The Dinner Filmkritik

The Dinner

The Dinner Kritik der neue Film von Oren Moverman mit Richard Gere und Laura Linney

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Eine Titelsequenz, die Bilder von piekfeiner Haute Cuisine mit einer morbiden Grundstimmung verknüpft, sinnlichen Genuss mit düsteren Vorahnungen – das erinnert nicht nur an den Vorspann zur US-Serie „Dexter“, sondern auch an den berühmtesten Kannibalen der Filmgeschichte Hannibal Lecter. Der hiermit assoziierte Horror bleibt lange in der Andeutung und schwingt in der ersten Hälfte des Films nur unterschwellig mit. Denn zunächst einmal tarnt sich „The Dinner“ als gewöhnliche Dramödie für ein mittelständisches Bildungsbürgertum-Publikum.

Die Aufstellung der Rahmenhandlung erinnert an Polanskis „Der Gott des Gemetzels“: Zwei Elternpaare, hier aber miteinander verwandt, treffen sich, um über das Fehlverhalten der Kinder zu beraten. Schon die Ausgangslage ist denkbar ungünstig für eine solche Absicht, denn der ehemalige Lehrer Paul (Steve Coogan) würde lieber nicht nur auf diese, sondern so ziemlich jede Begegnung mit seinem Bruder, dem aufstrebenden Politiker Stan (Richard Gere), verzichten. Es ist Pauls Frau Claire (Laura Linney) mit der ihn – so scheint es – auch nach vielen Ehejahren noch eine tiefe und zärtliche Liebe verbindet, die in Punkto Familientreffen die treibende Kraft darstellt. Doch obwohl sich Paul schließlich zur Teilnahme an der illustren Runde bereit erklärt, kann er sich zynische Bemerkungen und Sticheleien weder gegenüber der Tischgesellschaft, noch dem Personal des Sterne-Restaurants verkneifen. Als auch zwischen den Müttern Spannungen entstehen, ist klar: Dieser Abend wird eskalieren. Und er tut es.

Das Drehbuch von Regisseur Oren Moverman füllt die Rahmenhandlung geschickt mit achronologischen Rückblenden in die Familiengeschichte der anwesenden Personen, aber auch die jüngere Vergangenheit ihrer Kinder. Die anfängliche Horrorstimmung findet in der Auflösung des Rätsels um den verhängnisvollen nächtlichen Ausflug der Jugendlichen zwar nicht ganz eine adäquate Entsprechung, erweist sich aber doch als Fingerzeig in die richtige Richtung.

In seiner hochkomplexen Familienaufstellung versucht sich Oren Moverman, basierend auf dem Roman von Herman Koch, in einer transgenerationalen Analyse von Gewalt. Dabei geht es ihm nicht um Schuldzuweisungen, sondern um eine Kontextualisierung der gegenwärtigen Ereignisse, um die Sichtbarmachung eines familiären Systems, innerhalb dessen alle Beteiligten aufeinander Einfluss nehmen – im Guten, wie im Schlechten.

Dabei führt Moverman sein Kinopublikum geschickt an der Nase herum, bietet ihm immer wieder neue Identifikationsfiguren an, nur um diese dann umgehend als Unsympathen oder doch zumindest nicht vertrauenswürdig zu entlarven. Der Zuschauer springt von Figur zu Figur, um einen Sympathieträger auszumachen und ist in diesem Unternehmen zum Scheitern verdammt. In „The Dinner“ gibt es kein schwarz und weiß, kein gut und schlecht, sondern nur die haarsträubende Komplexität der Lebens.

Aber „The Dinner“ ist mehr als ein Familiendrama. Der Fokus geht über die vier Hauptfiguren weit hinaus und richtet sich auf die amerikanische US-amerikanische Gesellschaft. Die scheinbar privaten Gespräche über das Wesen von Rassismus und die Frage nach den wahren Helden der Gegenwart sind hochpolitisch. Wer macht diese Welt denn wirklich ein kleines bisschen besser: Lehrer, Politiker oder doch die Mütter, die hier recht geschlechterstereotyp für selbstlose Liebe und Fürsorge stehen?

Paul liefert als ehemaliger Geschichtslehrer den historischen Hintergrund, vor dem sich der Kleinkrieg im Restaurant abspielt. Mit seiner neurotischen Faszination für den Bürgerkrieg zeichnet Paul das Bild einer Gesellschaft, die ihr nationales Trauma mit internationaler Gewalt und Krieg zu kompensieren sucht. Aber ebenso wie die zwei jugendlichen Missetäter, ist auch die Gewalt auf der großen Weltbühne eben nicht isoliert, sondern in einem globalen historischen Kontext zu betrachten.

Auch das Setting der Rahmenhandlung ist mehr als nur dekorativ. Das Sterne-Restaurant steht stellvertretend für eine luxuriöse Weltflucht, einen Elfenbeinturm, von dem aus sich die Probleme der Welt mit gebotenem Sicherheitsabstand diskutieren lassen. Oren Moverman inszeniert die Gepflogenheiten der Haut Cuisine derart ironisch überzogen, dass die inhärente Kritik nicht zu übersehen ist. Dabei richtet sich sein Fingerzeig mit Sicherheit nicht gegen die Fans von gehobener Küche, sondern gegen jede Form von selbstgefälliger Eitelkeit.

Dieser hochkomplexe Subtext sollte nun aber niemanden abschrecken. „The Dinner“ ist kein schweres Drama, sondern ein bittersüßer Unterhaltungsfilm. Pauls sarkastische Eloquenz sorgt für so manchen Lacher und auch die bissigen Dialoge der Tischgesellschaft gestalten sich ungemein vergnüglich. Die zahlreichen Rückblenden lockern die Kammerspiel-artige Rahmenhandlung zudem erfolgreich auf. So entwickelt „The Dinner“ deutlich mehr Tempo als der eingangs erwähnte, thematisch verwandte Film „Der Gott des Gemetztels.“ Und durch das düstere Geheimnis der Teenager hat „The Dinner“ auch einen geschickt konstruierten Spannungsbogen zu bieten.

Oren Moverman überlässt es ein wenig seinem Publikum, ob sie in seinem Film vornehmlich Kinounterhaltung oder den Ausgangspunkt gesellschaftspolitischer Reflektion finden wollen. Vielleicht ist es gerade diese Offenheit, die „The Dinner“ auch für eine politische Lesart so zugänglich macht. Da ist kein moralischer Zeigefinger, vor allem aber auch keine Suche nach dem einzig wahren Bösewicht. Während die Menschen, nicht nur, aber eben insbesondere in den USA, sich wieder darin üben, einander in „gut“ und „böse“ aufzuteilen und einfache Antworten auf komplexe Fragen zu suchen, bietet „The Dinner“ ein lehrreiches, aber niemals belehrendes Kontrastprogramm.

Kritik: Sophie Charlotte Rieger

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