Der junge Karl Marx Filmkritik

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Der junge Karl Marx Kritik der neue Film von Raoul Peck mit August Diehl und Stefan Konarske

Filmkritik von

Auf in den philosophischen Nebel

Einen Spielfilm über einen philosophischen Denker zu drehen, ist immer ein großes Wagnis. Denn wie lassen sich Theorien auf der Leinwand in Leben verwandeln? An dieser schwierigen Aufgabe scheitert nun auch Raoul Pecks Biopic über Karl Marx. Was besonders schade ist, da Marx als bedeutendster Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus ja tatsächlich die Weltgeschichte mitgeprägt hat, bis heute. In westlichen Demokratien wird seine Lehre oft immer noch reflexhaft als systemfeindlich und damit als nicht salonfähig eingestuft. Aber im Zuge der modernen Globalisierungs- und Kapitalismuskritik entdecken Intellektuelle in seinen Schriften eine neue Aktualität. Auch Raoul Peck legt auf diese Bezüge zur Gegenwart erhöhten Wert, bis hin zu einer Abspannsequenz, in der aus Archivaufnahmen Che Guevara, die Straßenkämpfe der 1968er und Flüchtlinge unserer Zeit grüßen. Dazu erklingt Bob Dylans flammender Rocksong „Like a Rolling Stone“. Aber da ist es für eine mitreißende Stimmung bereits zu spät.

Filmfoto: Der junge Karl Marx©Neue Visionen Filmverleih GmbHPeck stellt die Freundschaft von Karl Marx (August Diehl) und Friedrich Engels (Stefan Konarske) in den Mittelpunkt dieser Geschichte, die den Zeitraum von 1843 bis 1848 umfasst. Die industrielle Revolution schickt sich an, die Gesellschaften Europas umzukrempeln und hat zur Entstehung der Arbeiterklasse geführt. Die deutsche Zensur hindert Marx daran, in Deutschland weiter kritische Artikel über soziale Ungerechtigkeit zu veröffentlichen. Er zieht mit seiner aristokratischen Frau Jenny (Vicky Krieps) und dem ersten Kind nach Paris, wo er Mühe hat, die Familie mit dem Schreiben von Artikeln zu ernähren. Engels lernt in der Textilfabrik seines Vaters in Manchester das Elend der geschundenen Arbeiter hautnah kennen und verfasst darüber eine Studie, die Marx beeindruckt.

1844 schlendern die beiden Männer dann in Paris Zigarre rauchend durch die Straßen, laufen den Ausweiskontrolleuren davon, zechen die ganze Nacht. Die Aufnahmen haben etwas Rauschhaftes, Romantisierendes. Sie imaginieren gerafft und deutlich aus zeitlicher Ferne eine klischeehafte Mischung aus Jugend, tollkühnen Ideen und Tatendrang vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Umbruchs. Das bedeutet, dass der Film trotz des Aufwands an Schauplätzen in verschiedenen Ländern, Kulissen und Kostümen nicht glaubhaft in die Epoche eintaucht und sich den Charakteren nicht ernsthaft widmet. Die Schauspieler können da nicht viel retten. Sie setzen oft erkennbar nur Regieanweisungen um, wie in der unrühmlichen Szene, in der Vicky Krieps als junge Mutter Jenny Parolen des Umbruchs deklamiert, als stünde sie auf der Theaterbühne eines kommunistischen Regimes.

Filmfoto: Der junge Karl Marx©Neue Visionen Filmverleih GmbHImmer wieder geht es darum, dass Marx und Engels im Disput mit anderen sozialistischen Denkern der Zeit ihre Auffassungen durchsetzen. Nur entsteht auf diese Weise eher ein verwirrender Chor ähnlicher Thesen, als dass die Besonderheit der Marxschen Lehre zutage tritt. Anstatt diese herauszustellen, verliert sich der Film in ärgerlichen Einzelheiten. Wen interessiert schon, dass auf dem Kongress des Bundes der Gerechten in London 1847 Engels zunächst kein Rederecht hatte und dieses per Abstimmung dennoch erlangte? Immerhin bringen dann Marx und Engels dort die Parole „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ aufs Tapet und proklamieren den Klassenkampf.

Filmfoto: Der junge Karl Marx©Neue Visionen Filmverleih GmbHEs fehlt die Dynamik in dieser collagenhaften Inszenierung. Die heraufbeschworene sozialrevolutionäre Romantik verpufft rasch während der bürokratischen Bemühungen des Films, ein wenig Ordnung in den Wust der Manuskripte zu bringen, den die Filmhelden produzieren. Der junge – und der alte - Karl Marx hätten einen besseren Spielfilm verdient.

Kritik: Bianka Piringer

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