Tu nichts Böses Filmkritik

Tu nichts Böses Kritik der neue Film von Claudio Caligari mit Luca Marinelli und Alessandro Borghi

Filmkritik von

Jung, lebenshungrig und abgehängt

Cesare (Luca Marinelli) und Vittorio (Alessandro Borghi) wollen Spaß. Die beiden Zwanzigjährigen sind alte Freunde, die 1995 am Strand von Ostia bei Rom herumstehen, bunte Pillen einwerfen und in den Vorstadtbars die Drogendealer treffen. Bald lassen die beiden auch für sich verkaufen, aber Vittorio bekommt der intensive Konsum des weißen Pulvers nicht, er beginnt zu halluzinieren. Nun muss er den Absprung in ein bürgerliches Leben wagen. Aber was soll aus Cesare werden?

Filmfoto: Tu nichts Böses©missingFILMsDie beiden jungen Männer wissen vermutlich nicht, dass sie einem traditionsreichen Milieu angehören, das im italienischen Neorealismus viel Beachtung fand. Pier Paolo Pasolini schrieb 1955 den Roman „Ragazzi di vita“ über die lebenshungrigen kleinkriminellen Vorstadtjugendlichen im Rom der Nachkriegszeit. Im Regiekommentar zu seinem Krimidrama erklärte Claudio Caligari, dass sich dieses Milieu Mitte der neunziger Jahre verändert habe. „Pasolinis Jungen sind nun Teil des organisierten Verbrechens“, für Männer wie Cesare und Vittorio gehe es nicht mehr ums Durchkommen, sondern um das schnelle Geld.

Caligari fragt mit stilistischen Anleihen an den Neorealismus, einer atmosphärischen Unmittelbarkeit, die der Rastlosigkeit der Figuren folgt, ob die beiderseitige Freundschaft Cesare und Vittorio einen Rest von Unschuld bewahrt. Auch als sich ihre Wege trennen, geschieht das nur äußerlich, denn die beiden Männer eint ein beinahe schon brüderliches Band. Jeder erkennt im anderen auch ein Stück von sich selbst, die eigenen Träume und die gemeinsam entfesselte Kraft. Der Regisseur erlebte die Premiere seines Films bei den Filmfestspielen in Venedig 2015 nicht mehr: Er war schon früher im selben Jahr im Alter von 67 Jahren gestorben.

Filmfoto: Tu nichts Böses©missingFILMsCesare und Vittorio sind nicht direkt sympathisch zu nennen. Am Anfang folgt ihnen der Film durch die tägliche Langeweile, zeigt, wie sie sich treiben lassen, zudröhnen, grob zu Frauen werden und sich als Platzhengste aufspielen. In jeder Sekunde kann die Stimmung kippen, aus der latenten Wut eine spontane Dynamik entstehen, die nur noch schwer zu kontrollieren ist. Caligari nimmt die aufbrausende Art und das fahrige Verhalten schmerzlich genau unter die Lupe, registriert den kurzlebigen Rausch, ohne den sich die Nacht nicht feiern ließe. Kaum sitzen Cesare und Vittorio im Auto, um einfach loszufahren, wummern den Zuschauern plötzlich galoppierende Beats entgegen, die ihre eigene Energie aufzufressen scheinen.

Die Geschichte springt mit unvermittelten Schnitten von einer Szene zur nächsten. Die Bezugslosigkeit kann irritierend wirken, erzeugt aber auch eine melancholische, gar fatalistische Stimmung. Zuhause, bei seiner verhärmten Mutter und der todkranken kleinen Nichte, hält es Cesare vor lauter Kummer und Hilflosigkeit nie lange aus, aber er interpretiert seine Rolle in der Familie auch sehr eigenwillig. Die Figurenzeichnung ist nicht immer frei von Sozialromantik und wirkt dann etwas aus der Zeit gefallen. Die beiden Freunde geben sich manchmal wie bestellt naiv und herzlich und Cesares Mutter verkörpert von Anfang bis Ende nur das graue Elend.

Filmfoto: Tu nichts Böses©missingFILMsVittorio und Cesare müssen aus der Utopie, dem Schwebezustand ihrer jungen Jahre erwachen. Der eine bemüht sich als Bauarbeiter um einen Platz in der Normalität, dem anderen liegt die Mäßigung nicht. In der Konsumgesellschaft aber gibt es keinen moralischen Sieger. Die bewegende Kritik, die Caligari gegen Ende an der Erosion sozialer Werte übt, gibt seinem cineastisch anspruchsvollen Film eine immer noch aktuelle Note.

Kritik: Bianka Piringer

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