Logan - The Wolverine Filmkritik

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Logan - The Wolverine Kritik der neue Film von James Mangold mit Doris Morgado und Dafne Keen

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Es hätte keinen skurrileren Abschluss für die Berlinale 2017 geben können: Nach einem Wettbewerb voller Sozialdramen und politischer Komödien war es ausgerechnet ein Superheldenfilm, der – wenn auch außer Konkurrenz – das Finale des Wettbewerbs bildete. Andererseits ist „Logan“ vielleicht tatsächlich der „Berlinale-Film“ unter den Superheldenfilmen, ist er mit seiner betont realistischen und düsteren Atmosphäre doch weit entfernt von den Hochglanz-Superhelden des zeitgenössischen Kinos. Aber reicht das?

Logan (Hugh Jackman), auch bekannt als Wolverine, ist ein körperlich ausgezehrter Held im selbst gewählten Exil. Getarnt als Limousinen-Chauffeur spart er das notwendige Kleingeld, um sich mit Professor X (Patrick Stewart) und Caliban (Stephen Merchant) auf einer Yacht in Sicherheit vor all jenen zu bringen, die ihm und den anderen Mutanten nach dem Leben trachten. Doch ein unerwarteter und vor allem unerwünschter Auftrag macht ihm einen Strich durch die Rechnung: Logan soll ein kleines Mädchen nach Kanada bringen. Als er zu begreifen beginnt, was es mit seinem Mündel Laura auf sich hat, steht nicht mehr nur das Leben des Kindes, sondern auch sein eigenes auf dem Spiel.

Filmfoto: Logan - The Wolverine©Twentieth Century Fox of Germany GmbHWolverine gehörte noch nie zu jenen moralisch integren Superhelden, die sich mit Elan in eine Weltrettung nach der anderen stürzen. Aber noch nie haben wir ihn in einem derart desaströsen Zustand erlebt. Logan ist nicht nur von Depressionen und Selbstzweifeln gequält, sondern auch von einem fortschreitenden körperlichen Verfall. Dabei scheint die Ursache für seinen Niedergang vor allem in ihm selbst zu liegen: Mit starkem Alkoholkonsum und Selbstverletzungen arbeitet er beständig an einem Suizid auf Raten. Im Kern ist „Logan“ ein Film über den Kampf eines Superhelden mit sich selbst - zunächst im übertragenen, später im buchstäblichen Sinne.

Als tragische Figur lädt Wolverine erneut weit mehr zur Identifikation ein als andere Superhelden. Die unfreiwillige Vaterrolle für Laura verleiht seiner Figur eine weitere Facette, einen inneren Konflikt, an dem er charakterlich wachsen kann. Dabei ist das Mädchen augenscheinlich nur als Erweiterung der Heldenfigur relevant. Ihre Funktion besteht einzig und allein darin, Logan zu einem „besseren Mutanten“ zu machen, wodurch es selbst eine bedauerlich eindimensionale Figur bleibt. Das ist auch deshalb schade, weil Kinderdarstellerin Dafne Keen eine bemerkenswerte Leistung abliefert, die ein in dieser Rolle verschwendetes Potential vermuten lässt.

Wenn schon nicht durch Charaktertiefe, beeindruckt die Figur der Laura auf einer anderen Eben: Das Mädchen entpuppt sich als versierter Sidekick und die Actionszenen, in denen sie sich Duelle mit muskelbepackten Männern liefert, haben großen Unterhaltungswert. Diese Passagen - Verfolgungsjagten, Zweikämpfe und andere Spannungsmomente – sind definitiv die Stärke des Films. Das Drehbuch findet die richtige Balance zwischen dynamischen Gefechten und ruhigeren Szenen, die die Handlung und Entwicklung der Hauptfigur vorantreiben. Auch wen sich die meisten „Twists“ recht vorhersehbar gestalten, ist „Logan“ insgesamt gelungene Kinounterhaltung.

Filmfoto: Logan - The Wolverine©Twentieth Century Fox of Germany GmbHDer politische oder gesellschaftskritische Subtext, den inzwischen so mancher Marvel-Film mit sich bringt, hält sich hier gut versteckt. „Logan“ mag sich den Anschein eines „realistischen“ Superhelden-Blockbusters geben, ist aber viel stärker als beispielsweise die letzten Ensemble-Filme des X-Men-Universums von einer Schwarz-Weiß-Ideologie gekennzeichnet. Ohne Graustufen, lassen sich die Guten und die Bösen auf den ersten Blick voneinander unterscheiden, wie die Cowboys mit schwarzen bzw. weißen Hüten im klassischen Western. Die wiederholte Anspielung auf den Western-Klassiker „Mein großer Freund Shane“ unterstreicht diese vereinfachte Moral: Gewalt ist schlecht und sollte immer vermieden werden – aber erst dann, wenn alle Bösen dahingemetzelt sind.

Ein paar recht unmotivierte Seitenhiebe auf eine von jeglicher Ethik befreite Wissenschaft und böse kapitalistische Großunternehmen, die braven Bürgern ihre Existenz rauben, wirken mehr als gewollte denn als gekonnte Versuche, „Logan“ eine politische Dimension zu verleihen. Wenn dem Film denn überhaupt eine Botschaft angedichtet werden sollte, dann die der Hoffnung. Während sich Wolverine augenscheinlich aufgegeben hat, träumt Laura noch den Traum vom Paradies, einem Ort der Sicherheit und Geborgenheit. In Lauras Welt gibt es noch die Aussicht auf Frieden, die dem ausgemergelten Helden vollkommen abhanden gekommen ist. Der paradiesische Sehnsuchtsort weckt durch seinen Namen „Eden“ religiöse Assoziationen. In dieser Hinsicht bleibt „Logan“ allerdings sehr ambivalent. Einerseits spielen der Glaube an eine bessere Welt und die Idee der Bekehrung zum aufrichtigen Menschen für die Geschichte eine wichtige Rolle. Andererseits bietet Aufrichtigkeit hier keinen Schutz vor dem Bösen, wie sich am Schicksal einer betont gottesfürchtigen Familie zeigt.

Filmfoto: Logan - The Wolverine©Twentieth Century Fox of Germany GmbHAus moralisch-ethischer Sicht ist an „Logan“ so Einiges zweifelhaft. Nicht nur der vereinfachte Umgang mit der Unterscheidbarkeit von Gut und Böse, auch rassistische Stereotypen bilden nicht zu leugnende Wermutstropfen. So treten Mexikaner nur als gewaltbereite Kleinganoven auf und die schon erwähnte Familie wirkt wie der verzweifelte Versuch, noch ein paar afroamerikanische Figuren in die Geschichte einzuführen. Der Effekt ist aber kein inklusiver, sondern vielmehr ein positiv diskriminierender, da die Figuren übertrieben gutherzig, unschuldig, ja gar naiv gezeichnet sind.

Alles in allem war „Logan“ im Berlinale-Wettbewerb, ob nun in oder außer Konkurrenz, absolut fehlplatziert. In einem Festival, das sich als Plattform für gesellschaftskritisches Kino versteht, hat dieser Film wahrlich nichts verloren. Im Popkornkino, dem es ausschließlich um Unterhaltung geht, ist „Logan“ allerdings bestens aufgehoben.

Kritik: Sophie Charlotte Rieger

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