„Ich habe das Buch nicht gelesen.“ – Colm McCarthy über THE GIRL WITH ALL THE GIFTS

Interview mit Colm McCarthy (Regie) über The Girl With All The Gifts geführt Filmkritik von

KRITIKEN: Erzählen Sie uns bitte ein bisschen über sich.

Colm McCarthy: Ich habe in meinen späten 20ern mit dem Regieführen begonnen. Zuerst als assistierender Regisseur bei verschiedenen Fernsehproduktionen. Später habe ich dann auch Kurzfilme inszeniert. Einer davon lief ganz gut und gewann auch ein paar Preise, woraufhin man mir ein Fernsehdrama anbot, das ich dann in Irland gedreht habe. Dabei habe ich eine Menge gelernt und später noch sehr viel häufiger für das Fernsehen gearbeitet, darunter auch sehr viel für die Serie PEAKY BLINDERS.

KRITIKEN: Wie ist der Übergang von Fernsehen zu Film für einen Regisseur?

COLM MCCARTHY: Inszenieren ist ein eigenartiger Job, der für viele Menschen etwas sehr Unterschiedliches bedeutet. Einige mögen es, mit den Schauspielern zu arbeiten, andere sind an den technischen Aspekten interessiert. Ich mag beides. Beim Fernsehen ist es häufig so, dass die Leute kommen, eine Folge inszenieren und dann wieder weg sind. Aber man kann sich auch mehr involvieren. Bei einem Film muss man alle Aspekte im Auge behalten. Und das Fernsehen verändert sich heutzutage. Vor zehn Jahren waren die Jobs vielleicht noch recht unterschiedlich, heute aber nicht mehr.

KRITIKEN: Wie kamen Sie zu diesem Projekt?

COLM MCCARTHY: Tatsächlich war der Roman noch gar nicht geschrieben, als wir begannen, den Film zu entwickeln. Ich habe ihn auch immer noch nicht gelesen. Mike Carey hatte eine Kurzgeschichte geschrieben, die im Endeffekt der Auftakt des Films ist. Der Produzent und ich trafen uns mit Mike, um darüber zu reden, eine seiner Arbeiten filmisch umzusetzen. Daraus ergab sich die komplette Geschichte für THE GIRL WITH ALL THE GIFTS. Und weil es lange dauert, bis man einen Film finanziert bekommt, hat Mike das erste Treatment genommen und daraus nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern auch noch einen Roman gemacht. Dieser wurde von einem Verlag genommen und war recht erfolgreich, was wiederum bei der Finanzierung des Films half.

KRITIKEN: Einige Aufnahmen wurden nahe Tschernobyl gemacht. Wie kam das?

COLM MCCARTHY: Was mich schon immer interessierte, war die Frage, wie die Natur sich Räume zurückerobert. Darum haben wir uns einige Bücher angesehen, die Bilder der abgelegensten und unterschiedlichsten Orte beinhalteten, da ich auch wusste, dass ich weite Landschaften im Film zeigen wollte. So stießen wir auch auf Prybjat, eine Stadt, die nahe Tschernobyl liegt. Man kann diese Stadt auch besuchen und wir entschieden uns, mit einer Kameradrohne Aufnahmen zu machen.

KRITIKEN: Schauspieler waren aber nicht vor Ort?

COLM MCCARTHY: Nein, nur die Kamera. Wir wussten, dass wir einige visuelle Effekte haben würden, wollten den Film aber natürlich aussehen lassen. Der Großteil des Films wurde in den West Midlands in Großbritannien gedreht, so auch die Schauspieler, die Statisten und die Sets, die inmitten ländlicher Einöde standen. Dazu kam das Material aus Prybjat, das mit den Elementen aus den West Midlands und London kombiniert wurde. Wir mussten aber das Prybjat-Material zuerst drehen, um dann das andere anpassen zu können. So wurden die Aufnahmen zwei Wochen vor den Hauptdreharbeiten gemacht. Während wir dann in England drehten, schnitten wir den Film auch gleich und wussten so immer, was wir gerade für Material benötigten.

