas über unsere Identität aus, darüber wie wir uns wahrnehmen.

Frage: Wie treffen Sie Ihre Entscheidungen als Regisseur, eher mit dem Kopf oder mit dem Herzen?

Cahill: Als Regisseur muss man täglich so etwa 500.000 Entscheidungen treffen. Es ist, als wäre man ein Lachs, der gegen den Strom schwimmt. Für mich ist es ein bisschen von beidem. Intuition und Logik. Filmemachen hat etwas mit mathematischer Struktur zu tun, aber Intuition spielt da hinein. Die größte Verantwortung als Regisseur ist es, der Authentizität verpflichtet zu sein und zu erkennen, wenn etwas falsch ist. Wenn man mit talentierten Schauspielern arbeitet, wenn ich Michael beider Arbeit zusehe und zehn Takes mit ihm mache, dann sind alle zehn gleich authentisch. Sie fühlen sich an, als hätte man einen echten Menschen vor sich, der wirklich fühlt. Nichts ist falsch.

Frage: Wie sehr versuchen Sie, dem Mainstream fernzubleiben?

Pitt: Als ich 18 oder 19 Jahre alt war und in einem Off-Broadway-Stück mitwirkte, war ich umgeben von einer talentierten Gruppe von Schauspielern, die mich sehr geprägt haben. Ich habe meine Lehren aus dieser Erfahrung gezogen. Es geht mir immer um die Arbeit. Das ist für mich sehr befriedigend. Natürlich habe ich nichts dagegen, Geld zu verdienen, aber ich fokussiere mich auf die Arbeit und ich glaube, dass ich so mehr vom Leben zurückbekomme.

Frage: Als jemand, der sowohl fürs Fernsehen als auch fürs Kino arbeitet, was glauben Sie da, warum das Fernsehen im Vergleich immer ambitionierter wird?

Pitt: Ich bin nicht sicher, dass es so ist, aber ich glaube, das hat viel mit dem Internet zu tun. Viele Menschen haben jetzt bessere Systeme zuhause, um Filme und Serien zu sehen, darum gehen sie weniger häufig ins Kino. Alles verändert sich und muss überdacht werden. Das hängt mit dem Internet, aber auch den neuen technischen Möglichkeiten zusammen. Mike hat diesen Film zuhause geschnitten. Das ist heutzutage möglich. Man braucht dafür nicht mehr besonderes Equipment. Als sich das änderte, änderte sich auch die Industrie.

Frage: Sie waren in letzter Zeit in einer ganzen Reihe von Filmen zu sehen.

Pitt: Ja, ich arbeite mir den Hintern wund (lacht). Ich machte viele verschiedene Dinge, interessante Filme, aber keiner so gut wie der hier (lacht). Ich fühle mich gesegnet, dass ich arbeiten kann. In Amerika ist es heutzutage schwer, jemand wie ich zu sein, ein arbeitender Schauspieler. Dabei ist es schwierig, kleinere Projekte zu machen, weil es in dieser Industrie ums Geldmachen geht. Ich kontere das, indem ich sehr aktiv bin und kaum noch schlafe.

Frage: Wie war es, in Indien zu drehen?

Cahill: Es war unglaublich. Dass wir dazu trotz des kleinen Budgets die Möglichkeit hatten, war toll. Es ist ein magischer Ort, ein wundervoller Ort und wurde gewählt, weil Indien zu zwei Aspekten des Films sehr gut passt. Einer ist der Glaube an Wiedergeburt, der in Indien weit verbreitet ist, der andere, dass Indien das größte nationale Programm zum Scannen der Augen seiner Bürger hat. Dies basiert auf echter Wissenschaft. Für unseren Film war es darum der beste Ort, um den dritten Akt dort spielen zu lassen. Zudem wollte ich, dass sich der Film global anfühlt und sich für universelle Themen öffnet. Der Film beginnt wie ein kleines New Yorker Independent-Drama und wird dann thematisch, aber auch farblich viel, viel größer.

Pitt: Strukturell ist es großartig. Der dritte Akt beginnt und I Origins wird ein gänzlich anderer Film.

Frage: Angesichts des Themas des Films, wie erklären Sie da, was Liebe ist?

Pitt: Ich weiß nicht. Momentan habe ich Angst vor der Liebe.

Cahill: Was ist Liebe? Ich glaube, es gibt verschiedene Arten der Liebe. Die platonische Liebe, die romantische Liebe, die brüderliche Liebe und die wissenschaftliche Basis mit Endorphinen, die im zerebralen Cortex ausgeschüttet werden und uns ein gutes Gefühl geben. Ich habe darauf aber ehrlich gesagt keine Antwort.

Pitt: Ich denke, das ist der Punkt des Films. Wenn man einem Wissenschaftler, der an Daten glaubt, mit etwas begegnen will, das er nicht erklären kann, dann mit der Frage, was Liebe ist.

Frage: Und wieso haben Sie momentan Angst vor der Liebe?

Pitt: (lacht) Nein, nein, nein, das hätte ich nicht sagen sollten. Ich habe gerade einen Woody-Allen-Moment. Liebe ist gefährlich, Sie wissen schon (lacht). Ich habe keine Angst vor der Liebe. Es ist ein Klischee, aber sie ist alles, was wir brauchen. Ich liebe dich, Mike.

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