Die göttliche Ordnung Filmkritik

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Die göttliche Ordnung Kritik der neue Film von Petra Biondina Volpe mit Marie Leuenberger und Maximilian Simonischek

Filmkritik von

Eine Hausfrau entdeckt ihre Stimme

Selbst in der großen Zeit der Umwälzungen, die die 1968er-Bewegung in der westlichen Welt in Gang setzte, legte man in der traditionsbewussten Schweiz wenig Wert darauf, mit dem Strom zu schwimmen. Als die Bevölkerung 1971 über die Einführung des Frauenstimmrechts entscheiden soll, sind die Widerstände nicht nur bei Männern groß. Die GegnerInnen wittern buchstäblich einen Verstoß gegen die göttliche Ordnung, wenn Frauen in der Politik mitmischen. Doch selbst in dem beschaulichen Dorf, in dem die junge Hausfrau und Mutter Nora (Marie Leuenberger) lebt, kündigt sich ein Bewusstseinswandel an, und er wird einigermaßen stürmisch verlaufen.

Filmfoto: Die göttliche Ordnung©Alamode Film - Fabien Arséguel e.K.Das humorvolle Drama von Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe („Traumland“) erinnert sehr anschaulich und zugleich unterhaltsam daran, dass die Emanzipation den Frauen jener Generation nicht in den Schoß fiel. Der 1968er-Spruch „Das Private ist politisch“ bewahrheitet sich für Nora und ihre Mitstreiterinnen auch im umgekehrten Sinn, denn ihr Eintreten für das Frauenstimmrecht gefährdet nicht nur den Dorffrieden, sondern auch ihre familiären Beziehungen.

Nora ist anfangs eine brave Frau, die den Haushalt schmeißt und ihrem meckernden Schwiegervater den Tee serviert, wenn er danach ruft. Nun möchte sie halbtags als Sekretärin arbeiten. Da hat sie aber die Rechnung ohne ihren Mann Hans (Max Simonischek) gemacht. Er will das nämlich nicht und weist sie darauf hin, dass sie gesetzlich auf seine Zustimmung angewiesen ist. So wird Nora neugierig auf die Broschüren, die Frauenrechtlerinnen in der Stadt verteilen.

Filmfoto: Die göttliche Ordnung©Alamode Film - Fabien Arséguel e.K.Mit Empörung verfolgt Nora auch das Drama, das sich im Hause ihrer Schwägerin Theresa (Rachel Braunschweig) abspielt. Deren unangepasste Tochter landet erst im Erziehungsheim und dann im Gefängnis, ohne etwas Böses getan zu haben. Und dann ist da noch die alte Vroni (Sibylle Brunner), die den Dorfgasthof betrieb und nun mittellos dasteht, weil ihr verstorbener Mann alles versoff. Gemeinsam mit Vroni und einer weiteren Frau organisiert Nora eine Informationsveranstaltung zum Frauenstimmrecht im Dorf. Nach Meinung der meisten Bewohner ist das ein klarer Verstoß gegen die guten Sitten.

Volpe zeichnet den Pfad der Emanzipation als steinig und voller Rückschläge, was dem Film eine geerdete Authentizität verleiht. Marie Leuenberger entwickelt Starqualität, gerade weil sie die Hauptfigur als so zurückhaltend bescheidenen Charakter spielt. Nora verkörpert schweizerische Bodenständigkeit und zugleich auf ganz unprätentiöse Art ein damals neues Selbstbewusstsein. Ihr Mann Hans wiederum wird keineswegs als Ekel präsentiert, nur weil er sich ängstlich gegen den frischen Wind wehrt. Die leisen Töne dominieren auch in der Musik, wenn nicht gerade mit dem einen oder anderen Flower-Power-Hit versucht wird, der Aufbruchstimmung im Film mehr Energie einzuimpfen.

Filmfoto: Die göttliche Ordnung©Alamode Film - Fabien Arséguel e.K.Volpe lässt kaum einen Aspekt damaliger Emanzipation aus, nicht die sexuelle Selbsterforschung der Frauen, nicht die Entdeckung gleichgeschlechtlicher Solidarität. Viele Themen wirken exemplarisch gestreift, wie für ein Erinnerungsalbum zusammengestellt, dessen Betrachtung schmunzeln lassen soll. So ist im an sich wohlgeratenen Film aber leider wenig von dem Feuer zu spüren, das mit dem Bewusstseinswandel in Wirklichkeit einherging. Der Geschichte hätte ein wenig von der Radikalität einer Iris von Roten gutgetan, von der die Dokufiktion „Verliebte Feinde“ über diese schweizerische Feministin der 1950er Jahre zeugt. Denn bei Volpe bestimmt das filmische Bestreben, die Dorfgemeinschaft versöhnlich zu betrachten, allzu sehr die Perspektive.

Kritik: Bianka Piringer

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