"Das kalte Herz" Drehbuchautor Andreas Marschall im Interview

Andreas Marschall
Interview mit Andreas Marschall über Das kalte Herz geführt Filmkritik von

„In unserer ersten Fassung gab es noch ziemlich irre politische Anspielungen“- Drehbuchautor Andreas Marschall über DAS KALTE HERZ

Kritiken: Wie bist du denn zu dem Projekt DAS KALTE HERZ gestoßen?

Andreas Marschall: 2010 arbeitete ich mit Steffen Reutter von der Produktionsfirma Schmidtz Katze Filmkollektiv an "The Face", eine tolle und echt gruselige Ghost-Horror-Story unter meiner Regie, die auf Sardinien gedreht werden sollte, mit Rupert Evens, Nadeshda Brennicke und Franco Nero. Wie so oft fehlten nach Jahren der Entwicklung dann zum Schluss irgendwelche Fördergelder und das Projekt kam nicht zustande. Da fragte mich Steffen, ob ich Interesse hätte, bei einem geplanten Remake von DAS KALTE HERZ als Drehbuchautor mitzumachen. Ich komme ja aus dieser Gegend, bin in Karlsruhe geboren und war von der düster-romantischen Atmosphäre des Schwarzwalds fasziniert. Als Karlsruher Autor bekam ich dann Drehbuchförderung von der MFG. Also bin ich erstmal in den Schwarzwald gefahren, habe mir ein Museumsdorf aus der Zeit der Holzfällerei und Köhlerei angesehen und dann eine erste Fassung des Buches geschrieben.

Kritiken: Dies ist nicht die erste Verfilmung von Wilhelm Hauffs Märchen. Worin liegen die Unterschiede der neuen Version zu den klassischen bzw. gab es einen besonderen Ansatz, der gewählt wurde, um sich von früheren Filmen abzuheben?

Andreas Marschall: Ganz am Anfang, als ich mit Steffen und Christian am Ur-Treatment feilte, war gerade die Finanzkrise ausgebrochen. Was uns "ansprang" waren die Parallelen zwischen der spekulativen zerstörerischen Ausbeutung des Schwarzwaldes im 19. Jahrhundert, die den Hintergrund zu Hauffs Märchen bildet und dem Raubtierkapitalismus der 2000er Jahre. In unserer ersten Fassung gab es noch ziemlich irre politische Anspielungen wie die Tatsache, dass der "Herztausch" auf reiner Suggestion beruhte, die Leute vom Holzfällermichel quasi hirngewaschen wurden, bevor sie der Korruption verfielen. Das Ganze war ursprünglich sowas wie ein märchenhafter Politthriller mit Fantasy-und Horrorelementen, gegenüber der werktreueren Defa- Verfilmung von 1950.

Kritiken: Gab es eine direkte Zusammenarbeit mit den anderen Autoren – Christian Zipperle, Steffen Reuter und Regisseur Johannes Naber – oder hat jeder nach und nach an einer Version gearbeitet?

Andreas Marschall: Ich habe in enger Diskussion mit Christian und Steffen, die damals noch hauptsächlich als Produzenten fungierten, die ersten drei Fassungen geschrieben. Danach stießen nacheinander mehrere Regisseure zum Projekt und jeder modifizierte das Buch auf seine eigene Art. Mit Johannes Naber kamen wieder mehr Fantasy-Elemente in die Story, wie die Waldgeister oder diese eindrucksvollen Gesichtstätowierungen.

Kritiken: Warst du am Set zugegen?

Andreas Marschall: Nein, der Film wurde gedreht während ich mit GERMAN ANGST auf Festivaltour war. Ich habe ehrlich gesagt die fertige Schnittfassung noch gar nicht gesehen, nur einen Zusammenschnitt von Rohmaterial mit Fremdmusik. Die Bilder, die Besetzung und vor allem die liebevolle Ausstattung fand ich großartig.

Kritiken: Bei deiner Geschichte des Episodenfilms GERMAN ANGST hast du Hanns Heinz Ewers‘ „Alraune“ zwar nicht adaptiert, aber als Inspiration genutzt. Hast du ein besonderes Faible für solcherlei alte deutsche phantastische Geschichten und Märchen?

Andreas Marschall: Auf jeden Fall. Ich habe übrigens viele Jahre vor GERMAN ANGST als Drehbuchautor für die Constantin Film schon mal eine Neuinterpretation des Ewers-Stoffes als Treatment entwickelt. Ein weiterer Stoff, der dann leider doch nicht realisiert wurde. Wenn ich an meine Kindheit und Jugend denke, dann mischen sich die Märchen der Gebrüder Grimm und Hauff mit den Bildern von Dr Mabuse, den Edgar-Wallace-Krimis und den Pestkranken in den Katakomben des TIGER VON ESCHNAPUR. Sehr schade, dass wir in Deutschland nicht mehr Gebrauch von unseren schillernden kollektiven Filmerinnerungen machen.

Kritiken: Sind Filme wie DAS KALTE HERZ vielleicht der einzige Weg, wie man in Deutschland Phantastik umsetzen kann – indem man auf alte Märchen und Fabeln zurückgreift?

Andreas Marschall: Es scheint wohl eine Möglichkeit zu sein, siehe auch KRABAT. Auch unsere mystischen Locations wie der Schwarzwald sollten doch Inspiration zu weiteren phantastischen Stoffen sein. Immerhin gab es außer GERMAN ANGST im letzten Jahr auch andere genuin deutsche Genrestoffe wie DER NACHTMAHR, der ja auch ein Motiv aus der schwarzen Romantik modernisiert.

Kritiken: Gibt es schon ein neues Regie-Projekt, an dem du arbeitest?

Andreas Marschall: Ja, aber zunächst in der Drehbuchphase. Ich schreibe gerade einen Horrorstoff, der einen populären Stoff aus der phantastischen Literatur ins düstere Russland der Stalin-Diktatur verlegt. Außerdem konzeptioniere ich zwei verschiedene TV-Serien, die beide ins fantastische Genre fallen.

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