Elle Filmkritik

Elle Kritik der neue Film von Paul Verhoeven mit Isabelle Huppert und Laurent Lafitte

Filmkritik von

Eine Frau, die Rätsel aufgibt

Die wunderbare französische Schauspielerin Isabelle Huppert bekommt in diesem Thriller von Paul Verhoeven („Basic Instinct“) endlich wieder eine Rolle, die ihren vielen Facetten und ihrer künstlerischen Größe gerecht wird. Ihre Figur der Videospiel-Entwicklerin Michèle, die von einem unbekannten Mann vergewaltigt wird, erinnert sogar ein wenig an ihre Titelrolle in „Violette Nozière“ von Claude Chabrol aus dem Jahr 1978. Dort verkörperte Huppert eine junge Frau, die ihren Weg in einer verlogenen bürgerlichen Welt unbeirrt ging, bis zum Mord. Auch Michèle, Mutter eines erwachsenen Sohnes, kann manchmal eiskalt, ja sogar amoralisch wirken. Ihre Undurchsichtigkeit verleiht der Geschichte, die auf dem Roman „Oh...“ von Philippe Djian basiert, eine attraktive Spannung.

Filmfoto: Elle©SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinéma & Entre Chien et LoupWährend des Überfalls des Maskierten zu Beginn des Films hört man lediglich die Geräusche und sieht ihn dann aufstehen und verschwinden, während Michèle reglos am Boden liegen bleibt. War das etwa ein Sexspiel? Dann aber sieht man das Blut an ihrem Bein. Anstatt die Vergewaltigung anzuzeigen, bestellt Michèle Essen und lebt ihren Alltag weiter. Und dann, später, wird aus der Vergewaltigung tatsächlich ein Spiel, das sich zwischen Michèle und dem Täter wiederholt.

Gewalt und Erotik, Verletzung und Rache prägen den Film in vielerlei Formen. Das Videospiel, das Michèle entwickeln lässt, handelt von einer Frau, die von einem Ork vergewaltigt wird. In der Firma kursieren eines Tages Animationen aus dem Spiel, in denen jemand der Frau Michèles Gesicht verpasst hat. Manchmal schiebt die Inszenierung brutale Szenen dieses Spiels und Vergewaltigungsfantasien Michèles zwischen das reale Geschehen. So wenig, wie man auf Anhieb weiß, ob der Maskierte wirklich wieder ins Haus eindringt oder nur in ihrer Fantasie, lässt sich vorhersehen, ob und wann Zerstörung in Lust, Hass in Anziehung übergehen wird oder umgekehrt. Die Musik von Anne Dudley klingt unheilvoll dunkel und manchmal so tragisch, als stamme sie aus einem alten Melodram.

Filmfoto: Elle©SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinéma & Entre Chien et LoupAber die Geschichte steckt auch voller Witz. Michèles freche Durchsetzungskraft im Job, ihre unverblümte Sprache Freunden gegenüber wirken frisch und auflockernd. In ihrem Leben tummeln sich mehrere Männer, ihr Ex-Ehemann, der von Christian Berkel gespielte Liebhaber, der mit ihrer besten Freundin liiert ist, ihr erwachsener Sohn, der Nachbar, dem sie beim Weihnachtsessen eindeutige Avancen macht. Manche Nebenfiguren sind markante Charaktere, die ebenso für Situationskomik sorgen können wie die vielen kleinen und größeren Widrigkeiten in Michèles Alltag.

Michèle schleppt ein böses Kindheitstrauma mit sich herum, das ihre Duldsamkeit gegenüber der Gewalt, die ihr widerfährt, erklären könnte. Sie denkt vielleicht, dass ihr diese Dinge passieren müssen. Aber so kühl, stark und unabhängig, wie diese Frau handelt, sich allmählich zu wahrer Größe aufschwingt, will sich Michèle vielleicht auch rächen. Die Welt hat ihr schon früh Unglück beschert. Michèle will es allen zeigen, oder auch nur sich selbst. Isabelle Hupperts sphinxartige Verschlossenheit, ihre elegante Selbstsicherheit und ihr maliziöses Lächeln ergeben eine schillernde Mischung.

Filmfoto: Elle©SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinéma & Entre Chien et LoupBis zuletzt bleibt in diesem 130 Minuten langen, aber nie langweiligen Film vieles rätselhaft. Das ist einerseits reizvoll, weil man immer auf die große Auflösung wartet, andererseits aber auch nicht völlig befriedigend. Manchmal scheint diese Rätselhaftigkeit zum Selbstzweck zu werden, sich nur aus Jux den Zuschauererwartungen zu widersetzen. Aber diese kühle, leidenschaftliche, dynamische Titelheldin erntet Sympathie und Bewunderung.

Kritik: Bianka Piringer

Ihr Kommentar: Elle

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