KRITIKEN: Im Roman ist Gemma Artertons Figur schwarz, während Melanie weiß ist. Im Film ist es umgekehrt. Eine bewusste Entscheidung oder haben Sie einfach nach der besten Schauspielerin für die Rolle gesucht?

COLM MCCARTHY: Ich habe das Buch nicht gelesen, im Drehbuch ist Melanie die einzige Figur, deren Ethnie beschrieben ist. Wir haben jedoch farbenblind besetzt und uns die unterschiedlichsten Schauspielerinnen angesehen. Es ging nicht darum, irgendetwas zu verändern. Im Internet habe ich dann gesehen, dass man sich über das „Whitewashing“ echauffierte. Die einzige Veränderung, die wir zum Buch gemacht haben- und das habe ich mit Mike besprochen – ist der Umstand, dass der Film ganz und gar auf Melanie fokussiert ist. Im Roman ist es leichter, verschiedene Erzählperspektiven zu haben, bei einem Film verliert man dabei aber sehr schnell die Stringenz der Narrative. Darum liegt der Fokus auf Melanie, zumal ich interessiert daran war, diese Geschichte aus Sicht eines Kindes zu erzählen. Melanie ist die Hauptfigur im Film, ihr müssen sich auch alle anderen Figuren beugen. So sprach ich im Vorfeld mit allen erwachsenen Schauspielern und machte ihnen auch klar, dass sie dazu da waren, Sennia Nanua, die Melanie spielt, zu unterstützen und anzutreiben, die bestmögliche Darstellung abzuliefern – was auch alle getan haben.

KRITIKEN: Es ist ungewöhnlich, jemanden wie Glenn Close in einem Horrorfilm zu sehen.

COLM MCCARTHY: Ja, aber wir schickten ihr einfach das Skript. Glenn Close war sechsmal für den Oscar nominiert, aber ich glaube, dass niemand ihr jemals solche Drehbücher schickt. Darum war sie auch interessiert, weil sie eine Figur spielen konnte, die sie noch nie zuvor gespielt hat. Es war eine ungewöhnliche Rolle für sie, da sie eine harte Frau mimt, die im Grunde zu einer Art Soldat werden muss. Das hat sie geliebt. Zudem liebt sie auch Zombiefilme. Ebenso wie ihre Familie, die während der Dreharbeiten zu Besuch kam. Sie hatten viel Spaß und Glenn Close war einfach großartig.

KRITIKEN: Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht, wie Sie Ihren Film von all den anderen Zombie-Streifen abheben könnten?

COLM MCCARTHY: Der Fakt, dass unsere Geschichte sich um ein kleines Kind dreht und die Frage im Mittelpunkt steht, ob sie ein Monster ist oder nicht, unterscheidet THE GIRL WITH ALL THE GIFTS schon von anderen Filmen. Die Leute versteifen sich m.E. etwas zu sehr auf Genre-Zuordnungen. Ich glaube, dass das Erzählen einer Geschichte mehr mit Tonalität und Stimmung zu tun hat, was nicht dasselbe wie Genre ist. Was ist das Zombie-Genre denn genau? Unser Film ist anders als ZOMBIELAND. Vielleicht eher in Richtung von 28 DAYS LATER gehend, aber mehr als ein sehr erwachsenes Drama. Mich interessiert die emotionale Geschichte eines Films.

KRITIKEN: Sie haben vor kurzem auch die Pilotepisode von KRYPTON gedreht, richtig?

COLM MCCARTHY: Ja, ich weiß nicht, ob ich da nun viel Neues dazu sagen kann, aber es geht um Supermans Vorfahren und den Aufstieg und Fall des Hauses El. Das Ganze spielt 200 Jahre bevor Krypton explodiert. Den Piloten haben wir bereits abgedreht.

KRITIKEN: Werden Sie weitere Folgen inszenieren?

COLM MCCARTHY: Vielleicht. Es hat Spaß gemacht, den Grundstein für diese Serie zu sehen.

KRITIKEN: Danke für das Gespräch.

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